Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Il Cinema Ritrovato 2. Tag: Modern Times

Vor jedem Scree­ning emp­feh­len wir einen frisch aus­ge­press­ten Oran­gen­saft zur bes­se­ren Erhal­tung des Immun­sys­tems wäh­rend Fes­ti­val­ta­gen. Zunächst bewe­gen wir uns mit der kom­plet­ten Grup­pe in Ken­ji Mizo­guchis Shin Hei­ke Mono­ga­ta­ri, einer von zwei Farb­fil­men, die der gro­ße japa­ni­sche Fil­me­ma­cher kurz vor sei­nem Tod insze­nier­te. Beim Gedan­ken an die Mizo­guchi-Retro­spek­ti­ve im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um vor eini­gen Jah­ren fal­le ich noch immer in einen fie­ber­haf­ten Zustand, der nie­mals gan­ze Fil­me in die Erin­ne­rung rufen könn­te, son­dern nur Klän­ge, Bewe­gung und die­ses Gefühl des sanf­ten und bru­ta­len Schwe­bens durch Sterb­lich­keit und Lie­be. Der Film han­delt von einem jun­gen Samu­rai und kommt aus einer Zeit (Mit­te der 1950er), in der Samu­rai-Fil­me auf dem Höhe­punkt ihrer Popu­la­ri­tät waren. Mizo­guchi, der sich immer sehr für die japa­ni­sche Geschich­te inter­es­sier­te, sie­delt sei­nen Film um 1000 n.Chr. an. Es geht um die Suche nach einer Iden­ti­tät, eine Vater-Sohn-Bezie­hung inmit­ten eines bru­ta­len Bür­ger­kriegs. Sofort fällt einem das auf, was die Ame­ri­ka­ner ger­ne als “sca­le“ bezeich­nen. Mizo­guchi und die Mas­sen. Hun­der­te Sta­tis­ten wan­dern durch einen Welt, die Kame­ra glei­tet sanft als wären es nur zwei Lie­ben­de, dann doch das Cha­os, in dem er immer die Über­sicht behält. Am meis­ten beein­dru­cken mich eini­ge fast traum­ar­ti­ge Implo­sio­nen, die von den unsi­che­ren Über­gän­gen zwi­schen dem Hier und dem Jetzt sowie der Nacht und dem Tag Han­del. das sind manch­mal mit einer glei­ten­den Kame­ra insze­nier­te Erin­ne­run­gen, etwa an eine ver­bo­te­ne Nacht aus der unser Held womög­lich ent­stammt und manch­mal sta­ti­sche Ein­stel­lun­gen der Natur, die die­ses Schau­spiel beob­ach­tet. Der Film wird im Rah­men einer Tech­ni­co­lor-Japan-Schau gezeigt und die Far­ben sind tat­säch­lich sehr schön, was man von der digi­ta­len Kopie nicht immer sagen kann. Am Abend jedoch soll­te beim gro­ßen Orches­ter-Scree­ning von Chap­lins Modern Times noch mal eine ganz ande­re Fra­ge an die Vor­führ­prak­ti­ken des Fes­ti­vals gestellt wer­den. Was gar nicht geht, so viel ist klar, sind die Kopf­hö­rer, die man ähn­lich eines Muse­ums vor den Scree­nings neh­men kann, um Simul­tan­über­set­zun­gen aufs Ohr zu bekom­men. Zum einen nimmt die­se Appa­ra­tur dem Kino so eini­ges von sei­ner sozia­len Kom­po­nen­te, zum ande­ren hört man bei jedem Zwi­schen­ti­tel fun­ken­des Grun­zen und ver­zerr­te Stim­men durch die Kopf­hö­rer im gan­zen Kino­saal. Das ist furcht­bar und gehört neben eini­gen ande­ren Unsit­ten bei den Pro­jek­tio­nen, die nur mit gro­ßen Pro­blem ablau­fen (eine Taschen­lam­pe aus dem Pro­jek­ti­ons­raum erhell­te den zurecht meckern­den Zuse­her­raum für mehr als eine Minu­te z.B.), sicher­lich zu den Schwach­stel­len die­ses sonst wun­der­ba­ren Fes­ti­vals. Auch die ers­te Begeg­nung mit Marie Epstein, Peau de Pêche war ein groß­ar­ti­ges Kino­er­leb­nis. Der Film har­mo­nier­te präch­tig mit der Beob­ach­tung von Thier­ry Fré­maux zu den Gebrü­dern Lumiè­re, also vom Inter­es­se an der Kind­heit im Kino und der Kind­heit des Kinos. Mit wel­cher Unschuld Epstein und Jean Benoît-Levy die­se Unschuld fil­men, wie Nah­auf­nah­men ähn­lich wie bei Jean Epstein einen ganz eige­nen Zau­ber ver­sprü­hen und wie sich den gan­zen Film hin­durch eine nie falsch wir­ken­de Melan­cho­lie hält, erzählt sich ein Ver­spre­chen des Kinos, das heu­te eher ein Ver­spre­chen an das Kino ist: Wir zei­gen dich weiter.

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In der Zwi­schen­zeit vor dem Kino: Andrey begeis­tert uns mit Rücken­übun­gen, die angeb­lich gut für den Rücken sind. Auf dem Boden liegt Regen, den wir kaum glau­ben kön­nen. Er ver­dampft schon in der Luft. Ein Lachen mit brei­tem Grin­sen dampft durch unse­re Erin­ne­rung an den zwei­ten Tag. Es ist einer der durch­ge­schos­sens­ten Fil­me, die ich seit lan­ger Zeit gese­hen habe: Gado Gado von S. Roo­mai Noor. Ein comic-haf­tes Stück Over-Acting-Slap­stick-Zir­kus-Geschrei über einen amü­sier­ten jun­gen Mann (zu Beginn sehen wir ihn laut lachen), der einen Job sucht, aber nichts kann. Letz­te­res erin­nert natür­lich an Modern Times von Char­lie Chap­lin, der am Abend auf dem Piaz­za Mag­gio­re gezeigt wur­de. Es war ein unver­gess­li­ches Ereig­nis, das ich noch immer ver­ar­bei­te. Ich habe den Film zum vier­ten Mal gese­hen und doch war es wie eine Tau­fe. Tau­sen­de Men­schen ver­sam­mel­ten sich nicht nur auf den Sit­zen, son­dern stan­den auch den gan­zen Film über rings um die Anla­ge her­um. Es gab ein gro­ßes Orches­ter, Sze­nen­ap­plaus, ein Film, der vor 80 Jah­ren gedreht wur­de, begeis­ter­te die Men­schen. Ein klei­ner Gag und alles fällt. Man staunt. Die Kame­ra steht so rich­tig bei Chap­lin, dass sie über­haupt kei­ne Zeit kennt. Es fällt mir sehr schwer, die Gefüh­le zu beschrei­ben, die mich zu Trä­nen rühr­ten, obwohl ich dau­ernd lachend muss­te. Viel­leicht war es das Gefühl, dass es so was wie Chap­lin heu­te nicht mehr gibt, nie mehr geben wird. Viel­leicht war es die Aner­ken­nung, die für einen klei­nen Ein­fall unsterb­lich gewor­den ist. So über­trie­ben das klin­gen mag: In die­sem Moment habe ich mich gefragt, wie­so es Krie­ge gibt, wenn es sol­che Fil­me und Vor­füh­run­gen gibt. Man sagt ja ger­ne, dass Film die Zeit über­dau­ern oder über­lis­ten kann, aber hier was es tat­säch­li­che Ver­ge­gen­wär­ti­gung und zu mei­nem Erstau­nen schien mir dafür das Medi­um nicht rele­vant. Natür­lich ist das Medi­um Film etwas ent­schei­den­des und das müss­te so auch kon­se­quen­ter kom­mu­ni­ziert wer­den. Modern Times war hier nicht Modern Times, son­dern nur eine digi­ta­le Kopie. Aber in die­ser Kopie und in der Ver­samm­lung der Men­schen an die­sem Ort schlägt eine See­le, die über das Medi­um hin­weg­fegt mit der Emo­ti­on der Film­ge­schich­te, die leben­dig ist. Dar­um geht es natür­lich hier, aber so stark habe ich die­se Gefüh­le nicht erwar­tet. Wobei ich wirk­lich befürch­te, dass ich im Moment die­ses Wun­ders bereits des­sen Ver­lust spür­te. Denn was sehen wir in 80 Jahren?

Wir saßen noch eini­ge Zeit auf dem Platz. Es gab Stan­ding Ova­tions, es gab zwi­schen­durch Sze­nen­ap­plaus, es gab Lie­be zum Kino.