Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

I‘m not: Angel von Ernst Lubitsch

Hin­ter den Türen, vor den Türen, ein Lächeln, eine Trä­ne: Ich bin Angel, ich bin nicht Angel. Ernst Lubit­sch prak­ti­ziert in sei­nem Angel ein der­art kon­se­quen­tes Auf­recht­hal­ten von Fas­sa­den, von Schein­wel­ten, das man manch­mal ins Zwei­feln gerät, obwohl man die Wahr­heit eigent­lich kennt. Man hat gese­hen, was pas­siert ist, aber trotz­dem wird einem glaub­wür­dig ins Gesicht gelo­gen. Es ist in die­sem Sinn ein unheim­lich viel­schich­ti­ges Hin­ter­fra­gen der Evi­denz von Bil­dern oder anders: Eine Auf­for­de­rung genau hinzusehen.

Mar­le­ne Diet­rich als Angel/​Maria Barker/​Mrs Brown, sie beginnt so, dass sie auch uns täuscht: Auf der Flucht, in Paris, für ein Aben­teu­er in einem Von Stro­heim-Salon, hohe Gesell­schaft, dann geht sie durch eine die­ser Lubit­sch Türen, die alles ver­ste­cken und alles ent­blö­ßen und sie trifft ihn: Mel­vyn Dou­glas, Lubit­sch sieht ihn ger­ne in Paris. Es ist im Salon einer rus­si­schen Fürs­tin, eine Meis­te­rin der Fas­sa­den, Lubit­sch fährt vor­bei an Fens­tern, denen wir nicht trau­en kön­nen, es sind zu vie­le, gestell­te Höf­lich­keit und Hoch­kul­tur als Fas­sa­de für eine Part­ner­bör­se: Das Aben­teu­er in Paris, eine unver­hoff­te, unschul­di­ge Begeg­nung als Arran­ge­ment. Eini­ge Sze­nen zärt­li­cher Har­mo­nie, Nähe, Hoff­nung, der Beginn einer Geschich­te. Ihr Ende? Eine Illu­si­on. Angel öff­net sich nicht und sie ern­tet, was man dafür ern­tet: Lie­be. Mit Dou­glas ist sie immer links im Bild. Spä­ter mit ihrem Ehe­gat­ten wech­selt sie oft nach rechts.

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Es geht zurück nach Lon­don, obwohl wir dort noch nicht waren. Angel ver­schwin­det aus Paris. Sie bleibt uner­reich­bar. Die Blu­men, die Dou­glas ihr schen­ken woll­te, lie­gen auf dem Boden im Park. Die Ver­käu­fe­rin sam­melt sie wie­der ein und rich­tet sie fein säu­ber­lich neben die ande­ren Blu­men in ihrer Kis­te. Spu­ren wer­den ver­wischt. Nichts ist pas­siert. Man ver­kauft die glei­chen Blu­men an ande­re Lie­ben­de. Angel, die nie­mals mehr Angel sein darf, lebt die per­fek­te Ehe. man muss blin­zeln, um sich zu erin­nern, was man am Beginn des Films gese­hen hat. Ein­mal sagt Angel: «When the begin­ning is so beau­tiful, I won­der if the end mat­ters». Die Fas­sa­de könn­te das Ende sein oder der Anfang. Wir wer­den es bis zum Ende nicht wis­sen und wir wer­den es auch nach dem Ende nicht wis­sen. Auch ihre Ehe mit Sir Fre­de­rick (Her­bert Mar­shall) kennt eini­ge Fas­sa­den. Die Fas­sa­de der Öffent­lich­keit: Meis­ter­lich voll­führt in der Oper, Wür­de, Lächeln, ein Bekann­ter sagt, dass sie das idea­le Ehe­paar wären. Sir Fre­de­rick ver­steckt sämt­li­che Gefüh­le zu Guns­ten des Scheins einer Lie­be. Er lächelt sie weg. Alles an ihm ver­steckt. Eine zwei­te Fas­sa­de in der Erin­ne­rung an Öster­reich. Eine Nacht im Hotel, ein Dia­log, viel­leicht der wah­re Augen­blick einer Lie­be. Aber Sir Fre­de­rick kämpft gegen das Ver­ges­sen. Er geht durch Türen, er schließt sie hin­ter sich und erwar­tet Anru­fe. Lubit­sch ver­harrt immer wie­der für eine Sekun­de auf die­sen Türen. Er zeigt uns drei Dinge:

1. Die Fas­sa­de selbst: Die Über­zeu­gung im Gesicht von Angel, das siche­re Lächeln einer gestell­ten Zärt­lich­keit, die man mit ech­ter Zärt­lich­keit ver­wech­seln kann.

2. Den Blick hin­ter die Fas­sa­de. Kur­zes Auf­fla­ckern eines wah­ren Lichts. Angel beugt sich in einem Moment der Nähe zu ihrem Mann. Aber die­ser steht auf und wid­met sich den Geschäf­ten. Spä­ter in einer der gran­dio­sen Sze­nen der Film­ge­schich­te ein Blick in die Küche. Es kam was kom­men muss­te: Mel­vyn Dou­glas, dem man sich nur mit sei­nem Schau­spie­ler­na­men nähern kann, ist nach Lon­don gekom­men. Er isst mit dem Ehe­paar. Die Fas­sa­de bleibt zunächst auf­recht, doch in die Küche kom­men die Tel­ler zurück. Angel und Dou­glas haben ihren nicht ange­rührt. Das Per­so­nal fragt sich, ob etwas mit dem Fleisch nicht stimmt. Doch der von Sir Fre­de­rick ist leer. Im Appe­tit und sei­nem Feh­len offen­bart sich was nötig ist, um die Fas­sa­de auf­recht zu erhalten.

3. Das Medi­um der Fas­sa­de: Türen. Die Figu­ren gehen hin­durch, sie schlie­ßen die Türen. Die Per­fek­ti­on die­ser öffent­li­chen Inti­mi­tät wird durch die Bei­läu­fig­keit die­ser Türen unter­stri­chen. Und doch exis­tie­ren sie. Am Ende öff­net sich eine Tür, ein neu­es Aben­teu­er oder folgt sogleich der Gegen­schnitt und die Tür schließt sich?

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Dou­glas kon­fron­tiert nach dem Essen Angel. Sie leug­net, dass sie Angel ist. Ich bin nicht Angel, sagt sie. Er akzep­tiert ihr Spiel. Er hält die Fas­sa­de. Sie hal­ten sie bei­de vor Sir Fre­de­rick. Doch sobald die­ser durch die Tür ver­schwin­det, bricht die Fas­sa­de zusam­men. Frü­her im Film emp­fängt die Fürs­tin einen Anruf wäh­rend Angel mit ihr im Zim­mer ist. Sie will den Anruf zunächst abwim­meln, aber Angel bie­tet ihr an, das Zim­mer zu ver­las­sen. Die Fürs­tin sagt: „You‘re so under­stan­ding“, und wür­digt damit den Respekt vor der Tür. Die Tür hat aller­dings zwei Sei­ten und Lubit­sch schnei­det sogleich auf die ande­re Sei­te. Dort, wo das Aben­teu­er beginnt. Erhält die Tür eine Pri­vat­sphä­re oder ver­schlei­ert sie eine Wahr­heit? Wenn Dou­glas Angel ansprichst und sie vor ihm leug­net, dass sie Angel ist, leug­net sie es nicht wirk­lich. Sie sagt ihm: Es ist eine Fas­sa­de. Akzep­tie­re sie.

Schließ­lich erfährt Sir Fre­de­rick vom Paris-Besuch sei­ner Frau. Er lässt sich nichts anmer­ken und setzt sich in den Salon der Fürs­tin. Doch die­se ist die Meis­te­rin der Fas­sa­de. Er dringt nicht zu ihr hin­durch, sie lässt sich nichts anmer­ken. Das kann man sehen in die­sem Film: Ehe heißt sich nichts anmer­ken zu las­sen, Fas­sa­den funk­tio­nie­ren in der Gleich­gül­tig­keit einer Reak­ti­on. Wenn die Fas­sa­den durch­bro­chen wer­den, dann nie in einem Dra­ma, son­dern den Regeln der Fas­sa­de fol­gend: Höf­lich­keit. Angel tritt in den Raum zu ihrem Mann: Eine Über­ra­schung sei es, dass man sich hier tref­fen wür­de. Sir Fre­de­rick kon­fron­tiert sie mit der Wahr­heit. Angel sagt, dass sie nicht Angel sei. Sie wür­den sich nur sehr ähn­lich sehen. Sie bie­tet ihrem Mann ein Spiel an, das er eigent­lich bereits die gan­ze Zeit gespielt hat. Er kön­ne durch die Tür gehen, um sich zu über­zeu­gen, dass sie es sei oder nicht sei. Dann wür­de sie ihn ver­las­sen. Oder er kön­ne ihr glau­ben und mit die­ser Unsi­cher­heit leben. Eine Unsi­cher­heit, die sich viel­leicht in eine Lie­be ver­wan­deln wür­de, die in die­ser Ehe nur mehr als Erin­ne­rung exis­tiert. Sir Fre­de­rick geht durch die Tür.

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Aber so wie man die Blu­men ver­schie­de­nen Lie­ben­den schen­ken kann, kehrt er zurück durch die Tür und nimmt Angel mit in die Erin­ne­rung, nach Öster­reich, eine Rei­se, die dahin führt, wo Angel wohl die gan­ze Zeit hin­woll­te. Es könn­te aber auch sein, dass sie nur eine Fas­sa­de auf­recht­erhält, die eigent­lich gar nicht mehr vor­han­den ist. Dann wird es wirk­lich grau­sam. Die Ver­ab­schie­dung von Dou­glas liegt wie ein Ver­spre­chen im Off. Ich bin Angel, ich bin nicht Angel. Der ver­spiel­tes­te Gefäng­nis­film aller Zeiten.