Ich habe mir also den “Idio­ten” von Pierre Léon ange­se­hen, um den von Ihnen bestell­ten Arti­kel zu schrei­ben, als pflicht­ge­mä­ße Vor­be­rei­tung auf die Arbeit sozu­sa­gen, und ich muss zuge­ben, dass er mich etwas per­plex zurück­ge­las­sen hat, nicht zuletzt, weil ich mir das gleich­na­mi­ge Buch von Fjo­dor Michai­lo­witsch Dos­to­jew­ski – das ich als Rus­se natür­lich ken­nen soll­te wie mei­ne Wes­ten­ta­sche, aber bis vor Kur­zem aus uner­find­li­chen Grün­den immer noch nicht gele­sen hat­te – rela­tiv kurz vor mei­ner Sich­tung des Films end­lich (ent­schul­di­gen Sie die­se etwas umständ­li­chen Aus­füh­run­gen) gele­sen habe. Nicht auf rus­sisch zwar (Skan­dal! Wür­de jetzt selbst­ver­ständ­lich jeder Rus­se sagen), aber in der Über­set­zung von Swet­la­na Gei­er, die von kun­di­gen Kory­phä­en und Sla­wo­phi­len als aus­ge­spro­chen gute und talen­tier­te Über­set­ze­rin vom Rus­si­schen ins Deut­sche hoch­ge­hal­ten wird, und die mir über­dies aus einem Doku­men­tar­film, der ihrem Schaf­fen gewid­met war – ich glau­be, er hieß Die Frau mit den 5 Ele­fan­ten – als sorg­fäl­ti­ge Sprach­lieb­ha­be­rin noch in rela­tiv guter Erin­ne­rung ist. Inso­fern mei­ne ich hof­fen zu dür­fen, dass mei­ne Lek­tü­re der Über­set­zung den Genuss des Ori­gi­nals zwar nicht auf­wie­gen kann, aber des­sen Tim­bre und Stim­mung zumin­dest näher kommt, als ande­re Über­set­zun­gen – deren Urhe­ber frag­los über die nöti­gen fach­li­chen Kom­pe­ten­zen ver­füg­ten, aber dem, sagen wir, Herz der Mate­rie, womög­lich nicht im glei­chen, hohen und per­sön­li­chen Maße ver­bun­den waren.

Jeden­falls war ich nach der Lek­tü­re die­ses doch sehr weit­schwei­fi­gen Werks außer­or­dent­lich gespannt dar­auf, zu sehen, wie ein Fil­me­ma­cher, der, soweit ich weiß, in Russ­land gebo­ren wur­de und spä­ter nach Frank­reich gezo­gen ist, und des­sen Tätig­keit eher in fran­zö­si­schen Tra­di­tio­nen des künst­le­risch ambi­tio­nier­ten Kinos zu ver­or­ten ist (eine Annah­me, die zuge­ge­be­ner­ma­ßen auf einer Hand­voll ver­streu­ter Indi­zi­en fußt und von mir nicht wirk­lich veri­fi­ziert wur­de), wie also die­ser Fil­me­ma­cher, den ich mir immer sehr jung vor­ge­stellt habe, und des­sen doch eher fort­ge­schrit­te­nes Alter mich über­rascht hat (kei­nes­wegs nega­tiv, wie ich anmer­ken muss), wie so ein von unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Befind­lich­kei­ten beein­fluss­ter Mensch sich die­ses enorm dich­ten und viel­schich­ti­gen und, soweit ich das beur­tei­len kann, zutiefst “rus­si­schen” Romans (der im Übri­gen bereits eini­ge Male ver­filmt wur­de, sogar von sehr nam­haf­ten Film­per­sön­lich­kei­ten, etwa von Aki­ra Kur­o­sa­wa, eine sicher­lich span­nen­de Lein­wand­fas­sung, die ich lei­der nicht gese­hen habe), wie er sich die­ses aus allen Näh­ten plat­zen­den Romans anneh­men würde.

Dass es sich nicht um eine klas­sisch werk­ge­treue Über­tra­gung han­deln wür­de, konn­te ich natür­lich schon an der Län­ge, bezie­hungs­wei­se an der erstaun­li­chen Kür­ze des Films able­sen, der sich bereits nach einer läp­pi­schen Stun­de dem Ende zuneigt, und den Sie sich übri­gens, wenn Sie Lust haben, auf dem Vimeo-Kanal des Regis­seurs, ganz offi­zi­ell und legal (und sogar mit eng­li­schen Unter­ti­teln ver­se­hen), zu Gemü­te füh­ren kön­nen. Nein, die gan­zen aber­hun­dert Sei­ten des Roma­n­idio­ten kön­nen, soviel ist sicher, in so kur­zer Zeit nie und nim­mer abge­han­delt wer­den! Wobei mir natür­lich klar ist, dass es bei Adap­tio­nen nicht ums “abhan­deln” geht, kei­nes­wegs – im Gegen­teil, die bes­ten und schöns­ten Adap­tio­nen sind immer die, die sich gro­ße Frei­hei­ten neh­men, die sich ihrem Gegen­stand von ihrer ganz per­sön­li­chen War­te aus nähern. Den­noch, bei einem so lan­gen Roman, da drängt sich ange­sichts einer so kur­zen Lauf­zeit unwei­ger­lich die Fra­ge auf: Wie soll das gehen?

Und ich muss zuge­ben, dass die Lösung, die Léon für die­ses Pro­blem gefun­den hat – das ja in Wirk­lich­keit, wie schon gesagt, gar kein rich­ti­ges Pro­blem ist – dass die­se Léon­sche Lösung mir durch­aus gefal­len hat, sehr sogar, es han­delt sich näm­lich um eine aus­ge­spro­chen ele­gan­te und gewitz­te Lösung: Statt des gan­zen Romans ver­filmt Léon ein­fach nur ein Kapi­tel dar­aus. Eigent­lich kein Kapi­tel, son­dern eine Sze­ne. Denn beim “Idio­ten” merkt man sich weni­ger Kapi­tel als Sze­nen, es ist weni­ger ein Roman, der aus Hand­lung und Erzäh­lung besteht, son­dern eher eine Abfol­ge und Anein­an­der­rei­hung von Sze­nen, die manch­mal nur ganz kurz sind, aber oft enorm aus­ufern, die ganz unver­mit­telt uner­war­te­te Rich­tun­gen ein­schla­gen, die sich plötz­lich extrem zuspit­zen, nur um irgend­wann wie­der abzu­fla­chen – oder kom­plett zu eskalieren.

Mit Sze­nen mei­ne ich Begeg­nun­gen und Gesprä­che zwi­schen Men­schen, in Salons oder in Gäs­te­zim­mern oder auch drau­ßen (also gewis­ser­ma­ßen in frei­er Wild­bahn). Meis­tens sind es meh­re­re Figu­ren, die so auf­ein­an­der­tref­fen, manch­mal aber auch nur zwei. Und die Sze­ne, die Léon sich aus­ge­sucht hat, ist ganz beson­ders schön, weil sie sehr vie­le Per­so­nen ver­sam­melt, wich­ti­ge und weni­ger wich­ti­ge (im Kon­text des Romans), und weil sie sehr vie­le ver­schie­de­ne emo­tio­na­le Regis­ter zieht. Das ist ja die Stär­ke des “Idio­ten”, dass dar­in immer ganz vie­le wider­sprüch­li­che Emp­fin­dun­gen und Per­spek­ti­ven auf­ein­an­der­pral­len und ein wil­des Gefühls­ge­tö­se verursachen.

Und was macht Léon nun mit die­ser Sze­ne? Ja, so ganz sicher bin ich mir immer noch nicht, was er damit gemacht hat, obwohl ich sei­nen Film ja gese­hen habe, haha! Eigent­lich hat er sie rela­tiv text­ge­recht durch­spie­len las­sen von sei­nen Dar­stel­lern, mit diver­sen Kür­zun­gen und Abwand­lun­gen frei­lich, aber ver­hält­nis­mä­ßig nahe dran an der Vor­la­ge. (Ich glau­be nicht, dass es für mei­ne Aus­füh­rung wirk­lich wich­tig ist, Ihnen den Inhalt die­ser Sze­ne en detail zu schil­dern, das wür­de, auch auf­grund zwin­gend dar­an geknüpf­ter, all­ge­mei­ner Hand­lungs­er­läu­te­run­gen, viel zu viel Zeit in Anspruch neh­men, von der Sie, wie ich weiß, viel zu wenig haben). Auf alle Fäl­le fühlt sich die Sze­ne über­haupt nicht so an, wie ich sie mir vor­ge­stellt habe, als ich sie las! Im Buch mau­sert sie sich nach einem zöger­li­chen Trom­mel­wir­bel zu einem regel­rech­ten Orkan, im Film hin­ge­gen bleibt sie über wei­te Stre­cken auf dem Boden der Beson­nen­heit, gleich­wohl ihr nar­ra­ti­ver Ablauf iden­tisch ist.

Ist das nun gut oder schlecht? Weiß der Teu­fel, dar­um geht es mir auch nicht, ich wüss­te nur ger­ne, war­um Léon den Zugang gewählt hat, den er gewählt hat. Einen Zugang näm­lich, der in mei­nen Augen wenig vom Unge­stüm hat, das mich am Roman fas­zi­niert hat, kaum etwas von dem Zuviel an Gefühl, dass an allen Ecken und Enden aus Dos­to­jew­skis Figu­ren und aus ihrer Spra­che sprüht. Weil es aus mei­ner Sicht ein eher gesetz­ter, zuge­knöpf­ter Stil ist, den Léon sei­ner Ver­fil­mung ange­dei­hen lässt – etwa über eine Schau­spie­le­rei, die sehr genau ist und gar nicht zer­fah­ren (bezie­hungs­wei­se nur auf eine sehr genaue Art zer­fah­ren), eine ruhi­ge, prä­zi­se, öko­no­mi­sche Bild­spra­che, wie man sie von Fil­me­ma­chern mit ein­schlä­gi­gen cine­phi­len Nei­gun­gen gut kennt (und deren Gelas­sen­heit vom wei­chen Schwarz-Weiß der Bil­der ver­stärkt wird), ein Humor, der, wie ich mei­ne, als “tro­cken” bezeich­net wer­den könn­te und der mich zuwei­len sogar an die Arbei­ten von Aki Kau­ris­mä­ki erin­nert hat, wie über­haupt der gan­ze Film. (Kau­ris­mä­ki hat ja, wie Sie viel­leicht wis­sen, sei­ne Kar­rie­re mit einer Ver­fil­mung von Dos­to­jew­skis “Schuld und Süh­ne” begon­nen, die zwar ins­ge­samt ganz anders tickt als Léons Film, aber mich den­noch in mei­ner Asso­zia­ti­on bekräf­tigt hat.)

Bit­te ver­ste­hen Sie mich nicht falsch, ich möch­te hier kei­nes­wegs behaup­ten, das Leóns Zugang falsch oder ille­gi­tim ist, ganz und gar nicht! Ich wun­de­re mich nur dar­über, dass jemand im Zusam­men­hang mit Dos­to­jew­ski auf die Idee kom­men könn­te, einen sol­chen Zugang zu wäh­len, zumal bei zeit­glei­cher Bei­be­hal­tung der wesent­li­chen erzäh­le­ri­schen Zuta­ten des Aus­gangs­ma­te­ri­als. Aber ich fand das Resul­tat durch­aus sym­pa­thisch, und stel­len­wei­se sogar sehr amü­sant. Denn es ist ja, wie ich bei mei­ner Lek­tü­re des “Idio­ten” fest­stel­len muss­te, ein fata­ler Irr­glau­be, dass Dos­to­jew­ski ein “schwe­rer” oder gar “schwie­ri­ger” Autor ist – natür­lich ist er das in gewis­ser Hin­sicht auch, aber bei wei­tem nicht nur!

Sei­ne komi­sche Ader wird viel zu sel­ten ins Licht gerückt – das ist fast wie bei Kaf­ka, der sich ja, sofern es sich dabei nicht um eine blo­ße Legen­de han­delt, beim Abfas­sen sei­ner Geschich­ten stän­dig vor Lachen geschüt­telt hat. Dos­to­jew­ski hat auf alle Fäl­le einen stark aus­ge­präg­ten Hang zur Kari­ka­tur, dem er sich immer wie­der mit gro­ßer Lust hin­gibt, selbst wenn die Sze­ne, die er gera­de beschreibt, ganz und gar nicht lus­tig ist, und es ist Léon hoch anzu­rech­nen, dass er die­ses Fai­ble nicht ver­drängt, son­dern mit sicht­li­chem Ver­gnü­gen über­nimmt. Nicht nur das, er spielt Gene­ral Jepant­schin, einen stol­zen und schnell gekränk­ten, in vie­ler­lei Hin­sicht tra­gi­ko­mi­schen Ange­ber (und eines der häu­figs­ten Zie­le von Dos­to­jew­skis Spott im “Idio­ten”), Léon spielt die­sen in die Jah­re gekom­me­nen Schwe­re­nö­ter sogar selbst – und das gar nicht mal so übel!

Sonst speist sich der Humor aber eher aus klei­nen, ver­schro­be­nen Details, wie aus der Leder­ja­cke, die der abgrün­di­ge Roh­ling Rogo­schin trägt, und die ganz ohne Wor­te auf den Punkt bringt, das er ein lei­den­schaft­li­cher und poten­zi­ell gefähr­li­cher Bad Boy ist, zumal mit einem Requi­sit, das gar nicht zum Ambi­en­te der rest­li­chen Aus­stat­tung passt – wobei, irgend­wie passt es doch, denn eigent­lich ist die­se Aus­stat­tung (der Schau­platz ist ein spär­lich möblier­tes und sorg­sam deko­rier­tes Zim­mer) genau so ein­ge­rich­tet, dass man sich irgend­wo zwi­schen der Zeit des Romans und der Gegen­wart wähnt, ohne genau sagen zu kön­nen, war­um. Und eben­die­ser Rogo­schin, der ins­ge­samt nur sehr weni­ge Wor­te ver­liert, beginnt an einer Stel­le plötz­lich auf Rus­sisch zu sin­gen, herz­zer­rei­ßend schön und vol­ler Gefühl, was auf­grund des schein­ba­ren Wider­spruchs mit sei­ner rup­pi­gen Erschei­nung sehr lus­tig ist, aber auch unend­lich trau­rig. (Sie müs­sen beden­ken, dass in die­sem Film sonst nur Fran­zö­sisch gespro­chen wird. Und eine ande­re Spra­che macht natür­lich aus jedem Text etwas ganz anderes!)

Der­glei­chen wun­der­li­che Ein­fäl­le sind über den gesam­ten Film ver­streut, der im Übri­gen, wie auch die Sze­ne, die ihm zugrun­de liegt, vie­le ver­schie­de­ne Stim­mun­gen durch­läuft. Aller­dings ver­än­dern sich die­se Stim­mun­gen viel unmerk­li­cher als im Buch, und auch als alles aus den Fugen gerät, ver­bleibt die gene­rel­le Ästhe­tik und Atmo­sphä­re trotz­dem in einem gesit­te­ten Rah­men. Wenn ich es mir recht über­le­ge, ist die­se Insze­nie­rung womög­lich viel näher an der Wirk­lich­keit des­sen dran, wie sich so eine Sze­ne in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft des 19. Jahr­hun­derts abge­spielt hät­te, hät­te sie sich tat­säch­lich abge­spielt, schließ­lich war die Wah­rung der gän­gi­gen Eti­ket­te eine nicht zu ver­la­chen­de Ehren­sa­che, Dos­to­jew­ski spielt selbst immer wie­der auf die­sen Umstand an, und ganz so aus­ge­las­sen, wie sei­ne Streit­ge­sprä­che und emo­tio­na­len Erup­tio­nen im Buch auf mich wir­ken, sind sie womög­lich nur in mei­nem Kopf.

Wie dem auch sei, etwas Ver­spiel­tes hat die­ser klei­ne Film doch, und falls Sie ein Anhän­ger einer gewis­sen Varie­tät des fran­zö­si­schen Kinos sind – ich für mei­nen Teil muss ja zuge­ben, dass ich ihr nur bedingt etwas abge­win­nen kann – so wer­den Sie sich mit Sicher­heit freu­en, hier eini­ge ihrer Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter wie­der­zu­se­hen. Ja, man könn­te ange­sichts ihres so zwang­lo­sen Bei­sam­men­seins fast auf die Idee kom­men, die­se Men­schen sei­en alle befreun­det! So sehr wirkt das Gan­ze wie ein Unter­fan­gen, das eine Grup­pe von Gleich­ge­sinn­ten zu ihrer eige­nen Unter­hal­tung erson­nen hat. Ser­ge Bozon, Syl­vie Testud, der Film­kri­ti­ker und His­to­ri­ker Ber­nard Eisen­s­chitz, sie alle wir­ken hier wie Teil­neh­mer eines ver­gnüg­li­chen Rol­len­spiels unter guten Bekannten.

Im Grun­de macht genau das, genau die­se eigen­tüm­li­che Inti­mi­tät, einen nicht unwe­sent­li­chen Teil des Rei­zes die­ses Film­chens aus! Nur Jean­ne Bali­bar, die ja von wei­ten Tei­len der Anhän­ger­schaft der bereits erwähn­ten Kino­va­rie­tät ver­göt­tert wird (ich muss geste­hen, dass sich mir noch immer nicht ganz erschlos­sen hat, war­um), wirkt auch in die­sem Film wie Jean­ne Bali­bar, steht für sich wie ein Stern, der ein biss­chen hel­ler strahlt als alle ande­ren. Wor­an das wohl liegt? An ihrem Ton­fall, an ihren Bewe­gun­gen? Viel­leicht an der unnach­ahm­lich selbst­be­wuss­ten Art, mit der sie sich einen Schal um ihre Schul­tern wirft? So oder so, es passt erstaun­lich gut zu der Zen­tral­fi­gur, die sie ver­kör­pert, zur von allen begehr­ten, zutiefst ver­sehr­ten, star­ken und unbe­re­chen­ba­ren Nastas­s­ja Filippowna.

Jetzt, wo ich ein Weil­chen dar­über schwa­dro­niert habe – ich hof­fe, Sie mit mei­ner Sua­de nicht über­mä­ßig bean­sprucht zu haben – muss ich fest­hal­ten, dass es doch gar nicht so läp­pisch ist, was Léon hier fabri­ziert hat, nein… eigent­lich steckt in die­sem klei­nen Film viel mehr, als man ange­sichts sei­ner Kür­ze – die, wie schon gesagt, im Ver­gleich zur ein­schüch­tern­den Län­ge der Vor­la­ge umso kür­zer erscheint – als man ange­sichts die­ser so trü­ge­ri­schen Kür­ze anneh­men könn­te, letzt­lich steckt sogar bemer­kens­wert viel drin, auch aus dem tiefs­ten Inne­ren des Romans, den Léon bestimmt sehr schätzt! Nur die Beset­zung der Titel­fi­gur (also des “Idio­ten”, des Fürs­ten Mysch­kin), aus der wer­de ich nach wie vor nicht schlau. Er ist doch im Buch so ein unsi­che­rer, wan­kel­mü­ti­ger, zer­streu­ter Mensch, und das macht ihn erst nah­bar, denn im Kern ist er ja ein Hei­li­ger, ein Super­held des Edel­muts. (Ich fra­ge mich sogar, ob Dos­to­jew­ski ihm sei­ne stot­tern­de, mensch­li­che Lächer­lich­keit nicht auf den Leib geschrie­ben hat, um ein biss­chen davon abzu­len­ken, wie über­mensch­lich er in den ent­schei­dends­ten Aspek­ten sei­nes Wesens ist, wie sehr alle ande­ren Figu­ren des Romans, die Mysch­kin alle­samt offen oder heim­lich lie­ben und benei­den, ethisch gegen ihn abstinken.)

Lau­rent Lacot­te (der übri­gens in der Schluss­sze­ne von Leos Car­ax’ Holy Motors einer der spre­chen­den Limou­si­nen sei­ne Stim­me leiht, aber das nur am Ran­de) spielt die Figur indes, wie mir scheint, mit aus­ge­spro­che­ner Fas­sung und inne­rer Ruhe, sein Mysch­kin strahlt (gleich­wohl sei­ner Sta­tur durch­aus etwas Zer­brech­li­ches eig­net) vor­nehm­lich sou­ve­rä­nen Gleich­mut aus, alles in allem jeden­falls, und wie­der muss ich fra­gen: Wo sind denn da die see­li­schen Zer­würf­nis­se abge­blie­ben, die dem Fürs­ten aus dem Roman den Schlaf rau­ben, sei­nen Rede­fluss zum Sto­cken brin­gen und sei­ne eksta­ti­schen Anfäl­le befeu­ern? Oder hat Léon gleich­sam den wah­ren Mysch­kin erkannt, jenen, vor des­sen unver­hüll­ter Dar­stel­lung sich Dos­to­jew­ski gescheut hat, aus Angst, er wür­de zu sehr als christ­li­che Iko­ne wahr­ge­nom­men wer­den? Was mei­nen Sie? Mit Dos­to­jew­ski ken­ne ich mich ja, wie ich bereits gesagt habe, nicht wirk­lich aus… aber mein Gott, jetzt habe ich die Zeit voll­kom­men über­se­hen! Es ist schon spät, viel zu spät. Las­sen Sie uns das Gespräch ein ander­mal wei­ter­füh­ren, heu­te habe ich noch eine drin­gen­de Erle­di­gung, ich muss mich spu­ten. Vie­len Dank für die Gast­freund­schaft, der Tee war vor­züg­lich, wie immer – dan­ke, dan­ke, ich fin­de selbst hin­aus, kei­ne Sor­ge, auf Wiedersehen!

Er ver­stumm­te, zog sei­nen Man­tel mit einer ruck­ar­ti­gen Bewe­gung vom Klei­der­ha­ken, eil­te zur Tür und ver­schwand eben­so plötz­lich, wie er gekom­men war. Ich sah ihm beun­ru­higt nach.

L’Idiot eng sub from Pierre Léon on Vimeo.