Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Roger Ebert Archivaufnahme aus "Life Itself"

Life Itself von Steve James oder Ein Abschiedsbrief

Das Gros aller Doku­men­tar­fil­me beschäf­tigt sich mit aktu­el­len The­men. Das bedeu­tet, dass die­se Fil­me ein Ablauf­da­tum haben, dann näm­lich, wenn das Publi­kums­in­ter­es­se am besag­ten The­ma zu schwin­den beginnt, weil es nicht mehr aktu­ell ist. Die Doku­men­tar­fil­me, die zu Klas­si­kern wer­den, tun das mei­nes Erach­tens nicht wegen, son­dern trotz ihres The­mas. Sie zeich­nen sich durch for­ma­le Güte aus, also durch die Art und Wei­se, wie sie ihren Gegen­stand behan­deln. Im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis blei­ben Doku­men­tar­fil­me aus den glei­chen Grün­den wie Spiel­fil­me – weil und wenn sie gut gemacht sind und die Gren­zen der fil­mi­schen Form tran­szen­die­ren. Hin und wie­der sieht man sich aber auch Doku­men­tar­fil­me an, die einen the­ma­tisch anspre­chen, da sie eine Per­son, einen Sport oder ein Milieu zum Gegen­stand haben, an dem man per­sön­li­ches Inter­es­se hat. So kommt es, dass ich z.B. letz­tes Jahr sowohl We Ste­al Secrets: The Sto­ry of Wiki­leaks als auch The Arm­strong Lie von Alex Gib­ney gese­hen habe, obwohl Gib­neys Fil­me denk­bar weit von den Gren­zen der fil­mi­schen Form ent­fernt sind. Die­se Fil­me ste­hen und fal­len mit ihrem Inhalt, erin­nern sti­lis­tisch an Fern­seh­do­ku­men­ta­tio­nen und sind for­mal, gelin­de gesagt, lang­wei­lig. Aber, Lan­ce Arm­strong ist nun mal eine inter­es­san­te Per­sön­lich­keit und Rad­sport gehört zu mei­nen Lieb­lings­sport­ar­ten. Es spricht abso­lut nichts dage­gen, sich die­sen Film auf­grund sei­nes Inhalts anzu­se­hen, man soll­te jedoch sei­ne Erwar­tun­gen im Vor­hin­ein kri­tisch hinterfragen.

Life Its­elf beruht auf der gleich­na­mi­gen Bio­gra­phie des US-Film­kri­ti­kers Roger Ebert. Ebert, Anfang April ver­gan­ge­nen Jah­res ver­stor­ben, zähl­te ohne Zwei­fel zu den bekann­tes­ten Film­kri­ti­kern der Welt und war als einer der weni­gen sei­ner Zunft, vor allem dank sei­ner Fern­seh­sen­dung „Sis­kel & Ebert“ (mit Gene Sis­kel), auch der brei­ten Mas­se (zumin­dest in den Staa­ten) bekannt. Durch die­se lan­des­wei­ten TV-Auf­trit­te über­stieg sei­ne Popu­la­ri­tät selbst die einer Pau­li­ne Kael. Zwei Din­ge zeich­nen Eberts Schaf­fen mei­nes Erach­tens aus: die Pas­si­on für Film, die er selbst in sei­nen letz­ten, von Krank­heit gepräg­ten, Jah­ren nicht ableg­te und sein non-eli­tä­rer Ges­tus und Schreib­stil, immer dar­auf bedacht auch non-cine­phi­le Schich­ten zu errei­chen. Fakt ist, Ebert hat­te eine gewich­ti­ge Stim­me in der Film­welt, ein enthu­si­as­ti­sches „Thumbs Up“ konn­te einen qua­si unbe­kann­ten Film mit einem Mal ins Ram­pen­licht beför­dern und Ebert nutz­te die­se Macht immer wie­der aus, um sei­ne Favo­ri­ten zu pushen. Einer die­ser Favo­ri­ten war der Film Hoop Dreams aus dem Jahr 1994. Sowohl Gene Sis­kel als auch Roger Ebert spra­chen sich begeis­tert für die­sen Film aus, und hat­ten nicht uner­heb­li­chen Ein­fluss an sei­nem kom­mer­zi­el­len Erfolg. Regis­seur die­ses Films war Ste­ve James, den seit die­sen Tagen eine freund­schaft­li­che Bezie­hung mit Ebert ver­band. Nicht ver­wun­der­lich also, dass James mit der Adap­ti­on von Eberts Auto­bio­gra­phie bedacht wurde.

Szene aus der Fernsehshow "Siskel & Ebert"

Und nun kom­men die Erwar­tun­gen ins Spiel. Ste­ve James ist ein renom­mier­ter Doku­men­tar­fil­mer, mit Aus­zeich­nun­gen bedacht und seit Hoop Dreams aus der Film­sze­ne nicht mehr weg­zu­den­ken. Alex Gib­ney ist Oscar­preis­trä­ger – so viel dazu. Auch wenn klar war, dass ich mir den Film aus Inter­es­se an Ebert anse­hen wer­de, waren mei­ne Erwar­tun­gen mode­rat. Life Its­elf ist nicht The Act of Kil­ling oder Sto­ries We Tell, um zwei aktu­el­le Bei­spie­le zu nen­nen, die spie­le­risch die doku­men­ta­ri­sche und fil­mi­sche Form aus­rei­zen. Life Its­elf besteht aus Ein­bli­cken in die letz­ten Tage und Wochen von Ebert, in denen er sich größ­ten­teils im Kran­ken­haus auf­hielt, aus Archiv­auf­nah­men und Fotos, aus Inter­views mit Weg­ge­fähr­ten und Freun­den und aus Voice-over Pas­sa­gen aus dem Buch, die als roter Faden in der Nar­ra­ti­on die­nen. Die­se Ele­men­te wer­den von Ste­ve James gekonnt arran­giert. Der Mann beherrscht sein Fach, und weiß an den rich­ti­gen Momen­ten den Infor­ma­ti­ons­fluß zu unter­bre­chen und einen emo­tio­nal zu wer­den. Der Film ist für James, das wird sehr deut­lich, mehr Her­zens­an­ge­le­gen­heit, Selbst­the­ra­pie und Abschieds­brief als Auf­ar­bei­tung von Eberts Leben. Das soll nicht hei­ßen, dass der Film nicht auch Ein­bli­cke ins Leben von Ebert und sei­nen Ver­trau­ten gibt, aber an eini­gen Stel­len, ich mei­ne an den rich­ti­gen, wird der Film zum Requi­em. Das bedeu­tet, dass er nach ande­ren Maß­stä­ben gemes­sen wer­den muss als ande­re Doku­men­tar­fil­me. Rein for­mal, macht das den Film natür­lich nicht bes­ser, aber in den rich­ti­gen Momen­ten, die rich­ti­ge Dosis an Emo­ti­on ein­flie­ßen zu las­sen, gehört auch zum Hand­werk eines Film­re­gis­seurs. Dar­um ist Life Its­elf ein groß­ar­ti­ger Film. Er kommt ohne Meta­ebe­nen, ohne beson­de­re Kame­ra­ein­stel­lun­gen und ohne schi­cke Ani­ma­tio­nen aus um das Leben eines Man­nes Revue pas­sie­ren zu las­sen, den vie­le Men­schen gern hat­ten und ich den­ke der Film funk­tio­niert für die Zuschau­er am bes­ten, die selbst in gewis­ser Wei­se eine emo­tio­na­le Bezie­hung zu Ebert haben. Bei mir war das der Fall. Natür­lich han­delt es sich dabei nicht um eine per­sön­li­che Bezie­hung, aber prä­gen­de Momen­te in mei­ner Ent­wick­lung, die ich u.a. Ebert zuschreibe.

Das Inter­net war, bevor ich es in die Groß­stadt geschafft habe, der ein­zi­ge Ort an dem ich mich über Film aus­tau­schen konn­te. Ich fand dort Men­schen aus der gan­zen Welt, die mei­ne Lei­den­schaft teil­ten. Die­se Freun­de waren und sind größ­ten­teils aus dem ang­lo-ame­ri­ka­ni­schen Raum und haben mei­ne Sicht auf Film ent­schei­dend geprägt. Eine Zeit lang, war ich ganz zufrie­den mit mei­ner Situa­ti­on, die zahl­rei­chen Cine­phi­len und Film­buffs der Inter­net­com­mu­ni­ty über­zeug­ten mich, dass man Film auch als Hob­by betrei­ben kann. Die­se Zeit war auch der Som­mer mei­ner Stu­di­en­wahl. Ich muss­te mich also ent­schei­den, ob ich mich beruf­lich oder hob­by­mä­ßig mit Film beschäf­ti­gen will. Drei Fak­to­ren beein­fluss­ten mich schließ­lich ent­schei­dend, doch die jour­na­lis­ti­sche Schie­ne (grob gesagt) ein­zu­schla­gen. Ers­tens, die Bericht­erstat­tung von den Olym­pi­schen Som­mer­spie­len, zwei­tens, Armin Wolfs Auf­trit­te in den ORF-Som­mer­ge­sprä­chen und drit­tens, Roger Ebert. Natür­lich ist und war mir bewusst, dass es im deutsch­spra­chi­gen Raum bzw. über­haupt außer­halb der USA kei­ne Film­kri­ti­ker im Sin­ne von Ebert gibt, aber in dem Moment, wo ich mich ent­schei­den muss­te, ob ich nicht lie­ber doch Volks­wirt­schaft stu­die­ren oder Flug­lot­se wer­den soll­te, zeig­ten mir Olym­pia, Armin Wolf und Roger Ebert ver­schie­de­ne Facet­ten einer Welt, die viel eher mei­nem Natu­rell ent­spricht, als öko­no­mi­sche Model­le und Luftverkehr.

Das Martyrium des Roger E.Ich habe Roger Ebert nie gedankt, nicht per E‑Mail, nicht per Twit­ter, nicht per Face­book. Das soll sich nun ändern. Auch wenn ich in mei­ner Ent­wick­lung mitt­ler­wei­le Abstand vom ame­ri­ka­ni­schen Film­dis­kurs genom­men habe, keh­re ich immer wie­der ger­ne zu Eberts Blick auf die Din­ge zurück. Nicht weil ich ihm öfter zustim­me als ande­ren Kri­ti­kern, son­dern weil sich in jedem sei­ner Arti­kel eine schlüs­si­ge Argu­men­ta­ti­on fin­det, der man ent­we­der zustim­men, oder die man ableh­nen kann – in jedem Fall muss man aber dar­über nachdenken.

Life Its­elf gab mir die Mög­lich­keit, noch ein­mal über mein Ver­hält­nis zu Ebert nach­zu­den­ken und ihn zu bewun­dern, sei­nen Lebens­geist, der in selbst in Stun­den der schwe­ren Krank­heit nicht ver­lässt. Das ist die größ­te Leis­tung von Life Its­elf – für zwei Stun­den Ebert wie­der von den Toten zurück­zu­ho­len, sodass man ihn sehen und viel­leicht sogar bes­ser ver­ste­hen kann. Klar, der Film zeich­net ein Ide­al­bild des Man­nes, es ist eine Hom­mage und kein kri­ti­sches Por­trät, aber genau in so einem Film zeigt sich, dass nicht immer alles reflek­tiert und durch­dacht sein muss. Dem Film fehlt Distanz, weil dem Fil­me­ma­cher Distanz zu sei­nem Gegen­stand fehlt – den Tod eines Freun­des zu doku­men­tie­ren ist kei­ne dank­ba­re Auf­ga­be. Gera­de die­se feh­len­de Distanz zeich­net den Film aus, denn so ent­steht emo­tio­na­le Nähe, die dann auch einen weni­ger Ver­trau­ten, wie z.B. mich, in ihren Bann zu zie­hen ver­mag. Ist der Film beson­ders gut? Nein, wahr­schein­lich nicht. Aber ist er etwas Beson­de­res? Ja, für mich ganz bestimmt.