Lissabonner Kleinigkeiten: Dans le Métro

»Ten­ha a bonda­de para de me auxi­li­ar por favor«, ist ein Satz, den man öfters in der Lis­sa­bon­ner Metro hört. Er kommt von blin­den Bett­lern, die Almo­sen sam­meln. Oft sieht man die­se Män­ner zunächst nicht, viel­mehr hört man sie kom­men. Sie schla­gen mit einem klei­nen Metall­schlä­gel gegen einen Zinn­be­cher und klop­fen dabei mit ihrem Lang­stock auf den Boden. Es ent­steht eine klim­pern­de Per­kus­si­on mit Bass­beat. Das hört sich an wie ein Zim­bal, das von einem Specht ange­schla­gen wird und auch ein biss­chen wie der Anfang des Euro­pa-Cine­mas-Jin­gles. Die Män­ner bewe­gen sich lang­sam von der ers­ten zur drit­ten Tür hin. Dabei sagen sie den obi­gen Satz man­tra­haft: »Sei­en Sie bit­te so freund­lich und hel­fen Sie mir«. 

Die Lis­sa­bon­ner U‑Bahnwaggons wur­den von Sie­mens im Jahr 1997 gebaut. Sie haben einen Mit­tel­gang, drei Türen sowie links und rechts je vier Vie­rer-Sitz­rei­hen. Die Sit­ze haben einen ver­sie­gel­ten Kork-Look mit rotem Plas­tik­rah­men. Die Steh­be­rei­che vor den Aus­stie­gen jeweils eine Metall­säu­le in der Mit­te. Die eben­falls metal­le­nen Hand­grif­fe ent­lang der Decke hän­gen nied­rig und laden grö­ße­re Men­schen ab 1,60 Meter ein, sich genuss­voll beim Auf­ste­hen und Ver­las­sen der Bahn den Kopf zu stoßen.

In den Wag­gons bekommt man manch­mal auch einen Ruck­sack in den Nacken geschla­gen, wenn man sitzt und eine Per­son gera­de ein­steigt, die sich hin­ter einem gegen den Sitz lehnt. An Stan­gen zu leh­nen oder auf den Stu­fen sit­zen ist auch in der Dop­pel­de­cker­lo­kal­bahn Fer­ta­gus ein ganz natür­li­cher Aus­druck von Platz­or­ga­ni­sa­ti­on. Der Fer­ta­gus ver­bin­det Lis­sa­bon über die 25. April-Brü­cke und den Tejo (lat. Tagus) mit den süd­li­chen Vor­or­ten der Stadt und fährt bis nach Setú­bal. Der Süd­punkt der Halb­in­sel ist der bekann­tes­te Pil­ger­ort für frit­tier­ten Tin­ten­fisch in der Regi­on. Cho­co fri­to ist das Fast Food der por­tu­gie­si­schen Mee­res­früch­te. Oft stammt er aber aus Marok­ko, um den hung­ri­gen Bedarf zu decken. Fährt man von Setú­bal an der Küs­te der Arrá­bi­da wei­ter in den Wes­ten nach Ses­im­bra, an die Pra­ia da Califór­nia, friert es einem im kla­ren Was­ser etwas. Egal zu wel­cher Jahreszeit.

Am Weg zurück ins Zen­trum kann das Ein­stei­gen zu Stoß­zei­ten mit­un­ter eine Quetsch­cho­reo­gra­phie mit sich brin­gen. Ist man ein­mal im Zug, steigt man bes­ser nicht aus. Oder man schält sich mutig bit­tend durch die Kör­per der Fahr­gäs­te in Rich­tung Platt­form und fin­det eine Lücke zwi­schen den von außen hin­ein­pres­sen­den Zustei­gen­den in die Freiheit. 

Auch auf Schie­nen, aber andern­orts, im his­to­ri­schen Auf­zug von Bica nach Bair­ro Alto, geht es vor allem im Win­ter recht beschau­lich zu. Hier ist der Bewe­gungs­ab­lauf etwas anders: Man steigt unten ein, sitzt, wird auf den Hügel gezo­gen, dabei von Tourist*innen begafft und gefilmt und ver­lässt das Abteil schließ­lich wie ein Filmstar.

Eine schö­ne Erin­ne­rung, denn viel­leicht bleibt die­ser Gedan­ke in der Ver­gan­gen­heit. Nach dem Unglück von Glória sind die vier his­to­ri­schen Auf­zü­ge Lis­sa­bons geschlos­sen. Und so bleibt einem nichts ande­res übrig, als die Schen­kel und Poba­cken im Berg­auf zu stär­ken und die stei­len Hügel zu Fuß zu erklim­men. Über Kalk­stein und Basalt der Cal­ça­da, der oft kunst­fer­tig gemus­ter­ten por­tu­gie­si­schen Weg­pflas­te­rung, die, wenn sie vom Regen abge­spült und abge­wa­schen ist, beson­ders glatt wird. Jeg­li­che Schuh­soh­le mit ver­meint­lich per­fek­tem Goo­dyear-Grip ist da nutz­los. Beim nächs­ten Berg­ab tas­tet man sich eher zöger­lich vor­an und stakst behut­sam in die Lücken, um nicht aus­zu­rut­schen und sich unge­wollt aufs Steiß­bein zu setzen. 

Manch­mal fühlt sich die­se Stadt an wie eine dis­pro­por­tio­na­le Play­mo­bil­land­schaft. Das Mate­ri­al wird dem Men­schen nicht gerecht. Wie ein Fir­m­an­zug, der ein­mal per­fekt saß und jetzt zwickt und viel zu kurz ist. Die Stra­ßen zu eng, die Autos mitt­ler­wei­le zu groß, die Men­schen zu vie­le. Gleich­zei­tig reibt sich der All­tag in ihren engen Gas­sen und spuckt dabei lau­fend über­ra­schen­de Kurio­si­tä­ten aus.