Das Wochenende vor Weihnachten war nass. Nur ab und zu lüftete sich die Regenglocke und das ständige Spucken der Wasserschnüre aus dem Himmel hielt kurz inne. In den Momenten zwischen Schauer und Sonnenschein trocknete die Wäsche nur langsam an. Die Krägen der T‑Shirts ließen immer am längsten auf sich warten. In der Pawlatsche, in der der Wäscheständer stand, herrschte ein ganz spezielles Klima. Dort oszillierte die Luftfeuchtigkeit gefühlt zwischen tropischen Gewächshaus und Wintergarten.
Im Allgemeinen hatte der Winter in Lissabon wenig vom vermeintlich ewigen Sonnenschein in den Sehnsuchtsgedanken Mitteleuropas. Der graue Teppich, der Wien monatelang umhüllte und die Gemüter in die Knie zwang, hatte hier einfach nur ein anderes Muster. Eiskalter Wind, keine Heizung, dazu einfachverglaste, undichte Fenster. Niemals wurde es richtig trocken in den Stuben. So durchlebten die Stadtbewohner*innen die letzten Tage des Jahres in Decken eingewickelt.
Oft war es draußen wärmer als drinnen. Deshalb trieb es mich schlussendlich vor die Tür. Er, der Mann mit dem Husky, stand vor dem Brausebad und kicherte in sich hinein. Das machte er öfters, indem er in einem Radius von zweihundert Metern und an unterschiedlichen Orten neckisch die Umgebung verlachte. Sie hingegen, die ältere Frau mit laut-bellender Stimme im Café, steckte der Bedienung einen Zehner zu, als Weihnachtsgeld für ein dankbares Jahr. Das Tischgespräch der sechsköpfigen Damenrunde beherrschte sie völlig alleine. Währenddessen türmten sich hinter ihr weihnachtliche Gebäcke – darunter zu Pyramiden gestapelte Sonhos, kleine runde Krapfen aus Kürbisteig, »Träume«, die den Winter versüßen sollen.
Später, nach getoastetem Alentejo-Brot mit Salzbutter und bitterröstigem Camelo-Kaffee, machte ich mich auf ins Kaufhaus, das voll war mit Suchenden. Ein Paar wollte Apfelwein und entschied sich für den Sauren, statt den Fruchtigen. Vermutlich gefiel Ihnen das gelbe Etikett mit dem an das Almodóvar-Filmplakat von ¡Átame! erinnernder Schriftzug besser als das biedere Firmenlogo der anderen Flasche. Im Untergeschoß balancierten andere Spielsachen in ihren Armen. Obendrein war das grüne Geschenkband aus, es gab nur noch glitzernd-rotes. Immer diese unerwarteten Wendungen im Feiertagstrubel. Im Food Court im Erdgeschoß suchte ich nach Hühnerleber, Erbsen und Hering.
Anschließend fand ich in der Bibliothek ein Versteck vor den Irrwegen der Besorgungen, vor diesem nervösen Ballett der Einkaufswagen. Jedoch war ich für die freie Wahl des richtigen Fauteuils bereits zu spät. Die üblichen Besucher*innen hatten ihre Lieblingsplätze schon belegt. Ich musste mich in eine mir ungewohnte Blickrichtung setzen. An den angenehm gepolsterten Sesseln änderte das zwar nichts, die sind baugleich, aber sehr wohl an der Perspektive zum Nachdenken. Sehe ich wie üblich nach links, an der raumhohen Glasfensterwand entlang, kann ich das Wetter lesen und die Menschen beim Kaffeetrinken im Park beobachten. Sehe ich aber nach rechts, bleibt mir nur ein engerer Ausschnitt Grünfläche. Das kann auch spannend sein. Fast epiphan erhellt, wirkte das Gras an diesem Tag. Von der Sonne beleuchtet, wie unter einem Scheinwerfer, der sein Licht durch ein Loch in der Wolkendecke presst. Die vereinzelten, kniehohen Sträucher tanzten auf der Wiese im Wind. Sie erinnerten mich an kleine Palmen und ihre Kronen wippten wie die Fransen auf der Stirn eines erregten Haubenkanarienvogels.
Zu Weihnachten gibt es heuer Ente im Blätterteig. Die Hühnerleber wird zur Paté gemacht und die Erbsen schwimmen mit dem Hering in einer Vinaigrette. Am Stefanitag kriechen dann die Kröten aus dem Loch.

