Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Wippen in die Feiertage

Das Wochen­en­de vor Weih­nach­ten war nass. Nur ab und zu lüf­te­te sich die Regen­glo­cke und das stän­di­ge Spu­cken der Was­ser­schnü­re aus dem Him­mel hielt kurz inne. In den Momen­ten zwi­schen Schau­er und Son­nen­schein trock­ne­te die Wäsche nur lang­sam an. Die Krä­gen der T‑Shirts lie­ßen immer am längs­ten auf sich war­ten. In der Paw­lat­sche, in der der Wäsche­stän­der stand, herrsch­te ein ganz spe­zi­el­les Kli­ma. Dort oszil­lier­te die Luft­feuch­tig­keit gefühlt zwi­schen tro­pi­schen Gewächs­haus und Wintergarten. 

Im All­ge­mei­nen hat­te der Win­ter in Lis­sa­bon wenig vom ver­meint­lich ewi­gen Son­nen­schein in den Sehn­suchts­ge­dan­ken Mit­tel­eu­ro­pas. Der graue Tep­pich, der Wien mona­te­lang umhüll­te und die Gemü­ter in die Knie zwang, hat­te hier ein­fach nur ein ande­res Mus­ter. Eis­kal­ter Wind, kei­ne Hei­zung, dazu ein­fach­ver­glas­te, undich­te Fens­ter. Nie­mals wur­de es rich­tig tro­cken in den Stu­ben. So durch­leb­ten die Stadtbewohner*innen die letz­ten Tage des Jah­res in Decken eingewickelt.

Oft war es drau­ßen wär­mer als drin­nen. Des­halb trieb es mich schluss­end­lich vor die Tür. Er, der Mann mit dem Hus­ky, stand vor dem Brau­se­bad und kicher­te in sich hin­ein. Das mach­te er öfters, indem er in einem Radi­us von zwei­hun­dert Metern und an unter­schied­li­chen Orten neckisch die Umge­bung ver­lach­te. Sie hin­ge­gen, die älte­re Frau mit laut-bel­len­der Stim­me im Café, steck­te der Bedie­nung einen Zeh­ner zu, als Weih­nachts­geld für ein dank­ba­res Jahr. Das Tisch­ge­spräch der sechs­köp­fi­gen Damen­run­de beherrsch­te sie völ­lig allei­ne. Wäh­rend­des­sen türm­ten sich hin­ter ihr weih­nacht­li­che Gebä­cke – dar­un­ter zu Pyra­mi­den gesta­pel­te Son­hos, klei­ne run­de Krap­fen aus Kür­bisteig, »Träu­me«, die den Win­ter ver­sü­ßen sollen. 

Spä­ter, nach getoas­te­tem Alen­te­jo-Brot mit Salz­but­ter und bit­ter­rös­ti­gem Came­lo-Kaf­fee, mach­te ich mich auf ins Kauf­haus, das voll war mit Suchen­den. Ein Paar woll­te Apfel­wein und ent­schied sich für den Sau­ren, statt den Fruch­ti­gen. Ver­mut­lich gefiel Ihnen das gel­be Eti­kett mit dem an das Almo­dó­var-Film­pla­kat von ¡Áta­me! erin­nern­der Schrift­zug bes­ser als das bie­de­re Fir­men­lo­go der ande­ren Fla­sche. Im Unter­ge­schoß balan­cier­ten ande­re Spiel­sa­chen in ihren Armen. Oben­drein war das grü­ne Geschenk­band aus, es gab nur noch glit­zernd-rotes. Immer die­se uner­war­te­ten Wen­dun­gen im Fei­er­tags­tru­bel. Im Food Court im Erd­ge­schoß such­te ich nach Hüh­ner­le­ber, Erb­sen und Hering. 

Anschlie­ßend fand ich in der Biblio­thek ein Ver­steck vor den Irr­we­gen der Besor­gun­gen, vor die­sem ner­vö­sen Bal­lett der Ein­kaufs­wa­gen. Jedoch war ich für die freie Wahl des rich­ti­gen Fau­teuils bereits zu spät. Die übli­chen Besucher*innen hat­ten ihre Lieb­lings­plät­ze schon belegt. Ich muss­te mich in eine mir unge­wohn­te Blick­rich­tung set­zen. An den ange­nehm gepols­ter­ten Ses­seln änder­te das zwar nichts, die sind bau­gleich, aber sehr wohl an der Per­spek­ti­ve zum Nach­den­ken. Sehe ich wie üblich nach links, an der raum­ho­hen Glas­fens­ter­wand ent­lang, kann ich das Wet­ter lesen und die Men­schen beim Kaf­fee­trin­ken im Park beob­ach­ten. Sehe ich aber nach rechts, bleibt mir nur ein enge­rer Aus­schnitt Grün­flä­che. Das kann auch span­nend sein. Fast epi­phan erhellt, wirk­te das Gras an die­sem Tag. Von der Son­ne beleuch­tet, wie unter einem Schein­wer­fer, der sein Licht durch ein Loch in der Wol­ken­de­cke presst. Die ver­ein­zel­ten, knie­ho­hen Sträu­cher tanz­ten auf der Wie­se im Wind. Sie erin­ner­ten mich an klei­ne Pal­men und ihre Kro­nen wipp­ten wie die Fran­sen auf der Stirn eines erreg­ten Haubenkanarienvogels. 

Zu Weih­nach­ten gibt es heu­er Ente im Blät­ter­teig. Die Hüh­ner­le­ber wird zur Paté gemacht und die Erb­sen schwim­men mit dem Hering in einer Vin­ai­gret­te. Am Ste­fa­ni­tag krie­chen dann die Krö­ten aus dem Loch.