Bren­nen­de Lun­gen, glü­hen­der Asphalt. Föh­nen­de Böen, Haar­trock­ner­ge­ruch, Schweiß­hemd. Im Café wer­den die Bier­glä­ser noch inten­si­ver als sonst im Eis­kas­ten vor­ge­kühlt, bis sie fast gefrie­ren. In die Kaf­fee­tas­sen plump­sen Eis­wür­fel oder der Kaf­fee wird anders­rum auf die­se gestürzt und mit hef­ti­ger Bewe­gung kalt gerührt. Ich nen­ne das Pseu­do-Frap­pé – ohne elek­tri­schen Mixer wie auf Zypern. Anders als in der Sau­na macht man hier in Lis­sa­bon die Ein­gangs­tür auf, nicht zu, um sich dem Back­ofen aus­zu­set­zen. Ent­steigt man ein­mal dem schat­tig-gnä­di­gen Mar­mor­gang des Wohn­hau­ses, wird man sogleich von der unbarm­her­zi­gen Hit­ze umfas­send beweht, durch­drun­gen, wie von einem Geist des Infer­nos umschlun­gen, gerös­tet und so auf Außen­tem­pe­ra­tur gebracht. Im Dun­keln ver­ste­cken, wie im Win­ter, hilft nicht mehr – es ist Som­mer und die Son­ne erwischt uns irgend­wann alle. 

Vie­le suchen Abküh­lung im Tejo oder im Meer in Capa­ri­ca. In Por­to soll­te man sein, da ist es küh­ler, denkt man sich und fährt im kli­ma­ti­sier­ten Bus mit licht­dich­ten Vor­hän­gen vor dem Pas­sa­gier­fens­ter gen Nor­den. Drei­ein­halb Stun­den alter­na­ti­ve Rea­li­tät. Der Kopf fühlt sich frisch an, man kann sogar ohne Wider­stand etwas arbei­ten. Man kommt an, freut sich über die küh­le Luft in der Unter­kunft, ist für einen Moment frei von läs­ti­gen Befind­lich­kei­ten. Doch dann kommt der Hun­ger. Die Tas­ca neben­an sah gut aus. Ein uri­ges Beisl, in dem die drei Bau­ar­bei­ter beim Ein­gang schon beim zwei­ten Zwei­li­ter-Krug eis­kal­tem Weiss­wein sind und an klei­nen panier­ten Weiß­fi­schen nagen. Blickt man zu den Tischen wei­ter hin­ten im Spei­se­raum, sieht man vie­le Gäs­te mit Ser­vi­et­ten ihre Schweiß­per­len von der Stirn trock­nen. Es ist fast wind­still, der Ven­ti­la­tor ächzt und gleicht im Deli­ri­um einem Mobi­le von Alex­an­der Cal­der. Von der Fata Mor­ga­na schaue ich aufs Menü – heu­te gibt es Grill­huhn mit Pom­mes, Lamm­topf, Rin­der­ma­gen mit Kut­teln und wei­ßen Boh­nen oder panier­te Schweins­ko­te­letts mit Arroz de Nabi­ças Malan­dr­in­ho (sup­pi­ger Reis mit grü­nen, etwas bit­te­ren Rüben­blät­tern). Eine Revue von leich­ten Som­mer­ge­rich­ten mit Schwitz­ga­ran­tie. Im Menü inklu­diert ist ein Weiß­wein aus dem Min­ho, war­um also nicht. Schließ­lich ver­lässt man das Lokal, als hät­te man drei Stun­den in der pral­len Son­ne geses­sen und dabei ein Fiaker­gu­lasch und Ber­ner Würs­tel gleich­zei­tig vertilgt. 

Nah am Son­nen­stich und in Nach­gä­rung begrif­fen, geht es mit dem unge­kühl­ten 205er-Bus in Rich­tung eines Musik­fes­ti­vals. Der hat reich­lich Ver­spä­tung und ist recht voll, den­noch sind ein paar Sit­ze frei, immer­hin. Im Frei­tag­abend­ver­kehr schlän­gelt sich der all­mäh­lich zum sie­den­dem Koch­topf mutie­ren­de Gelenk­bus im Schne­cken­tem­po durch die Stadt, hält an jeder Sta­ti­on und kommt schließ­lich im Stau ganz zum Ste­hen. Man ver­lässt auch die­sen Bus und fühlt sich wie ein Kim­chi­glas. Das nächs­te Café bringt die ersehn­te Ret­tung und ein­ein­halb Liter eis­kal­tes Was­ser wer­den gie­rig in den Kör­per geschüt­tet, auf­ge­tankt und auf­ge­so­gen wie ein Schwamm. Inner­lich genässt und im Kopf erhellt, erreicht man schließ­lich das Fes­ti­val­ge­län­de. Man fragt sich, wer wohl tat­säch­lich behaup­tet, Por­to wäre küh­ler. Schließ­lich wer­den alt­be­währ­te som­mer­li­che Bewäl­ti­gungs­tak­ti­ken wie­der erin­ner­lich: Von Super­markt­kli­ma­an­la­gen Duschen, Kalt­ge­trän­ken und Eis – der Ret­tungs­zy­klus nimmt sei­nen vor­be­stimm­ten Lauf. 

Der unter ver­träum­ten Cine­phi­len geläu­fi­ge Hit­zer­at­schlag, dass es im Kino immer schön kühl sei, solang man kei­ne Erkäl­tung fürch­tet, mag viel­leicht nur für mit­tel­eu­ro­päi­sche Gefil­de gel­ten. Denn im Cine­ma Euro­pa in Bolo­gna gibt es bei­spiels­wei­se gar kei­ne Kli­ma­an­la­ge – und man klebt beim Schau­en meist gehö­rig an den roten Kunst­le­der­ses­seln fest. Das Cine­ma Jol­ly wirkt nach dem drit­ten vol­len Scree­ning am Tag manch­mal wie ein Dampf­bad oder ein tro­pi­scher Dschun­gel, so dif­fus ist oft der Saal in Luft­feuch­tig­keit ein­ge­ne­belt, die Kli­ma­an­la­ge der­art am kri­ti­schen Limit, dass man zur Sicher­heit viel­leicht einen Speer mit­neh­men soll­te. Dass das Kino oder ande­re gut gemein­te Rat­schlä­ge uns vor dem Infer­no ret­ten, ist ein heh­rer Wunsch. Jedoch: der nächs­te Herbst kommt bestimmt. Und mit ihm dann die Regenratgeber.