Auch heuer wieder stehen meine Nachgedanken an das Il Cinema Ritrovato unter dem Einfluß eines gewissen Gefühlsmixes. Das Gefühl der Sattheit nach der Filmvöllerei, dem fast kindlich-täglichen In-Sich-Hineinstopfen mehrerer Filme. Das der Melancholie auf die von Serotonin angetriebene Sehnsucht nach neuen und fern wohnenden Bekanntschaften, die man jetzt nicht mehr so bald wiedersehen wird. Und das Gefühl der Trägheit gegenüber der kalten Wirklichkeit, jetzt wieder einer regulären Arbeit irgendwo, nur nicht im Sommer so prächtigen Italien nachgehen zu müssen. Bedenkt man die mittlerweile stattliche Größe und Besucherzahl des Festivals, so lassen sich in rückblickender Beobachtung einige Schlüsse über dessen Soziologie ziehen.
Hauptcharakteristisch ist die generelle Gruppen- und Rudelbildung von alten Bekanntschaften aus der jeweiligen eigenen Heimat. An manchen Tagen fühlte sich das so an wie bei The Warriors von Walter Hill. So hängt dort nach einem Film von Ritwik Ghatak die London-Bande beim Negroni ab. Daneben steht die deutsche Archiv- und Akademiker*innen-Riege beim Spritz vor Lubitsch oder nach dem Talk über ein UNESCO-Projekt. Jahrzehntelange Bekanntschaften von Italiener*innen und Portugies*innen mischten sich wie immer fröhlich beim Wein, während die Granden des New Yorker Repertoirekino-Biotops fast uniform kurze Hosen, Kappen und Wayfarer-Brillen trugen und theoretisierten, ob jetzt »der von der Maldoror« oder doch eher das Programm vom Collectif Mohamed spannender waren und was sie in ihren Kinos nachher programmieren wollen.
Im Englischen gibt es die dazu treffende Redewendung »A Busman’s Holiday«. Das bedeutet, dass ein Busfahrer in seinem Urlaub dennoch auf Bustour fährt, weil er nichts anderes kennt. Oder wie ein Fotograf, der sein Kamera-Equipment in die Freizeit auf den Bauernhof mitnimmt, um Agrarlandschaften zu inszenieren. Am Ende macht man das, was einem nah ist, mit denen, die ähnliches machen. So fühlte es sich auch hier in Bologna an.
Man sieht Gruppen, die in London bei Filmevents zusammen sitzen, die hier nach Bologna kommen und genau in der gleichen Konstellation wieder bei einem Filmevent zusammensitzen. Diese gehen dann in dieselben Lokale, weil praktisch – da ist doch gleich das Kino Jolly ums Eck! Oder sie gehen in der Trattoria Serghei essen, da könnte vielleicht Isabella Rossellini vorbeikommen – die macht ja am Abend eine Einführung zu Wild at Heart auf der Piazza – und wie man weiß, nimmt die Cineteca zu Serghei ihre berühmten Gäste mit … Lass uns einen Tisch reservieren! Man isst dann auch wie immer Tortellini al Ragù, trinkt spritzigen Pignoletto und danach noch einen Amaro – der Bràulio wird’s heute (wieder). Am Ende geht man ins Irish Pub (Celtic Druid), da sind ja dann alle und es spielt Fußball, wenn die Gespräche langsam abebben. Ein Eis bei Gianni – »für mich natürlich das beste der Stadt!« und ab ins Bett mit Refluxbeschwerden vom Frizzante. Und wieder auf in der Früh, die Gruppe wartet schon in der Schlange auf Guy Maddin.
So sehen sich diese Filmgemeinschaften wie bei einer Bustour das an, was sie ohnehin schon kennen oder in Recherchen abgeklopft, ja erwartet haben. Und in gewisser Weise wirkt das Festival am Ende wie eine Show, die hinter verschlossenen Türen schon genauso vorbereitet wurde, wie sie sich vor mir eröffnete. Vielleicht denke auch ich mir auf der Heimreise im Überlandbus: Herrlich, war es wieder hier – fast wie daheim!

