Ein­mal dach­te ich, bricht Lie­be den Bann
Jetzt zer­bricht sie gleich dei­ne Welt!
Tota­le Fins­ter­nis, wir fal­len und nichts was uns hält!
Tota­le Fins­ter­nis, ein Meer von Gefühl und kein Land!
Tota­le Fins­ter­nis, ich glau­be ich ver­lier’ den Ver­stand!
Tanz der Vam­pi­re – Jim Stein­man, Micha­el Kunze

Bon­nie Tyler starb am 8. Juli in ihrer Wahl­hei­mat Por­tu­gal, an der Algar­ve in Faro. Die als Gay­n­or Hop­kins gebo­re­ne, wali­si­sche Sän­ge­rin von »Total Eclip­se of the Heart« hat­te mit der tota­len Son­nen­fins­ter­nis am ver­gan­ge­nen 12. August in Spa­ni­en und Por­tu­gal wenig zu tun. Genau­er gesagt, hät­te sie die­se in Faro gar nicht sehen kön­nen. Bur­gos, das Rio­ja, Vito­ria-Gas­teiz im Bas­ken­land oder A Coru­ña in Gali­zi­en waren die Hot­spots, an denen sich nicht nur die übli­chen Pilger*innen des Jakobs­wegs, son­dern auch Analogfilmemacher*innen (Son­ne = Licht = Urap­pa­rat des Kinos) und Naturphänomen-Tourist*innen ver­sam­mel­ten. Dort ging der Pfad der Tota­li­tät, der ein­hun­dert­pro­zen­ti­gen Fins­ter­nis mit Coro­na hin­durch. Nach der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft noch so ein Spek­ta­kel, dem man im seit Mona­ten in Dau­er­auf­gan­se­lung befind­li­chen Lis­sa­bon nicht ent­rin­nen konnte. 

Dabei hat­te Lis­sa­bon eigent­lich kei­ne Chan­ce. Müde vier­und­neun­zig Pro­zent wur­den für die­se Brei­ten vor­aus­ge­sagt. Ist doch nur par­ti­ell, also kei­ne ech­te Son­nen­fins­ter­nis, wie es sie seit den 1910er Jah­ren nicht mehr auf der ibe­ri­schen Halb­in­sel gege­ben hat! In ganz Por­tu­gal kei­ne ein­hun­dert Pro­zent? Nein! Ein klei­ner Strei­fen in Trás-os-Mon­tes in Rio de Honor und im Par­que Natu­ral de Mon­tes­in­ho nahe Bra­gan­ça bot Men­schen mit Auto oder Haus in der Nähe die Mög­lich­keit, für sechs­und­zwan­zig Sekun­den der Fins­ter­nis bei­zu­woh­nen. In der tiefs­te Peri­phe­rie mit den Berggeistern.

Den­noch wur­den die Fins­ter­nis­schutz­bril­len (ISO 12312–2) im gan­zen Land und mit gro­ßem Tam­tam in Tages­zei­tun­gen aus­ge­ge­ben und waren schnell ver­grif­fen. Ich fra­ge mich: Wer schaut bei sowas stän­dig in die Son­ne? Man kann auch ein klei­nes Nadel­loch in einen Fly­er machen und ab und zu durch­schau­en, blind wird man davon nicht. Aber da über­las­se ich die Quack­sal­be­rei lie­ber ande­ren. Viel­mehr wur­de ich selbst vom Fins­ter­nis­fie­ber ange­steckt und plan­te kopf­zer­bre­chen­de Wege, um doch noch »dabei zu sein«. Sechs Stun­den mit dem Bus nach Sant­ia­go, dann mit der Bahn viel­leicht nach Coru­ña und am Abend wie­der retour ins Hos­tel? Wird das Wet­ter hal­ten? In Gali­zi­en ist es doch so wol­kig. Doch bes­ser nach Fis­ter­ra auf einen Fel­sen, wo es freie Aus­sicht über den Mee­res­ho­ri­zont gibt? Ach nein. Alles zu weit. Ver­ín im Lan­des­in­ne­ren soll gut aus­schau­en, sag­te ChatGPT, aber da brauchst du GPS und ein Auto, damit du auch wirk­lich wirk­lich sicher sein kannst, dass du im Tota­li­täts­bo­gen bist. Wär ja pein­lich, wenn nicht. Was soll man dann den Leu­ten erzäh­len? »Sah fast die Son­nen­fins­ter­nis«. Öde.

Gewor­den ist es schließ­lich ein klas­si­scher Som­mer­trip nach por­tu­gie­si­scher Logik: Alle Plä­ne weg­le­gen und beim nächs­ten Freund mit Auto ein­fach mit­fah­ren. Zum Fes­ti­val nach Pare­des de Cou­ra für Under­world, Kurt Vile and the Vio­la­tors und Aldous Har­ding, zu den fri­schen Forel­len und Alvar­in­ho und der Römer­brü­cke in Pon­te de Lima, und schließ­lich zum zufrie­de­nen Blick auf nur acht­und­neun­zig Kom­ma zwei Pro­zent Tota­li­tät von der Fes­tung in Valen­ça do Min­ho an der spa­ni­schen Gren­ze. Drü­ben, die Kathe­dra­le von Tui, Hüben, die Fla­sche Rosé, die gute Gesell­schaft, die leich­te Trü­bung der Son­ne, die plötz­li­che gespens­ti­sche Stil­le, die unge­wöhn­li­che Leich­tig­keit des Seins. Am nächs­ten Mor­gen ein ande­rer Halb­mond in Form einer Maro­ni­t­eig­ta­sche bei Xis­to. In Por­tu­gal isst man auch im Som­mer reich­hal­tig und am gro­ßen Tisch mit vie­len Leu­ten. Tel­ler wer­den geteilt, Forel­len-Esca­be­che aus dem dort haus­ei­ge­nen Zucht­teich oder blu­ti­ger Schwei­ne­reis, mit Essig ange­macht. Also am Ende mein Rat: irgend­wo ein­stei­gen und schau­en, was passiert. 

Und vor allem den Ernst des Spek­ta­kels lie­ber vom Rand aus amü­sier­ter Distanz als Gan­zes betrach­ten, bevor man sich doch noch die Augen total ver­dirbt – so wie Jan Peters den Moment der tota­len Fins­ter­nis 1999 in Ich bin 33 ein­fach auf die Län­ge einer Rol­le Super-8-Film durch­quatsch­te, wäh­rend das Son­nen­licht ver­schwin­det und die Spektakelritter*innen dabei lako­nisch aufs Korn nahm. Es ist jetzt schon gewiss: die nächs­te Son­nen­fins­ter­nis kommt bestimmt. Und mit ihr die­sel­ben Begehr­lich­kei­ten. Zum Bei­spiel nächs­tes Jahr in Cádiz: für gan­ze drei Minu­ten und zwei Sekunden.