Loin de Manhattan von Jean-Claude Biette

Text von Leonard Krähmer

Wer ein Kunstmagazin Shapes and Colors nennt, hat verstanden, worauf es ankommt in der Kunstwelt. Im besten Fall heißt Malen schließlich nichts anderes, als eine Leinwand mit Formen und Farben derart zu bearbeiten, dass etwas entsteht, was alle Welt sprachlos macht vor Schönheit. Die Shapes and Colors-Schreiberlinge sind darüber hinweg, sie finden passende Worte für ihre Sprachlosigkeit, bekommen die Schönheit zu greifen. Bei Bedarf entschlüsseln sie auch mal das Privatleben eines besonders rätselhaften Künstlers, fassen Einzelbilder zu Triptychen zusammen und teilen sein Œuvre in Phasen ein, um dann mit Bestimmtheit behaupten zu können, wann und warum der Künstler mit Formen und Farben auf diese oder jene Weise umgegangen ist.

Ein solches Enigma ist René Dimanche (Howard Vernon), genialer Naturmaler von Weltruhm, gefeiert von Manhattan (dort sitzt Shapes and Colors) bis Paris (dort spielt der Film, meistens). Seine relevanten Schaffensphasen: Berge, Blumen, Buschwerk, Singvögel. Zwischen Berg- und Buschperiode liegen acht Jahre, in denen Dimanche aus unbekannten Gründen überhaupt nicht gemalt haben soll – in Fachkreisen ist von der „Phase des Schweigens“ die Rede, denn selbst eine Nicht-Schaffensphase möchte periodisiert werden. Die international geprägte Pariser Galerie- und Intellektuellenszene treibt das um, besonders die Kritiker*innen im Dunstkreis der Shapes and Colors möchten das Geheimnis lüften. Nichts verunsichert Menschen, die permanent reden und schreiben, mehr als einer, der schweigt.

Die boulevardeske These, eine Frauengeschichte habe die Krise ausgelöst, wird von Experten als wahrscheinlich gehandelt. Christian (Jean-Christophe Bouvet), aufstrebender, geradezu viriler Nachwuchskritiker, wird mit der Jagd nach dem Scoop beauftragt, ergo René Dimanche im Interview zu konfrontieren – Mann gegen Mann, wie im Duell. Christian gibt sich mit seinen stumpf und berechenbaren Fragen geschlagen, also schickt er Ingrid (Sonia Saviange), mit der ihn eine Liebschaft verbindet, als Verführerin hinterher. Ihr Zugang zu Dimanches Gemälden ist ein persönlicher: seine Weißdornbüsche inspirieren sie zur Sonettdichtung und anderen schwärmerischen Handlungen, von der tiefen Empfindung motiviert. Nicht weniger überzeichnet, aber doch ein Gegenentwurf zu den Kunstkritik-Snobs, die sich eher für das Warenförmige der Kunst interessieren (shapes), und hoffen, der Ruhm des prominenten Malers möge auf den eigenen abfärben (colors). René und Ingrid, der Maler und die Muse, fahren in die Dünen von Le Touquet, das Geheimnis des Schweigens lüftet sich, doch anders als die Kritiker:innen erwarten würden, ändert sich so nichts im Film: das Zentrum, um das er kreiste, war sowieso leer, nur Fassade, doppelter Boden, ein Trompe-l’œil (hört man es aus der Shapes and Colors-Redaktionraunen – dazu später mehr).

Dialogische Kaskaden, von denen es in Biettes Film nicht wenige gibt, werden unterbrochen von Sequenzen der Stille (oder ist es die Stille, die unterbrochen wird?), meist begleitet von kontemplativen Kameraschwenks durch die Natur, das Habitat des Malers. Terrassen, Balkone, Gärten und Dünen bilden die Schauplätze, ja, dieser Film ist en plein air gedreht und überhaupt nimmt er alles sehr wörtlich: Kann Spuren von Kalauern enthalten. In der Eröffnungsszene auf der Dachterrasse stellt Christian seinen Gästen, die auf- und abtreten wie im Theater (sogar einen roten Vorhang gibt es), vor die Limonadenwahl: Bleuade oder Orangeade, passend zum blau-gelb gestreiften Shirt, über das er zu festlichen Anlässen ein Sakko trägt. Shapes and Colors bestimmen auch die Garderobe des polnischstämmigen Kollegen, dessen schwarz-grünes T-Shirt mit engmaschigem Karomuster meistens zum Hintergrund passt.

Überfluss an Wegwerfwitzen und abseitig-spitzfindigen Wortspielen verleihen der Satire einen doppelten Sinn, nie zynisch, sondern das eigentümliche Milieu der Kunstkenner*innen balancierend zwischen Lächerlichkeit und Originalität betrachtend. Obwohl Manhattan – und vor allem das Manhattan von Woody Allen – weit weg ist, hat sich das Amerikanische in die Sprache eingeschlichen. Wenn Christian nicht weiterweiß, was oft passiert, presst er in exaltiert-nasaler und stets ironischer Manier ein „very funny“ mit langgezogen Vokalen heraus. Das macht ihn noch lange nicht zum Protagonisten; Biette bleibt der Idee des Ensembles nach Le Théâtre des Matières auch in der Kunstwelt treu. So sehr sich diese oder jene Figur aufdrängt, alle gleiten früher oder später zurück in die Peripherie oder direkt ins Off. Nicht umsonst heißt die Koproduktionsfirma hors-champ. Nach Parallelen zwischen Shapes and Colors und den Cahiers zu fragen, wäre natürlich ebenso unredlich wie die Anmerkung, dass es eine achtjährige Phase des Schweigens dauerte, bis Biette seinen nächsten Film fertigstellen konnte. Man kann Biettes Alter Ego im Maler oder im Kritiker suchen – beides wäre wenig schmeichelhaft, aber Beweis genug, dass Biette sich selbst ebenso wenig ernst nimmt wie seinesgleichen.

Gegen Ende bekommt Christian von seiner Kollegin Fanette – auch hier gibt es eine uneindeutige Liebschaft – die Leviten gelesen. Dialektik sei ja schön und gut, aber die Angewohnheit, alles bis ins letzte Detail erklären zu müssen, unerträglich, vom Schwarz-Weiß-Denken ganz zu schweigen. Fanette bevorzugt Nuancen. Man will diesen Leuten doch nicht etwa vorwerfen, dass in ihren Kreisen nicht nuanciert diskutiert würde? Selbst der Blick zum Himmel kommt nicht aus ohne rabulistische Distinktionsbedürfnisse, jede Wettervorhersage eine Frage der Definition: „Ich glaube, Kumulonimbuswolken ziehen vorüber“, bemerkt ein Lederjackenkritiker mit Pferdeschwanz. „Das sind einfach nur Nimbuswolken“, lautet die Gegenrede eines Kollegen, der nicht mal hinzuschauen braucht, um sich seiner Sache sicher zu sein, denn er signiert gerade sein frisch erschienenes Buch über René Dimanche, er ist ein Mann mit Sachverstand auf allen Gebieten.

Die Wolken, um die es geht, zeigt Biette nicht; fast wirkt es, als reiche er den Gegenschuss zum ersten Bild des Films nach (sogar die Schwenkrichtung ist komplementär): Pariser Dachterrassenhimmel, durchaus bewölkt. Dennoch lässt sich der Kreis nicht schließen, das ist kein Schluss, der irgendetwas abrundet. Im Hause Diagonale, die Produktionsfirma, herrscht eine kantigere, ins Offene drängende Formensprache. Verblüffend daher die beiden Schlusseinstellungen. Erstens: René Dimanche, kontemplativ in den Dünen stehend, schreitet in die Tiefe des Bildes, die Leinwand unterm Arm sein Mustang, der Pinsel sein Colt, kein Westernheld reitet schöner von dannen, tritt dann aber unvermittelt nach links aus dem Bild. Zweitens: Nach links geht auch Ingrid, bis sie mit einem Koffer im Hotel verschwindet, und damit vor dem Blick der Kamera, der ihr weiter nicht folgen darf, sondern an der Fassade verharrt. Dort sind Malereien angebracht, ein Vogel, ein Busch, etwas Efeu, ein wehender Vorhang am offenen Fenster – ein wahrlich Dimanchesques Tableau. Nur ist das eben gemalte, augentäuschende Illusion, Trompe-l’œil. Die Klein- und Großkritiker*innen von Shapes and Colors, die mit solchen Termini zu hantieren wissen, würden vielleicht schreiben: Jean-Claude Biette ist der Regisseur des Trompe-l’œils. Er hat verstanden, worauf es ankommt in der Kunst: Farben und Formen, nichts weiter.