von Jean-Clau­de Biet­te (in Cahiers du Ciné­ma, N°368, Febru­ar 1985)

Sel­ten sieht man heu­te noch Fil­me, die kei­nen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen müs­sen; Anfor­de­run­gen, die oft einer brei­ten, vagen, dehn­ba­ren sozia­len Kate­go­rie ent­wach­sen, die mehr oder weni­ger bewusst durch das Cas­ting, die auf­ge­häng­ten Pla­ka­te, die Öffent­lich­keits­ar­beit, die bespiel­ten Kino­sä­le kodi­fi­ziert wer­den. Der­art ste­hen ein Film von Lelouch und ein Film von Wen­ders in direk­ter Nach­bar­schaft durch ihre Ziel­grup­pen­be­stim­mung und ihre Bau­art (mise en chan­tier[1]), aber vor allem durch eine andau­ern­de mise en scè­ne eines rausch­haf­ten abso­lu­ten Kinos: Die Sze­nen dort wer­den näm­lich über die für die Erzähl­öko­no­mie not­wen­di­ge Zeit hin­aus gehal­ten, das Dekor wird sel­te­ner auf­grund sei­ner ästhe­ti­schen Qua­li­tä­ten[2] gefilmt, son­dern wegen der kine­ma­to­gra­phi­schen Erin­ne­run­gen, die es in den Zuschau­ern aus­löst und schließ­lich sind die Figu­ren da, um unter unse­ren Augen, Gefüh­le aus ande­ren Film­sze­nen zu erle­ben. Aller­dings brau­chen die Fil­me von Lelouch und Wen­ders (ich wäh­le die­se bei­den Bei­spie­le, weil sie zwei wohl­be­kann­te sozio­kul­tu­rel­le Typen reprä­sen­tie­ren und doch scharf von­ein­an­der getrennt wer­den: nur weni­ge mögen Lelouch und Wen­ders glei­cher­ma­ßen), die­se Fil­me also, sie brau­chen die Gewiss­heit, dass ihre Zuschau­er das Kino abso­lut und abs­trakt lie­ben, um sich ihrer Exis­tenz sicher sein zu kön­nen, das soll bedeu­ten, sie wären davon berei­nigt, jed­we­des Begeh­ren nach Beschwer­den oder einer Angst zu ver­spü­ren, was ihnen ermög­li­chen wür­de, sobald sie das Kino betre­ten wür­den, die süße Reprä­sen­ta­ti­on einer Idee der Welt zu genie­ßen, an der nichts bedroh­lich erschei­nen muss. Die Idee der Welt von Lelouch ist nicht die Idee der Welt von Wen­ders, aber bei­de sind ihren Zuschau­ern sogar bereits vor dem Dreh ihres kom­men­den Films bekannt: Denn die­ser wird auf sei­ne Erin­ne­rung an Berich­te vom Film­set, Film­pla­ka­te, die Wer­bung und schließ­lich auch die beim Erschei­nen des Films ver­öf­fent­lich­ten Arti­kel zurück­ge­wor­fen. Es scheint näm­lich so, als wür­de sich ihre Bezie­hung zu den Zuschau­ern durch einen Kör­per an Refe­ren­zen auf­bau­en und erhal­ten, zu dem die Zei­tung, der Radio­sen­der, der Fern­seh­ka­nal, die gan­ze Lie­fer­ket­te zäh­len; es scheint so, als hät­ten die Zuschau­er die­se Refe­ren­zen als eine Art ers­te mise en scè­ne akzep­tiert, grund­le­gend und leicht­sin­nig, was ihnen erlaubt die heh­re Luft des abso­lu­ten Kinos zu atmen, jene, die uns auch aus dem Hol­ly­wood­pa­ra­dies erreicht und die zugleich der größ­te gemein­sa­me Bezugs­punkt der Medi­en ist, vage und uni­ver­sell. Die­se Fil­me sind manch­mal bril­lant, oft hand­werk­lich gut gear­bei­tet und sie ver­bin­den Metho­den, die sich lan­ge bewährt haben: das Melo­dram und die melan­cho­li­sche Stim­mung; und sie moder­ni­sie­ren die­se. Man weint manch­mal bei Lelouch oder Wen­ders, aber das liegt dar­an, dass man etwas wie­der­erkennt: man weint für eine Kunst, die weiß, wie sie gute Gefüh­le aus­löst (des­halb ist der bes­te Lelouch ein böser Film: der sehr ein­falls­rei­che und an Mau­pas­sant gemah­nen­de Maria­ge). Die guten Gefüh­le bewir­ken nichts in einem Film, sie wer­den nicht die rech­te Linie durch­kreu­zen, die eine Idee von der Welt zeich­net. Aber eine Idee von der Welt, die nicht einem Indi­vi­du­um ent­springt, das zugleich und in glei­chem Maße die Wirk­lich­keit und die Kunst bedenkt, eine Idee von der Welt, die sich ganz allein von einer sozia­len Klas­se ent­frem­det und als­bald von einem Fil­me­ma­cher und als­bald bei einem ande­ren wird jedoch immer, mit sich nahe­ste­hen­den Details iden­tisch sein.

Die Wahr­neh­mung die­ses Phä­no­mens gibt Anlass zur Komik: Es ist die glei­che Komik, an der die Fil­me Chap­lins ihren Aus­gang neh­men. (Des­halb muss man nicht tief­grün­dig lachen bei Lelouch oder Wen­ders, sogar wenn man Sze­nen lus­tig fin­det). Das macht Chab­rols Film Le Sang des aut­res aus, ein bele­ben­der Film, indi­rekt, nega­tiv, aber befreit vom gerings­ten ästhe­ti­schen Ali­bi: man spürt ihn im tief­grün­di­gen Lachen.

Ein „inter­na­tio­na­ler“ Film mit Dar­stel­lern aus ver­schie­de­nen Län­dern mit unter­schied­li­chem Sprach­hin­ter­grund, die sich ver­sam­meln, um eine Geschich­te zu tei­len, in der ihre sprach­li­che Iden­ti­tät sich dem größ­ten gemein­sa­men Nen­ner einer ein­zi­gen, von der Natio­na­li­tät des Haupt­pro­du­zen­ten auf­ge­zwun­ge­nen Spra­che unter­ord­net, ein sol­cher Film ist a prio­ri ein kul­tu­rel­les und ästhe­ti­sches Grau­en: sein kom­mer­zi­el­ler Wert soll damit in kei­ner Wei­se in Fra­ge gestellt wer­den. Weni­gen Fil­me­ma­chern aber gelingt es, die­se Situa­ti­on zum Vor­teil des Films zu nut­zen, ohne die ihrem Bei­trag zugrun­de­lie­gen­den kul­tu­rel­len Kom­po­nen­ten zu hin­ter­ge­hen. Eini­ge haben so trotz­dem bewun­derns­wer­te Fil­me gemacht. Etwa Man­kie­wicz (des­sen Œuvre sich in einer Art hoff­nungs­lo­sen Apo­theo­se selbst abge­schafft hat – Cleo­pa­tra –, dem eine Rei­he von drei zyni­schen Fil­men ohne Vita­li­tät folg­te), der The Quiet Ame­ri­can mach­te, ein pro­phe­ti­scher Film, indem die Pro­ble­me der Co-Pro­duk­ti­on ange­gan­gen und gelöst wur­den, durch einen Über­schuss an pro­duk­ti­ons­tech­ni­schen Wider­sprü­chen, die zu unvor­her­seh­ba­ren dra­ma­tur­gi­schen Aus­wüch­sen und in einen mora­li­schen Tau­mel führ­ten. Oder mal wie­der Godard, des­sen Le Mépris der größ­te fran­zö­si­sche Film der 1960er Jah­re ist trotz oder gera­de wegen der Betei­li­gung Ita­li­ens, Deutsch­lands und Hol­ly­woods. Was die­se bei­den Fil­me natür­lich eint, ist die Cha­rak­ter­dar­stel­le­rin Gior­gia Moll, die Über­set­ze­rin, jene, die dafür sorgt, dass die Infor­ma­tio­nen zir­ku­lie­ren, die bekann­ten und wenig bekann­ten. Heu­te kön­nen kul­tu­rel­le Eigen­hei­ten ihre Stim­me nicht mehr hör­bar machen in der gemein­sa­men Spra­che des Kinos: Spra­che der Über­tra­gung. Denn es gibt dort kei­ne gemein­sa­me Spra­che des Kinos (es sei denn durch Nost­al­gie oder die­sen Ort des abso­lu­ten Kinos, ver­glei­che Lelouch und Wen­ders). Sie sind gezwun­gen, sich ein­zeln inner­halb ihres natio­na­len Kinos zu behaup­ten (oder inner­halb ande­rer geord­ne­ter Kate­go­rien), wo sie in ihrer Eigen­schaft als bestimm­ba­re, ein­deu­ti­ge natio­na­le Pro­duk­ti­on, die sich in Film­pro­gram­me und Fes­ti­vals ein­glie­dern lässt, erkannt wer­den, sau­ber ver­packt, ohne den gerings­ten Raum für Über­ra­schun­gen, wodurch sich gute und schlech­te Fil­me in auto­ri­tär bestimm­ter Art und Wei­se ver­mi­schen, sodass kei­ne Tren­nung der Spreu vom Wei­zen mehr mög­lich ist. Le Sang des aut­res ächzt und krächzt in die­ser uni­ver­sel­len Pseu­do-Har­mo­nie. Eine „inter­na­tio­na­le“ Pro­duk­ti­on, ver­dop­pelt, ohne wei­te­re Iden­ti­tät, da sich sei­ne Hand­lung im von Deutsch­land besetz­ten Paris ent­fal­tet, also, wenn ich mich an mei­ne wei­ter oben auf­ge­zeig­ten Bemer­kun­gen hal­te: Eine Pro­duk­ti­on zwei­ter Klas­se, ein bes­se­res Revi­val des Geists von B‑Movies. Le Sang des aut­res ent­hält Sequen­zen, die selt­sam an Ros­sel­li­ni gemah­nen (inso­fern, dass Ros­sel­li­ni sich nie mit Fein­sin­nig­kei­ten bla­mier­te – er war nie ein Manie­rist – er lös­te die stärks­ten Ein­drü­cke mit den ein­fachs­ten Mit­teln aus: er hat eine Spra­che des Zooms erfun­den, die bis heu­te ihres­glei­chen sucht): Zum Bei­spiel eine Sequenz im Mor­gen­grau­en, in der die Hel­din die Sei­ne über die Pont de la Con­cor­de über­quert, als am hin­te­ren Teil des Plat­zes ein Motor­rad mit Bei­wa­gen mit zwei deut­schen Sol­da­ten erscheint. Ein guter Fil­me­ma­cher, das ist in ers­ter Linie wer, der ein star­kes Bild fin­det, das drei­ßig ande­re ersetzt. Er ver­steht es dort zu kon­den­sie­ren, wo es nötig ist – und zu erwei­tern, wo es nötig ist. Zu die­sem The­ma gibt es eine erhel­len­de Bemer­kung von Truf­f­aut zu Wel­les (in der Spe­zi­al­aus­ga­be der Cahiers zu Orson Wel­les[3]).

Was die­se zwei Aspek­te betrifft – Kon­den­sa­ti­on und Erwei­te­rung –, ist Klas­sen­ver­hält­nis­se ein Mus­ter­bei­spiel der Kräf­te­ver­tei­lung am Ran­de des­sen, was man aus­drü­cken kann. Das Schrei­ben Kaf­kas ins Kino zu über­tra­gen, fällt genau­so schwer, wie ein Buch über Fritz Langs Bey­ond a Reasonable Doubt zu schrei­ben. Den Straubs ist es gelun­gen, ihre Zuschau­er so zu kon­di­tio­nie­ren und zu dis­zi­pli­nie­ren, dass nie eine Beloh­nung erwar­tet wird. Eini­ge ihrer in ihre Kan­ta­ten ein­ge­schrie­be­nen Kon­zep­te über­stei­gen manch­mal die Kapa­zi­tä­ten der Wahr­neh­mung, die uns die so geschickt bemes­se­ne Zeit ihrer Fil­me gewährt, auch wenn – und das ist unse­re Frei­heit – ihre Fil­me stets als Gan­zes arbei­ten, dan­ke der feh­ler­haf­ten, selek­ti­ven, abge­lenk­ten Auf­merk­sam­keit der Zuschau­er: Es ist unmög­lich alles von einem Film der Straubs zu ver­ges­sen. Klas­sen­ver­hält­nis­se ist da wie ein gro­ßer Roman: Mit ihm bekommt man das sel­te­ne Gefühl, allein zu sein. Dann sieht man die Din­ge, die Orte, die Lebe­we­sen wie im Traum. Dann bereist man sein wah­res Leben. Die Fik­ti­on (die­se Rei­se) erlaubt eine wun­der­ba­re Ver­tei­lung die­ser Momen­te der Kon­den­sa­ti­on und der Erwei­te­rung: in der gerings­ten Funk­ti­ons­ein­heit des Films. Die größ­ten Fil­me zir­ku­lie­ren unter sich durch Erin­ne­rung: Die­se Erin­ne­rung ist nicht quan­ti­fi­zier­bar, aber inten­siv: Die Sequenz mit dem Essens­korb und dem durch­such­ten Rei­se­kof­fer erin­nert an die Ver­bre­chen im Mond­schein bei John Ford. Das alte Kino exis­tiert nicht mehr (ohne einen undeut­li­chen Zustrom von Neu­aus­ga­ben). John Ford war, in sei­ner Zeit, eine Aus­nah­me. Ein stren­ger Fil­me­ma­cher, der ganz und gar in der Gegen­wart war; dort ist er immer noch. Klas­sen­ver­hält­nis­se ist ein Film in der Gegen­wart: die Gegen­wart einer von einem Schrift­stel­ler in sei­ner spe­zi­fi­schen Kul­tur ima­gi­nier­ten Wirk­lich­keit, eine Wirk­lich­keit, die die Straubs gemäß der inzwi­schen ver­gan­ge­nen Zeit neu zusam­men­set­zen, das gan­ze Gewicht abwie­gend im Kino oder bes­ser gesagt in einem Film. Ein Film ohne Effek­te: Die Schön­heit kommt von den Din­gen und Lebe­we­sen. Wie bei den gro­ßen Vor­bil­dern: Ros­sel­li­ni und Bres­son. Die Schön­heit fin­det sich genau dort, wo man nicht mehr unter­schei­den kann, ob dort Schau­spie­ler, Figu­ren oder Men­schen agie­ren. Aber sie wirkt noch stär­ker, wenn der Raum und Zeit völ­lig neu zusam­men­ge­setzt wer­den. Das Pfei­fen eines Zuges, befreit von jeg­li­cher fik­tio­na­ler Last, kann zu Trä­nen rüh­ren. Die Kathar­sis fin­det sich in die­ser lan­gen Geduld.

Pas­si­on von Godard hin­ter­lässt eben­so eini­ge Erin­ne­run­gen. Die tableaux vivants. Ober­fläch­lich betrach­tet, von Ruiz ent­lie­hen – weni­ger gelun­gen als bei Ruiz. Genau­er betrach­tet eine Aus­ein­an­der­set­zung mit einem Film eines ehe­ma­li­gen Gleich­ge­sinn­ten: Paso­li­ni: La ricot­ta (RoGo­PaG, das waren Ros­sel­li­ni, Godard, Paso­li­ni und ohne Bedeu­tung hier, Gre­go­ret­ti). Als Aus­ein­an­der­set­zung mit La ricot­ta: Je wei­ter, ver­bor­ge­ner, geheim­nis­vol­ler der Weg, des­to stär­ker die Ver­bin­dung. Die Respekt­lo­sig­keit ist vom glei­chen Schlag wie die Paso­li­nis: aggres­siv und nörg­le­risch. Aber Godard ist ein zu erns­ter Künst­ler, um nicht eini­ge sei­ner Effek­te zu ver­feh­len oder er ist zu aggres­siv, um sie nicht ver­feh­len zu wol­len. Auch wenn Ruiz eben­so ernst­haft ist, ist er nicht respekt­los: Bei ihm gehts ums Prestige.

Der ande­re, bei dem sich Godard in Pas­si­on tief­grün­dig leiht: Josef von Stern­berg. Der Stern­berg von Jet Pilot. Die Him­mel mit ihren metal­le­nen Far­ben: Das ist nur die offen­sicht­li­che Spit­ze des sel­ben Eis­bergs, oder bes­ser gesagt die Assi­mi­la­ti­on von Stern­berg durch Godard. Tief­grün­di­ger ist die­se amü­sier­te aber ver­bit­ter­te Distanz – es ist uns nicht gege­ben, zu ver­ste­hen, woher sie kommt –, aus der die bei­den ihre Figu­ren in rea­lis­ti­schen oder sym­bo­li­schen Kiel­was­sern betrach­ten. Die tableaux vivants von Godard füh­ren auf die Insel Anata­han.[4] Jeder folgt sei­nem Weg. Godard hat das schon vor zwan­zig Jah­ren gemacht, in Le Mépris.

(Aus dem Fran­zö­si­schen von Patrick Holzapfel.)


[1] als sich mit der mise en scè­ne rei­men­der Aus­druck von Biet­te ver­wen­det, wort­wört­lich „Bau­be­ginn“

[2] Biet­te ver­wen­det hier das von Jean Epstein gepräg­te Wort pho­to­gé­nie, meint damit also die Eigen­schaf­ten der gefilm­ten Objek­te, die das Kino aus die­sen hervorholt

[3] Orson Wel­les (Cahiers du Ciné­ma, Hors Série no. 12), Berga­la, Nar­bo­ni, Edi­ti­on de l’Etiole-Cahiers-du-Cinéma, Paris 1982.

[4] Anata­han ist ein Film Josef von Sternbergs