Lose Räder: Zur Frage des Realismus in Ladri di biciclette

Eines vor­ab: Die Stel­lung der Fahr­rad­die­be als Zen­tral­mas­siv im Pan­the­on der Film­ge­schich­te ist mir bewusst – es wur­de schon so vie­les über die­sen Film gesagt und geschrie­ben; Cine­phi­le, Fil­me­ma­cher, Kri­ti­ker und Künst­ler, Zeit­ge­nos­sen und Nach­ge­bo­re­ne haben ihn mit Lob über­häuft, akri­bisch ana­ly­siert und unwi­der­ruf­lich dem Kanon über­ant­wor­tet. Die­se Hei­lig­spre­chung hat viel­leicht sogar den Blick auf das übri­ge Schaf­fen sei­ner Urhe­ber ver­stellt, ins­be­son­de­re jenes Vitto­rio De Sicas, der oft dar­auf redu­ziert wird, mit die­sem Film dem Neo­rea­lis­mus die Kro­ne auf­ge­setzt zu haben, obwohl sein Oeu­vre als Schau­spie­ler und Regis­seur eine weit­aus grö­ße­re Band­brei­te an Gen­res, Sti­len und Stim­mun­gen bereit­hält. Und es wäre doch wohl die Auf­ga­be einer enga­gier­ten Cine­phi­lie, mit sol­chen Gemein­plät­zen auf­zu­räu­men, eine Gegen­his­to­rie zu pro­po­nie­ren, ein Schlag­licht auf ver­nach­läs­sig­te Facet­ten iko­ni­scher Figu­ren und Strö­mun­gen zu wer­fen, um das ein­di­men­sio­na­le, har­mo­ni­sche Film­ge­schichts-Bild, das unser Kol­lek­tiv­be­wusst­sein besetzt hält, auf­zu­bre­chen und aus­zu­wei­ten. Im Übri­gen ist es müßig, sich wei­ter mit Ladri di bici­c­lette zu beschäftigen.

Spre­chen wir also über Ladri di bici­c­lette.

Man stel­le sich vor, man erkun­digt sich als ahnungs­lo­ser Außen­ste­hen­der bei einem Kino­ken­ner, was es denn nun eigent­lich mit die­sem „Neo­rea­lis­mus“ auf sich habe, und er zeigt einem als Ant­wort die­sen Film. Wel­che Schlüs­se könn­te man dar­aus zie­hen, was wür­de einem auf­fal­len im Ver­gleich zu gewohn­tem Gegen­warts­ki­no, was steckt hin­ter den Flos­keln von den „ech­ten Men­schen“, die man „drau­ßen auf den Stra­ßen“ gefilmt hat, was ist damit gemeint?

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Tat­säch­lich zeigt die ers­te Ein­stel­lung des Films eine Stra­ße, genau­er gesagt einen Lini­en­bus, der lang­sam ein leich­tes Gefäl­le her­un­ter­tu­ckert und an einer Hal­te­stel­le abbremst. Die Pas­sa­gie­re stei­gen aus, einer von ihnen wird von einer grö­ße­ren Grup­pe Umste­hen­der bedrängt, ein Pulk ent­steht und setzt sich in Rich­tung eines noch unbe­stimm­ten Ziels in Bewe­gung. Die Kame­ra bleibt in der Tota­le, schwenkt erst mit dem Bus mit und folgt dann der Men­schen­men­ge, all­die­weil läuft der Vor­spann unbe­küm­mert über das Gesche­hen. Es ist eine Sze­ne, wie sie gewöhn­li­cher nicht sein könn­te, auf­ge­nom­men aus der Per­spek­ti­ve eines teil­nahms­lo­sen Beob­ach­ters, der etwas abseits sei­ne Zeit ver­trö­delt. Noch deu­tet abge­se­hen vom weh­mü­ti­gen Sound­track Ales­san­dro Cico­gni­nis nichts auf eine Insze­nie­rung hin, so oder so ähn­lich könn­ten sich ver­gleich­ba­re Non-Ereig­nis­se auch vor unse­ren eige­nen halb-inter­es­sier­ten Augen abspie­len, wären wir vor Ort zuge­gen. Und es ist ein rich­ti­ger Ort, der auch ohne Film einer wäre: Im Hin­ter­grund wei­sen Häu­ser­blö­cke in die Tie­fe, aus man­chen Fens­tern lugen Laken und flat­tern im Wind, das Mau­er­werk wirkt alt und mit­ge­nom­men. Das rela­tiv tie­fen­schar­fe Bild wird von peri­pher auf­ge­pflanz­ten Figu­ren punk­tiert, ver­ein­zel­te Pas­san­ten lau­fen umher. Über­dies ist nicht nur an den Schat­ten klar erkenn­bar, dass die Son­ne für Beleuch­tung sorgt und nicht etwa ein Schein­wer­fer. Für eine der­art unschein­ba­re Auf­nah­me wäre dies ein enorm auf­wän­di­ges Stu­dio-Set. Man ist bereits in die­ser ers­ten Minu­te geneigt, von einer „rea­lis­ti­schen“ Atmo­sphä­re zu spre­chen, und zwar in dem Sin­ne, dass hier gewis­se Din­ge vor der Lin­se exis­tie­ren und pas­sie­ren, die sich nicht um sel­bi­ge sche­ren, sich in ihrem Wesen und in ihrer Erschei­nung nicht erst für das Kino her­aus­bil­den – oder zumin­dest den Ein­druck erwe­cken, als ob es so wäre, indem sie besag­ten Din­gen ähneln, die im Regel­fall kei­ner Auf­merk­sam­keit für wür­dig erach­tet wer­den, da sie zu tri­vi­al anmu­ten: Ansich­ten und Vor­gän­ge, die gera­de ihre All­täg­lich­keit, ihre Ver­an­ke­rung in einer geteil­ten und ver­meint­lich ver­trau­ten Rea­li­tät einer Wahr­neh­mungs-Infla­ti­on unterwirft.

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Ober­fläch­lich ver­bleibt Ladri di bici­c­lette sei­ne gesam­te Spiel­zeit über in die­sem doku­men­ta­ri­schen Modus. Ober­fläch­lich, weil es um die Ober­flä­chen geht: Die Stra­ßen (die zwar einen zen­tra­len, aber kei­nes­wegs den exklu­si­ven Schau­platz des Films bil­den), die Gebäu­de, die Inte­ri­eurs, das Mobi­li­ar, die Klei­dung, die Kör­per, die Gesich­ter, und bis zu einem gewis­sen Grad auch die Situa­tio­nen sind dar­auf geeicht, den genann­ten Rea­li­täts­ef­fekt zu erzeu­gen. Es geht nicht nur um die Anhäu­fung von Details, son­dern wesent­lich auch um deren Beschaf­fen­heit. Sie sind so gear­tet, dass man sie als Zuschau­er (vor­aus­ge­setzt, man wäre 1948 in Rom ansäs­sig gewe­sen) wie­der­erkennt: So oder so ähn­lich hat man die­se Din­ge auch schon außer­halb des Kinos gese­hen und erlebt, im All­tag, und die­se Ver­wandt­schaft ist ein ent­schei­den­des Wahr­heits­at­test der Bil­der. Das zwei­te, nicht min­der bedeu­ten­de ist der Umstand, dass man sie oft auch auf die­se Wei­se gese­hen hat: Im Hin­ter­grund, im Vor­bei­lau­fen, aus dem Augen­win­kel. Wenn die von Lam­ber­to Mag­giora­ni gespiel­te Haupt­fi­gur Anto­nio mit Freund und Sohn im Schlepp­tau durch einen Fahr­rad­markt schlen­dert, um sein gestoh­le­nes Gefährt aus­fin­dig zu machen, schweift die Kame­ra im Gegen­schuss die Läden ent­lang wie ein suchen­der, flüch­ti­ger Blick, und was wir sehen, ist viel zu über­bor­dend, um es auf ein­mal zu erfas­sen und ver­ar­bei­ten, auch weil uns nie­mand sagt, was davon wich­tig ist. Sind es die Men­schen­trau­ben im Vor­der­grund, die Hand­wer­ker wei­ter hin­ten, die auf­ge­häng­ten Rei­fen und Fel­gen, oder doch die kulis­sen­haf­ten Säu­len­rei­hen, die sich über die Sze­ne­rie recken? Die Fül­le, ihre Unbe­wäl­tig­bar­keit durch Film und Betrach­ter kün­det von der Wirk­lich­keit des Blicks.

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Inter­es­sant ist aber, dass die­se Wirk­lich­keit der Über­fül­le, die einen Groß­teil der Ein­stel­lun­gen von Ladri di bici­c­lette im Wort­sin­ne belebt, oft­mals hoch­gra­dig künst­lich ist. Die Rede vom Ein­lass uner­heb­li­cher Neben­säch­lich­kei­ten in her­me­ti­sche Kino­kon­struk­tio­nen gehört zu den Schib­bo­leths neo­rea­lis­ti­scher His­to­rio­gra­fie. Mark Cou­sins etwa kom­men­tiert in sei­nem Bil­dungs-TV-Monu­men­tal­werk „The Sto­ry of Film“ die Sze­ne, in wel­cher der klei­ne Bru­no gegen Ende des Films sei­nem koma­tös durch die Stra­ßen hat­schen­den Vater hin­ter­her­he­chelt und dabei bei­na­he von zwei Autos über­fah­ren wird, folgendermaßen:

„In a Hol­ly­wood film the dad would have seen this and grab­bed the boy and scold­ed him or com­for­ted him, but also rea­li­zed how much he loved him. But in Ita­li­an neo­rea­lism such moments just hap­pen­ed, wit­hout cau­se or effect. It was a loo­se end. It didn’t play back into the plot.”

Dies ist eine bes­ten­falls blau­äu­gi­ge Behaup­tung. Es gibt in den Fil­men, die land­läu­fig dem Neo­rea­lis­mus zuge­rech­net wer­den – eben­so wie anders­wo – zwei­fel­los Bei­spie­le für das, was Cou­sins hier beschreibt, aber sein Exem­pel hält der Erhe­bung zum Zufalls­hund oder „losen Ende“ nicht stand. Das der Augen­blick offen­kun­dig insze­niert ist (nicht ein­mal der extrems­te Neo­rea­list wür­de ein Kind für sei­ne Kunst sol­cher Gefahr aus­set­zen), soll­te einem schon Auf­schluss dar­über geben, dass er eine ver­hält­nis­mä­ßig kla­re Funk­ti­on erfüllt, die sich durch­aus über den Plot defi­niert: Er ver­mit­telt bei­spiels­wei­se die tota­le Hoff­nungs­lo­sig­keit Anto­ni­os, der von der Erkennt­nis der Frucht­lo­sig­keit sei­ner beschwer­li­chen Suche in einen kum­mer­vol­len Trance-Zustand ver­setzt wor­den ist und dar­ob kurz­zei­tig sogar sei­nen Sohn ver­gisst, um des­sent­wil­len er sich die gan­ze Zeit über abge­müht hat; oder den Man­gel an Soli­da­ri­tät und Barm­her­zig­keit, der den Film durch­dringt und hier in den rück­sichts­los am Jun­gen vor­bei­ra­sen­den PKWs ein unauf­dring­li­ches Sinn­bild fin­det. Zwar wahrt De Sica Distanz mit der Kame­ra und schlach­tet die Sze­ne, die das spre­chen­de Ereig­nis auch fokus­sie­ren und akzen­tu­ie­ren hät­te kön­nen, emo­tio­nal nicht aus (das erle­digt in die­sem Fall ohne­hin die Musik), aber es ist immer noch alles ande­re als ein bei­läu­fi­ges, eph­eme­res Blät­ter­ra­scheln ohne poe­ti­schen Sinn und Zweck. Der sprich­wört­li­che Ein­bruch der Rea­li­tät muss also anders­wo von stat­ten gehen.

Viel­leicht wür­de eine Mar­gi­na­lie aus De Sicas I bam­bi­ni ci guard­a­no ein bes­se­res Bei­spiel abge­ben: Die Kern­fa­mi­lie des Films posiert für ein idyl­li­sches Strand­por­trät, das Ober­haupt betä­tigt den Selbst­aus­lö­ser sei­ner Kame­ra; ein fre­cher Ben­gel nutzt die Chan­ce für eine Foto­bom­be und mischt sich unbe­merkt ins Bild. Auf den ers­ten Blick ist die­ser anek­do­ti­sche Ein­schub nichts wei­ter als ein unbe­darf­ter Ulk, des­sen Albern­heit sich mit der doch eher melan­cho­li­schen Grund­stim­mung des Films schnei­det und die­se tem­po­rär für die Mög­lich­kei­ten ande­rer Tim­bres und Tex­tu­ren öff­net, der also nichts ande­res im Sinn hat als die Aus­stel­lung der wider­sprüch­li­chen, dis­har­mo­ni­schen Par­al­le­li­tät disper­ser Exis­ten­zen und Atmo­sphä­ren, die einen das Dasein immer­zu spü­ren lässt. Doch die Insze­nie­rung gestal­tet sich hier noch augen­fäl­li­ger als in Cou­sins‘ Exem­pel – jenes war ein Rechts­schwenk aus der Tota­le, hier haben wir eine mehr­stu­fi­ge Auf­lö­sung – was wie­der­um die Ver­mu­tung nahe­legt, der Moment habe nar­ra­ti­ven Gehalt; und tat­säch­lich kommt man nicht umhin, ihn als iro­ni­schen Kom­men­tar auf das Selbst­bild der Fami­lie zu lesen, die ein ein­träch­ti­ges Außen kul­ti­viert, wäh­rend das inne­re Gefü­ge kurz vor dem Zusam­men­bruch steht.

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Zurück zu den Fahr­rad­die­ben: Dort gibt es eine Rand­no­tiz, die Cou­sins‘ Ansprü­chen schon eher gerecht wird. Bru­no und Anto­nio stel­len sich cir­ca auf hal­ber Stre­cke ihrer Odys­see wegen strö­men­den Schau­ern bei einer Häu­ser­front unter (ein­ge­quetscht zwi­schen frap­pier­ten öster­rei­chi­schen Ordens­brü­dern, die sich gut hör­bar und ver­gleichs­wei­se glaub­haft auf Deutsch über „den Salz­bur­ger Schnürl­re­gen“ unter­hal­ten – noch so ein lust­voll über­flüs­si­ger Rea­li­täts-Mar­ker). Als der Nie­der­schlag ver­siegt, erspäht Anto­nio den Dieb schräg gegen­über und nimmt die Bei­ne in die Hand, sein über­rasch­ter Sohn folgt ihm auf dem Fuße. Am rech­ten Rand des Kaders – wie­der han­delt es sich um eine Tota­le – pas­siert zugleich etwas völ­lig Neben­säch­li­ches: Ein alter Händ­ler kippt im Sit­zen sei­nen klei­nen Stand, um das ange­sam­mel­te Regen­was­ser abflie­ßen zu las­sen. Das ist nun wirk­lich ein loses Ende – solch eine ver­hal­te­ne Fein­heit dient aus­schließ­lich dem Rea­lis­mus und nichts ande­rem. Die Hand­lung des Man­nes drängt sich dem Zuschau­er nicht auf, sie steht für sich und ist in sich geschlos­sen, die Erzäh­lung wird nicht davon affi­ziert, ob man sie zur Kennt­nis nimmt oder nicht. Aber wie bereits beschrie­ben erzeugt sie, gera­de weil sie jeg­li­cher Not­wen­dig­keit ent­behrt, ein Gefühl von Wirk­lich­keits­nä­he. Denn Wirk­lich­keit ist para­do­xer­wei­se nicht das, was pas­sie­ren muss, es ist das, was pas­sie­ren könn­te. Das Kino selbst bezieht sei­ne eigen­tüm­li­che Kraft schon seit sei­ner Geburt aus dem Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Kon­trol­le und Kon­tin­genz, die ihm von Natur aus inne­wohnt; dar­aus näm­lich, dass jede noch so luft­dich­te Mise en Scè­ne von so etwas wie Zufall, und sei es nur das unwill­kür­li­che Zucken im Gesicht eines Schau­spie­lers, infil­triert wer­den kann. Kino bleibt immer verwundbar.

Doch auch das eben gebrach­te Bei­spiel erweist sich wenig über­ra­schend als kal­ku­lier­te Kon­tin­genz, zumal der Regen­guss ein fal­scher war, den De Sica angeb­lich mit Hil­fe der ört­li­chen Feu­er­wehr arran­gier­te. Je näher man sich mit Ladri di bici­c­lette aus­ein­an­der­setzt, des­to augen­schein­li­cher wird, dass sein Rea­lis­mus eine sorg­fäl­ti­ge, fast schon pedan­ti­sche Kon­struk­ti­on dar­stellt. Sehen wir dem Film, der mit Groß­auf­nah­men nicht geizt, ins Gesicht:

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Sind das die Gesich­ter „ech­ter“ Men­schen? Ich weiß es nicht; Men­schen sind es auf alle Fäl­le, und Star­vi­sa­gen sehen anders aus. Aber banal und aus­drucks­los kann man die­se Ant­lit­ze auch nicht nen­nen, im Gegen­teil: Ihnen eig­net allen eine bemer­kens­wer­te Expres­si­vi­tät, die zwi­schen dem Typen­haf­ten und dem Natür­li­chen oszil­liert. Sie sind mar­kant und zei­gen alle etwas an, das über das blo­ße Mensch-sein hin­aus­geht, ohne rest­los in die­sen Ideen auf­zu­ge­hen: brü­chi­ge Wür­de, schwin­den­de Unschuld, rup­pi­ge Wut. Jeden die­ser Lai­en­dar­stel­ler könn­te man sich in einer Par­al­lel­di­men­si­on als cha­rac­ter actor den­ken. Sie wur­den mit Bedacht für ihre Rol­len aus­ge­wählt, womög­lich auch, weil ihre Phy­sio­gno­mien eine ima­gi­nier­te Quer­sum­me der Gesich­ter bestimm­ter ita­lienei­scher Milieus ihrer Zeit bil­den (Milieus, die im Grun­de erst durch sol­che Ima­gi­na­tio­nen gene­riert wer­den), aber defi­ni­tiv nicht, weil sie so „echt“ sind, dass sie im All­tag nie­mals jeman­dem auf­fal­len wür­den. Ihr Allein­stel­lungs­merk­mal ist nicht die Abwe­sen­heit von Beson­der­hei­ten, son­dern die Deut­lich­keit ihrer Authen­ti­zi­tät, die wider­sprüch­li­che Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der man bei ihrem Anblick sagen wür­de: „Das ist ein Mensch, das ist eine/​r von uns.“ Wo bleibt nun der wah­re Zufall, das Ver-Sehen, das sich dem Zugriff des Regis­seurs ent­zieht? Mög­li­cher­wei­se fin­det es sich nur im grel­len Licht, das in den Außen­auf­nah­men auf den Gesich­tern flirrt und das Pflas­ter küsst.

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Oder kann man Neo­rea­lis­mus nar­ra­tiv ver­ste­hen, über die im ent­spre­chen­den Dis­kurs viel­be­schwo­re­ne Scho­nungs­lo­sig­keit, mit der die Zeit­ge­schich­te in die­sen Fil­men por­trä­tiert wird? Es lässt sich nicht leug­nen, dass Ladri di bici­c­lette, nament­lich Cesa­re Zava­tti­nis Dreh­buch, sein Augen­merk auf gesell­schaft­li­che Gege­ben­hei­ten legt, deren Bewusst­sein nicht ange­nehm ist, und auch davon absieht, die­sen ihren Sta­chel zu stut­zen. Es ist ein Wirk­lich­keits­ver­ständ­nis, das äußerst flap­sig for­mu­liert wie folgt funk­tio­niert: „Ihr glaubt viel­leicht, bei uns ist alles eitel Won­ne, aber im Leben gibt’s für vie­le oft kein Hap­py End. In Wirk­lich­keit vert­schüs­sen sich die Pro­ble­me unse­rer Mit­men­schen nicht wie von Zau­ber­hand – Pro­ble­me, an denen ihr alle einen Anteil und womög­lich sogar Mit­schuld habt – und das Erzähl­ki­no darf die Augen nicht vor die­sen Miss­stän­den ver­schlie­ßen!“ Der Rea­li­täts­be­griff wird hier­bei in Dif­fe­renz zum Bild des Kinos als blen­den­der Lust­ma­schi­ne aus­ge­prägt. Doch der Gegen­ent­wurf ist der eines Kinos als (unmög­li­cher) Unlust­ma­schi­ne, die eben­so weit ent­fernt ist von jeder geleb­ten Wirk­lich­keit. „Rea­li­tät“ bedeu­tet in die­sem Kon­text schlicht­weg den berech­tig­ten Wider­stand gegen die Rea­li­tät der Mehr­heit. Die­ser Ges­tus der Gegen­wehr tritt im Mani­fest­cha­rak­ter der letz­ten Ein­stel­lung von Ladri di bici­c­lette unmiss­ver­ständ­lich zuta­ge. Eigent­lich ist es kein „schlech­ter“ Aus­gang, nur ein offe­ner, der die Prot­ago­nis­ten an einer ungüns­ti­gen Stel­le ver­lässt. Aber die Art, wie sie mit der Mas­se ver­schmel­zen, zwei Schick­sa­le unter Tau­sen­den, schreit das Publi­kum förm­lich an: Ihr habt die­ses Ende zu ver­ant­wor­ten! Wollt ihr wirk­lich damit leben?

Eines soll­te wohl jedem klar sein: Alle bis­her genann­ten Metho­den, Ansät­ze und Eigen­schaf­ten fin­den sich hier weder zum ers­ten noch zum letz­ten Mal in der Geschich­te des Kinos, nicht ein­mal in jener des ita­lie­ni­schen. Es gibt unzäh­li­ge Vor­läu­fer, Vor­den­ker, Vor­ar­bei­ter, und bestimmt auch den einen oder ande­ren Soli­tär, der schon viel frü­her wesent­lich radi­ka­le­re Visio­nen ver­gleich­ba­rer Stoß­rich­tung ver­wirk­licht hat – denn die­se gibt es immer, selbst wenn man es nicht für mög­lich hält. Und das führt uns wie­der zur Fra­ge des Kanons.

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Es darf wohl ohne wei­te­res behaup­tet wer­den, dass Ladri di bici­c­lette außer­halb von cine­phi­len Krei­sen als das Vor­zei­ge­werk des Neo­rea­lis­mus gilt. Aber war­um gera­de die­ser Film, wenn wir doch soeben gezeigt haben, dass es bei all sei­nen unleug­ba­ren Qua­li­tä­ten bestimmt bes­se­re Bei­spie­le für die rück­halt­lo­se Hin­ga­be an eine Wirk­lich­keit gibt, die also in höhe­rem Maße zuge­las­sen haben, dass die­se sich selbst insze­niert – etwa die Arbei­ten des kaum weni­ger renom­mier­ten Rober­to Ros­sel­li­ni oder Luch­i­no Vis­con­tis La ter­ra tre­ma. Eine mög­li­che Ant­wort liegt in sei­ner Rund­heit. Damit ist kein Man­gel an Kom­ple­xi­tät gemeint, son­dern eine Ganz­heit und Voll­stän­dig­keit selbst inner­halb die­ser Kom­ple­xi­tät – der Ein­druck, dass alles „passt“, jede künst­le­ri­sche Ent­schei­dung mit jeder ande­ren ver­knüpft ist und sich alle mit­ein­an­der gegen­sei­tig bedin­gen, so dass selbst die Ele­men­te, die wirk­lich dem Zufall ent­sprun­gen sind, absichts­voll erschei­nen. Beim über­wie­gen­den Teil des Kanons (der zuge­ge­be­ner­ma­ßen immer schon eine außer­or­dent­lich dif­fu­se Kon­zep­ti­on war und suk­zes­si­ve schwie­ri­ger zu fas­sen wird – als mus­ter­gül­ti­ge Spit­ze des Eis­bergs fun­gie­ren oft die Top 10 der berühm­ten Sight-&-Sound-Bestenliste) han­delt es sich um Fil­me, die eben kei­ne „losen Enden“ haben, son­dern wir­ken wie aus einem Guss: Buch­stäb­li­che Genie­strei­che, vir­tu­os und auf eine Poin­te hin aus­ge­führt, die mit aller Kraft ins Schwar­ze trifft. Man kann sich dar­auf eini­gen, weil es inner­halb ihres jewei­li­gen künst­le­ri­schen Gefü­ges nichts gibt, was prin­zi­pi­ell Wohl­ge­son­ne­ne ent­zwei­en könn­te. Es geht um Ein­heit, Ein­heit­lich­keit und die Ein­sich­tig­keit von Ursa­che und Wir­kung, aber auch um inhalt­li­che Uni­ver­sa­li­tät, um all­ge­mein Mensch­li­ches trotz aller Spe­zi­fi­zi­tät im Detail. So ist auch die Geschich­te um Bru­no und Anto­nio unge­ach­tet der essen­ti­el­len Funk­ti­on ihrer his­to­ri­schen Ver­or­tung und ihres Lokal­ko­lo­rits ein strom­li­ni­en­för­mi­ges Gebil­de mit straf­fem Span­nungs­bo­gen, das auch unter ver­än­der­ten Vor­zei­chen nichts von sei­ner emo­tio­na­len Wucht ver­lie­ren wür­de, eine in ihren Kern­aspek­ten klas­si­sche Hel­den­rei­se mit Figu­ren, deren Aktio­nen man durch­wegs nach­voll­zie­hen kann, auch wenn man nicht mit ihnen ein­ver­stan­den ist. Dar­auf fußt zu einem nicht unbe­trächt­li­chen Teil auch der Erfolg von Gegen­warts­rea­lis­ten wie den Darden­ne-Brü­dern, deren jün­ge­re Arbei­ten eher an De Sica anschlie­ßen als an Ros­sel­li­ni. Der Motor ist hier wie dort jene huma­nis­ti­schen Kapi­tal­weis­heit, aus der ein ande­rer kano­ni­scher Film ein prä­gnan­tes Zitat geschnitzt hat: „You see, in this world the­re is one awful thing, and that is that ever­yo­ne has his reasons.“ Aber was ist mit den Fil­men, deren Grün­de uner­gründ­lich sind?