Musica italiana: Alessandro Cicogninis Kompositionen für Vittorio de Sica

Wenn ich über Vitto­rio de Sicas Fil­me und ihre Beson­der­hei­ten nach­den­ke, ist die Musik sicher­lich nicht das ers­te, was mir ein­fällt. Viel­mehr hat sich die Musik in sei­nen Fil­men der 40er und 50er-Jah­re in mein Gedächt­nis als sehr klas­sisch ein­ge­prägt; ich hat­te jedoch zuge­ge­be­ner­ma­ßen nie­mals Zeit und Muße mich näher damit zu beschäf­ti­gen. Des­halb habe ich unse­re De Sica-Retro­spek­ti­ve genutzt, um mich näher mit die­sem The­ma zu befassen.

Betrach­tet man De Sicas umfang­rei­ches Werk fällt auf, dass er mit zahl­rei­chen Kom­po­nis­ten zusam­men­ge­ar­bei­tet hat, beson­ders sticht aller­dings der Name Ales­san­dro Cico­gni­ni her­vor, der sich für die Musik von ins­ge­samt acht Fil­men unter der Regie von De Sica ver­ant­wort­lich zeigt (sie­ben davon im Zeit­raum zwi­schen 1946 und 1956). Es han­delt sich also um eine Zusam­men­ar­beit in eben jener neo­rea­lis­ti­schen Schaf­fens­pha­se, die das Bild, das wir heu­te von De Sica haben, maß­geb­lich geprägt hat. Eine Unzahl von Tex­ten cine­phi­ler und film­wis­sen­schaft­li­cher Autoren setzt sich mit dem The­ma des Neo­rea­lis­mus aus­ein­an­der, dabei wird oft sehr wenig auf die Musik die­ser Fil­me ein­ge­gan­gen. Das mag wohl größ­ten­teils dar­an lie­gen, dass die Musik (so wie es auch mir ergan­gen ist) beim ers­ten Hin­hö­ren kaum Beson­der­hei­ten auf­weist, die sich in Zusam­men­hang mit der neo­rea­lis­ti­schen Aus­prä­gung des Films sehen lässt. Cico­gni­nis Kom­po­si­tio­nen bil­den da kei­ne Aus­nah­men; zwar wur­de sei­ne Musik von Kri­ti­kern meist posi­tiv kom­men­tiert und er wur­de 1949 für sei­ne Arbeit an Ladri di Bici­c­lette mit dem Nas­tro d’Argento aus­ge­zeich­net, doch sind umfang­rei­che­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sei­ner Musik sehr rar.

Dabei lohnt sich eine genaue­re Betrach­tung sei­ner Kom­po­si­tio­nen und deren Ein­satz in den Fil­men De Sicas; so fal­len sein öko­no­mi­scher Ein­satz von musi­ka­li­schem Mate­ri­al und vie­le Fein­hei­ten bei der Orches­trie­rung auf, die sich teil­wei­se stark von schein­bar ähn­li­chen Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken aus Hol­ly­wood unterscheiden.

Schon bei sei­ner ers­ten Zusam­men­ar­beit mit De Sica für den Film Sci­uscià (1946) ent­schei­det sich Cico­gni­ni dafür, ein ein­zi­ges domi­nan­tes musi­ka­li­sches The­ma als Grund­la­ge für die gesam­te Musik zu kom­po­nie­ren: eine fröh­li­che Melo­die in den Holz­blä­sern, die Asso­zia­tio­nen zur kind­li­chen Ver­spielt­heit der Prot­ago­nis­ten Pas­qua­le und Giu­sep­pe weckt. Die­ses The­ma wird in einer Art kur­zen Ouver­tü­re zu Beginn des Films expo­niert und von schwe­ren Akkor­den in den Blech­blä­sern kon­tras­tiert, die spä­ter die Machen­schaf­ten der kri­mi­nel­len Gesell­schaft, in wel­che die bei­den Jun­gen hin­ein­ge­zo­gen wer­den, sym­bo­li­siert. Cico­gni­ni gelingt es nicht nur mit dem kur­zen Haupt­the­ma die bei­den Prot­ago­nis­ten zu cha­rak­te­ri­sie­ren, son­dern er passt das The­ma durch klei­ne Ver­än­de­run­gen in der Instru­men­tie­rung und Ton­la­ge an die ver­schie­dens­ten Situa­tio­nen an, die wäh­rend der Hand­lung durch­lau­fen wer­den. Die Metho­de, mit der Cico­gni­ni arbei­tet unter­schei­det sich dabei gar nicht von sei­nen Kol­le­gen, die in den 30er und 40er-Jah­ren in Ame­ri­ka die bekann­ten Melo­dien der gro­ßen Hol­ly­wood-Klas­si­ker kom­po­nie­ren, schließ­lich greift er, eben­so wie z. B. Max Stei­ner und Erich Korn­gold, auf Prak­ti­ken zurück, die sich in der Oper des frü­hen 19. Jahr­hun­derts aus­bil­de­ten und von den klas­sisch aus­ge­bil­de­ten Film­kom­po­nis­ten in ihr musi­ka­li­sches Schaf­fen über­nom­men wur­de. Cico­gni­ni bevor­zugt es aller­dings mit klei­nen Ensem­bles oder Kam­mer­or­ches­tern zu arbei­ten (im Gegen­satz zu den gro­ßen, sym­pho­ni­schen Orches­tern, die viel­fach in ame­ri­ka­ni­schen Fil­men die­ser Zeit zu hören sind). Es gelingt ihm dadurch eine melo­diö­se Leich­tig­keit zu schaf­fen, die bis­wei­len an die tän­ze­ri­schen Momen­te bei Ver­di oder Puc­ci­ni, sodass die Musik sofort als „ita­lie­nisch“ erkenn­bar ist. Eben­so wie De Sicas The­men ört­lich und zeit­lich fest an das Ita­li­en der 40er und 50er Jah­re gebun­den ist, so zeigt auch Cico­gni­nis Musik eine Welt, in der ita­lie­ni­sche Opern­klas­si­ker sich im Bewusst­sein der Gesell­schaft mit zeit­ge­nös­si­schen Gas­sen­hau­ern vermischen.

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Auch in Ladri di Bici­c­lette (1948) und Umber­to D. (1952) arbei­tet Cico­gni­ni mit sehr spär­li­chem musi­ka­li­schem Mate­ri­al, um die grund­sätz­li­chen Kon­flik­te der Hand­lung offen­zu­le­gen. Die uner­träg­li­che Sta­gna­ti­on im Haupt­the­ma von Ladri di Bici­c­lette, in dem zunächst nur ein Ton umspielt wird, bevor sich die Melo­die sehr lang­sam nach unten bewegt, steht auch für eben jenen Teu­fels­kreis, in dem sich der Prot­ago­nist Anto­nio Ric­ci wie­der­fin­det: sei­nes eige­nen Fahr­rads beraubt, wird er selbst zum (erfolg­lo­sen) Fahr­rad­dieb. Neben die­sem Haupt­the­ma setzt Cico­gni­ni zu mehrt auf imi­ta­to­ri­sche Mit­tel und spie­gelt in sei­ner Musik z. B. Regen und Fahr­rad­klin­geln wider.

In Umber­to D. ver­fei­nert Cico­gni­ni sei­ne Arbeit noch wei­ter und stellt zwei kon­tras­tie­ren­de Haupt­the­men neben­ein­an­der: ein leich­tes, wal­zer­ar­ti­ges The­ma für Umber­to und eine zer­brech­lich-kind­li­che Melo­die für Maria. Die Musik legt durch den Kon­trast der bei­den The­men zuein­an­der nicht nur den äuße­ren Kon­flikt der Hand­lung offen, son­dern weist auch durch die Wahl der ein­zel­nen The­men auf die inne­ren Kon­flik­te der Figu­ren hin. Umber­to ist ein Mann, der in der Ver­gan­gen­heit lebt: trotz sei­ner Armut wür­de er es nie wagen, ohne Anzug aus dem Haus zu gehen oder in der Öffent­lich­keit von sei­nen Schul­den zu reden. Er ist unfä­hig sich mit sei­ner Situa­ti­on abzu­fin­den und bringt es nicht übers Herz, die nöti­gen Wege zur Bes­se­rung sei­ner Situa­ti­on ein­zu­lei­ten. Das Wal­zer­the­ma, das Cico­gni­ni für ihn kom­po­niert ist eben jene Ver­wei­ge­rung der Erkennt­nis, dass sich sei­ne Lebens­um­stän­de geän­dert haben; es wird so zu einem tra­gi­ko­mi­schen The­ma, das oft­mals der Situa­ti­on gar nicht ange­passt scheint. Nur in kur­zen Momen­ten der Klar­heit rutscht der Wal­zer in dunk­le, impres­sio­nis­tisch halt­lo­se Gefil­de ab und öff­net einen Blick auf das Unglück des Umber­to D. Maria hin­ge­gen hat selbst nie eine ande­re Welt erlebt, als die, in der sie sich jetzt befin­det. Sie ist jung, lebt in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen und erwar­tet ein Kind von einem unbe­kann­ten Vater. Die Musik, die sie beglei­tet kenn­zeich­net sie jedoch selbst noch als kind­lich und zer­brech­lich – ist sie bereit, die Ver­ant­wor­tung für ihr eige­nes Kind zu über­neh­men? Die­se Fra­ge las­sen De Sica und Cico­gni­ni unbe­ant­wor­tet. Im Kon­trast zwi­schen den in sei­ner Ver­gan­gen­heit gefan­ge­nen Umber­to und der in der Gegen­wart gefan­ge­nen Maria liegt ein zen­tra­ler Kon­flikt der Hand­lung, der in der Musik sicht­bar wird. Cico­gni­ni gelingt es den­noch nie­mals pla­ka­tiv zu wer­den, sei­ne The­men blei­ben in Umber­to D. stets ambi­va­lent und behal­ten es sich vor, nicht alle Fra­gen beant­wor­ten zu müssen.

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1953 wag­te sich De Sica mit Sta­zio­ne Ter­mi­ni an einen Film, der im Ver­gleich zu Umber­to D. und Ladri die Bici­c­lette sehr ame­ri­ka­ni­siert und kom­mer­zia­li­siert wirkt. Wie­der schrieb Cico­gni­ni die Musik. Es han­delt sich dabei um einen Umbruch in der Zusam­men­ar­beit der bei­den, schließ­lich ist es der ers­te nicht-neo­rea­lis­ti­sche Film, an dem sie gemein­sam arbei­ten. Gleich zu Beginn fällt die Ver­wen­dung eines gro­ßen Orches­ters auf, das mit reich besetz­ten Strei­chern das sequen­zie­ren­de musi­ka­li­sche Haupt­the­ma vor­stellt. Auch wenn die­ses The­ma dra­ma­tisch-effekt­reich und ein­gän­gig ist und im Film immer wie­der zur Ver­wen­dung kommt, so ver­mag es nur einen blas­sen Ein­druck der Situa­ti­on und der Prot­ago­nis­ten zu ver­mit­teln. Das Haupt­the­ma wird von Cico­gni­ni nicht mit sol­cher Kon­se­quenz ver­wen­det, wie er es in den vor­an­ge­gan­ge­nen Fil­men getan hat, er rei­chert die Musik immer wie­der mit rein span­nungs­er­zeu­gen­den Pas­sa­gen an, die the­ma­tisch nicht zuor­den­bar sind. Zudem fällt auf, dass die Musik im Film zu mehrt melo­dra­ma­tisch (im eigent­li­chen Sin­ne des Wor­tes) ver­wen­det wird. Dies ist eine Tech­nik, die man im klas­si­schen Hol­ly­wood-Kino sehr häu­fig, in De Sicas neo­rea­lis­ti­schen Fil­men aller­dings nur ver­ein­zelt vor­fin­det. In solch einem Ver­fah­ren tritt die Musik stark in den Hin­ter­grund und wird fast voll­stän­dig von einer kom­men­tie­ren­den oder kon­tras­tie­ren­den Funk­ti­on befreit. Zwar schafft Cico­gni­ni span­nungs­ge­la­de­ne Momen­te, doch weiß die Musik weder auf intel­lek­tu­el­ler noch auf emo­tio­na­ler Ebe­ne so zu berüh­ren, wie sie es in sei­nen frü­he­ren Arbei­ten für De Sica tut.

Dass das Kon­zept eines kom­mer­zi­el­len Films unter Zusam­men­ar­beit von De Sica und Cico­gni­ni (zumin­dest aus musi­ka­li­scher Sicht) funk­tio­nie­ren kann, zeigt L’Oro di Napo­li (1954). In der Tra­gi­ko­mö­die, die aus ins­ge­samt sechs Epi­so­den besteht, greift Cico­gni­ni wie­der auf eine kon­se­quent the­ma­tisch arbei­ten­de Tech­nik zurück. Dabei ent­wi­ckelt der Kom­po­nist für jede der ein­zel­nen Epi­so­den (außer die drit­te, wel­che völ­lig ohne musi­ka­li­sche Unter­ma­lung aus­kommt) ein ein­zel­nes pas­sen­des The­ma und zudem ein ein­heit­li­ches Ein­lei­tungs­the­ma für alle Epi­so­den. In der etwa fünf Minu­ten lan­gen Ouver­tü­re wer­den, ange­führt vom Ein­lei­tungs­the­ma, alle The­men vor­ge­stellt. In den ers­ten bei­den Epi­so­den wird Cico­gni­nis Musik zwar über wei­te Stre­cken ein­ge­setzt, doch bleibt die the­ma­ti­sche Arbeit zu vage und wenig cha­rak­te­ris­tisch, um sich wirk­lich im Gedächt­nis des Zuschau­ers ver­an­kern zu kön­nen. Erst das The­ma des Comte Pro­spe­ri (Rol­le gespielt von De Sica selbst) ver­mag mit sei­ner komi­schen Obo­en­me­lo­die und zeit­wei­se ein­ge­setz­tes Mickey-Mou­sing den Film maß­geb­lich zu berei­chern und den Zuschau­er zum Schmun­zeln zu brin­gen. In der fünf­ten Epi­so­de greift Cico­gni­ni auf dra­ma­ti­sche Effek­te ähn­lich der Musik in Sta­zio­ne Ter­mi­ni zurück, doch durch Sim­pli­zi­tät des The­mas und des­sen kon­se­quen­ter Ver­ar­bei­tung erweist sich die Musik als viel wir­kungs­vol­ler; der ers­te Auf­tritt des Don Nico­la, des­sen melan­cho­lisch-mys­ti­sche Strei­cher­be­glei­tung mit der ers­ten Sekun­de einen tie­fen Blick in die See­le die­ses gebro­che­nen Man­nes erlaubt ohne zu viel zu ver­ra­ten, gehört – dank der Musik Cico­gni­nis – zu den bes­ten Momen­ten des gan­zen Films.

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Dies ist eben die Qua­li­tät von Ales­san­dro Con­ci­gni­nis Musik: sie ist sim­pel und lässt tief bli­cken ohne etwas Kon­kre­tes zu erzäh­len. Sie deckt Kon­flik­te auf ohne sie zu sim­pli­fi­zie­ren. Sie drängt sich nicht in den Vor­der­grund, aber ver­sucht sich nicht zu ver­ste­cken. Sie ist „ita­lie­nisch“ wie De Sicas Fil­me. Sie ist ambi­va­lent, leben­dig und nie­mals in sich geschlos­sen und bleibt so zeit­los. Sie berei­chert die Fil­me De Sicas um einen wei­te­ren Aspekt, den es sich lohnt genau­er zu betrachten.