Alles wirkte ganz gewöhnlich, sähe man die erste Hälfte dieses Films ohne Ton. Ein paar Leute, junge Frauen größtenteils, hocken viel miteinander herum, sie scheinen für einen Fernsehsender zu arbeiten. Oft wird irgendetwas gebacken oder gekocht oder mit dem Auto gefahren von A nach B. Aus dem Fenster sieht man eine Großstadt, die zunächst nicht so recht zu bestimmen ist. Es scheint recht kalt zu sein. Manchmal sieht man Aufnahmen, die dem Fernsehsender entspringen, sie zeigen Polizeigewalt und Proteste, das gibt es auch in Wien oder Paris. Dass hier etwas gewaltig nicht stimmt, ist aus den Bildern allein zunächst nicht abzulesen, höchstens aus den Texttafeln, die ab und an eingeblendet werden und von einem Krieg erzählen, von der russischen Invasion in der Ukraine, die noch ein paar Monate entfernt ist zu Beginn des Films. Das sind Informationen, die das Bild eines Filmes färben, in dem viel gelacht wird. Irgendwann kommt ein großes rotes Gebäude ins Bild, das ist der Kreml.
Nur den gesprochenen Text vor sich zu haben, wäre ebenso nichtssagend. Mehr Auskunft würde das liefern, sicherlich. Man erfährt, dass die jungen Frauen nicht für irgendeinen Fernsehsender arbeiten, sondern für TV Rain, der eine oppositionelle Haltung vertritt gegenüber «Vovka», wie manche in Russland ihren Präsidenten nennen. Dass ihre Arbeit kräftezehrend und riskant ist, kann man sich denken. Gleich zu Beginn spricht eine Stimme aus dem Off von der Welt des Filmes als einer, die so nicht mehr existiert. Einen «Gehalt» aus dem gesprochenen und geschriebenen Text herauszufiltern und wiederzugeben, verfehlt den Kern dieses Filmes. Dafür gibt es Nachrichtensendungen und Zeitungen. Ein Gesetz wurde geändert, ein Bombenangriff, eine Anzahl Toter. Aus der Ferne liest man das und irgendwie nimmt man es hin.
Natürlich schaut man diesen Film nicht ohne Ton und man liest ihn auch nicht. Zu erleben, wer hier spricht, wie gesprochen wird und wo man sich befindet, ist zentral, sonst müsste My Undesirable Friends: Part I – Last Air in Moscow kein Film sein. Zentral ist auch die Gewissheit, dass es diese Leute wirklich gibt oder gab, dass es den Fernsehsender gab und nicht mehr gibt. Die politischen Umstände eines Landes, das sich kurz vor dem Einmarsch in die Ukraine befindet, liegen als Schatten über den Bildern und Figuren. Diesen Schatten stellt der Film einerseits durch erwähnte Texttafeln und die Tonebene her, die vorgreifen, der Gegenwart der Filmbilder voraus sind. Ansonsten bleibt er weitgehend unsichtbar, manifestiert sich nur in Gesprächen, vielleicht in den Augenringen der gezeigten Figuren, die ihrer Arbeit nachgehen und mit Kollegen scherzen. Eigentlich muss der Film ihn nicht herstellen, als Zuschauer*in weiß man ein Stückweit Bescheid, hat den Schatten schon im Kopf.
Ein Film, der 2021 und 2022 in Russland gefilmt wurde, das muss ein Film über den Krieg sein, ein Film über Putin und Unterdrückung. Es wird über Harry Potter gesprochen, eine der Journalistinnen ist vernarrt in die Geschichte, zeigt ein Foto von sich und einem der Schauspieler, für das sie 75 Dollar gezahlt hat, und ihren Zauberstab, ein Mitbringsel aus London. Nach dem Kriegsausbruch hält Harry Potter als Metapher für den russischen Staat her. Diese Gleichzeitigkeit, die Vermischung vermeintlicher Neben- und Hauptsächlichkeiten, unterscheidet den Film von Fernsehberichten oder Zeitungsartikeln, denn die dauern keine fünfeinhalb Stunden und interessieren sich selten für Alltag. Natürlich ist das ein Film über den Krieg, vor allem aber einer über Menschen, die unter ihm leiden und doch nicht die hauptsächlichen Opfer sind. Es geht aber auch um Harry Potter und um Russinnen, die irgendwann keine Russinnen mehr sein wollen. Auf eine Art geht es ihnen okay, zu Beginn des Films zumindest – gleichzeitig ist das eine anmaßende Behauptung. Eine Person spricht von einer «kognitiven Dissonanz»: das Leben in Moskau sei so komfortabel geworden, andererseits seien da all die Festnahmen, Restriktionen, auf die man achten kann oder eben nicht. Die Personen, die diesen Film bevölkern, müssen auf sie achten, fast alle sind sie «Foreign Agents» laut der führenden Partei, die im Grunde die einzige ist. «Foreign Agents» nennt man hier diejenigen, die den Staat untergraben wollen als Marionetten ausländischer Mächte, so die Erzählung. Bei TV Rain singt eine Band «all meine Freunde sind Foreign Agents»; darin liegen Schmerz und Stolz. So richtig scheint hier niemand zu wissen, wohin mit sich und dieser Markierung, aber man hat einander und die Arbeit, man tut etwas.
Julia Loktev ist irgendwie Teil dieser Gruppe, sie kommt und geht und filmt unentwegt mit ihrem iPhone. Oft springt der Film zwischen ihren Aufnahmen und den schärferen Bildern des Fernsehsenders. Mit dem iPhone zu filmen ist hier kein Gimmick, wie es sich im zeitgenössischen Kino etabliert hat. Nie denkt man darüber nach oder staunt über diese Bilder oder darüber, dass man sowas mit dem Handy filmen kann. Überhaupt geht es Loktev augenscheinlich nicht um Gimmicks oder Kunst, sondern darum, etwas festzuhalten, zu bezeugen. Dass der Film fast ausschließlich auf Festivals zu sehen ist, spricht nicht für die Verwertungsketten des heutigen Kino, aber das ist ein anderes Thema.
Die Wichtigkeit der Sprecherinnenposition dieses Films macht es nicht einfach, wirklich etwas über ihn zu sagen oder zu schreiben. Es gibt viele Texte über My Undesirable Friends: Part I – Last Air in Moscow und Teil zwei, der gerade in Venedig lief, weil Kulturredaktionen von Zeitungen eben nach Kriterien von Aktualität und Relevanz funktionieren. Ein Dokumentarfilm, der etwas mit Russland oder der Ukraine zu tun hat, ist herzlich willkommen. Viel gesagt wird nicht in diesen Texten, sie beschränken sich größtenteils auf ein Weitertragen der im Film zutage tretenden Informationen, beschreiben Situationen oder nennen das Geburtsjahr der Regisseurin. Auch ich weiß nach fünfeinhalb Stunden Film nicht wirklich, was dazu eigentlich zu sagen ist. Vielleicht liegt das an der Dringlichkeit der Bilder, die so wenig zeigen von dem Schatten und doch mehr als all die Nachrichtenbilder, auch wenn wir hier in Moskau sind und nicht in Mariupol. Sicher liegt es daran, dass ich mich verbunden und gleichzeitig fern fühle nach fünfeinhalb Stunden mit diesen Frauen, die Mitte bis Ende zwanzig sind wie ich und mit so viel Galgenhumor um sich werfen, dass man selbst nur noch lachen kann oder weinen möchte und dabei vielleicht ein bisschen verwirrt ist, zeigt der Film doch die russische Seite und nicht die Ukrainische. Dass diese nationalstaatliche Kammschere Quatsch ist, das merkt man aber, auch wenn man es davor schon wusste – etwas zu merken oder es zu verstehen, das geht nicht immer Hand in Hand.
Die Journalistinnen ringen mit ihrem Geburtsort, wenn ukrainischer Freunde nichts mehr von ihnen wissen wollen oder ihnen live im Fernsehen das Wort abschneiden, wenn ein ukrainischer Musiker verächtlich schaut, wenn eine Moderatorin sagt, TV Rain hätte es schwer zur Zeit. In der Ukraine haben sie andere Probleme. Auch ein paar Soldaten – man sieht nur ihre Füße – ringen implizit mit der Grenze oder lachen darüber, was nah beieinander liegt in diesem Dokumentarfilm. Da hat der Krieg noch nicht begonnen, aber sie ahnen es bereits auf russischer Seite. Um sich selbst sorgen sie sich nicht, sagen die Soldaten, die eh schon alles gesehen haben und kaputt seien. Viel mehr sorgen sie sich um ihre Pendants auf der anderen Seite, um die jungen Ukrainer, die „»frisch von der Brust» kommen. Im Krieg muss man auf sie schießen, so ist das.
Irgendwann versteht man, warum so viel gelacht wird in diesem Film. «All you can do is laugh», sagt eine alte Frau an anderer Stelle. Die Soldaten wiederum sagen dann, sie hätten schon zu viel gesagt und überhaupt stünden sie halt bereit, um zu tun, was «Vovka» befiehlt – sie seien eben Fußsoldaten und alles würde okay, für manche zumindest. Darüber lässt sich nicht mehr lachen.

