Text: Leo­nard Krähmer

Der Vor­hang, der die Lein­wand ver­hüllt, ist eher ein Raum­tei­ler. Er ist über­lap­pend gehängt, sodass bei­de Hän­de zum Hin­durch­schlüp­fen benö­tigt wer­den. Dahin­ter ein klei­ner Raum, ver­dun­kelt, sodass ich mich dann doch ein biss­chen füh­len darf wie im Kino. Wenn Muse­en Fil­me zei­gen, ist der Ver­dunk­lungs­grad oft ein Pro­blem, in dem der Dis­po­si­tiv­streit zwi­schen Kino und Aus­stel­lungs­raum exem­pla­risch auf­scheint. Wäh­rend mich das Kino in der Regel zum Zuschau­en, zur Pas­si­vi­tät ver­dammt (ich bin bei­spiels­wei­se ange­hal­ten, mich hin­zu­set­zen), soll ich mich im Muse­um mit Kunst aus­ein­an­der­set­zen, das heißt, neben Sit­zen und Schau­en, sind auch Ste­hen, Gehen und manch ande­res erlaubt.

Der Neue Ber­li­ner Kunst­ver­ein (n.b.k.) ist ein Ort für Kunst mit Platz fürs Kino. Für Kino als Kunst, aber auch für Kino als Kino. In den Räum­lich­kei­ten hat es bereits Aus­stel­lun­gen zu Pier Pao­lo Paso­li­ni, Hart­mut Bitom­sky und Tho­mas Ars­lan gege­ben, jetzt ist Chris­toph Hoch­häus­ler an der Reihe.

Die Dis­po­si­tiv­fra­ge beant­wor­tet die Aus­stel­lung mit einer kla­ren, vom Vor­hang her­ge­stell­ten Auf­tei­lung, die etwas kon­ser­va­tiv wirkt, aber ihre Vor­zü­ge in Sachen Prag­ma­tik hat. Drin­nen hin­ter dem Vor­hang ist Kino, drau­ßen vor dem Vor­hang Muse­um. Drin­nen wer­den Bil­der an die Wand pro­ji­ziert, drau­ßen lie­gen und hän­gen Film­pla­ka­te in unter­schied­li­chen Spra­chen, Set-Fotos, Zei­tungs­aus­schnit­te, Sto­ry­boards, Tage­buch­no­ti­zen. In die­sem Mate­ri­al tritt Hoch­häus­ler auch als Revol­ver-Publi­zist und dank Archi­tek­tur­stu­di­um äußerst begab­ter Zeich­ner in Erschei­nung. Drau­ßen und drin­nen gehö­ren zu einem Oben, dem «Show­room» genann­ten Bereich im ers­ten Geschoss des n.b.k., das auch Büros und die Arto­thek beherbergt.

Im «Kino» sind zwei Arbei­ten zu sehen. Der eine, Das Para­dies ver­treibt uns, wur­de eigens für die Schau pro­du­ziert, der ande­re, Séan­ce, ist älter, war beim Omni­bus­film Deutsch­land 09 – 13 kur­ze Fil­me zur Lage der Nati­on einer von drei­zehn – der drei­zehn­te, um genau zu sein. Lukas Foers­ter rech­ne­te Séan­ce sei­ner­zeit zu den «zwei­fel­los bes­se­ren Bei­trä­gen» des ins­ge­samt recht selt­sa­men Pro­jekts, beschei­nig­te Hoch­häus­lers «an Chris Mar­ker orientierte[r] Sci­ence-Fic­tion-Para­bel» aber «der­art hohe Ambi­tio­nen, dass man sie lie­ber nicht an ihrem eige­nen Anspruch mes­sen soll­te.» Die Mar­ker-Anlei­hen sind im Lauf der Zeit nicht weni­ger gewor­den, das Sci-Fi-Set­ting bleibt vom Show­room unbe­hel­ligt und die Erzäh­ler­stim­me hat an Auto­ri­tät und Pathos nichts eingebüßt.

Den­noch macht es einen Unter­schied, Séan­ce nicht als hin­ten sit­zen­den Fahr­gast eines Omni­bus­films mit­zu­neh­men, son­dern ihn im Kon­text eines Gesamt­werks prä­sen­tiert zu bekom­men. Ambi­ti­on und Anspruch des Ein­zel­films tre­ten beim Schau­en fast auto­ma­tisch hin­ter die Fra­ge zurück, wie er sich ein­fügt in Hoch­häus­lers Schaf­fen, wo Kon­ti­nui­tä­ten und wo Brü­che lie­gen. Wie erzählt man ein Kon­vo­lut? Sowohl im Rah­men der Aus­stel­lung als auch im Dia­log mit­ein­an­der ver­han­deln die bei­den Kurz­fil­me, die abwech­selnd im Loop gezeigt wer­den, die­ses Pro­blem in beson­de­rem Maße.

Wie Séan­ce ist auch Das Para­dies ver­treibt uns ein Foto­film, der die Gren­zen der Fik­ti­on mit for­ma­len Mit­teln aus­tes­tet. Die Foto­gra­fien hat Hoch­häus­ler vom Floh­markt. Im Film lie­gen sie auf einem dunk­len Holz­tisch, dazu Holz­stüh­le auf Holz­bo­den, an der Wand hän­gen Gemäl­de, hin­term Fens­ter ein Baum. Ein luf­ti­ger Raum, den eine Frau (Hen­ri­et­te Con­fu­ri­us) und ein Mann (Jakob Diehl) zu Film­be­ginn betre­ten und am Ende wie­der ver­las­sen. Sie sich­ten und ana­ly­sie­ren die Fotos, spe­ku­lie­ren über Auf­nah­me­um­stän­de, füh­len sich ein in den Mann und die Frau, die auf den unheim­lich BRD-noi­ri­gen Fotos zu sehen sind. Eine heim­li­che Affä­re? Ein als Geschäfts­rei­se getarn­ter Urlaub? Oder steckt doch der Mos­sad dahin­ter? Datie­rungs­ver­su­che: Das Ford-Modell wur­de in den Fünf­zi­ger­jah­ren gebaut, die Qua­li­tät der Farb­fo­to­gra­fien sagt Sechzigerjahre.

Es geht nicht so sehr dar­um, das Dar­ge­stell­te mit­tels Ana­ly­se plau­si­bel zu machen, eher um eine spie­le­ri­sche, dezi­diert schau­spie­le­risch-rol­len­wech­seln­de Aneig­nung der unzäh­li­gen Mög­lich­kei­ten, die das Mate­ri­al bereit­hält. Denn allen Wirk­lich­keits­ver­spre­chen zum Trotz bleibt die Foto­gra­fie aus­le­gungs­be­dürf­tig. Die his­to­ri­sche Signa­tur Nach­kriegs­zeit kommt durch einen Satz von Carl von Clau­se­witz ins Bild, wonach der Krieg die blo­ße Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln sei. Nach­krieg wäre dann das, was nach der Poli­tik die­ser ande­ren Mit­tel noch zur Fort­set­zung übrig­blie­be und wie sich von all dem über­haupt noch wei­ter erzäh­len lie­ße. Hoch­häus­ler treibt Con­fu­ri­us, Diehl und die Foto­gra­fien durch ein Skript, das die Berüh­rung mit Gen­re­tro­pen nicht scheut und bin­nen Sekun­den die Ton­la­ge wech­selt, zum Bei­spiel vom Roman­ti­schen ins Spio­na­ge­haf­te kip­pen kann. In den Dia­lo­gen blitzt vie­les als Andeu­tung auf, was Kame­ra und Mon­ta­ge mal ver­stär­ken, mal abschwä­chen. Wie tief man in die Fabu­la­tio­nen ein­taucht, wel­che Distanz man wahrt, kann davon abhän­gen, aus wel­chem Win­kel die Kame­ra auf einem Gesicht insis­tiert oder ob der Was­ser­fall, der auf dem Foto nur sicht­bar ist, auch immersi­ons­be­güns­ti­gend auf der Ton­spur rauscht.

Wäh­rend die bei­den Kurz­fil­me das Kern­stück der Aus­stel­lung bil­den, kommt Hoch­häus­lers publi­zis­ti­sche Arbeit etwas kurz. Über­haupt sind die Schau­käs­ten, wohl auch aus Platz­grün­den, nicht all­zu üppig bestückt. Ein Moni­tor zeigt eine wei­te­re Bewegt­bild­ar­beit, wie­der mit Fotos. Als ich die Kopf­hö­rer auf­set­ze, fällt der Satz «Edgar Sel­ge spielt einen Ein­ar­mi­gen, aber ich weiß, dass Edgar Sel­ge zwei Arme hat», oder so ähn­lich. Das sagt eine Stim­me, die wohl zu den bei­den Unter­ar­men gehört, die das Bild von dem ein­ar­mi­gen, eigent­lich aber zwei­ar­mi­gen Edgar Sel­ge in sei­ner Rol­le als Poli­zei­ruf 110-Kom­mis­sar für die Kame­ra hand­ha­ben. Ein film­ver­mit­teln­der Film, der aus dem aus­ge­druck­ten Stand­bild oder dem ange­hal­te­nen Film am Schnei­de­tisch sei­ne Schlüs­se zieht – eine Arbeits­wei­se mit Bil­dern an den Bil­dern, die an Bitom­sky, Fär­ber oder Faro­cki erinnert.

Auch die Objek­te in den Schau­käs­ten sind still­ge­stellt, unter Ver­schluss. Anfas­sen und Umsor­tie­ren uner­wünscht. Aber bei mir stellt sich dann doch ein Dis­po­si­tiv­ef­fekt ein, der Hoch­häus­lers Kino, das ja eigent­lich ein Kino der Bewe­gung ist, ganz kör­per­lich in den Aus­stel­lungs­raum hin­ein­holt. Beim Anse­hen der in fla­chen Glas­käs­ten, auf Eier­mann-Schreib­ti­schen prä­sen­tier­ten Expo­na­te wäh­ne ich mich unver­se­hens in der Rol­le des Bild­ge­stal­ters und über­neh­me die cha­rak­te­ris­ti­schen Schweif- und Schwenk­be­we­gun­gen der Kame­ra in Hoch­häus­lers Filmen.

Mit der par­al­lel im Kino Arse­nal abge­hal­te­nen Retro­spek­ti­ve gibt es außer­dem ein wei­te­res Drau­ßen (oder Drin­nen), das zur Aus­stel­lung kon­zep­tio­nell dazu­ge­hört und als Kom­ple­ment uner­läss­lich ist, weil hier Hoch­häus­ler als Fil­me­ma­cher zu sei­nem Recht im Kino kommt. Man muss dafür nur der Chaus­see­stra­ße bis in den Wed­ding rauf fol­gen, dann rechts.

Die Werk­schau „Hier und Jetzt – Die Fil­me von Chris­toph Hoch­häus­ler“ im Kino Arse­nal läuft bis zum 24. Sep­tem­ber, die beglei­ten­de Aus­stel­lung im n.b.k. ist noch bis zum 8. Novem­ber zu sehen.