Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Nahe Ferne: Mythos und Mystik im Kino bei Music von Angela Schanelec

Auf­tre­ten: Manch­mal geht man ins Kino und denkt sich nicht viel dabei. Ein ander­mal viel­leicht, weil man gera­de sehr viel nach­denkt und ver­ges­sen will. Oder aber auch, weil man nicht wei­ter­kommt und drin­gend eine Ant­wort benö­tigt. Wahr­schein­lich kann ein Film all das her­ge­ben, aber am Ende auch nur unter der Bedin­gung, das Gezeig­te wie­der zurück­zu­neh­men und ver­ges­sen zu las­sen. Dem­ge­gen­über haben womög­lich Ange­la Scha­nelecs Fil­me des­halb eine so unwirk­li­che Bedeu­tung, weil sie die Sehn­sucht, die das Kino ver­spricht ein­zu­lö­sen, auf Distanz hal­ten. Nicht weil Bil­der oder Wor­te im Kino auto­ma­tisch dar­auf hin­drän­gen wür­den, leicht ver­träg­li­che Ant­wor­ten nach den Bedürf­nis­sen des Publi­kums zu ver­ge­ben, son­dern eher, weil die Men­schen, für die sich Scha­nelec inter­es­siert, zwi­schen Hoff­nungs­schim­mer und Schick­sals­er­ge­ben­heit zer­ris­sen sind. So bewe­gen sich ihre Figu­ren durch urba­ne und rura­le Land­schaf­ten, als zöge sie etwas Unbe­stimm­tes an. Kaum set­zen sie einen Fuß auf den Boden, erfah­ren sie durch ihr Eigen­ge­wicht von der Schwer­kraft ihres Tuns. Will­kür oder Wahl­frei­heit schei­nen kaum zu exis­tie­ren, statt­des­sen über­wie­gen Ste­tig­keit und Kom­ple­xi­tät. Bei Scha­nelecs Fil­men han­delt es sich um kon­se­quen­te Fil­me im dop­pel­ten Sin­ne. Tugend­haft beschei­den sie sich auf weni­ge fil­mi­sche Mit­tel, doch anstatt zu ver­stum­men, dringt eine Stim­me her­vor, die ton­an­ge­bend nach dem »Weil« in der Welt mit dem Blick des Kinos fragt.

Set­zen: Scha­nelecs Film Music führt die­sen ein­ge­schla­ge­nen Weg wei­ter und ver­engt ihn durch außer­ge­wöhn­li­che Prä­zi­si­on. Der Film beginnt mit einer Gewit­ter­wol­ke, die grol­lend über einen Berg­rü­cken zieht. Wenig spä­ter wird ein Kind gefun­den. Als wäre nur ein Augen­blick ver­gan­gen, folgt der Film dem erwach­sen gewor­de­nen Wai­sen­kind Jon. Ein Unfall, ein Selbst­mord und ein erneu­ter Unfall rei­hen sich anein­an­der, dazwi­schen zärt­li­che Bli­cke im Gefäng­nis. Wäh­rend Jon sei­ne Stra­fe für das Unglück absitzt, lernt er die Auf­se­he­rin Iro ken­nen. Sie kom­men sich näher. Doch Iro wird her­aus­fin­den, dass sie sich schon vor ihrer Lie­be zuein­an­der nah stan­den. Nach­dem sich Iro des­sen klar wird und sich ihr Leben nimmt, fin­det sich der Film in Ber­lin wie­der. Zwar müs­sen Jah­re ver­gan­gen sein, aber die Ver­gan­gen­heit scheint immer noch an Jon zu haf­ten. Das Gesche­hen des Films löst sich in ein­zel­nen, kraft­vol­len, mono­li­thi­schen Bil­dern auf. Meis­tens sind es Hän­de oder Füße, die vom Blick der Kame­ra umschlos­sen, nicht nur dem Eigen­sinn des Films fol­gen, son­dern auf etwas dar­über hin­aus lie­gen­des ver­wei­sen. Fugen­haft zer­sprengt fügen sie sich aber trotz­dem frei von effekt­ha­schen­dem Erzäh­len zu einem Gan­zen zusam­men. Nimmt man beim Sehen die Per­spek­ti­ve ein, gleich­zei­tig nach vorn und zurück­bli­cken zu kön­nen, lie­ße sich erken­nen, wie jedes Bild aus dem ande­ren her­vor­geht. Wie vom flie­ßen­den Was­ser getra­gen, führt ein Bild des wun­den Kin­der­fu­ßes, zum wun­den Fuß des erwach­se­nen Jon am Meer, hin zum wun­den Fuß in der Gefäng­nis­du­sche. Scha­nelec ent­wirft so eine groß­an­ge­leg­te Bewe­gung, die detail­ver­ses­sen in jedem Blick die Rich­tung auf­sucht, aus­weist und jener unhin­ter­geh­bar folgt.

Bin­den: Mit dem Gewit­ter, den Unfäl­len und dem Auf­ein­an­der­tref­fen zwei­er Men­schen, die sich nicht ken­nen, obwohl sie ein­an­der nicht fremd sind, geht Music vom Zufall aus. Doch anstatt sich über das Ein­tre­ten der uner­war­te­ten Mög­lich­keit zu wun­dern, erkennt der Film die Ereig­nis­se nur nüch­tern an. Viel­leicht macht sich der Film gera­de dadurch die Unab­wend­bar­keit des Gesche­hens sto­isch bewusst. Dass sich Scha­nelec am Ödi­pus-Mythos bedient, indem sie unver­kenn­ba­re Moti­ve und Figu­ren in ätio­lo­gi­scher Wei­se, auf­greift, wie etwa Jons wun­den Fuß, macht den Film auf­schluss­reich, aber nicht unbe­dingt ein­leuch­tend. Inso­fern muss der Film viel­leicht eher als eine Medi­ta­ti­on ver­stan­den wer­den, deren Inhalt sich nicht nur auf anti­ke, son­dern eben­so christ­lich-abend­län­di­sche Mys­tik bezieht. Bei­des ver­bin­det sich in der Suche nach dem Aus­kom­men mit einer zuge­führ­ten Wun­de. Sie lässt sich ver­bin­den, doch ihre Ursa­che kann dadurch nicht ver­schwin­den. Was Schein und was wirk­lich ist, gerät aller­dings zuneh­mend durch­ein­an­der. So sitzt Jon auf einer Ber­li­ner Poli­zei­wa­che, als er plötz­lich blitz­ar­tig von einer Erkennt­nis getrof­fen wird. Wor­auf sei­ne Ein­ge­bung zielt, lässt sich nicht ver­sprach­li­chen. Ob es sich um einer Visi­on oder eine Ein­sicht han­delt, wird der Film nicht beant­wor­ten, weil es das Kino nicht beant­wor­ten kann. Scha­nelecs Kino eröff­net hier­bei kon­zen­triert den unver­stell­ten Blick auf die eige­nen Wun­den, die sich einer­seits unmit­tel­bar auf der Haut, und ande­rer­seits weit in der Ver­gan­gen­heit befin­den. Dass sich die Ursa­che der Wun­den nicht rest­los ver­ste­hen lässt, muss erst zur Bedin­gung wer­den, um mit ihnen leben zu können.

Sehen: Eine Sache lan­ge zu betrach­ten, hat sei­ne Tücken, denn irgend­wann bil­det man sich ein, die Din­ge könn­ten zu einem spre­chen. Oft­mals ver­har­ren Scha­nelecs Ein­stel­lun­gen so, als wür­de ein Gedan­ke ste­hen blei­ben, so wie man selbst manch­mal mit star­rem Blick inne­hält. Folgt man Ödi­pus ins Kino, müss­te man jedoch mit dem zwang­haf­ten Ver­such, kla­rer sehen zu wol­len, para­do­xer­wei­se erblin­den. Das Kino kann aber nicht blind machen. Viel­mehr ver­spricht es, sogar dann etwas sehen zu kön­nen, wenn es eigent­lich nichts mehr zu sehen gibt. Wie in Scha­nelecs Bil­dern stellt sich so eine Apo­rie ein: Nach einem Bild zu suchen, das nichts zeigt, klingt absurd, und trotz­dem ist die­se Suche nicht zweck­los – Wenn wir die Augen ver­schlie­ßen, ver­dre­hen oder uns abwen­den. In die­sem Fall sind es Momen­te, in denen die per­sön­li­che Ver­bin­dung zum Kino kla­rer wird. – Wenn wir etwas gese­hen haben, was uns gefiel oder ver­är­ger­te, das aber nie­mand sonst bemerk­te. Beim Kino han­delt es sich zwar um einen Raum, der Platz für eige­ne Gedan­ken bie­tet, sie las­sen sich aber dort nicht auf­be­wah­ren. So wie man sei­nen eige­nen Kopf mit­bringt, muss man auch den­sel­ben wie­der mit nach Hau­se neh­men. In die­ser Hin­sicht mag die Vor­stel­lung, vom Kino erleuch­tet zu wer­den, indem man nur noch ganz Auge ist und sei­nen Kopf ver­liert, erleich­ternd und befrei­end sein. Aber die Geschich­te der Mys­tik lehrt, dass sich die­ses Ziel allein mit größ­ter Ent­sa­gung ver­wirk­licht. Die­se Absicht lie­ße sich Music viel­leicht unter­stel­len. Der Mythos spricht dafür eben­so wie die Armut an Orna­ment. Doch dem Film schwebt dabei nichts unmit­tel­bar Kos­mi­sches oder Schick­sal­haf­tes vor, denn genau­so wenig, wie sich etwas aus dem Nichts für Jon ergab, führ­te er eine Ände­rung her­bei. Der Film ver­sucht viel­mehr den Blick auf das »Weil« – die Ver­ket­tung des Gesche­hens – ein­zu­üben, ohne gegen sei­nen Wider­stand – die Will­kür – anzu­ar­bei­ten. So ver­hält sich gera­de die Musik im Film weder als klang­li­cher Tep­pich noch als Kon­tra­punkt. Viel­mehr ver­leiht sie dem wort­kar­gen Film sei­ne Stim­me, sie stößt ihn an. Viel­leicht gibt sie ihm sogar sein Licht. Und wahr­schein­lich wird erst mit dem Ver­klin­gen des letz­ten Bil­des wirk­lich begreif­bar, was die gan­ze Zeit zwar sicht­bar war, aber sich nicht sehen ließ. Es gibt eine spür­ba­re Par­al­le­le zwi­schen Film und Musik, in der Wei­se wie am Ende die Kame­ra in einer lan­gen Par­al­lel­be­we­gung den sin­gen­den und tan­zen­den Men­schen auf der ande­ren Sei­te des Flus­ses folgt.

Man könn­te den­ken und hof­fen, der Film wür­de eine greif­ba­re Ant­wort bereit­hal­ten, wor­in die­se Par­al­le­li­tät besteht. Dabei müss­te man sie sich aber viel­leicht gera­de in der Unein­deu­tig­keit und Unschär­fe einer nahen Fer­ne vor­stel­len: Was Par­al­le­li­tät bedeu­tet, lässt sich zwar ein­fach erklä­ren, aber dass sich zwei Sachen wirk­lich nie tref­fen wer­den, weil sie immer gleich nah und fern sind, traut man sich nicht vor­stel­len. Gleich­sam ermü­dend ist es, immer nur zu benen­nen, was unsicht­bar oder uner­klär­lich – kurz: abwe­send – blieb. Film und Musik kön­nen hel­fen, sich dar­an anzu­nä­hern, aber auch nichts unge­sche­hen machen. Das wäre Hybris.