Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notiz zu Au pays noir von Ferdinand Zecca

Text: Simon Wiener

Au pays noir (1905) wird eröff­net durch eine kur­ze Ein­stel­lung eines im Stol­len lie­gen­den bär­ti­gen Arbei­ters, gera­de im Begriff, sei­nen Ham­mer zu sen­ken. In allen fol­gen­den Ein­stel­lun­gen wird er zu sehen sein, was mir aber erst beim wie­der­hol­ten Anschau­en auf­ge­fal­len ist; eher im Hin­ter­grund eilt er denn durch die Kulis­sen, huscht durch das Berg­werk, grüßt sei­ne Vor­ge­setz­ten, setzt sich zur Mit­tags­pau­se; einer unter Dut­zen­den. Die Kulis­sen und tableaux vivants die­ses Films erzäh­len so viel gleich­zei­tig, dass uns gezwun­ge­ner­mas­sen auch eini­ges ent­geht, oder: wir über­neh­men des­sen Schnitt gleich selbst, instink­tiv; sprin­gen hin und her in sei­nen über­bor­den­den Bildern.

Dar­in die Arbei­ten­den: hin­ter ihnen der Stol­len der Koh­le­gru­be, ihnen aber vorn­über­ge­stülpt jener der Kame­ra; häm­mernd nicht nur in den Fels, son­dern auch in die­sen ande­ren Stol­len, den des Bil­des; uns, Publi­kum, die wir in Sicher­heit hin­ter der durch­sich­ti­gen Wand gemüt­lich im Stuhl hän­gen, bear­bei­tend, behäm­mernd, damit wir uns ihnen wid­men, unse­ren Schnitt an ihnen (und nicht ande­ren) aus­rich­ten, an Ein­zel­nem hän­gen­blei­ben. Wir, die wir eben­falls Fels, sind von sich da Abmü­hen­den, Schau­spie­len­den zu bebau­en, zu gewin­nen. Wie Wider­ha­ken boh­ren sich in uns Fel­sen da Ein­zel­schick­sa­le der Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter; das­je­ni­ge des Bär­ti­gen etwa, der uns in den ers­ten Sekun­den begeg­net, und des­sen Sohn oder Freund nach der Mit­tags­pau­se einer Schlag­wet­ter­ex­plo­si­on zum Opfer fällt, oder das­je­ni­ge eines Kna­ben, der sich mit sei­ner Mut­ter am Ein­gang der Gru­be her­um­treibt, um lie­gen­ge­blie­be­ne Koh­le­res­te ein­zu­sam­meln; oder wie­der­um jenes des der Kulis­se auf­ge­mal­ten Pfer­des, vom Was­ser­ein­bruch ver­schüt­tet, hilf­los die Glie­der nach oben gerichtet. 

Das Bild als Stol­len zwi­schen Kame­ra- und Augen­lin­sen, Fil­me als «Berg­bau» im Sin­ne eines zu gewin­nen­den, eigent­lich aber unbe­weg­li­chen, ver­har­ren­den Publi­kums; und wie sich im Berg­bau die Kraft tau­sen­der Hän­de, zehn­tau­send ein­zel­ner Schlä­ge kumu­liert, so ergreift uns ein Film nur, wenn wir uns der Berüh­rung all sei­ner ein­zel­nen Ele­men­te, sei­ner Wider­ha­ken, auch im Ein­zel­nen hin­ge­ben. Wur­de uns die­se Arbeit der Hin­ga­be im spä­te­ren, popu­lä­ren Film von Groß­auf­nah­men und Zuspit­zun­gen dann abge­nom­men, so bleibt sie im frü­hen Film noch ganz uns über­las­sen; ande­rer­seits bleibt uns so auch die Mög­lich­keit, den Film gewis­ser­ma­ßen selbst mit­zu­ver­fas­sen. Die Gesich­ter und Gestal­ten, an denen wir in Au pays noir hän­gen blei­ben, suchen wir uns selbst aus, oder: bestimm­te Gesich­ter ver­ha­ken sich in uns. Die apo­ka­lyp­ti­sche Schluss­sze­ne etwa zeigt auf ein­mal: den Minen­be­sit­zer, den Arzt, meh­re­re tote Arbei­ter, meh­re­re Gen­dar­men, den bär­ti­gen Mann des Beginns mit Frau und Kin­dern, hin­zu­tre­ten­de Dorf­leu­te. Unver­mit­telt bricht er ab, gera­de als ein wei­te­rer ver­schüt­te­ter Arbei­ter gebor­gen wird; all­zu schnell, so die Hoff­nung des Films, sol­len die Grä­ben, die er in uns gebohrt hat, nicht verschwinden.