Inzwischen schubladisiert man deutsche Filmemacher nicht mehr in Schulen, sondern unterscheidet schlicht jene, die französische Kriminalfilme mögen, von jenen, die sie nicht mögen. Christoph Hochhäusler gehört wie beispielsweise Thomas Arslan, Christian Petzold oder Dominik Graf zur ersteren Gruppe. Die Gefahr (oder Chance) der Genrehinwendung im deutschen Kino war dabei schon immer, dass die ästhetischen Vorbilder eher im TV als im Kino angesiedelt sind, schließlich lässt sich in der deutschen Filmgeschichte keine mit den US-amerikanischen oder französischen Gangstern vergleichbare Genese einer ikonischen Figur feststellen. Deutschland bleibt das Land der Kommissare. Ermittlung statt Verborgenheit. Aufklärung statt Verkomplizierung.
Hochhäusler umschifft in seinem La Mort viendra, der fragwürdige zwei Jahre nach seiner Festivalpremiere in die Kinos gekommen ist, die provinzielle Heimeligkeit der deutschen TV-Krimi-Szene, indem er seine zunächst schwer zu dechiffrierende Handlung rund um einen getöteten Kurier, todkranke Gangster und KI-Prostitution in Brüssel, dem europäischen Vorhof zur Hölle, ansiedelt. Gefilmt von Reinhold Vorschneider lässt sich diese Stadt aber kaum wieder erkennen, vielmehr wirkt sie so, als wären die Nicht-Orte des Spätkapitalismus in einem der vielen romantischen Träume von Kinoverbrechern gelandet. Auch aufgrund der an François de Roubaix erinnernden Musik von Nigji Sanges sowie den verdichtet kargen Dialogen (das Drehbuch entstand wieder in Zusammenarbeit mit Ulrich Peltzer) spürt man die melancholisch existenzialistischen Drifterbewegungen, die dieses Genre seit jeher ausgezeichnet hat, ein Genre der Nacht und der Ungewissheit, der attraktiven Oberflächen und überraschenden Sentimentalitäten. Ein Genre, unter dessen mitreißenden Handlungsbahnen oftmals das Gefühl einer allumfassenden Sinnlosigkeit herrscht, die von einer moralischen Leere befeuert wird.
Hochhäusler aber gehört zu jenen Filmemachern, die ihre Liebe zum Kino mit der Gegenwart in einen Dialog bringen. Das merkt man auch an den Figuren, die nur am Rand auftreten, den Räumen, durch die sie gehen. Dieser Gangsterfilm ist in einer Welt angesiedelt, die es wirklich gibt, die Fantasie der Kinoverbrechen erfährt eine strenge Haftung in der Welt, in der sie entsteht. Was hier eigentlich erzählt wird, ist ein Aufeinandertreffen von alten und neuen Wertevorstellungen. Der eine Gangster, Charles Mahr, betrachtet die Regentropfen, die gegen das Fenster seines Hauses am Meer spritzen, der andere, Patric de Boer, will mit VR-Brillen und Sexpuppen reich werden. Der eine operiert wie ein einsamer Rächer, der andere wie ein nervöser Geschäftsmann. Beide sind empfindsam, weil sie sich nicht sicher sind, ob ihre Ideen noch oder schon mit der Welt in Einklang stehen. Beide sind skrupellos und intrigant. Beide sind Männer und hier hinterfragt Hochhäusler, wie schon in seinem Bis ans Ende der Nacht, die üblichen und längst auserzählten Geschlechterdynamiken des Genres. Denn beide sind eigentlich am Ende und leicht zu durchschauen in ihrer eitlen Schwäche. Wirklich geheimnisvoll und ethisch integer ist Tez, eine Auftragsmörderin, die mehr oder weniger zwischen den Feinden operiert und den titelgebenden Tod dieser verstaubten, nach Macht schielenden Kulturen nicht nur bezeugt, sondern letztlich ermöglicht.
Hochhäusler fragt letztlich, ob man mit den alten Geschichten auch vom Hier und Jetzt berichten kann. Das Kino ist bei ihm eine klassische Kunst, die alles zeigen kann, auch das, was nach ihr kommt. Von der Zukunft, wie es auf einem Plakat für den KI-Sex im Film heißt oder vom Tod. Besonders eindrücklich zeigt sich diese Vermischung aus alten Tropen und einer veränderten Welt, als Tez einen der Schurken an einen entlegenen Ort bringt, dieser aber Verstärkung holen kann, indem er seiner Smartwatch eine Kurznachricht diktiert. Hier trifft eine klassisch, fast klischeehafte Plotentwicklung auf neue Medien, die diese ermöglichen. Bei aller subtiler Intelligenz lädt der Film trotzdem dazu ein, ihn einfach stumpf und glücklich anzuschauen. Es ist kein Essay, keine postmoderne Wendung des Allzubekannten, vielmehr ist es der Versuch, das Genre wirklich ernst zu nehmen, was zu einer ziemlich eindrucksvollen und brutalen Actionsequenz am Ende führt, die man so gar nicht erwarten würde in der sonst von vielsagenden Blicken und sich verdeckt haltenden Machenschaften dominierten Handlung. Manchmal wirkt die Inszenierung fast akademisch, zumindest sehr kalkuliert in ihrem gekonnten Spiel mit den Tropen des Kriminalfilms. Ein Mann, der seine Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, wird auch dann nicht sofort von vorne gezeigt, wenn er diese abnimmt. Immerzu spielt Hochhäusler mit dem, was der Zuschauer weiß und wissen möchte.
Die Sehnsucht nach bestimmten Bildern und Stimmungen ist ein Symptom der Cinephilie. Diese Bilder und Stimmungen selbst zu bauen, um sie zu den eigenen zu machen, ist Hochhäuslers nun immer deutlicher zu Tage tretende Krankheit, eine schöne Krankheit, die eigentlich deutlich mehr solcher Filme in rascherer Abfolge provozieren müsste, weil die Schwere, mit der seine Filme alle paar Jahre ankommen, kaum der luftigeren Genrelogik europäischer Thriller entspricht. Gangster strahlen heller, wenn man ihnen öfter begegnet. Dieses Problem hat aber nicht nur Hochhäusler, es ist wahrscheinliches eines der Fördersysteme. Es bleiben ja die alten französischen Kriminalfilme, die man sich zwischenzeitlich anschauen kann, bis Hochhäusler wieder einen Film herausbringt.

