Text von Ron­ny Günl

Drei­mal beglei­tet Nele Wohl­atz ihre Groß­mutter im Film Schnee­rän­der auf dem Weg zum Post­kas­ten. Manch­mal lässt sich die­ser nicht öff­nen, weil der rich­ti­ge Schlüs­sel gera­de fehlt, ein ander­mal befin­det sich nichts drin, die Zei­tung wur­de wie­der geklaut, und dann gibt es ein paar Wer­be­blät­ter. Außen vor der Ber­li­ner Woh­nung liegt Schnee, die Stra­ßen sind von Fahr­rin­nen gezeich­net, ein­mal bewegt sich ein Pas­sant über den Fuß­weg. Abge­se­hen von einer Nach­ba­rin und ihrem Hund bewegt sich um und in dem Haus nicht sehr viel. Es liegt eine zutei­len befremd­li­che Ruhe dar­über, die viel­leicht weni­ger den Gege­ben­hei­ten ent­spricht, als sie durch die Kame­ra und den Film ent­steht. Bis auf ein paar Fra­gen oder hin­ge­wor­fe­ne Sät­ze erzählt Wohl­atz Groß­mutter nichts über sich, eher ist es die Umge­bung, die über sie erzählt. Eine Woh­nung, ein Sam­mel­su­ri­um, das der Film behut­sam betrach­tet, aber auch nicht davor zurück­schreckt hin­zu­se­hen. Auf­ge­häng­te Bil­der an den Wän­den, ein klei­ner Tisch in der Küche, diver­se Fla­schen und Uten­si­li­en auf der Anrich­te, alles liegt offen und ver­staut zugleich dar. Das offen­sicht­lichs­te sowie geheim­nis­volls­te ein Buch, in dem die älte­re Frau in über­mä­ßi­ge Men­ge aus­ge­schnit­te­ne Zei­tungs­aus­schnit­te sam­melt: Gro­ße Titel aus dem Lokal­teil, Innen- und Außen­po­li­tik, aber immer wie­der auch Wet­ter­be­rich­te. Flüch­ti­ges, Bedeu­tungs­ar­mes oder oft eher Uner­klär­li­ches fest­ge­hal­ten, ohne den Grund dafür zu erfah­ren. Soll­te man sich öfter über das Wet­ter, den trä­ge­ma­chen­den, alles bede­cken­den Schnee beschwe­ren, ihn davon­ja­gen wol­len, oder gibt es nicht wich­ti­ge­res, wor­über man sich unter­hal­ten müss­te, könn­te man sich gefragt füh­len. Der Film beginnt mit Radio­stim­men, die von der Welt­la­ge berich­ten, vor dem Ein­schla­fen aber­mals das Radio. Bei kräch­zen­den Git­tar­ren­klän­gen dreht Wohl­atz Groß­mutter den Ton lei­ser. In der Küche ist Schu­mann zu hören, dazu ein Dis­put in weni­gen Wor­ten, über die Vor­lie­ben zu Beet­ho­ven oder Mozart. Was wäre wohl sonst die rich­ti­ge Musik zu Pul­ver­cap­puc­ci­no, der sich in der Tas­se nicht recht auf­lö­sen will. Die Kame­ra betrach­tet weni­ger, als dass der Film dazu ein­lädt. Kein Por­trät, gar Per­so­nen­stu­die, son­dern ein Rät­sel, ein Laby­rinth, des­sen Lösungs­weg sim­pel aus­se­hen will, aber immer neue mög­li­che Abwe­ge offen­bart. Auf der Duis­bur­ger Film­wo­che hat­te man den Ein­druck, man wür­de gar kei­ne räum­li­che Über­sicht über den Raum erlan­gen. Wie ein Echo ließ sich die­sel­be Fra­ge am sel­ben Ort die­ses Jahr zu Max Kol­lers Der Tag vor dem Abend erneut hören. Zwei Fil­me, die ent­ber­gen und zugleich ver­ber­gen, über eine Groß­mutter und den Ort, an dem sie lebt. Das Feh­len der Ori­en­tie­rungs­mög­lich­keit steht dia­me­tral zur Prot­ago­nis­tin, von der man glau­ben will, sie ken­ne jeden Win­kel der eige­nen Behau­sung, viel Zeit hat sich dar­in ein­ge­schrie­ben. Eine Zeit, die eine Kame­ra nur mit Mühe ein­fan­gen kann, um trotz­dem dar­an zu schei­tern, wenn­gleich dies wohl­wol­lend in Kauf genom­men wird. Mög­li­cher­wei­se wäre die­ses Ver­hält­nis anders bei der über­sprun­ge­nen Gene­ra­ti­on. So erzählt sich in Wohl­atz Arbeit wie auch in ande­ren soge­nann­ten Enkel-Groß­el­tern-Fil­men eine gewis­se Distan­zie­rung mit, und damit gegen­läu­fig zum Prin­zip der Annä­he­rung, die die Kame­ra ver­sucht. Es könn­te ein Ver­such dar­stel­len, das Bekann­te durch per­ma­nen­tes Wie­der­ho­len zur Unkennt­lich­keit zu ver­zer­ren, in der kaum zu stil­len­den Hoff­nung, etwas Uner­war­te­tes auf­zu­fin­den. Unstill­ba­res täg­li­ches Zei­tung­le­sen könn­te man womög­lich auf ähn­li­che Wei­se betrachten.