Notiz zu Dormir de olhos abertos

Text von Nele S. Kaiser

Wenn sich ein Mensch nicht zuhau­se fühlt, schläft er mit offe­nen Augen. Statt zu schla­fen, lie­gen die Figu­ren in Dorm­ir de olhos aber­tos nachts wach. Oder wan­deln durch eine ihnen frem­de Stadt wie durch einen sur­rea­len Tag­traum. Tat­säch­lich flie­gen Geld­schei­ne und eine Was­ser­me­lo­ne vom Himmel.

Die Mehr­spra­chig­keit der fil­mi­schen Welt, in der die zahl­rei­chen Figu­ren nicht die­sel­be Mut­ter­spra­che spre­chen, ver­ur­sacht eine Unbe­fes­tigt­heit der Rea­li­en, lässt einen unwirt­li­chen Raum her­vor­tre­ten, in dem die Zei­chen meist nicht ver­stan­den wer­den – in ihrer Über­set­zung etwas ande­res bedeu­ten. Sie trei­ben wie Schol­len anein­an­der vor­bei. Beson­ders Xia­oxin, die neu im bra­si­lia­ni­schen Reci­fe ange­kom­men ist und kein Por­tu­gie­sisch ver­steht, bewegt sich vor­sich­tig durch die neue Umge­bung, deren Signi­fi­kat­bo­den brü­chig ist. Die Signi­fi­kan­ten sind ent­kop­pelt und wer­den zu Absur­di­tä­ten, flie­gen als uner­klär­li­che Objek­te aus einem höhe­ren Stock­werk. Die Tai­wa­ne­sin Kai erklärt einem Über­set­zer, sie wol­le etwas lan­des­ty­pi­sches essen, statt­des­sen bestellt die­ser ihr einen Cai­pi­rin­ha. Mit Kais Akzent wird el mar zu mal, der geplan­te Pär­chen­ur­laub am Traum­strand zu einem von Pech getra­ge­nen Trip mit gebro­che­nem Her­zen, bei dem sich Trä­nen in die Son­nen­creme mischen.

Ver­mischt ist auch die Tona­li­tät des Films, deren Zustand einem Kipp­bild zwi­schen Melan­cho­lie und Komik gleicht. Das eine wird sogleich ins ande­re ver­kehrt, ohne je an Tie­fe zu ver­lie­ren, wobei bei­des meist im Bit­ter­ko­mi­schen unbe­stimm­bar ver­bun­den ist. Es liegt in ver­krampf­ten, deplat­zier­ten Mimi­ken und unge­len­ken Bewe­gun­gen von Kör­pern, die anecken oder sich in ihrer Distan­ziert­heit nicht in den Umraum ein­fü­gen. In Kais ver­schmitz­tem Lächeln, das oft leicht ver­zerrt wirkt, steigt etwas Unheim­li­ches her­auf. Ihre Mimik passt nicht zum Inhalt ihrer Wor­te in einer frem­den Spra­che. Sie bewegt sich mecha­nisch tau­melnd durch die Stadt, als ste­cke sie in einem Astro­nau­ten­an­zug. »Ich glau­be, mein Kör­per ist noch in einer ande­ren Zeit­zo­ne«, sagt Kai am Ende des Films. Ihr Kör­per ist ähn­lich fehl­plat­ziert wie Regen­schir­me unter dem strah­lend blau­en Him­mel Bra­si­li­ens. Fu Ang, ein chi­ne­si­scher Arbeits­mi­grant, sehnt sich nach Bestän­dig­keit, und hat die Sor­ge, selbst sein Kör­per­ge­ruch habe sich in Bra­si­li­en geän­dert. Xia­oxin stört das nicht, sie hat bereits in unzäh­li­gen Län­dern gelebt. Sie fügt sich ganz unschein­bar in jede Sze­ne­rie, ist oft hin­ter einem Aqua­ri­um zu sehen, son­der­bar ver­träumt und distan­ziert. Nicht nur in einem visu­el­len Ver­blas­sen ihres Kör­pers, der dabei für einen Moment fast ganz in die Trans­pa­renz über­geht, scheint sie zu verschwinden.

Die Grup­pe chi­ne­si­scher Arbeits­mi­gran­ten ohne Papie­re, die für Xia­oxins Tan­te arbei­ten, sind in ihrer Woh­nung abge­kap­selt, wie hin­ter Aqua­ri­um­schei­ben, die die Kar­ne­vals­mu­sik von drau­ßen nur dumpf hin­durch­las­sen. Dann dringt sie schwall­ar­tig ein, als die Tür geöff­net und die Aqua­ri­ums­ru­he der Woh­nung durch zwei als Matro­sen ver­klei­de­te Män­ner gestört wird. Dorm­ir de olhos aber­tos erzählt von Iso­la­ti­on und Fremd­heit als des­ori­en­tie­ren­de, sur­rea­le Erfah­rung, die mit einer Dia­spo­ra einhergeht.

Zer­streu­ung struk­tu­riert die Nar­ra­ti­on. Die epi­so­dische Ana­to­mie des Films ist ein sich lose span­nen­des, kom­ple­xes Netz, des­sen auf­ge­glie­der­te Par­zel­len sich von­ein­an­der weg­be­we­gen, im fil­mi­schen Feld ver­streu­en, aber doch immer wie­der über­ein­an­der­schich­ten und ergän­zen. Ver­schwin­det eine Figur, taucht die ande­re auf, ganz neben­bei. Dabei ist beim genau­en Hin­se­hen nichts arbi­trär, son­dern eine locker durch­struk­tu­rier­te Ver­we­bung. Im ste­ti­gen Wech­sel der Figu­ren liegt Ver­lo­ren­heit. Der nar­ra­ti­ve Fokus auf die cha­ris­ma­ti­sche Kai wird vom nicht min­der cha­ris­ma­ti­schen Fu Ang und letzt­lich von Xia­oxin abge­löst, die – und das ist ent­schei­dend – die Ten­denz hat, in den Ein­stel­lun­gen unter­zu­ge­hen. Die Figu­ren wer­den bewusst nie ganz zu Lang­stre­cken­trä­gern des Films. Sie wech­seln gera­de so schnell, dass sie den Zuschau­en­den nie ganz ver­traut wer­den. Die Rezep­ti­ons­er­fah­rung spie­gelt die Die­ge­se und die­se wie­der­um die Rea­li­tät der Arbeitsmigrant*innen. Denn auch sie wer­den sich, im Zustand der dau­er­haf­ten Fluk­tua­ti­on im anony­men Hoch­haus des Tran­sits, unter­ein­an­der nur fast bekannt.

Zusam­men­ge­hal­ten wer­den die Epi­so­den durch Post­kar­ten, die von Xia­oxin mit Text­frag­men­ten beschrie­ben wur­den, und ihr zufol­ge ein Buch bil­den – ein Ver­weis auf die Archi­tek­tur des Films. Dorm­ir de olhos aber­tos balan­ciert zwi­schen Ver­lo­ren­sein und loser Ver­knüp­fung. Die Fäden zwi­schen den Figu­ren sind zwar fra­gil und tem­po­rär, aber doch vor­han­den. Die Län­ge der Ein­stel­lun­gen befin­det sich dabei an der Schwel­le zwi­schen Flüch­tig­keit des Moments und gedul­di­ger Ent­fal­tung, die zuwei­len, ver­knappt, die medi­ta­ti­ve Ver­sen­kung bei Tsai Ming-Liang anklin­gen lässt.

Kurz nach­dem Kais Freund bei einem Tren­nungs­ge­spräch über das Tele­fon sagt: »Reden bringt gera­de nichts. Wir wür­den uns nur schlech­ter füh­len«, fällt der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trä­ger zu Anfang des Films ins Klo. Das Gespräch, das kaum begon­nen hat­te und nichts erklär­te, endet abrupt. Mit einer Zan­ge, die von einer nicht wie­der auf­find­ba­ren Figur gelie­hen wur­de, wer­den Strom­ka­bel einer defek­ten Kli­ma­an­la­ge gekappt. Und doch exis­tiert ein Netz an Ver­bin­dun­gen, die Men­schen punk­tu­ell und phy­sisch zusam­men­füh­ren, wenn auch die Wor­te noch immer anein­an­der vor­bei­füh­ren. Selbst, wenn die­sel­be Spra­che gespro­chen wird. Nele Wohl­atz spürt der Fehl­bar­keit der sprach­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on nach – der Unmög­lich­keit der Über­set­zung. Frem­de Wor­te, frem­de Orte, und die Reak­ti­on des Kör­pers, der sich mit die­sen kon­fron­tiert sieht.