Text von Leonard Krähmer
Die Hirten auf dem Feld sprechen nicht, sie tun nur so: bewegen die Lippen und kommen den Worten kaum hinterher. Was sie sagen oder zu sagen scheinen, bekommen sie in den Mund gelegt. Synchron läuft dieses Sprechen nicht und erfüllt doch seinen Zweck. Denn die Stimme, die körperlos bleibt und (von außen, von oben, von nirgendwo) die Geschichte erzählt, gehorcht einer Autorität, die schauspielerische Unzulänglichkeiten verzeiht. Ihre Autorität bezieht sie aus dem Text, den sie vorliest: der Bibel. Das Krippenspiel ist ein möglichst textgetreues Reenactment der Geburt Jesu mit bestimmten Gattungskonventionen und Ritualen. Die Weihnachtsgeschichte muss von der Gemeinde nicht als historisches Ereignis geglaubt werden, auch nicht glaubwürdig inszeniert werden – aber inszeniert werden muss sie.
Einer der Hirten wird von Ricardo Bär gespielt. Angeblich sieht er Mel Gibson ähnlich; hinter dem Hirtenstirnband blitzt beizeiten allerdings auch der junge Roger Federer durch. Wenn er nicht den Hirten gibt, hilft Ricardo auf dem Bauernhof der Familie beim Tabakernten, Laubschneiden und Schweinewiegen. Er möchte Pastor werden und nimmt entsprechenden Unterricht. Obwohl er sich dazu berufen fühlt (von einer Stimme von oben), macht er sich Gedanken, ob er den Prediger gut spielt, ob er ein überzeugender, angemessen gekleideter Redner ist und ob die Sprache seiner Hände der Guten Nachricht, die er überbringen will, nicht ins Wort fällt. Das Pastorenamt bringt andere Authentizitätsanforderungen mit sich als die Hirtenrolle, auch wenn biblische Metaphern die Ähnlichkeit der beiden Berufungen betonen.
Ricardo predigt über christliches und unchristliches Schweigen; die Suche nach dem richtigen Ausdruck treibt ihn um, besonders im Alltag, wo er einerseits Gottes Stimme zu hören behauptet, wo jedoch andererseits Missverständnis und Sprachverwirrung jederzeit lauern. Den Umlaut in seinem Nachnamen spricht er anders aus als seine deutschsprachigen Vorfahren (»Bar« statt »Bär«), die beiden Punkte sind ihm stumme Dekoration. Colonia Aurora, das Dorf, in dem er lebt, liegt im äußersten Nordosten Argentiniens, eingezwängt zwischen Paraguay und Brasilien, noch dazu in der Provinz mit dem sprechendem Namen Misiones (wegen der Jesuiten). Neben argentinischem Spanisch und einem eingestaubt klingenden Deutsch, das Ricardo nur brockenweise beherrscht (»guten Abend«, »alles gut«, »Jesus Christus«), wird hier auch Portuñol gesprochen, eine Mischung aus Spanisch und Portugiesisch.
Beim Krippenspiel in der Baptistenkirche lernen Nele Wohlatz und Gerardo Naumann »zufällig« Ricardo Bär kennen und beschließen, einen Film über ihn zu machen. Ricardo ist nunmehr Hirte, Pastorenanwärter, Aushilfslandwirt und Dokumentarfilmprotagonist, wenn auch nicht alles gleichzeitig. »Jetzt spielt er für das Krippenspiel, nicht für den Film«, sagt Wohlatz einmal. Später will er überhaupt nicht mehr für den Film spielen, in der Gemeinde gebe es Zweifel an den guten Absichten hinter dem Dreh. Zwischen Filmteam und Gemeinde muss Überzeugungsarbeit geleistet werden, schließlich kommt man zu einer Vereinbarung. Die Verhandlungen über Abbruch und Fortführung des Filmprojekts dringen durch die Wortmeldungen der Filmemacher*innen nur in Form der Nacherzählung an unsere Ohren. Die Nacherzählung strukturiert das Material erst zum Film Ricardo Bär. Es steht uns offen, ihren körperlosen Stimmen zu glauben, dass dieses und jenes so passiert ist. Im Modus permanenter Selbstreflexion erzählt der Film einiges aus Ricardo Bärs Leben. Eigentlich fragt er jedoch danach, ob ein Film über/mit/trotz Ricardo Bär unter diesen Umständen überhaupt zu machen ist.

