Van Gogh

Notiz zu Tokyo Chorus von Yasujirô Ozu

Ges­tern auf dem Weg nach Hau­se im Regen ein Son­nen­blu­men­feld pas­siert. Ihre Köp­fe zum Boden gesenkt, als ob in Trau­er. Ihr Son­nen­gelb nur mehr blass. In den Knos­pen stan­den die Trä­nen. Es schüt­te­te ohne Unter­lass. Ihr Strah­len ver­welk­te. Blick­te man auf die­se geschun­de­nen Kör­per, die unter jedem Trop­fen erzit­ter­ten, spür­te man bei­na­he wie ihre Kraft mit jeder Sekun­de ver­schwamm. Das Feld befin­det sich neben Glei­sen. Hät­te man aus dem Zug­fens­ter zu den Blu­men geblickt, hät­ten sie sich abge­wen­det. Im Ver­such die Fäul­nis zu ver­hin­dern, duck­ten sie sich weg von ihrer eige­nen Schön­heit. Kei­ne Son­ne nach der sie sich wen­den konn­ten. Womög­lich flüs­ter­ten sie dort unten in der Mit­te des Fel­des unter sich und hiel­ten sich gegen­sei­tig warm, erzähl­ten ihren Nächs­ten von Son­nen­stun­den, der Won­ne und dem Licht. Ihre Wür­de erhielt sich viel­leicht noch im Ste­hen. Sie lagen nicht, senk­ten sich nur. Etwas in ihnen gab nicht auf. Etwas in ihnen, ver­sucht den Kopf hoch­zu­hal­ten, selbst wenn alles gegen sie spricht.

So for­dert es auch die Ehe­frau Tsu­ma von ihrem Gat­ten Shin­ji in Yasu­ji­rô Ozu Stumm­film Tokyo Cho­rus. Er ist arbeits­los in Tokio, „Stadt der Arbeits­lo­sig­keit“ wie es in einem Zwi­schen­ti­tel heißt. Er muss tie­fer sin­ken, um wie­der auf­zu­ste­hen. Als leben­des Rekla­me­schild wie in Tsai Ming-liangs Stray Dogs, der auch ein Film des Regens ist. Kein Regen dage­gen bei Ozu; nur Son­nen­blu­men. Sie ste­hen vor der Woh­nung der Fami­lie von Tsu­ma und Shin­ji. Drei Kin­der haben sie zunächst. Sie for­dern alles, wer­den krank. Sie sind das Glück, das schwer wie­gen kann. Shin­ji hat sei­ne Arbeit ver­lo­ren, weil er nicht mit Auto­ri­tä­ten kann. Er hat einen zu aus­ge­präg­ten Gerech­tig­keits­sinn, ein zu gutes Herz. Ein­mal reagiert er ange­spannt und sagt, dass arme Män­ner immer beson­ders sen­si­bel wären. Vor dem Zaun der Woh­nung in Tokio ste­hen eini­ge Son­nen­blu­men. Als wir sie zum ers­ten Mal sehen, befin­det sich die Fami­lie auf dem Weg ins Kran­ken­haus. Die Toch­ter ist krank. Man weiß nicht, wie man ihre Behand­lung finan­zie­ren soll. Ozu schnei­det zu drei Son­nen­blu­men im Wind. Sie wach­sen vor dem Zaun. Spär­lich und doch kräf­tig. Ihre Köp­fe sind auf­recht und ihr selbst durch die schwarz-wei­ßen Bil­der spür­ba­res Gelb leuch­tet in Rich­tung der lei­den­den Fami­lie. Spä­ter ein ande­res Bild. Der Jun­ge sitzt schmol­lend vor dem Zaun, hin­ter ihm die Son­nen­blu­men. Sie dre­hen sich alle in ande­re Rich­tun­gen, ihre Köp­fe leicht gesenkt. Der Vater hat inzwi­schen sei­ne Wür­de aufs Spiel gesetzt. Die Blu­men ste­hen noch, aber sie wan­ken. Es gibt hier kei­ne Meta­pher. Nur ver­schie­de­ne Zeiten.

Mizo­guchi, neben Naru­se und Ozu der drit­te gro­ße japa­ni­sche Fil­me­ma­cher, so weiß man, wein­te als er Van Goghs Son­nen­blu­men in Paris gese­hen hat. Die Son­nen­blu­men von Ozu sind mit dem glei­chen Auge gemalt.

Heu­te scheint die Son­ne wie­der. Ich habe kei­ne Zeit, um zum Son­nen­blu­men­feld zu fah­ren. Ich stel­le es mir vor. Die letz­ten Trop­fen sickern in den Boden, das Gelb kehrt zurück in die Gesich­ter wie ein Errö­ten im Moment der Lie­be. Ein Zug fährt vor­bei und die Knos­pen grü­ßen mit einem neu­en Lächeln. Sie stre­cken sich zur Son­ne wohl­wis­send, dass der nächs­te Regen ihr letz­ter sein könn­te. Aber auch, dass die­se Son­ne ihr ein­zi­ges Geschenk ist. Ozu und Van Gogh wären wie­der zum Feld gefah­ren und hät­ten etwas ande­res gese­hen. Sie hät­ten sich kaum mit der Illu­si­on begnügt, die sie selbst geschaf­fen haben. Also fol­ge ich ihrem Bei­spiel, neh­me eben jenen Zug, der am Feld vor­bei­führt. Bei mir kein Pin­sel, kei­ne Kame­ra, son­dern ein Stift und ein Notiz­block. Aus mei­nem Abteil lässt sich nicht beson­ders viel erken­nen. Auf dem Fens­ter befin­den sich vie­le schwar­ze Punk­te, sie sind Teil einer Rekla­me. Viel ist sowie­so nicht los, ich habe eine gute Zeit erwischt für die­se klei­ne Fahrt in Wiens Südens. Als ich mich der Stel­le nähe­re, ste­he ich auf und schaue durch ein ande­res Fens­ter, eines, das mir freie Sicht gewährt. Der Zug pas­siert das Feld. Ich habe nur eini­ge Sekun­den. Ich bin mir nicht sicher, ob die ande­ren Pas­sa­gie­re das bemer­ken. Ich sehe mehr Gelb als am Vor­tag, man­che der Blü­ten­blät­ter schei­nen sich nach hin­ten zu stre­cken wäh­rend sich auf ihnen immer noch klei­ne Trop­fen gegen die Son­ne weh­ren. Ein­zel­ne Blu­men hal­ten ihren Kopf wei­ter gesenkt, ande­re haben bereits alle Sor­gen von sich geschüt­telt. Ein wenig wirkt es so wie die ungläu­big aus­ge­streck­ten Hand­flä­chen, die kei­nen Regen mehr emp­fan­gen, aber noch jede Sekun­de damit rech­nen. Ers­te Schmet­ter­lin­ge und Flie­gen wagen sich in das gel­be Meer. Die Son­nen­blu­men sind da. Ich kann ihr Flüs­tern ziem­lich deut­lich hören, es ist gelös­ter, erwar­tungs­froh und ich spü­re, dass ich all das nie beschrei­ben könn­te, wenn es nicht gereg­net hätte.