Spring in a Small Town von Fei Mu

Il Cinema Ritrovato 2018: Spring in a Small Town von Fei Mu

Andrey Arnold: Wie fin­dest du dein Fes­ti­val bis jetzt?

Sebas­ti­an Bobik: Es fällt mir schwer so früh schon wirk­lich Bilanz zu zie­hen, aber alles in allem den­ke ich es war bis­her ziem­lich gut. Ich habe vie­les gese­hen, bin über­rascht, ent­täuscht und auch über­wäl­tigt wor­den von ver­schie­de­nen Fil­men. Bei dir?

AA: So weit, so gut. Ges­tern haben wir einen Film gese­hen, von dem du beson­ders begeis­tert warst. Willst du ein biss­chen was dazu sagen?

SB: Defi­ni­tiv! Ges­tern haben wir Spring in a Small Town von Fei Mu gese­hen. Ein chi­ne­si­scher Film aus dem Jahr 1948, also kurz nach dem Krieg. Der Film erzählt unter ande­rem über das Trau­ma des Krie­ges, aber tut es in einer Art Kam­mer­spiel. Auf einem Grund­stück und inner­halb eini­ger Tage wer­den die ver­schie­dens­ten Emo­tio­nen von fünf Figu­ren durch­lebt, die durch eine Wol­ke aus Sehn­sucht und Ent­frem­dung drif­ten. Beson­ders stark fand ich die Kraft die­ses unter­drück­ten Begeh­rens, aber auch die Ehr­lich­keit, mit der schon damals Emo­tio­nen rund um einen mög­li­chen Ehe­bruch dar­ge­stellt wer­den. Es wird nie platt mora­li­siert, wer Recht oder Unrecht hat, und die Tat­sa­che, dass sich die­se Figu­ren eigent­lich alle sehr sym­pa­thisch sind und kei­ner dem ande­ren weh­tun will macht das gan­ze eben­so schö­ner, wie auch schmerzvoller.

AA: Außer­ge­wöhn­lich für einen Film die­ser Zeit fand ich vor allem die Atmo­sphä­re. Er spielt in einer völ­lig eige­nen Welt. Eine Welt, die zugleich kon­kret und abs­trakt ist und völ­lig aus der Zeit gefal­len scheint (soweit ich mich erin­nern kann, ver­zich­tet der Film auf eine expli­zi­te his­to­ri­sche Zeit­an­ga­be). Schau­platz ist ein Dorf oder Städt­chen, das vom Krieg ver­wüs­tet wur­de. Man­che Häu­ser ste­hen noch, aber der Gesamt­ein­druck ist der einer Rui­nen­land­schaft. Und zwar einer, die sich noch nicht ent­schie­den hat, ob sie völ­lig in der Ver­sen­kung ver­schwin­den (an den Mau­ern rankt sich schon der Efeu) oder doch eine Wie­der­ge­burt wagen will (in den Außen­auf­nah­men spürt man die Fri­sche des Früh­lings). Hier lebt die Haupt­fi­gur, eine unglück­lich ver­hei­ra­te­te Frau, in einem son­der­ba­ren Schwe­be­zu­stand, der sich auch in ihrem Habi­tus äußert. Ihre Bewe­gun­gen sind anmu­tig, aber auch müde und von einer som­nam­bu­len Lang­sam­keit. Man hat bei­na­he den Ein­druck, ihre Wirk­lich­keit stün­de unter Was­ser. Hast du das ähn­lich empfunden?

SB: Abso­lut! Ich glau­be, was die­se Atmo­sphä­re unter­stützt, ist, dass es nicht nur kei­ner­lei zeit­li­che Anga­be gibt, son­dern auch, dass die­ses „Dorf“ eigent­lich kaum eines ist. Man sieht nie irgend­wel­che ande­ren Figu­ren, nicht ein­mal im Hin­ter­grund, wäh­rend unse­re Haupt­fi­gu­ren spa­zie­ren gehen. Es stimmt auch, dass jeg­li­che Ges­ten und die Hand­lung all­ge­mein sich bei­na­he in Zeit­lu­pe bewe­gen. Auch das ab und zu auf­tre­ten­de Voice-Over, wel­ches zwar von Yuwen (der Haupt­fi­gur) gespro­chen wird, aber auch von Din­gen berich­tet, die sie nicht wis­sen kann, trägt zu die­ser abso­lut eige­nen Atmo­sphä­re bei. Der Film ist unge­wöhn­lich still. Man konn­te in bestimm­ten Sze­nen jede Regung im Kino­saal ver­neh­men. Manch­mal wur­den Geräu­sche wie eine sich schlie­ßen­de Tür völ­lig ausgelassen.

Doch obwohl der Film ein­drück­lich und ehr­lich von einer gro­ßen Ein­sam­keit erzählt, lebt er ja eigent­lich von den Figu­ren­kon­stel­la­tio­nen. Oft wer­den gan­ze Sze­nen in lan­gen wei­ten Ein­stel­lun­gen gezeigt (die Kame­ra bewegt sich trotz­dem leicht mit, wird nie ganz sta­tisch, son­dern ist immer „flüs­sig“). Was dann beson­ders auf­fällt, ist der Raum zwi­schen Figu­ren. Zwar wird gere­det und gesun­gen, doch man spürt vor allem die Bli­cke, die kur­zen Berüh­run­gen von Hän­den, die zugleich wie­der beschämt auf­ge­ho­ben wer­den, und wie oft Figu­ren das Ver­hal­ten ande­rer sehn­süch­tig beob­ach­ten. Es gibt eine wun­der­vol­le Sze­ne im Film, wo die Figu­ren einen Ruder­aus­flug machen. In meh­re­ren Groß­auf­nah­men sehen wir ihre glück­li­chen Gesich­ter. Doch unser heim­li­ches Paar bekommt eine gemein­sa­me Ein­stel­lung. Eine Groß­auf­nah­me von ihr folgt ihrem Blick und endet in einer Groß­auf­nah­me von ihm. Inner­halb einer Ein­stel­lung wer­den zwei Figu­ren ver­bun­den – fan­tas­tisch. Über­haupt ist es schön zu sehen, dass ein Film, der eigent­lich eher in geschlos­se­nen Räu­men spielt und vie­le Dia­lo­ge beinhal­tet, sei­ne eige­ne fil­mi­sche Spra­che ent­wi­ckelt, die nicht auf­ge­drückt „fil­misch“ ist, indem sie sich über Mon­ta­ge her­vor­hebt, aber auch nicht mit völ­lig sta­ti­schen Ein­stel­lun­gen arbei­tet. Ist dir in der Hin­sicht noch etwas aufgefallen?

AA: Der Film fließt ja gene­rell eher, als dass er schnei­det. Wir haben ges­tern kurz über Ozus Ear­ly Spring gespro­chen – noch so ein trau­ri­ger Ehe­kri­sen-Früh­lings­film, der hier läuft. Unter ande­rem auch dar­über, wie Ozu das Gefühl auf den Punkt bringt, wie ein neu­er Mor­gen exis­ten­zi­el­le Nöte wie von Zau­ber­hand ver­ges­sen macht (oder ver­drän­gen lässt). Er zeigt sei­ne Figu­ren am tiefs­ten Punkt, in schmerz­li­cher, trost­lo­ser Ver­lo­ren­heit. Einen Schnitt spä­ter ist die Nacht ver­gan­gen, die Vögel zwit­schern, die Son­ne lacht, und die­sel­ben Men­schen, die eben kurz davor waren, alles hin­zu­schmei­ßen, machen sich auf den Weg zur Arbeit. In Spring in a Small Town gibt es sol­che Schnit­te nicht. Alles fließt unauf­hör­lich inein­an­der, Gefüh­le und Stim­mun­gen, Innen und Außen(räume). Der Film wirkt wie eine ein­zi­ge, unauf­hör­li­che Über­blen­dung, die sich erst ganz am Ende dar­auf fest­legt, wohin sie eigent­lich über­blen­den will.

Regis­seur Fei Mu fin­det unter­schied­li­che Lösun­gen, um die­ses Flie­ßen zu ver­mit­teln. Eine sind natür­lich buch­stäb­li­che Über­blen­dun­gen, zum Teil erstaun­li­cher­wei­se sogar inner­halb einer Sze­ne, einer Bewe­gung. Eine ande­re ist die lang­sa­me, hin- und her­wan­dern­de Kame­ra­be­we­gun­gen inner­halb einer Ein­stel­lung, die du beschrie­ben hast. Beson­ders ein­ge­prägt hat sich mir dies­be­züg­lich eine Sze­ne am Anfang des Films. Der alte Freund des (seelen-)kranken Gat­ten der Haupt­fi­gur, ein jun­ger Arzt, ist bei den Ehe­leu­ten zu Gast. Einst waren er und die Frau Gelieb­te, was noch nie­mand außer ihnen weiß. Die klei­ne Schwes­ter des Gat­ten, die ein­zi­ge rich­ti­ge Froh­na­tur im Ensem­ble der Ein­ge­schlos­se­nen, hat ein Auge auf ihn gewor­fen und singt ein Lied, um ihm zu impo­nie­ren, wäh­rend die Frau im Vor­der­grund Haus­ar­bei­ten erle­digt, Sachen hin- und her­trägt. Die Kame­ra lässt sich indes­sen von Bli­cken lei­ten, von wider­sprüch­li­chen Auf­merk­sam­kei­ten und Begeh­rens­vek­to­ren, schwankt ruhig zwi­schen den Posi­tio­nen, ohne Schnitt. Ich muss­te an Hou Hsiao-hsi­en den­ken. Gene­rell dürf­te der Film ziem­lich ein­fluss­reich gewe­sen sein im chi­ne­sisch­spra­chi­gen Raum. Im Kata­log steht, dass Jia Zhang-ke ihm in I Wish I Knew Tri­but gezollt hat. Du mein­test ges­tern, er hät­te bei dir Asso­zia­tio­nen zu In the Mood For Love geweckt. Könn­test du das näher ausführen?

Spring in a Small Town von Fei Mu

SB: Die Asso­zia­ti­on ist wahr­schein­lich die sim­pels­te, aber auch die schnells­te für mich gewe­sen. Ich rede dabei gar nicht so sehr von der Form und dem Stil des Fil­mes (obwohl bei­de Fil­me natür­lich auf unter­schied­li­che Art und Wei­se die Zeit und ein­zel­ne Momen­te der Sehn­sucht in abso­lut zer­rei­ßen­de Län­ge zie­hen), aber ein­fach auf der Basis der Hand­lung und wie der Film damit umgeht. In bei­den Fil­men geht es um eine ver­bo­te­ne Lie­be, ein The­ma das oft­mals in Melo­dra­men behan­delt wird. Doch die bei­den Fil­me ste­chen eben dadurch her­aus, dass die­sem Begeh­ren, die­sen Gelüs­ten nie­mals nach­ge­ge­ben wird. Die Figu­ren sind erstarrt in einem Wider­spruch zwi­schen der Art und Wei­se, wie sie sich beneh­men soll­ten, und dem, was sie eigent­lich tun wol­len. Es gibt in bei­den Fil­men kei­ne Sex­sze­nen, nicht ein­mal einen Kuss, glau­be ich. Statt­des­sen erbebt das Uni­ver­sum des Fil­mes jedes Mal, wenn sich die Hän­de der Begeh­ren­den kurz berüh­ren, oder sie sich durch den Raum Bli­cke zuwerfen.

Was ich aber sehr span­nend fand, ist das Fei Mus Film fast ehr­li­cher damit umgeht als Wongs. Bei In the Mood For Love spü­ren wir immer die Sehn­sucht und Zärt­lich­keit, aber er wird nie wirk­lich ero­tisch. Spring in a Small Town hin­ge­gen hat für mich in eini­gen Sze­nen eine wahn­sin­nig ero­ti­sche Span­nung auf­ge­baut. In den Momen­ten in denen die bei­den sich nicht in Gesell­schaft ande­rer befin­den, flir­ten sie bei­na­he. Jede Bewe­gung, jeder Hüft­schwung wird dabei so klar gesetzt, dass ich eine wahn­sin­ni­ge Span­nung zwi­schen den Bei­den ver­spürt habe, die sich nicht davor geschämt hat auch das ein­fa­che sexu­el­le Begeh­ren zu the­ma­ti­sie­ren. Eben­falls mit gro­ßer Ehr­lich­keit wird sogar der Gedan­ke in den Raum gewor­fen, dass es am ein­fachs­ten wäre, wenn der Ehe­mann ein­fach ver­schwin­den wür­de. Ein Gedan­ke, den Yuwen, sobald sie ihn aus­spricht, auch wie­der bereut. Es sind sol­che Momen­te in denen der Film sehr modern wirkt und ehr­li­cher mit sol­chen The­men umgeht als die meis­ten Fil­me, die zu die­sem The­ma gemacht wer­den. Ich muss­te eben­so wie du oft an Hou den­ken. Der Film hat mich extrem beein­druckt, und mitt­ler­wei­le habe ich das Gefühl, er hat sich auch in dei­nem Kopf fest­ge­setzt. Trotz­dem möch­te ich dich fra­gen: Hat sich dei­ne Mei­nung zum Film seit ges­tern ver­än­dert? Anfangs war ich defi­ni­tiv begeis­ter­ter als du.

AA: Stimmt, aber das lag weni­ger am Film selbst als an der fes­ti­val­ty­pi­schen Kol­li­si­on unter­schied­li­cher Zeit­lich­kei­ten. Ich war zum gege­be­nen Zeit­punkt ein­fach nicht ein­ge­stellt auf die, ohne das wer­tend zu mei­nen, Träg­heit und Trüb­se­lig­keit des Films, und hat­te daher stel­len­wei­se Schwie­rig­kei­ten, mich auf sie ein­zu­las­sen. Aber Spring in a Small Town scheint mir ohne­hin ein Sicker-Film zu sein, der sei­ne Kraft nicht zuletzt im Wei­ter­wir­ken ent­fal­tet. Er hat frag­los Ein­druck bei mir hin­ter­las­sen, wie ich auch jetzt in der Dis­kus­si­on mer­ke. Man könn­te noch lan­ge über ihn dis­ku­tie­ren. Inter­es­sant wäre etwa die Fra­ge nach sei­ner Poli­tik: Schließ­lich geht es auch um den Wider­streit zwi­schen Altem und Neu­em, dar­um, wie das Alte (reprä­sen­tiert durch den wohl­wol­len­den, aber buch­stäb­lich intro­ver­tier­ten, depres­si­ven Ehe­mann) dem Neu­en oder der Mög­lich­keit des Neu­en im Weg steht, wie schwer es auch mora­lisch ist, sich aus dem Sumpf der Nach­we­hen eines schwe­ren (Kriegs-)Traumas her­aus­zu­zie­hen. Oder den gege­be­nen Ver­hält­nis­sen zu entfliehen.

Eigent­lich fast wie bei Ozu, um den Ver­gleich wie­der auf­zu­grei­fen – Ear­ly Spring und Spring in a Small Town tei­len sich, wenn ich mich nicht irre, sogar ähn­li­che Schluss­bil­der. Nur hat man bei Ozu ein Gefühl der Frucht­lo­sig­keit jeg­li­chen Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bens, weil alles so hart und uner­bitt­lich ist (das Schick­sal, die Schnit­te, die Archi­tek­tur), und hier die mög­li­che Ver­än­der­lich­keit des Seins auch in der Form durch­zu­schim­mern scheint. Oder wäre gera­de die Här­te weni­ger besänf­ti­gend? Span­nend fin­de ich auch, wie der Film jeman­den wie Anto­nio­ni vor­zu­zeich­nen scheint, nur in weni­ger urba­nem Kon­text: Ver­fal­len­de Mau­er­res­te und zer­schos­se­ne Anwe­sen als Psy­cho­geo­gra­fie einer ori­en­tie­rungs­lo­sen Bür­ger­lich­keit. Eine etwas abschüs­si­ge­re Asso­zia­ti­on: Mario Bavas nebel­ver­sun­ke­ne Gru­sel­schlös­ser, die gleich­falls von schwer­las­ten­der Ver­gan­gen­heit in Abgrün­de gezo­gen wer­den. Her­vor­zu­he­ben wäre auch der bereits von dir erwähn­te, eigen­ar­ti­ge Ein­satz des Off-Kom­men­tars, ein schein­bar all­wis­sen­der inne­rer Mono­logs der Haupt­fi­gur, bei dem ich mir nie sicher war, ob er über­flüs­sig oder abso­lut essen­zi­ell für den Film ist. Scha­de nur, dass Spring in a Small Town (wie die meis­ten chi­ne­si­schen Arbei­ten hier) nicht auf Film gezeigt wur­de: Pas­sa­gen­wei­se wirk­te das Digi­ta­li­sat doch recht klo­big auf mich.