Notiz zu Warum ist nicht schon alles verschwunden von Stefan Koutzev

Text: Anton Schroeder

„Wenn ich von der Zeit spre­che, dann des­halb, weil sie noch nicht ist.
Wenn ich von einem Ort spre­che, dann des­halb, weil er ver­schwun­den ist.
Wenn ich von einem Men­schen spre­che, dann des­halb, weil er schon tot ist.
Wenn ich von der Zeit spre­che, dann des­halb, weil sie schon nicht mehr ist.“
–Jean Bau­dril­lard, „War­um ist nicht alles schon verschwunden?“

„Der klei­ne Prinz“, steht auf dem Schiff, das ich jeden Mor­gen pas­sie­re. Ich muss an F. den­ken, der immer so gern in Hol­land gewe­sen ist. Manch­mal hat F. mit­ten im Satz ins Hol­län­di­sche gewech­selt, das hat mir gut gefal­len. Dass sein fami­li­en­in­ter­ner Spitz­na­me „der klei­ne Prinz“ ist, habe ich erst auf F.s Beer­di­gung erfah­ren. Ein­mal habe ich F. zu einem Film auf der Ber­li­na­le mit­ge­nom­men, das war Allens­worth von James Ben­ning, glau­be ich. F. ist dann rela­tiv schnell ein­ge­schla­fen und war gelang­weilt und hat gesagt, nächs­tes Jahr schau­en wir einen rich­ti­gen Film. Damit hat er ver­mut­lich gemeint, einen Film mit einer Hand­lung und viel­leicht auch ein biss­chen Action, zumin­dest mit Schau­spie­lern, schät­ze ich. Vor Jah­ren haben wir zusam­men Only God For­gi­ves von Nico­las Win­ding Refn geschaut, den moch­ten wir bei­de nicht so gern, aber F. fand die Vor­stel­lung sehr lus­tig, ich wür­de so ein Kata­na besit­zen und damit durch die Stra­ßen lau­fen. Zu mei­nem Geburts­tag hat er mir dann auch wirk­lich so ein Schwert geschenkt, natür­lich kein schar­fes. Durch die Stra­ßen gelau­fen bin ich damit nie, bei einem Umzug habe ich es auf die Stra­ße gestellt und gedacht, viel­leicht fin­det es ein Samu­rai. Ich weiß nicht, ob es in Dres­den Samu­rai gibt, ver­mut­lich nicht.

Der Debüt­film von Ste­fan Kout­zev War­um ist nicht schon alles ver­schwun­den ist ein auf­re­gend-beru­hi­gen­der Film. Es pas­siert nicht viel, was auf Fes­ti­vals wie dem IFFR, wo der Film sei­ne Pre­miè­re fei­er­te, ja fast zur Eti­ket­te gehört, weil man es so leicht mit Tief­grün­dig­keit ver­wech­seln kann. Damit will der Film zum Glück nicht viel zu tun haben, was nicht bedeu­tet, er sei dumm oder flach. Es pas­siert dann doch viel. Bezie­hungs­wei­se kommt es dar­auf an, was man unter dem Wort ver­steht oder wo man die Ver­än­de­rung, die Bewe­gung, die als „pas­sie­ren“ durch­ge­hen könn­te, sucht. In Action­fil­men ist das oft ein­fach, da stirbt jemand und die Haupt­fi­gur hat am Ende des Films ein blau­es Auge und Schweiß am Hemd.

Kout­zevs Film beginnt mit einer Bus­fahrt, ein Mäd­chen und ein Jun­ge aus Bul­ga­ri­en wol­len irgend­wo­hin, aber nicht dahin, wo ihr Bus hin­will, nicht nach Köln. Die bei­den tau­chen nach die­sem Beginn nicht wie­der auf, der Film wen­det sich ande­ren Men­schen zu. In einem ‚rich­ti­gen Film‘ hat solch eine Sze­ne sel­ten Platz, öko­no­misch betrach­tet ist sie viel­leicht irrele­vant. Viel­mehr macht der Film aber deut­lich, dass Pas­sie­run­gen in sich selbst gesucht wer­den sol­len anstatt im Kon­kre­ten auf der Lein­wand, zumin­dest im Zwischenraum.

Was sich kon­kret sagen lässt, ist, dass der Film danach ande­re Men­schen fin­det, ins­be­son­de­re einen. Sori Moon heißt der jun­ge Mann, der fort­an in den meis­ten Ein­stel­lun­gen zu sehen ist. Wir erfah­ren, dass Sori Moon Korea­ner ist, dass er mal in der Armee gedient hat, dass sei­ne Fami­lie nichts über das Ende sei­nes Stu­di­ums weiß und dass er nun statt­des­sen „dies und das“ macht, wie er sagt. Gera­de sind das Assis­tenz­ar­bei­ten für einen Künstler.

Das sind Infor­ma­tio­nen, die genannt wer­den soll­ten, möch­te man über die­sen Film spre­chen, so wie der Regis­seur Ste­fan Kout­zev heißt und an der Kunst­hoch­schu­le Köln stu­diert. Genannt soll­ten sie auch wer­den, weil die­se Infor­ma­tio­nen – die Dia­spo­ra, die Mili­tär­ver­gan­gen­heit oder der unge­wis­se ‚Kar­rie­re­plan‘ – die Bil­der ein­fär­ben. Man könn­te über die Haupt­fi­gur auch sagen, dass er als Kind gern Schnee­witt­chen geschaut hat und sich dabei vor allem für die sie­ben Zwer­ge inter­es­siert hat, dass er gern ska­tet und durch­aus behän­de klet­tern kann.

In zumeist lan­gen und sta­ti­schen Ein­stel­lun­gen macht Sori Moon dann eben „dies und das“, er führt klei­ne Gesprä­che mit oder ohne Tele­fon, spa­ziert und zeich­net. War­um ist nicht schon alles ver­schwun­den erzählt nicht so sehr im For­mu­lier­ten. Vie­les bleibt im Hin­ter­grund, schwelt unter­schwel­lig her­um und kommt dann an ande­rer Stel­le kurz her­vor. Zu Beginn des Films wird Sori von einem Freund nach sei­ner ers­ten Erin­ne­rung gefragt. Nicht viel spä­ter, er tele­fo­niert mit sei­ner Mut­ter, stellt er ihr die glei­che Fra­ge. Das ist nicht so sehr als ein Prin­zip von Ursa­che und Wir­kung zu betrach­ten, eher grei­fen Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart inein­an­der. Etwas aus dem ers­ten Gespräch bleibt haf­ten, lebt im nächs­ten wei­ter, wie auch die anfäng­li­che Bus­fahrt wei­ter­lebt – nicht kon­kret in der „Hand­lung“ des Films, viel­leicht als vage Spie­ge­lung in Auf­nah­men eines Zuges oder eines Schiffs, ganz sicher aber beim Zuschau­er. Wenn Sori in einer beson­ders lan­gen Ein­stel­lung spa­ziert, mar­schiert er viel­mehr. Wenn er zu Beginn des Films auf einem Stuhl balan­ciert und Capri-Son­ne vom Bal­kon spuckt, ist er fast ein Kind. Das alles ist anwe­send, ver­schwun­den ist es zumin­dest nicht.

Mate­ri­el­les und Erin­ner­tes sind in die­sem Film gleich­be­rech­tigt, eigent­lich sind sie nicht zu tren­nen. Geschich­ten, die eige­nen wie die der weni­gen ande­ren Per­so­nen, denen Sori über die Dau­er des Fil­mes begeg­net, bevöl­kern die­sen Film genau­so wie ein über­aus über­durch­schnitt­lich blin­ken­des Fahr­rad oder eine klei­ne Esel-Grup­pe. All die­sen Din­gen mit ihren unter­schied­li­chen Fes­tig­keits­gra­den wird Raum gege­ben, man könn­te sagen: der Film nimmt sie ernst.

In Jean Beau­dril­lards letz­ten Text, des­sen Titel („War­um ist nicht schon alles ver­schwun­den?“) ganz ähn­lich lau­tet, schreibt Bau­dril­lard der Spra­che einen gewis­ser­ma­ßen rea­li­täts­til­gen­den Effekt zu: „Der Moment, da eine Sache benannt wird, da sich die Vor­stel­lung und der Begriff ihrer bemäch­ti­gen, ist eben jener Moment, da sie beginnt, ihre Ener­gie ein­zu­bü­ßen – auf die Gefahr hin, zu einer Wahr­heit zu wer­den oder sich als Ideo­lo­gie auf­zu­zwin­gen. (…) Der Begriff tritt in Erschei­nung, wenn etwas zu ver­schwin­den beginnt.“ Ähn­lich haben Béla Balázs und zu einem Teil auch Sieg­fried Kra­cau­er den Film als Erret­ter solch einer nicht-begriff­li­chen Welt betrach­tet, nur schon viel frü­her. Indem War­um ist nicht schon alles ver­schwun­den eben nicht kodi­fi­ziert, son­dern nar­ra­tiv mit Ange­bo­ten arbei­tet, bewahrt er sich (zumin­dest teil­wei­se) vor solch einer Aus­lö­schung des Gefilm­ten. Ein Film von James Ben­ning ist das nicht, es gibt so etwas wie eine Dra­ma­tur­gie von Koutzev.

In der Offen­heit, im Nicht-Fest­ge­schrie­be­nen erfährt der Film etwas unge­mein Gemein­schaft­li­ches. In der intims­ten Sze­ne des Films – Sori Moon tele­fo­niert mit sei­ner Mut­ter – sehen wir ihn zunächst kaum erkenn­bar nachts im Bett lie­gen, den Rücken zur Kame­ra gekehrt. Das Gespräch gelangt zum The­ma der ers­ten Erin­ne­run­gen und der Film springt von der Ein­stel­lung des jun­gen Man­nes auf einen lang­sa­men, träu­me­ri­schen Schwenk über Blei­stift­zeich­nun­gen. Der Fokus der Kame­ra ist dabei enorm selek­tiv, gleicht einer Taschen­lam­pe, die ins Dun­kel leuch­tend dies und das sicht­bar wer­den lässt. Was für Zeich­nun­gen es sind, bleibt unklar, ver­mut­lich stam­men sie von Sori selbst, den man zuvor schon zeich­nen sehen konn­ten, viel­leicht sind es Spu­ren von frü­her. Die sicht­ba­ren Aus­schnit­te, könn­ten als ana­lo­ge Erin­ne­rungs­struk­tu­ren ver­stan­den wer­den, müs­sen sie aber nicht. Ohne pro­jek­ti­ons­flä­chig zu wer­den, for­dert der Film in die­ser Sze­ne behut­sam dazu auf, sich selbst in die­se Zeich­nun­gen zu bege­ben, die eige­nen Erin­ne­run­gen in den stil­len Dia­log ein­zu­brin­gen. Dafür ist Platz. Nicht über, son­dern neben der fil­mi­schen Realität. 

„Es lohnt sich nur, Fil­me zu schau­en, bei denen man zwi­schen­drin auf Toi­let­te gehen kann und nichts ver­passt hat, wenn man zurück­kehrt“, hat einer mei­ner Pro­fes­so­ren ein­mal in einer Vor­le­sung gesagt. Ich muss stän­dig auf die Toi­let­te bei Film­fes­ti­vals und bei die­sem Film erst recht, viel­leicht, weil mei­ne Schwes­ter eine klei­ne Rol­le dar­in spielt, was ich nicht ver­pas­sen möch­te. Neben mir ist ein Not­aus­gang und irgend­wann gehe ich dann doch. Hin­ter dem Not­aus­gang ist dann erfreu­li­cher­wei­se auch gleich eine Toi­let­te, aller­dings auch vie­le vol­le Bier­kis­ten und unver­putz­te Wän­de. Ich befin­de mich in den Kata­kom­ben des Kinos, zurück in den Saal kann man von hier aus nicht. Etwas Ähn­li­ches ist mir schon ein­mal in Wien pas­siert, da soll­te ich ein Gespräch mit einem Psy­cho­ana­ly­ti­ker zu einem Film von Mar­gue­ri­te Duras füh­ren und habe mich aus Ver­se­hen im Klo ein­ge­schlos­sen. Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker fand das toll, „das Haus rebel­liert“, oder so etwas hat er dann gesagt.

Nach einer Minu­te des Auf-und-ab-gehens fin­de ich einen Aus­gang, durch den ich das gan­ze Kino-Gebäu­de ver­las­sen kann, drau­ßen ist es kalt. In den Kino­saal gelangt man von oben, ich muss die gan­zen Trep­pen hin­un­ter­lau­fen. Schon kurz vor dem Betre­ten des Rau­mes höre ich durch die Tür die Stim­me mei­ner Schwes­ter. Ich habe ihren Ein­satz ver­passt, aber das gefällt mir durch­aus sehr gut, zu die­ser Stim­me die Trep­pen hin­ab­zu­stei­gen. Mei­ne Schwes­ter spielt sich wie die ande­ren Figu­ren im Film ein biss­chen selbst, sie spricht über das Haus, in dem sie auf­ge­wach­sen ist, in dem wir auf­ge­wach­sen sind. Sie spricht auch über einen spe­zi­fi­schen Geruch, der mit einem Gitar­ren­kof­fer ihres, unse­res Vaters zusam­men­hängt. Den Geruch habe ich in der Nase und in den nächs­ten Tagen kommt er immer mal hoch, dann füh­le ich mich klein und wohl, zumin­dest fast. Als ich ein paar Tage spä­ter wie­der am klei­nen Prinz vor­bei­ge­he, den­ke ich dar­an, wie uns unser Vater frü­her vor­ge­le­sen hat, auch die­ses Buch. Ich kann mich vage dar­an erin­nern, die Stim­me ist verschwunden.