Es gibt kei­nen ande­ren Film, in dem so viel geschieht wie in André de Toths Crime Wave. Wenn man nur eine Minu­te weg­schaut, weiß man nicht mehr, wo man ist. So geht es den Figu­ren, so geht es den Zuschau­ern. Heu­te könn­te nie­mand mehr einen sol­chen Film dre­hen und wenn doch, wür­de ihn nie­mand ver­ste­hen. Das Kino heu­te braucht Stun­den, um zu begrei­fen, was De Toth in einer ein­zi­gen Sze­ne verdichtet.

Zwei Raub­über­fäl­le, ein Gewis­sen, ein ver­un­mög­lich­tes neu­es Leben, eine Lie­be, die irgend­wann nicht mehr spre­chen kann, auf­ge­ge­be­ne Hun­de, ver­lo­re­ne Exis­ten­zen und ein Poli­zist, der sei­ne eige­ne Mensch­lich­keit ver­steckt, um zu funktionieren.

Es gibt kei­ne Künst­lich­keit in die­sem Film. Kei­ne Gim­micks, kei­ne visu­el­len Spie­le­rei­en. Nur ein paar Schat­ten, grel­les Licht von Lam­pen und ver­zwei­fel­te Bli­cke. Es muss nicht reg­nen, damit wir sehen, wie her­un­ter­ge­kom­men alles ist.

Manch­mal wird ein vor mehr als sieb­zig Jah­ren gedreh­ter Gen­re­film zu einem Doku­men­tar­film über die Gegen­wart, ein Film über das, was in den Men­schen pas­siert, wenn sie den Abgrün­den nicht aus­wei­chen können.

Die Hand zit­tert, egal ob sie einen Revol­ver oder das Whis­key­glas hält.

Ste­ve Lacey (Gene Nel­son) will der Kri­mi­na­li­tät ent­kom­men. Er ist hand­lungs­un­fä­hig, wenn die Kri­mi­na­li­tät ihn ein­holt. Detec­ti­ve Lieu­ten­ant Sims (Ster­ling Hay­den) will Gerech­tig­keit. Er weiß, dass es sie nur kurz­zei­tig geben kann. Das sind kei­ne zwei Figu­ren in einem Film, es han­delt sich um Schat­tie­run­gen des Gewissens.

Ster­ling Hay­den spielt jede Sze­ne so, als wür­de er gleich mit sei­ner Faust zuschla­gen. Angeb­lich hat De Toth ihm das Rau­chen an Set ver­bo­ten (sei­ne Figur kaut pau­sen­los auf Zahn­sto­chern her­um, weil ihr der Arzt die Ziga­ret­ten unter­sagt), um die vul­ka­ni­sche Gereizt­heit des Schau­spie­lers zu stei­gern. Die Kame­ra filmt ihn oft schräg von unten wie einen wan­ken­den und doch hel­den­haf­ten Boxer in der vor­letz­ten Runde.

Jede Ges­te von Hay­den ist ein Ereig­nis. Sein wuch­ti­ger, unebe­ner Kör­per erzählt in die­sem Film davon, wie schwer es ist, ein guter Mensch zu sein. Wür­de ist kein intel­lek­tu­el­les Prin­zip. Sie offen­bart sich in Handlungen.

Die ver­steck­ten Her­zen schla­gen am lautesten.

Ein ster­ben­der Hund wird vom alko­hol­süch­ti­gen Vete­ri­när im Auto trans­por­tiert. Ein Schnitt zeigt den Hund vor einer Schwarz­blen­de. Er senkt sei­nen Kopf im Taschen­lam­pen­licht. Was leicht wie eine Meta­pher anmu­ten könn­te, ist bei De Toth ein wei­te­rer Zweig an einem nach innen wach­sen­den Baum. «Peo­p­le. They accept the love of a dog, and when it gets old and sick they say put it to sleep.»

Der Film wur­de in vier­zehn Näch­ten groß­teils on loca­ti­on in Glend­a­le gedreht. Der Bank­über­fall in einer tat­säch­li­chen Filia­le der Bank of Ame­ri­ca. Eine Nacht hat­te man für den Dreh in der Bank. Alles über­setzt sich in eine Unbe­dingt­heit des Augen­blicks. Nichts in die­sem Film ist ele­gant, alles ist jetzt.

Hol­ly­wood ist weit weg, man riecht den Asphalt. Die städ­ti­sche Wirk­lich­keit und das kali­for­ni­sche Licht durch­bre­chen unab­läs­sig die Fik­ti­on, als woll­te De Toth bewei­sen, dass die Gege­ben­hei­ten die Geschich­te dik­tie­ren und nicht anders­her­um. Die Hand­lun­gen sind aus­weg­los, weil sie den weni­gen Wegen fol­gen, die es eben wirk­lich gibt.

Thom Ander­sen: «Eben­so wie Robert Ald­rich in Kiss Me Dead­ly legt André de Toth in Crime Wave unge­heu­ren Wert dar­auf, dass die Topo­gra­fie der Ereig­nis­se tat­säch­lich nach­voll­zieh­bar ist: Sie kön­nen den Flucht­weg der Gangs­ter und die Beschat­tung durch die Poli­zei auf dem Stadt­plan nach­ver­fol­gen und überprüfen.»

Dr. Sawyer’s Dog & Cat Hos­pi­tal gibt es auch heu­te noch. Es heißt Ange­lus Pet Hos­pi­tal.

Im Gegen­satz zu einem ande­ren film noir wie Carol Reeds Schat­ten­po­em Odd Man Out sind die Zwi­schen­bil­der von Men­schen, die am Rand der Hand­lung auf­tau­chen und zu unfrei­wil­li­gen Zeu­gen wer­den, nicht Teil eines dra­ma­tur­gisch-didak­ti­schen Kor­setts. Sie sind da, weil sie da sind. Sie hören die Lie­der im Radio, die sie hören.

«Make them feel the bumps», sag­te der Fil­me­ma­cher und mein­te damit, dass die Bil­der nichts glät­ten sollen.

Es ist schwer, Men­schen zu lie­ben. Das zeigt Crime Wave. Ellen Lacey (Phyl­lis Kirk) bewahrt sich in ihrem schwei­gen­den Blick, auf dem nicht der Hauch einer Angst zu erken­nen ist, selbst wenn sie bedroht wird, einen Rest von Lie­be. Die­ser Rest ist es, der die Prot­ago­nis­ten des Films bin­det. Alle haben ihre Stra­te­gien, um mensch­lich zu blei­ben in einer von Unmensch­lich­kei­ten beherrsch­ten Welt.

De Toth: «I saw Crime Wave as a sna­ke sli­ding through the night; a small sna­ke with sali­va, wan­ting to swal­low big things as it slithers through the gut­ter of the night of crime.»

Fata­lis­mus folgt einem eige­nen Rhyth­mus: Die Schlä­ge kom­men gera­de so schnell, dass man nicht genug Zeit hat, um Lösun­gen zu fin­den. Aber man hat Zeit, zu erken­nen, dass man kei­ne Lösun­gen fin­den kann. Crime Wave ist kein fata­lis­ti­scher Film. Viel­mehr endet er mit einem mensch­li­chen Wun­der, einer Hoffnung.

Am Ende ist die Gerech­tig­keit allein. Kaum wer hat sie gese­hen. Die­je­ni­gen, die sie erfah­ren, sind zu ver­ängs­tigt, um über­haupt zu begrei­fen, was geschieht. Sie sind nur froh, wei­ter­le­ben zu dür­fen. Wer sie sehen kann, ist der Zuschau­er. Sie zeigt sich in einer Halb­to­ta­le am Ende des Films. Ein gerech­ter Mann steht an einer Stra­ßen­ecke. Mehr gibt es nicht, die Welt geht weiter.