Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

The Other Side von Roberto Minervini

Now you don’t talk so loud: The Other Side von Roberto Minervini

Die viel dis­ku­tier­te ande­re Sei­te, das ande­re Bild ist es, das Rober­to Miner­vi­nis The Other Side bereits im Titel ver­kün­det, in sei­nem Film, der eine USA am Abgrund zeigt oder wie die Geschich­te in all ihrer Iro­nie seit­her zeigt, vor dem Sturz ins Gaga­land Trump. Bei Miner­vi­ni wirkt es düs­te­rer, viel­leicht weil das Gesicht des jet­zi­gen US-Prä­si­den­ten noch kei­ne Rol­le spielt, als wür­den sich jene gar nicht so leicht durch­schau­ba­ren Fron­ten zwi­schen Rechts und Links, denen wir im täg­li­chen Dis­kurs nur all­zu ein­fach mit nume­ri­schen Ver­glei­chen (sie­he Chem­nitz) oder abwer­ten­dem Kopf­schüt­teln begeg­nen, vor uns auf­lö­sen und wie­der neu, nicht aber zwangs­läu­fig zusam­men­set­zen. Das alles ist geprägt von einer über­schäu­men­den, bis­wei­len ver­zwei­fel­ten Wut. Wenn der Film nur einen Begriff ver­kom­pli­zie­ren wür­de in all den ober­fläch­li­chen Wort­hül­sen, denen wir uns in den Medi­en gegen­über sehen, dann wäre es wohl jener der Wut. Wut, die nicht ein­fach ist, son­dern die ent­steht, die sich ver­än­dert, die sich äußert, die trägt und treibt, die auch immer von etwas ande­rem erzählt und zwar umso lau­ter, des­to weni­ger man zuhö­ren will.

Es lässt sich sagen: Was Miner­vi­ni zeigt ist kom­ple­xer und dadurch unheim­li­cher. Es ist auch pro­ble­ma­ti­scher. Was auch hei­ßen könn­te, dass es einen nicht los lässt, immer wei­ter beschäf­tigt, mehr trifft als der Rausch an erschre­cken­den Nach­rich­ten, denen wir sonst täg­lich begeg­nen. Wäh­rend man den Film sieht, ver­gisst man auf wel­cher Sei­te man steht, man ver­gisst sogar, dass es Sei­ten gibt. Miner­vi­nis Kame­ra ist unheim­lich nahe, sie chan­giert zwi­schen der erstaun­li­chen Kör­per­lich­keit einer gefähr­li­chen Freak­show und zärt­lichs­ter Empa­thie. Ist da ein Bild der ande­ren Sei­te oder nur ein libe­ra­ler Fil­me­ma­cher, der uns zeigt wie krass das alles ist? Zual­ler­erst ist da mehr als oft: Neugier.

The Other Side von Roberto Minervini

Mit Mark; wir sind bei ihm für mehr als zwei Drit­tel des Films. Man könn­te sagen, dass Miner­vi­ni ihn nicht bewer­tet. Mark lebt mit Lisa. Bei­de neh­men Dro­gen. Bei­de wir­ken in ihren schwit­zi­gen, täto­wier­ten, von den Süd­staa­ten gedrill­ten Kör­pern nahe am Zusam­men­bruch, aber eman­zi­pie­ren sich bestän­dig durch Akte vor der Kame­ra. Sie set­zen sich einen Schuss in die Brust, sie schla­fen mit­ein­an­der, ste­cken sich einen Ring an den Fin­ger, nackt im Fluss. Sie lie­ben. Sie zei­gen der Kame­ra, dass sie lie­ben. Mark drif­tet durch sei­nen All­tag. Er besucht sei­ne kran­ke Mut­ter, schläft, nimmt Dro­gen, ver­kauft Dro­gen, dis­ku­tiert, phi­lo­so­phiert, wacht nackt in einem Feld auf, trifft Men­schen, die ähn­lich abhän­gig wie er am Rand einer Wahr­neh­mung tau­meln. Mehr­fach muss man sich fra­gen, wenn man die­sen Film sieht, war­um man immer das Kino braucht, um sich die­sen Wel­ten zu nähern. In Mark spü­ren wir Wut und wir spü­ren auch eine tie­fe Ver­zweif­lung. Aus die­ser Mischung ent­steht ein Stolz, der Trä­nen in sei­ne Augen treibt. Augen­bli­cke rechts­po­li­ti­scher Hetz­ge­dan­ken wech­seln sich in ihm und sei­ner Gemein­schaft mit nach­voll­zieh­ba­rer Klar­heit ab.

In ers­ter Linie ist The Other Side eine Erfah­rung, kein State­ment, kei­ne poli­ti­sche The­se. Selbst wenn sich der Film in den letz­ten zwan­zig Minu­ten sei­ner eige­nen Bedeu­tung bewusst wird und uns mit in Kriegs­übun­gen, Fei­er­lich­kei­ten und Oba­ma-Care-Blo­wjobs in den grö­ße­ren Zusam­men­hang einer mili­tan­ten Bewe­gung ent­führt, blei­ben wir etwas macht­los vor dem, was wir sehen. Mit Beru­fung auf die Ver­fas­sung wird die eige­ne Fami­lie heroi­siert, um zu recht­fer­ti­gen, war­um man sich mit Waf­fen ver­tei­di­gen muss, war­um die zen­tra­le Regie­rung abge­schafft gehört. Machos bal­lern mit Waf­fen in die Luft, es wird viel gesof­fen und eine laten­te Gewalt war­tet auf ihren Aus­bruch. Am Ende wird ein Auto zer­schos­sen. Es steht für Oba­ma. Es steht für mehr. Wir sind rat­los, weil wir auf unse­ren eige­nen Ansatz zurück­ge­wor­fen wer­den und dar­über erschre­cken könn­ten, dass die­ser Ansatz plötz­lich ver­schwom­me­ner erscheint, wenn man nicht ein­fach nur zustim­men oder ableh­nen kann. Aus der ange­spro­che­nen Wut, so spürt man, wird etwas ent­ste­hen. Man erahnt Unheil. Den­noch schafft man es nicht auf die­se Bil­der und Men­schen her­ab zu bli­cken. Zwar ver­steht man sie nicht immer, aber man spürt sie zu sehr, um sie zu ignorieren.

Erstaun­lich und ver­letz­lich ist die Offen­heit mit der sich Miner­vi­ni vor allem Mark nähert bezie­hungs­wei­se in der sich Mark ihm prä­sen­tiert. Denkt man an einen Film wie Pedro Cos­tas Juventu­de Em Mar­cha dreht Miner­vi­ni des­sen Vor­ge­hen bei­na­he um und erzeugt den­noch ein ähn­li­ches Ergeb­nis. Statt sei­ne Figu­ren zu schüt­zen, ent­blößt er sie. Aller­dings wirkt die­se Ent­blö­ßung immer geteilt, frei­wil­lig, bewusst und schamlos.

Nur gibt es eine span­nen­de Dif­fe­renz zwi­schen dem Bild von Miner­vi­ni und dem ande­ren Bild von Mark und den Mili­tan­ten. Die­ser Unter­schied erklärt sich über das, was in einem Bild gese­hen wer­den kann. Das, was die Prot­ago­nis­ten in der Kame­ra sehen, ist nicht zwangs­läu­fig das, was Miner­vi­ni mit ihr tut. Zumin­dest wird die­se Unter­stel­lung von den zahl­rei­chen ame­ri­ka­ni­schen Kri­ti­kern unter­stützt, die Mark und Lisa mit äußerst wenig Sym­pa­thie begeg­nen. Jemand kommt und filmt einen Men­schen in sei­ner Umge­bung. Er bringt den Film in eine ande­re Umge­bung, von der er weiß, was sie denkt. Um was geht es hier? Geht es Mark dar­um, ver­stan­den zu wer­den? Geht es ihm um ein Spiel, um Macht? Geht es dar­um, dass das eige­ne Leben ertrag­ba­rer ist, wenn man es nach­spielt, wenn man es vor einer Kame­ra aus­trägt? Geht es dar­um, dass Mark nicht für uns in die­sem Film ist, son­dern für all jene, die so den­ken und füh­len wie er selbst? Ist hier ein Dia­log oder doch nur ein Bild, das auch ein ande­res Bild sein könnte?

In ers­ter Linie ist hier eine Beun­ru­hi­gung. Eine, die wir brau­chen können.