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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Pabst-Retro: Stop n‘ Go: Der Letzte Akt

In den kom­men­den Tagen und Wochen fin­det im Film­ar­chiv Aus­tria im Metro­ki­no eine Retro­spek­ti­ve zum Schaf­fen von Georg Wil­helm Pabst statt. Hier sol­len mög­lichst vie­le kür­ze­re Tex­te über Fil­me und Moti­ve sei­nes Schaf­fens ent­ste­hen, die die Schau beglei­ten und aus ihr einen fri­schen Ein­druck eines gro­ßen deut­schen Fil­me­ma­chers gewin­nen wollen.

Wie zeigt man den Tod von Hit­ler? Um die­se Fra­ge kreist sich Pabsts Der letz­te Akt, der eine frü­he­re und in vie­ler Hin­sicht bes­se­re Vari­an­te von Oli­ver Hirsch­bie­gels Der Unter­gang dar­stellt und den­noch untrag­bar scheint. Wie in der moder­ne­ren Vari­an­te spielt ein Volks­schau­spie­ler Hit­ler, Albin Sko­da. Viel­leicht ein logi­scher Schritt, viel­leicht liegt schon hier eine Über­hö­hung. Auf den ers­ten Blick scheint es logisch, dass man für die Rol­le des Hit­ler einen gro­ßen Dar­stel­ler braucht, auf den zwei­ten wäre ein klei­ner oder kei­ner viel­leicht auch inter­es­sant. Es geht um die letz­ten Tage im Bun­ker, die Pabst mit einer gro­ßen Lie­be zum weit­wink­li­gen Schat­ten­reich frü­he­rer deut­scher Bild­stra­te­gien insze­niert und mit man­cher Bru­ta­li­tät bezie­hungs­wei­se einem Moral­apos­tel in Form eines völ­lig fehl­be­setz­ten (Lukas Foers­ter emp­fand die­ses Over­ac­ting als sub­ver­si­ves und gelun­ge­nes Ele­ment im Film) Oskar Wer­ner, auf­weicht. Es sind die schein­bar glei­chen Quel­len auf die sich die Fil­me stür­zen, es pas­siert das glei­che, nur dass bei Hirsch­bie­gel mehr Emo­tio­na­li­tät zuge­las­sen wur­de, viel­leicht auch dem zeit­li­chen Abstand „geschul­det“. (Der Hund, zum Bei­spiel, stirbt nicht bei Pabst).

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Wie aber lässt man nun Hit­ler ster­ben? Der Vor­schlag wäre und so wol­le es auch Erich Maria Remar­que, der die Film­no­vel­le schrieb, auf der Der letz­te Akt beruht, dass Hit­ler stirbt wie eine Rat­te im Kel­ler. Nicht so mit Pabst, denn Pabst flir­tet zwar mit der absur­den Demas­kie­rung, die Alek­san­dr Sokur­ov in sei­nem Moloch und auch The Sun prak­ti­ziert, aber am Ende macht er einen Film, der Hit­ler wohl gefal­len hät­te. Hit­ler stirbt näm­lich nicht im Bild. Flam­men blei­ben, das Feu­er und eine War­nung. Es ist sicher­lich ein gut gemein­ter Ver­such, die Per­son gegen ihren eige­nen Wil­len zu instru­men­ta­li­sie­ren, als Mahn­mal, aber dem Gan­zen haf­tet so ein Geschmack von „Aus Feh­lern lernt man.“ an, also auch ein Ver­zei­hen, das abso­lut pro­ble­ma­tisch ist. Die Kame­ra spielt die Insze­nie­rungs­stra­te­gien ihrer Sub­jek­te hier mit. Sie blickt nicht durch sie hin­durch, es ist ein Film, der immer noch para­ly­siert scheint von Nazi­deutsch­land, der auch ganz klar zeigt, dass Pabst unter ande­rem eng mit Leni Rie­fen­stahl zusam­men­ar­bei­te­te in frü­he­ren Arbei­ten und indem es kei­ne Bana­li­tät gibt, son­dern nur den Hor­ror, die Ehre und die Angst.

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Wie sehr sich Pabst mit dem Rhyth­mus der Nazis iden­ti­fi­ziert zeigt sich auch in sei­ner Mon­ta­ge bezie­hungs­wei­se sei­nem Erzähl­rhyth­mus. So gibt es ein bestän­di­ges Stop n‘ Go, dass mit mili­tä­ri­scher Prä­zi­si­on die zacki­gen Bewe­gun­gen der Sol­da­ten und Offi­zie­re nach­emp­fin­det, das „Jawohl“, das Pabst nar­ra­tiv anpran­gert und die Stie­fel, die gegen­ein­an­der schla­gen bevor sie auf Befeh­le war­ten, zu einem ästhe­ti­schen Pro­gramm wer­den lässt. Ein Bei­spiel fin­det sich in der außer­ge­wöhn­li­chen Tanz­sze­ne der Schat­ten­angst in der Schen­ke des Füh­rer­bun­kers. Eine Frau beginnt einen wil­den Strip­tease, die Zügel fal­len auf den blu­ti­gen Boden und plötz­lich knallt es, das Licht geht aus. Es ist ein Stop in die­ser Bewe­gung, der sogleich wei­ter­geht, wenn das Licht wie­der angeht und wir uns im wil­den Kuss zwei­er Ver­zwei­fel­ter fin­den. Immer wie­der bewegt sich der Film so vor­wärts. Warten-Gehen-Stoppen-Weitergehen-Warten-Gehen…das Pro­blem ist, dass es immer­zu eine Bewe­gung nach vor­ne gibt. Was wir ver­ges­sen in die­sen Bewe­gun­gen, die nicht akzep­tie­ren wol­len, die sich in eine Kör­per­lich­keit ret­ten, um zu ver­ges­sen, dass sie ster­ben wer­den, ist dass sie selbst eine Schuld dar­an tra­gen. Die Flam­men eines Fie­bers schei­nen hier zu glü­hen, als wäre alles nur ein Traum, eine Erin­ne­rung aus dem Schat­ten­reich. Eine ver­drän­gen­de Erin­ne­rung, die nach vor­ne gerich­tet ist und daher zum Ver­schwin­den ver­dammt ist. Was wir nicht ver­ges­sen sol­len laut der expres­sio­nis­ti­schen letz­ten Sze­ne, ist dass so etwas nie wie­der pas­sie­ren darf. Und man fragt sich tat­säch­lich, was Pabst meint: Man darf nie wie­der blind sol­chen Leu­ten fol­gen? Okay. Aber auch: Deutsch­land darf so etwas nie wie­der pas­sie­ren? Die armen Deut­schen und G. W. Pabst…

Der letz­te Akt ist ein beein­dru­cken­der Film des Ver­drän­gens, wo er es nicht sein dürf­te. Am schlimms­ten dar­an ist, dass er eine Attrak­ti­vi­tät in die­sen Bun­ker legt, die einen die Tabus über­win­den las­sen will. Eine Idee den Tod von Hit­ler zu zei­gen, wäre es, den Tod von Hit­ler zu zeigen.