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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Pabst-Retro: There Will Be Blood: A Modern Hero

In A Modern Hero zeich­net Georg Wil­helm Pabst auf den ers­ten Blick eine klas­si­sche ame­ri­ka­ni­sche Auf­stiegs- und Fall-Geschich­te. Inter­es­siert ist er aber eigent­lich an dem, was sie antreibt: Der inne­re Zer­fall durch Ehr­geiz. Es ist sein ein­zi­ger ame­ri­ka­ni­scher Film geblie­ben. Wenn ich bis­her nicht näher auf die pro­ble­ma­ti­schen bio­gra­phi­schen Hin­ter­grün­de von Pabst ein­ge­gan­gen bin, dann nicht weil ich sie igno­rie­ren möch­te, son­dern weil ich mich der Poli­tik aus Sicht der Ästhe­tik nähern möch­te. Es ist erstaun­lich, dass sich in A Modern Hero kei­nes jener „deut­schen“ Bil­der fin­det, die noch weni­ge Jah­re frü­her zum Bei­spiel sei­nen Die wei­ße Höl­le vom Piz Palü beweg­ten. Es ist die (tech­ni­sche) Anpas­sungs­fä­hig­keit, die erstaun­lich bis absto­ßend wirkt bei Pabst. Sein ers­ter und ein­zi­ger Hol­ly­wood­film ist sti­lis­tisch völ­lig dem ame­ri­ka­ni­schen Kino ver­schrie­ben. Zwar gibt es inhalt­li­che Auf­fäl­lig­kei­ten mit euro­päi­schen Bezü­gen, aber dar­über hin­aus ver­schwin­det die See­le des Fil­me­ma­chers hier völ­lig. Sei­ne Rück­kehr ins Nazi­deutsch­land Ende der 1930er Jah­re, sei­ne wie auch immer gear­te­te Zusam­men­ar­beit mit Goeb­bels und sei­ne aus­blei­ben­de Reue im Anschluss dar­an blei­ben unver­ständ­lich, wenn man heu­te mit den lin­ken Sen­ti­ments sei­ner frü­he­ren Arbei­ten kon­fron­tiert wird. Die Geschich­ten, die dazu geführt haben sol­len, sind letzt­lich ohne Bedeutung.

A Modern Hero ist am Ende trotz sei­ner for­ma­lis­ti­schen Ange­passt­heit kein ame­ri­ka­ni­scher Film der Depres­si­ons­zeit, er ist viel­mehr ein Film über Ame­ri­ka in der Depres­si­ons­zeit (und dar­über hin­aus), den man im moder­ne­ren Kino viel­leicht mit Dog­ville von Lars von Trier ver­glei­chen kann.

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Ein Zir­kus­ar­tist gespielt mit anbie­dern­der, schmei­cheln­der und betö­ren­der Kör­per­lich­keit von Richard Bart­hel­mess (dem Chi­ne­sen aus Bro­ken Blos­soms ) möch­te sein, in sei­nen Augen, nie­de­res Dasein ver­las­sen. Er klet­tert mit unbe­ding­ter Kon­se­quenz die Kar­rie­re­lei­ter nach oben und wird zu einem erfolg­rei­chen Unter­neh­mer. Alles am Kör­per die­ser Figur ist der ele­gan­ten Unmög­lich­keit des destruk­ti­ven Ehr­gei­zes unter­ge­ord­net. Man könn­te es wohl mit einer Mischung aus gesenk­tem Haupt und fun­keln­den Augen beschrei­ben, die für Sekun­den die Welt ver­spre­chen, aber letzt­lich nur in sich selbst ver­kramp­fen. Par­al­lel zu sei­nen beruf­li­chen Errun­gen­schaf­ten und in einer Wech­sel­wir­kung, die ihm gleich­zei­tig Auf­stie­ge und Bekannt­schaf­ten ermög­licht, nimmt er sich auf jeder Stu­fe die­ser Lei­ter eine neue Frau. Er bleibt ein Artist. Bis eine Stu­fe bricht und mit ihr alles ande­re auch in einem Leben, das den Boden ver­las­sen hat. Aber, so meint Pabst, es gibt ja noch die Mut­ter, die der Film als Figur und Idee liebt wie nichts ande­res. All­ge­mein liegt ein aus heu­ti­ger Sicht merk­wür­dig erschei­nen­der Fokus auf der Bedeu­tung von Blut als DNA. Figu­ren schei­nen nur zu dem wer­den zu kön­nen, was ihnen durch die Adern fließt. Der jun­ge Artist hat den Ehr­geiz sei­nes erfolg­rei­chen Vaters geerbt, aber auch das Durch­hal­te­ver­mö­gen sei­ner Mut­ter. Sein eige­ner Sohn strebt ihm nach und wie er selbst muss er erken­nen, dass im Auf­stre­ben ein Abgrund war­tet. Das ist streng genom­men eine Umkehr des ame­ri­ka­ni­schen Traums. In der Unmög­lich­keit des Aus­bruchs fin­det sich dann Lie­be und Durch­hal­te­ver­mö­gen, die in der ver­zei­hen­den Mut­ter­fi­gur gipfeln.

Das gan­ze wird in unsicht­ba­rer, hand­werk­li­cher Per­fek­ti­on gefilmt. Das klingt fast als wäre es nicht hier und da mit vir­tuo­ser Bril­lanz geseg­net, die sich vor allem in einer enor­men Prä­senz der Kör­per die­ses ame­ri­ka­ni­schen Schau­spie­les wie­der fin­det. Man spürt den Druck und die Ambi­va­lenz, die über dem Gesche­hen las­tet. Genau die­se Prä­senz wird lei­der etwas durch­kreuzt von der extre­men Kür­ze des Films (71 Minu­ten), die zwar erstaun­lich ist, wenn man bedenkt, dass Pabst es schafft ohne einen Anflug von Hek­tik eine epi­sche Geschich­te zu erzäh­len, der aber den­noch das Gefühl des Alterns abgeht, dass wir in har­ten Schnit­ten hin­neh­men müs­sen. Es ist dies eine Sache, der ich immer wie­der – vor allem in ame­ri­ka­ni­schen Fil­men – begeg­ne. Die Idee des Zeit­sprungs, der eine Idee bleibt. Es gibt eine sehr schö­ne Aus­sa­ge von Quen­tin Taran­ti­no, als der über einen ande­ren zer­fres­se­nen Ehr­gei­zi­gen des ame­ri­ka­ni­schen Kinos spricht, näm­lich Dani­el Plain­view gespielt von Dani­el Day-Lewis in The­re Will Be Blood von Paul Tho­mas Ander­son. Taran­ti­no spricht über den Anfang des Films und wie Plain­view mit gebro­che­nem Bein durch den Staub robbt. Er sagt, dass es natür­lich erstaun­lich sei, dass die­ser Mann allei­ne eine der­ar­ti­ge Stre­cke mit einer der­ar­ti­gen Ver­let­zung zurück­le­gen kön­ne. aber alles, was Ander­son bereits gezeigt habe von die­sem Mann, alles was man in sei­nem Kör­per lesen kön­ne, wür­de deut­lich machen, dass wir alle wis­sen, dass die­ser Mann die­sen Weg zurück­le­gen kann. Und damit hat er Recht. Es geht hier­bei um Not­wen­dig­keit. Man muss nur zei­gen, was man zei­gen muss. Pabst ist ein Meis­ter dar­in wie zum Bei­spiel sein gran­dio­ser Die Drei­gro­schen­oper zeigt. In A Modern Hero jedoch scheint etwas zu feh­len. Viel­leicht ist der ame­ri­ka­ni­sche Traum zu leicht erreicht, viel­leicht ist die Mut­ter nicht weit genug ent­fernt, um wie­der nah zu sein. Viel­leicht fehlt das Blut.