Text von Chris­toph Szalay

Vor­letz­ter Tag der Olym­pi­schen Spie­le. Königs­dis­zi­plin. Ers­ter Teil. 50 km Lang­lauf der Män­ner im klas­si­schen Stil. Sonn­tag die Frau­en zum Abschluss. Wie immer in den letz­ten zwei Wochen gehe ich davon aus, kein Bild zu bekom­men oder wenn, nur aus­zugs- und aus­nahms­wei­se. Für eine Resi­den­cy bin ich in jenem Teil der Tos­ka­na, in dem die Landschaft:en von Ber­gen geprägt wer­den. Idea­le Vor­aus­set­zun­gen eigent­lich, fin­de ich. Und den­noch, Rai Due, wo ich strea­me, hat meist ande­re Vor­stel­lun­gen. Vor allem alpi­ne Fan­ta­sien oder Cur­ling, sel­ten jedoch Lang­lauf. Ein Ren­nen also häu­fig ohne Bil­der, nicht­mal im Radio, son­dern im Ticker der FIS. Jede Durch­gangs­zeit ver­fol­gen, immer wei­ter kli­cken in den Fens­tern, um nichts zu ver­pas­sen. So auch hier.


Die ers­te wirk­li­che Lücke geht auf bei 10,6 km, lese ich nach. Die nächs­te und ent­schei­den­de etwas mehr als 10 Kilo­me­ter spä­ter. Zwi­schen 21,6 und 22,9 km wird aus einer Fün­fer- eine Drei­er­grup­pe. Kurz schal­tet Rai Due in das Ren­nen, ich sehe den Rus­sen Save­liy Korost­e­lev, der per Sport­ge­richts­ent­scheid unter neu­tra­ler Flag­ge star­tet, und etwas dahin­ter den Fran­zo­sen Vic­tor Love­ra, deren Ski am Anstieg bereits auf­ge­hört haben, zu hal­ten. Ab dann geht es schnell. Rich­tig schnell. Korost­e­lev kas­siert bis zur nächs­ten Zwi­schen­zeit bei der Hälf­te des Ren­nens wei­te­re 20 Sekun­den. Die Medail­len sind nun ver­ge­ben, unklar ist nur, in wel­cher Reihenfolge.

Bei 30 km geht Rai Due kurz wie­der rein, in den Ski­wech­sel eini­ger Leu­te, die Nor­we­ger erst spä­ter im Bild, der Ski hält immer noch, wie auch anders, den­ke ich, der Rück­stand des Rests mitt­ler­wei­le bereits 2 Minu­ten, gehe also davon aus, dass sie nicht gewech­selt haben, bin mir jedoch nicht sicher, nach­dem ich die Bil­der immer wie­der nicht sehe. Wie ich im Nach­trag erfah­ren wer­de, lau­fen alle drei Nor­we­ger das gesam­te Ren­nen, ohne ein­mal die Ski gewech­selt zu haben.
Mar­tin Løw­strøm Nyen­get, Johan­nes Høs­flot Klæ­bo, Emil Iver­sen. Gäbe es im Lang­lauf der Män­ner und auf die Distanz eine Drei­fal­tig­keit, sie schrie­be sich genau­so. Im sel­ben Rhyth­mus zu dritt lau­fen sie die Anstie­ge hoch. Ein Bild, wie aus dem Lehrbuch.


Mein Gefühl in man­chen Momen­ten: Klæ­bo wäre nicht der Stärks­te in der Grup­pe. Stets an letz­ter Stel­le, ab und an rutscht der Ski weg beim Abstoß. Kommt es mir so vor, oder ver­liert er ganz leicht stets an den Stel­len, wo es berg­auf rich­tig Zug und Druck benö­ti­gen wür­de. Bei­na­he nicht sicht­bar, aber ich bekom­me doch eine Ahnung davon. Aber viel­leicht bil­de ich mir das auch alles nur ein. Dies als Fra­gen an mich und in weni­gen Bruch­tei­len for­mu­liert, aus die­sen weni­gen Bruch­stü­cken, die Rai Due an Bil­dern bereit­hält, bevor wie­der auf Ski­cross geschal­ten wird und alles verschwindet.

Der Rest auf jeden Fall nun nicht mehr inter­es­sant für irgend­je­man­den, außer für die Ath­le­ten selbst. Das Ren­nen fin­det ab dann und für die Zuseher:innen nur mehr vor­ne statt. Nir­gends so radi­kal wie hier, über die­se Distanz. Die zehn bes­ten Lang­läu­fer der Welt sind zu die­sem Zeit­punkt, bei knapp über 30 km, bereits drei Minu­ten von­ein­an­der ent­fernt.
Nach einem Mate­ri­al­wech­sel pen­delt sich der Rück­stand von Korost­e­lev und Love­ra, also Platz vier und fünf, auf zwei Minu­ten ein. Nicht, dass es am Ende eine Rol­le spie­len wür­de, aber als Beob­ach­tung interessant.


Auch nach 36 km wei­ter­hin kein Ski­wech­sel bei den drei Nor­we­gern, zur Über­ra­schung der Kom­men­ta­to­ren auf Rai, die kurz wie­der zurück­ge­schal­tet haben. Die Fra­ge beim Durch­lauf stets, ob jemand der drei Füh­ren­den in die Box geht für ein neu­es Paar Ski oder nicht. Pokert irgend­je­mand, fra­ge ich mich, lässt bei irgend­je­man­dem der Ski nach, wie lan­ge und wie weit hält er auf den Anstie­gen. Nie­mand der drei Füh­ren­den lässt sich etwas anmer­ken, zumin­dest nicht auf den Bil­dern und solan­ge ich sie sehe, kurz bevor es in die nächs­te Wer­bung geht, nicht wis­send, wann das Bild zurück­kommt und ob.
In den Durch­gangs­zei­ten lese ich, dass sich Korost­e­lev zehn Sekun­den zurückholt.


Das Bild abwe­send, der Rück­stand, lese ich statt­des­sen in der Durch­gangs­zeit bei 37,3 km von Klæ­bo 1,8 Sekun­den. Ohne es zu sehen, fra­gen: geht hier eine Lücke auf? Wtf? Is this it? Kippt der Kör­per oder der Ski? Und wenn, gibt es ein Zurück­kom­men davon? Und war­um ist das Bild genau jetzt wie­der weg und Ski­cross zu sehen? Die nächs­te Zeit bei 39,4 km wird alles erzäh­len, ob es nur mei­ne Ima­gi­na­ti­on ist, oder ob es doch etwas zu viel Rück­stand an die­ser Stel­le und an die­sem Punkt des Ren­nens ist, eine Rich­tung andeu­tet. Als sie schließ­lich durch­ge­hen, sehe ich an der Zeit, es war Ers­te­res. Die­se 1,8 Sekun­den klin­gen nach mehr, als sie es sind, oder anders: 0,9 Sekun­den sind in der Grup­pe lau­fend genau ein Läu­fer. Klæ­bo geht an drit­ter Stel­le durch.


44,5 km und Nyen­get plötz­lich mit 2,2 Sekun­den Rück­stand. Wei­ter­hin kein Bild, die­sel­be Fra­ge wie davor bereits, ob hier nun etwas geschä­he und zwei Kilo­me­ter bis zur nächs­ten Durch­gangs­zeit. Dies­mal aber wirk­lich, den­ke ich, geht viel­leicht die Lücke auf. Ich war­te dar­auf, wie bei­na­he das gesam­te Ren­nen, etwas zu sehen. Es geht auf die letz­ten fünf Kilo­me­ter, 1:52 Std. auf der Uhr. Plea­se. Show me some­thing. Any­thing. Don’t lea­ve me.

Alles gedreht zwei Kilo­me­ter spä­ter. Natür­lich ohne Bild, aber mit den Durch­gangs­zei­ten der FIS, Iver­sen ist raus, knapp über 8 Sekun­den Rück­stand, nur mehr Nyen­get und Klæ­bo, die um Gold lau­fen. Rai geht in die Nachrichten.

Irgend­wann muss der Ver­such kom­men von Nyen­get, Klae­bo los­zu­wer­den, den­ke ich, ansons­ten geht es in die letz­ten Anstie­ge zu zweit, im Wis­sen, nie­mand hat am Ende die Schnel­lig­keit von Klæ­bo. Seit 2018 bei Groß­ereig­nis­sen im Sprint unge­schla­gen, eine Serie, die auch nicht durch die Erfol­ge über die Distanz gebro­chen wor­den ist. Seit acht Jah­ren. Acht Jah­ren, oder anders for­mu­liert: seit vier Welt­meis­ter­schaf­ten und drei Olym­pi­schen Spielen.

Bei 48,6 km spitzt sich alles zu. Iver­sen mit über 17 Sekun­den Rück­stand, Nyen­get und Klæ­bo lau­fen um Gold und ich sehe 1,4 km vor dem Ziel kei­ne Welt, in der der Name Klæ­bo im Ticker der FIS nicht auf der Eins auf­leuch­ten wird, aber wenn sich an nichts, dann doch bis zuletzt an Wun­der glau­ben lässt. Rai wei­ter­hin in den Nach­rich­ten und mein Ärger, der hoch­kommt. In die­sem Moment will ich die Welt nicht hier haben, son­dern die Welt sind 50 km Loi­pe in Tese­ro, Val di Femme. Wie klein­geis­tig das ist, ist mir klar, auch in der Emo­ti­on, den­noch las­se ich es mir zumin­dest selbst und in die­sem Moment durchgehen.


Ich war­te auf das letz­te Umsprin­gen, das Auf­leuch­ten von Namen und Zeit im Ziel. Finish 50km.

Und dann die Unfassbarkeit.


Nyen­get macht das Unmög­li­che mög­lich, den­ke ich, Gold über 50 km. Schlägt den unschlag­bar schei­nen­den Klæ­bo im letz­ten Lang­lauf­be­werb der Män­ner bei die­sen Spie­len. Sil­ber für Klæ­bo. Bron­ze für Iver­sen. Und mein Gefühl, das ich zunächst nicht ein­ord­nen kann. Irgend­wo zwi­schen Ver­wun­de­rung und Ent­täu­schung, mich ertap­pend dabei, wie emp­fäng­lich ich in manch­mal dann doch bin, für all die Über­hö­hung, das Epos, die­sen Nim­bus der Unan­tast­bar­keit. Im Tau­mel bemer­ke ich zunächst nicht das Umsprin­gen der Anzei­ge. Einen Feh­ler, der die Rei­hung durch­ein­an­der­ge­bracht hat für einen kur­zen Moment, genau­so wie die schein­ba­re Ord­nung der Lang­lauf­welt bei Groß­ereig­nis­sen. Ein Glitch, als Erin­ne­rung dar­an, dass sich Geschich­ten auch anders erzäh­len lie­ßen, dass sich ande­re Geschich­ten erzäh­len lie­ßen. Aber Mon­ar­chien sind gott­ge­ge­ben, heißt es und glaubt man.


Klæ­bo auf Eins. Sechs Starts bei Olym­pia. Sechs­mal Gold. Nie zuvor und ver­mut­lich kein wei­te­res Mal. Lang­lauf als Übung für die Ewigkeit.