Cycling the Frame: Über die Verbindungen von Radsport und Film

Breaking Away von Peter Yates

Atemberaubende Helikopteraufnahmen, leidende Gesichter, erbarmungsloser Kampf zwischen Mensch und Natur. Die Überwindung der eigenen Grenzen ist emblematisch für Film, wie für Radsport. Mögliche Gemeinsamkeiten sind ebenso Thema des folgenden Gesprächs, wie die Unterschiede, die ein Vergleich einer Kunstform und eines Wettkampfs mit sich bringt. Dennoch lohnt es sich einen Blick auf den Radsport als ästhetische Kategorie zu werfen und dort, wie im Kino, nach einer Krise der Repräsentation zu suchen. Während also zuhause der Giro d’Italia auf den Bildschirmen flimmert, suchen Patrick und Rainer den Vergleich mit dem silver screen.

Rainer: Wir haben uns in letzter Zeit wiederholt über Radsport unterhalten. Du hast da einmal geäußert, dass das eine sehr kinematische Sportart ist. Dieser Gedanke hat mich nicht losgelassen und ich will nun in diesem Gespräch versuchen ein paar Dinge zu vertiefen, die mir interessant erscheinen.

Patrick: Ja, also bei mir kam diese Faszination für diesen Sport fast zeitgleich mit der Faszination für das Kino. Das hat erstmal immer ganz banal an der Kameraarbeit bei den TV-Übertragungen gelegen, aber dann auch mit einem Gefühl für Geschichtlichkeit, Fiktionalität und natürlich Bewegung

Rainer: Bei mir kam der Radsport zuerst. Vor unseren kurzen Gesprächen, habe ich mir da auch nie wirklich Gedanken über mögliche Verbindungen gemacht, da meine Radsportbegeisterung über die Jahre etwas zurückgegangen ist. Nun ist mir aber letztens in den Sinn gekommen, dass meines Erachtens vor allem eine Sache Radsport und Film verbindet: beide erschließen sich nur über die Dauer. Die Zusammenfassung eines Radrennens macht im Gegensatz zu anderen populären Sportarten wie z.B. Fußball kaum Sinn, denn die wahre Kraft der Übertragung eines Radrennens liegt in der Multiplikation von Anstrengung und Dauer. Das ist im Kern nicht so verschieden wie die Filme einer Reihe von Filmemachern, die wir hier am Blog hervorzuheben versuchen.

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Patrick: Ja, ich verstehe. Aber die Dauer im Radsport ist doch auch ein Bewusstsein für die Geschichte des Sports. Also was bedeutet es, wenn man an diesem Pass eine Etappe enden lässt, wenn dieser Fahrer dem anderen den Vortritt lässt und so weiter. Sowas gibt es im Film nicht. Die Dauer einer Übertragung reicht im Radsport sehr schnell in den Mythos. Damit sind wir auch beim Film, oder? Nur, was ich bei deinem Argument nicht ganz nachvollziehen kann: Bei Filmen geht es um eine Aufmerksamkeit, ein ständiges Beobachten und Wachen und ja, in vielerlei Hinsicht um ein konstruiertes und geschlossenes System, das diese Konzentration fördern will. Dagegen ist Radsport etwas sehr Offenes. Ich würde dir Recht geben, dass man den Sport erst über die Dauer richtig erfahren kann. Aber diese Dauer kann erschließt sich nicht wie im Kino durch das Ansehen einer Etappe bzw. eines Films, sondern man muss viele Rennen sehen, um diese Dauer wertvoll zu machen. Und zudem stört es dabei nicht, wenn man nicht alles sieht. Ganz im Gegenteil…der Sport funktioniert ja sogar immer noch auch über Nacherzählungen, über Anekdoten und kleine Randgeschichten. Es geht nicht nur darum, was wir in dieser Dauer sehen, sondern tatsächlich darum, was alles passiert. Ohne mich darauf festlegen zu wollen, würde ich sagen, dass Radsport ein Sport der Gleichzeitigkeit ist während Film eine Kunst der Zeitlichkeit ist. Und wir reden da natürlich von den TV-Übertragungen, nicht vom Sport selbst.

Rainer: Mir geht es auch im Wesentlichen um die mediale Aufbereitung des Sports, wobei man sich auch kurz unterhalten kann, inwiefern der Eindruck des Radfahrenden einer kinematischen Erfahrung gleicht – aber das vielleicht später.

Klar kann man das alles nicht eins zu eins übertragen – das will ich gar nicht behaupten – und deine Einwände sind sicher richtig. In der Natur des Sports liegt aber auch, dass nicht alles gleichzeitig im Bild sein kann, weil sich das Fahrerfeld zumeist nicht innerhalb einer einzigen Kameraeinstellung einfangen lässt. Darin könnte man eine Betonung des Offs sehen, die mir dann doch wieder sehr kinematisch erscheint. Darüber hinaus, erschließt sich, wie du oben anführst, der Sport tatsächlich sehr stark über den Mythos, über die Geschichtlichkeit und über Narrativierungen, die durch die Erzählungen der Kommentatoren (die, wie ich finde, im Radsport besonders gut sind) entstehen. Im Grunde machen das andere Sportübertragungen nicht anders, sie sind immer Erzählmedien – aber im Radsport liegt da doch ein anderes Gewicht drauf. Was ich eigentlich vorhin sagen wollte, spielt da mit hinein: Gerade weil über so weite Strecken kaum etwas passiert, nimmt man die ereignisreichen Szenen umso intensiver wahr – ich denke sehr viele Filme im zeitgenössischen Kunstkino funktionieren ähnlich, ich denke da zum Beispiel an Tsai Ming-liang oder Lav Diaz.

Patrick: Das ist alles sehr logisch. Spannend finde ich dann, dass diese Filme von einer Entschleunigung ausgehen, während es im Radsport ja eigentlich darum geht, schneller zu sein. Also Dauer hat im Radsport ja nichts mit Entschleunigung zu tun.

Rainer: Ist das so? Aus Sicht des Sports natürlich nicht, aber in Hinblick aufs Fernsehen sehe ich da schon entschleunigende Tendenzen. Die Geschwindigkeit von TV-Sendungen nimmt doch insgesamt zu, wenn man da beim Zappen auf eine Übertragung eines Radrennens stößt, wirkt das denk ich schon entschleunigend. Das gleiche trifft natürlich auch auf Segelregatten und Snookerpartien zu.

Lance Armstrong

Patrick: Ich glaube, dass auch in Radsportübertragungen da ein Bemühen erkennbar ist, das Tempo zu erhöhen. da gibt es zum einen jenen durchgehenden Kommentar, der jedes „Loch“ in der Geschichte des Rennens mit Anekdoten, usw. füllt, dann gibt es die Tendenz zum Spektakel, man filmt besondere Bauwerke oder überlegt sich wilde Dinge, wie bei der letztjährigen Tour de France als Kameras an Helmen befestigt wurden oder gar an Schafen am Streckenrand. Wenn man sich ansieht wie Filmemacher an den Radsport getreten sind, dann war das so weit ich das überblicke auch immer eine Sache von Tempo und Körperlichkeit. Das Leiden der Gesichter ist da filmisch, nicht die Zeit. Ich glaube auch, dass in den sogenannten langsamen Filmen immer unglaublich viel passiert, also Dinge, die gerade in dieser Langsamkeit sichtbar werden, während im Radsport, wenn ein Peleton lange Zeit zusammen fährt, oft auch nichts passiert. Ich habe bei Lav Diaz oder Tsai Ming-liang, um deine Beispiele weiter zu bemühen, mich noch nie gefragt: Wann passiert wieder was? Wann ist der nächste Berg, das nächste Highlight? Während Radsport eben durchaus auf einem solchen Warten aufbaut. Mit den Kameras kann ich dem Fahrer ins Gesicht schauen und ich frage mich, ob er in guter Form ist, wenn ich ins Gesicht von Lee Kang-sheng blicke, dann geht das darüber hinaus. Vielleicht, weil ich Film mehr als Erfahrung sehe und Radsportübertragungen, dann trotz deiner richtigen Bemerkungen am Ende ein Ergebnis haben.

Rainer: Radsportergebnisse sind sehr offene Angelegenheiten. Das tatsächliche Ergebnis wird doch erst ein paar Jahre später, nach Öffnung der B-Proben ersichtlich. Achtung, das war ein Witz.

Patrick: Ja, da liegt auch etwas Interessantes drin. Nämlich die Frage nach Fiktionalisierung und dem Spannungsfeld zwischen Helden und Anti-Helden. Wenn wir Radsport hier wirklich als ästhetische Kategorie begreifen wollen, das über den bloßen Sport hinausgeht, dann ist diese Frage nach der Fiktionalisierung der gesehenen Leistungen durch eine Verfälschung ganz ähnlich zu der im Film, oder? Ist das, was wir da sehen echt? In diesem Sinn ist Radsport in einer Krise der Repräsentation.

Rainer: Uh, jetzt packen wir die großen Theorien aus. Der Unterschied ist wahrscheinlich, dass die Radfahrer am Ende des Tages in realiter auf den Berg rauf müssen, dabei echt schwitzen und echt leiden. Die Leistung wird also tatsächlich erbracht, das ist unumstößlich, zumal es heute, anders als in den Anfangszeiten des Sports nicht mehr möglich ist illegale Abkürzungen zu nehmen. Möglicherweise wird bloß in der Erbringung dieser Leistung mit unfairen Mitteln gespielt, die sie verfälschen. Das ist aber ein anderes Verfälschen, als das Spiel des Akteurs, der die Leiden mimt, oder die Verfälschung der Montage, die bloß bruchstückhaft den Aufstieg in die Berge filmt, später zusammensetzt und damit den Eindruck einer durchgehenden Fahrt entstehen lässt. Aber natürlich gibt es auch hier Überschneidungen. Es soll ja so manchen Sportler geben, der absichtlich sein Gesicht verzerrt um angeschlagen zu wirken um später zu attackieren, und mancher Schauspieler leidet tatsächlich beim Dreh, um einem Authentizitätsideal nachzukommen (das auf der Leinwand womöglich gar nicht von gespieltem Leid zu unterscheiden ist).

Patrick: Jetzt verwechselst du aber endgültig die TV-Übertragung und den Sport selbst. Ich habe ja vorausgestellt, dass wir dann Radsport als ästhetische Kategorie begreifen müssen. Und dann schaue ich mir das an und ich sehe das Bemühen von den Übertragungen die Berge möglichst steil wirken zu lassen, die Zuschauermengen möglichst groß, die Gesichter möglichst leidend. Wenn ein Profi damit spielen kann, um so spannender für die Ästhetik, oder? Und die Illegalität kommt vielleicht nicht durch Abkürzungen, aber sie kommt umso heftiger durch unerlaubte Hilfe, vielleicht unsichtbar. In diesem Zusammenhang war es natürlich unglaublich, dass US-Postal damals ihre Spritzen praktisch sichtbar vor allen im Teambus bekommen haben sollen. Das wäre dann vergleichbar mit der letzten Szene aus Taste of Cherry von Abbas Kiarostami. Das Fiktionale liegt praktisch vor uns, aber was machen wir jetzt mit dem, was wir vorher gesehen haben, dem was wir sehen wollten, bei dem wir vielleicht sogar gefühlt haben?

Rainer: Ich muss jetzt zurückrudern. Du hast Recht, dass diese Ungewissheit immer mitschwingt. Kiarostami ist da ein perfektes Beispiel – da fragt man sich auch, was daran nun echt ist und was gespielt und wer da vor und hinter der Kamera eigentlich wieviel weiß. Dieses Gefühl ist vergleichbar mit dem ständigen Hinterfragen der Legalität der Leistungen der Fahrer. Da attackiert Contador am Ende einer langen Etappe mit einer unfassbaren Explosivität und keiner kann ihm folgen, und man fragt sich wie das möglich ist, zumal Contador auch immer wieder mit Dopingvorwürfen in Verbindung gebracht wurde und ihm sogar schon Titel aberkannt wurden. Dann wissen wir, dass manche Teams ganz schamlos, nur wenige Meter vom Medienzirkus entfernt, ihre Spritzen verteilt haben. Nicht einmal die Allgegenwärtigkeit des Kameraauges reicht also mittlerweile aus, um diese Zweifel zu beseitigen.

Patrick: Genau. Und irritierenderweise führt das dann auch gleich wieder in einen Unterschied, der für mich so unglaublich erheblich ist in der Relation von Film und Radsport. Ich meine die Möglichkeiten von Naivität, Traum und Heldentum… Im Film und zwar gerade in dem, was man so unter Slow Cinema versteht (auch wenn ich den Begriff furchtbar finde, er umschließt aber halt Filmemacher wie Tsai Ming-liang, Lav Diaz, Ben Rivers oder Lisandro Alonso) verliere ich mich, es ist eine sinnliche Erfahrung, ein völliges hingeben, während mir diese Naivität im Radsport nicht mehr erlaubt ist. Ich kann mich den Bildern nicht einfach hingeben, keine Chance. Nun würden manche sagen, dass dies im Film auch nicht (mehr) geht. Sie haben vielleicht recht, vielleicht nicht. Es hängt wohl an persönlichen Haltungen oder Themen. Aber es gibt eine Hypnose im Film, von der man nicht fliehen muss. Im Radsport sollte man das vielleicht tun und vielleicht liegt darin der Tod des Sports, den Godard ja nicht umsonst spätestens mit Kiarostami für das Kino gesehen hat. Wenn man nicht mehr träumen kann, wenn es keine Helden mehr geben darf, wenn alles in seiner Repräsentation, in seiner Verlogenheit offen vor uns liegt, was können wir dann noch tun? Im Radsport gibt es da ganz ähnliche Authentizitätsbemühungen wie im Film. Herstellung von Glaubwürdigkeit. Aber ja, diese Glaubwürdigkeit wird im Film von großen Filmemachern heute auch durch einen Zweifel erreicht. So ist das eben bei Kiarostami. Bei ihm existieren, ganz wie Jean-Luc Nancy das geschrieben hat, Illusion und Zweifel gleichzeitig. Ich kann mich gerade deshalb hingeben, weil ich weiß, dass es konstruiert ist. Sein Close-Up ist ein Musterbeispiel diesbezüglich. Und ob sowas im Radsport möglich ist, weiß ich nicht, glaube ich nicht.

Tsai Ming-liang Retro: My new friends

Die Thematisierung von Homosexualität und Krankheit ist sicher nichts Besonderes im Werk von Tsai Ming-liang, die Tatsache jedoch, dass er diese wirklich thematisiert, erscheint ungewohnt unnötig und ermüdend. Als Auftragsarbeit für die Serie „Stories of the Red Ribbon“ , die die Ausbreitung von AIDS in Asien anhand von fünf Beiträgen behandelte, entstand der Film „My new friends“, der aus zwei längeren Gesprächen von Tsai Ming-liang mit erkrankten Taiwanesen besteht. Der formalistische Kniff dabei ist, dass man die Gesichter der Erkrankten nie sieht. Die Kamera fokussiert sich auf Körperteile, den Regisseur oder ein Objekt versperrt die Sicht. Die seltsame Wirkung ist, dass man das von der Gesellschaft als fremd empfundene dadurch als Zuschauer auch als fremd und vor allem als flüchtig wahrnimmt. So einfach gestaltet sich das Vorhaben von Tsai Ming-liang dann aber doch nicht.

Blickt man ein wenig in die Produktionsgeschichte, so wird klar, dass es den Produzenten eigentlich um AIDS als transnationale Krankheit ging. Tsai Ming-liang jedoch legte gegen die Ansage der Produktion den Fokus auf Homosexualität. Das ermöglichte ihm die Missverständnisse und Vorurteile gegenüber Homosexuellen und der Krankheit in Taiwan aus dem Weg zu räumen. In beiden Gesprächen gelingt es ihm ein menschliches Bild voller Schwächen, Leidenschaften und Aufrichtigkeit hervorzukehren. Dadurch, dass er diese Menschen nicht zeigt, stellt er wichtige Fragen an die Repräsentation. Das Nicht zeigen der Männer ist ein Stilmittel, das fast aus dem Kopf von Abbas Kiarostami stammen könnte. Nicht nur sagt der Regisseur damit, dass jeder auf der anderen Seite des Gesprächs sitzen könnte, sondern er verzichtet auch auf die Offenlegung durch die Kamera, die sonst wie ein Spotlight auf DEM Kranken liegen würde. Das ist aber gar nicht, worauf „My new friends“ hinaus will, weil er doch deutlich allgemeinere Themen verhandelt.

Tsai Ming-liang

Tsai Ming-liang

Der grausame Videolook und die amateurhafte Kameraführung schmerzen jedoch genauso wie die Tatsache, dass man in jeder Sekunde spürt, dass dies kein filmischer Versuch ist, sondern ein politischer. Tsai Ming-liang möchte einen Punkt über Homosexualität in Taiwan machen. Das gelingt ihm, seine Dokumentation war eine der ersten, die dieses Thema überhaupt aufgriff, aber eingebettet in seine großen Kunstwerke wirkt dieser Film wie eine Radiosendung. Dort könnte man ihn auch ohne weiteres ausstrahlen. Trotzdem bekommen die Krankheiten aus „The Hole“, „The River“ oder „I don’t want to sleep alone“ einen neuen Touch durch die direkte Thematisierung von AIDS im Werk von Tsai Ming-liang. Als Hsiao-kang in „Rebels of the Neon God“ in einem Vandalismusakt auf einen Motorroller „AIDS“ schreibt, ist dies auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Angst, die den Jugendlichen beschäftigt.

Tsai Ming-liang Retro: All the Corners of the World

Ein womöglich unvergessliches Screening. Zu Beginn-der draußen peitschende Regen lärmt auf dem Dach des Kinosaals, als würde Tsai Ming-liang dieses Geräusch selbst veranlassen-tritt der Geschäftsführer des Stadtkinos, Claus Philipp vor das vereinzelte Publikum und kündigt an, dass wir etwas sehen werden, was man so nicht zeigen dürfte: Eine völlig zerstörte Kopie, die dann tatsächlich so aussieht als wäre jemand mit einem Magnetbandbügeleisen drübergefahren, ein alter Videorekorder mit einer zerfetzten Kassette provoziert vielleicht solche Bilder…jedenfalls habe man die Kopie erst am Vortag erhalten und sei selbst böse überrascht worden. Aus historischen Gründen (man könne diesen Film vielleicht nie wieder sehen) und auch weil der Regisseur diese frühe TV-Arbeit unbedingt als Teil seiner Retrospektive haben wollte, würde man ihn trotzdem zeigen.

Es kommt dann auch genauso, nur schlimmer. In den Nachtszenen ist schlicht nichts zu erkennen, der Ton ist verzerrt und man liest oft nur die Untertitel, um sich noch halbwegs über Wasser zu halten. Was man sieht, erinnert an die frühen, vom Neorealismus beeinflussten Arbeiten eines Abbas Kiarostami, manchmal drückt sich ein wenig Truffaut zwischen den Streifen auf der Leinwand hervor. Erschreckend kitschig scheint die Geschichte, um ein Geschwisterpaar. Der Junge nimmt auf eigene Faust an einem Schreibwettbewerb teil nachdem ihn sein Lehrer davon ausschließt und gewinnt. Die Tochter lässt sich auf der Suche nach körperlicher Nähe auf einen One-Night Stand im Prostituiertenmilieu ein, um sich im letzten Moment anders zu entscheiden. Als der Mann versucht, sie zu vergewaltigen, tötet sie ihn. Allerdings erzählt sie niemandem davon und so wird sie verhaftet und blickt (entweder traurig oder fröhlich, man sieht es nicht; ich glaube, dass sie weint…) aus dem Polizeiwagen, denn hinterher fährt verzweifelt schreiend ihr junger Bruder, der ihr zuvor nicht verzeihen konnte. Hier lässt sich durchaus das erste Bild eines ming-liangschen Scooterboys finden, aufgewühlt in einer entfremdeten Sehnsucht, einsam und neurotisch. Allerdings entsteht dieses Bild nur als ein Blick auf die Zukunft. Vielleicht ist „All the Corners of the World“ ein Prolog, zu dem was Tsai Ming-liang folgen ließ.

Tsai Ming-liang

Tsai Ming-liang

Um sich etwas Geld zu verdienen, verkaufen die beiden Geschwister Schwarzkarten am Kino. Natürlich für Filme von Hou Hsiao-Hsien. Eine Handlung, die durchaus an die Fake-Fotografien des kleinen Jungen in Kiarostamis „The Traveller“ oder so manche Idee des jungen Antoine Doinel erinnert. Das konventionelle Strickmuster erhält nur einmal einen Bruch als Tsai Ming-laing die Kurzgeschichte des Jungen filmisch zeigt: Darin betrachtet er eine Gruppe von Kindern am Strand. Diese sehen eine Leiche, die im Wasser treibt. Ein halbseitig-gelähmter Strandpolizist wird zur Hilfe gerufen. Trotz seiner Behinderung schwimmt er wagemutig zur Leiche, um festzustellen, dass es sich dabei nur um eine Puppe handelt. Wütend beschimpft er die Kinder. Vom Jungen, der als Ich-Erzähler in der Geschichte auftritt, wird die Tat des Mannes bewundert. Der Lehrer unterstützt die Geschichte des Jungen nicht, da sie seiner Fantasie entsprang. Man müsse seine Geschichten leben und erlebt haben. Tsai Ming-liang macht ein Statement für das und vor allem für sein Kino, wenn er den Jungen auf eigene Faust teilnehmen lässt und gewinnen lässt. Ein Statement, das auch die Frage stellt, wie sich Persönlichkeit im Kino überhaupt ausdrückt. Wie das eigene Leben seinen Weg ins Kino findet. Und wie wichtig Fantasie selbst in naturalistischen Szenarios sein kann.

Bleibt die Frage, ob der Regisseur von dieser Projektion seines „All the Corners of the World“ wusste. Hoffen wir es, weil trotz des kostenlosen Eintritts, der den wenigen Zusehern gestattet wurde, diese Projektion einer Verfremdung des Werkes, nicht seiner Ausstellung glich.