The placid glow retain: E Agora? Lembra-me von Joaquim Pinto

Die dif­fu­se Visi­on in Joa­quim Pin­tos hoch­per­sön­li­chen Essay­film E Ago­ra? Lem­bra-me ist die der Wahr­neh­mung eines Kran­ken. Folgt man sei­nem Titel, ist er nicht da, um uns zu erin­nern, viel­mehr erin­nern wir ihn. An was? Dar­an, dass das Kino hei­len kann oder die Kino­ge­schich­te eine Geschich­te der erkrank­ten Bli­cke ist?

In Form eines Tage­buchs erzählt der por­tu­gie­si­sche Fil­me­ma­cher und ehe­ma­li­ge Wegbegleiter/​Tonmann von João César Mon­tei­ro, Man­oel de Oli­vei­ra oder Raúl Ruiz von sei­nem oder einem Leben, das ihn pas­siert wäh­rend er sich einer neu­en, unsi­che­ren Behand­lung sei­ner gleich­zei­ti­gen Erkran­kung an AIDS und Hepa­ti­tis C unter­zieht. Die­ses Leben besteht zum Teil aus der Krank­heit, aber es besteht auch aus sei­nem Lebens­ge­fähr­ten Nuno Leo­nel, Beob­ach­tun­gen, Lek­tü­ren, all­täg­li­chen Erleb­nis­sen, der Gestal­tung eines Lebens und Ana­lo­gien bezie­hungs­wei­se Gleich­gül­tig­kei­ten aus der Tier­welt. Der Film han­delt auch davon wie poli­ti­sche Ent­wick­lun­gen per­sön­li­che Hoff­nun­gen begra­ben kön­nen und wie macht­los man im Ange­sicht die­ser Ent­wick­lun­gen, Brän­den, Krank­hei­ten manch­mal ist. Die Bekannt­schaf­ten von Pin­to lesen sich ein wenig wie eine an AIDS ver­lo­re­ne Kino­ge­schich­te. Zu den pro­mi­nen­tes­ten Freun­den des Por­tu­gie­sen zäh­len Ser­ge Daney, Derek Jar­man, Man­fred Salz­ge­ber oder Kurt Raab.

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Der kon­stan­te Kampf, am Leben zu blei­ben. Er prä­sen­tiert sich als All­täg­lich­keit. Es besteht aus einer bereits ver­letz­ten Offen­heit, die sich hier und unbe­dingt im Kino ent­fal­ten muss. Aber war­um ist das der Fall? Man kann nicht wirk­lich von For­schungs­zwe­cken spre­chen. Fran­cis­co Fer­rei­ra hat in sei­ner Bespre­chung die Fra­ge gestellt, ob (die­ser) Film heilt. Womög­lich rückt die Krank­heit, wenn sie zu einem Film wird, in ein abs­trak­te­res Reich, in dem die Bild­wer­dung eine Lin­de­rung ver­spricht. Die­se Krank­heit ist klein genug. Sie passt in einen Film. Viel­leicht gibt auch der Pro­zess des Dre­hens, die Arbeit mit der Kame­ra ent­lang der Krank­heit die­ser einen Sinn. Eine beson­de­re Abwe­sen­heit, ein uner­träg­li­cher Schmerz kann so zu einer gro­ßen Kino­sze­ne wer­den. Es besteht ein rie­si­ger Unter­schied, ob jemand die­se Kame­ra auf sich selbst rich­tet oder auf eine ande­re Per­son. Das bedeu­tet nicht, dass nicht auch die eige­ne Krank­heit hät­te aus­ge­schlach­tet wer­den kön­nen von Pin­to. Es erklärt nur die Rele­vanz von Zunei­gung und Offen­heit, damit die­ses Kino im Ange­sicht der Schmer­zen atmen kann. Es ist eine Ent­blö­ßung, aber kei­ne, die uns über die Figu­ren stellt. Viel­mehr kann man die­se Ent­blö­ßung nur sehen, wenn man sich selbst vor dem Film ent­blößt. Wenn man mit dem Film die Krank­heit akzep­tiert, mit ihm krank wird und sich hei­len lässt. Dar­in liegt bei­na­he ein spi­ri­tu­el­ler Auf­trag, wenn er nicht mit einer not­wen­di­gen Form des Under­state­ments prä­sen­tiert wer­den wür­de. Fast schüch­tern scheint Pin­to immer wie­der zu beto­nen, dass er nur für sich selbst zei­gen und spre­chen kön­ne.  

Es ist schon erstaun­lich, dass ein skan­di­na­vi­scher Stumm­film­star Angst davor hat­te, gefilmt zu wer­den, weil er dach­te, dass die Kame­ra Strah­len abson­dern wür­de, die Krank­hei­ten aus­lö­sen wür­den. Er trug unter sei­nen Kos­tü­men eine Rüs­tung. Man könn­te sich die­ser Angst mit E Ago­ra? Lem­bra-me auch anders nähern. Womög­lich kann nur das Kino die Krank­heit sehen. Ein Rönt­gen­ge­rät. Dann hie­ße Kino sehen auch Krank­hei­ten sehen. Oder anders­her­um mit Pin­to: Krank­hei­ten sehen, heißt Kino sehen. Es ist nicht umsonst von unter ande­rem Jean Coc­teau betont wor­den, dass Film hie­ße, dem Tod bei der Arbeit zuzu­se­hen. Der Tod im Kino bring Dun­kel­heit in der Geschwin­dig­keit des Lichts. Was aber, wenn das Kino den Tod nicht mehr sehen kann? Ein­mal im Film heißt es, dass die Viren zu klein sind, um Far­ben zu haben. Was man hier also sieht, ist weni­ger den Tod bei der Arbeit als die Arbeit des Todes, die Spu­ren die er hin­ter­lässt und jene, die er nicht hin­ter­las­sen kann.

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Die Per­spek­ti­ve eines Kran­ken, lie­gend, ver­formt, panisch oder fieb­rig. Ver­formt wohl­ge­merkt nicht durch die Krank­heit, son­dern durch die Hei­lung. Die Metho­den der Hei­lung. Pier Pao­lo Paso­li­ni schrieb ein­mal über Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni und sei­nen Il deser­to rosso, dass der Blick der Kame­ra hier die Neu­ro­sen der Prot­ago­nis­tin wie­der­ge­ben wür­den. Es sei ein kran­ker Blick. Die sprung­haf­te Unfä­hig­keit, die Augen offen zu hal­ten, die ein­ge­schränk­ten, schrä­gen Bli­cke auf die nächs­ten Umge­bun­gen, die fieb­ri­ge Inten­si­vie­rung von Bil­dern und Tönen, ihr Inein­an­der­flie­ßen. Die Traum­ar­tig­keit des Kino­zu­stan­des war auch immer eine Form der Ent­rückt­heit. Die krank­haf­te Idee, die Lein­wand zu berüh­ren, kommt aus der Unwirk­lich­keit die­ser kör­per­li­chen Prä­senz. Es sind nur Bil­der, es sind nur Bil­der sagt man klei­nen Kin­dern, als wür­de das „nur“ die Bil­der stop­pen. Pin­to lässt sei­ne Krankheit/​Heilung zu und mischt sie in die Bil­der. Er ver­stärkt den Effekt mit sei­nem eige­nen Voice-Over, der immer wie­der abdrif­tet, fast ver­schwin­det, mit Musik und einem Ton, der manch­mal wirkt, als käme er aus einer ande­ren Welt. Er nutzt das digi­ta­le Pen­dant für Dop­pel­be­lich­tun­gen, Wie­der­ho­lun­gen, Dekadrie­run­gen und immer wie­der den Blick auf sich selbst aus nächs­ter Nähe, irgend­wie ganz bei uns, aber nicht bei sich, ent­rückt eben mit Augen, die die Kame­ra sehen, aber nicht fixie­ren kön­nen. In den Wor­ten von Pin­to: „Die Noti­zen ver­ges­sen, die man sich auf­ge­schrie­ben hat, um nicht zu vergessen.“ 

Es ist ein ver­lo­cken­der Gedan­ke: Die kran­ken Bil­der des Kinos. Wie die geschwächt geschrie­be­nen Wor­te von John Keats. Unvoll­ende­te Sym­pho­nien. Hier zeigt sich recht deut­lich, wie wenig die Kame­ra mit einer Maschi­ne zu tun hat. Sie kann an Fie­ber erkran­ken. Es wur­den zu wenig Fil­me gemacht, bei denen die Per­son, die die Kame­ra gehal­ten hat, zu schwach dafür war. E Ago­ra? Lem­bra-me zeigt das sehr deut­lich. Statt­des­sen wird die Kame­ra oft als Instru­ment der Evi­denz und Über­le­gen­heit ver­wen­det, der Kon­trol­le, Über­wa­chung und Kriegs­füh­rung. Wie schön der Gedan­ke, dass eine Kame­ra nicht schießt, son­dern blutet. 

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So oder so ist E Ago­ra? Lem­bra-me ein Lie­bes­film. Nicht unbe­dingt inhalt­lich, obwohl er Augen­bli­cke immenser Zärt­lich­keit ent­hält, son­dern haupt­säch­lich, weil er gemacht wur­de; weil er gemacht wur­de, um zu lie­ben. Nuno Leo­nel rückt in die­sen Fil­men wie das erlö­sen­de Licht eines ange­hen­den Kamp­fes. Der Film doku­men­tiert die­ses Licht und gibt dem Licht schließ­lich selbst die Kame­ra in die Hand. In die­ser Eman­zi­pa­ti­on eines gemein­sa­men Lebens mit der Krank­heit ver­steckt sich ein zärt­li­cher Wider­stand. Auch in ihrem Rabo de Pei­xe geben Pin­to und Leo­nel die Kame­ra an eini­ge Kin­der wei­ter. In ihrem Film­schaf­fen stellt sich ganz offen­siv die Fra­ge, ob über­haupt jemand die Kame­ra hal­ten soll­te. Die Titel­fra­ge, danach wie es wei­ter geht, ist kei­ne Fra­ge einer Ent­schei­dung. Viel­mehr ist es eine Erin­ne­rung, ein Pas­sie­ren, ein Nicht-Gesche­hen, ein Über-sich-erge­hen-las­sen. Die Melan­cho­lie, die man dar­in fin­den kann, steckt vol­ler Lebens- und Kino­lust.