Thomas Wolfe 1935

Thomas Wolfe: Von einer Begegnung am Kurfürstendamm

So wie «film-stills» im bes­ten Fal­le in der Lage sind, einen bereits gese­he­nen oder auch noch unbe­kann­ten Film vor dem inne­ren Auge in Bewe­gung zu set­zen, so kann auch das Wer­be­fo­to eines Ver­la­ges für einen ihrer bekann­tes­ten Autoren eine Bil­der­ket­te in Bewe­gung set­zen: Es ist Ende Mai 1935 und hier in Ber­lin schlid­dert die Son­ne durch die Stra­ßen. Etwas zu groß, etwas zu schwer, wie sich das gehört für einen, der in einem Berg­kur­ort sei­ne Kind­heit und Jugend durch­lebt hat. Mit wei­ten Schrit­ten in sei­ner Welt von einem Meter acht­und­neun­zig, und das ist die selt­sams­te und ein­sams­te Welt, die es gibt. Den grau­en Woll­man­tel hält er im lin­ken Arm, denn der heu­ti­ge Tag ver­spricht warm zu wer­den. Rechts von ihm geht eine brü­net­te Frau­en­ge­stalt im nacht­blau­en Kos­tüm und schwarz­le­der­nen Hand­schu­hen, genau, Miss Mar­tha Dodd, Toch­ter des ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaf­ters, die sich an sein Schritt­tem­po anzu­pas­sen sucht, wie er auch an das ihri­ge. Mit­samt ihrer eigent­lich stol­zen Ver­le­gen­heit, mit der sie ihn durch die­se Stadt führt, an eini­gen Buch­lä­den hal­tend, da man in der Aus­la­ge sei­nen Namen fin­den wird, denn:

They think I’m hell here – Ame­ri­cans best wri­ter in world –…par­ties, pie­ces in paper – never got this at home and don’t want to but it is unbe­lie­va­ble. Under­stand Byron woke one mor­ning to find hims­elf famous.

Thomas Wolfe 1935

Der 35-jäh­ri­ge ist ein sich wan­deln­des lite­ra­ri­sches Groß­pro­jekt, das nur schon des­halb nicht in gewohn­te abge­schlos­se­ne For­men zu brin­gen ist, weil er sich von der Idee eines ein­zi­gen rie­si­gen Wäl­zers über alle Men­schen und auch alle Din­ge ein­fach nicht tren­nen mag. Gut: nun ist er hier, um zum wie­der­hol­ten Male jeden Bau­zie­gel und jeden Pflas­ter­stein, jedes Gesicht aus jedem Men­schen­ge­drän­ge fest­zu­hal­ten und eben­so sei­nen ganz per­sön­li­chen Mythos «Deutsch­land». Doch hier ist schon der Krieg: in Aachen hat er in sei­nem Zug­ab­teil die Ver­haf­tung eines jüdi­schen Anwal­tes mit­er­lebt, zu unwirk­lich und auch zu nah. Miss Dodd kann ihn nicht in allem trös­ten. Hier nun berührt sie sei­nen Arm, sagt etwas und lacht. Die­ser Mann ist der jüngs­te von neun Kin­dern. Sein Vater, der Stein­metz, don­nernd und voll, sei­ne Mut­ter, hager zwi­schen gesun­dem Geschäfts­sinn und neu­ro­ti­scher Exis­tenz­angst. Nach deren Tren­nung leben die Kin­der mit in der von ihrer Mut­ter geführ­ten Pen­si­on, ein von den Bedürf­nis­sen und Träu­men der Gäs­te regier­tes Noma­den­da­sein im eige­nen Haus. Zu oft war es zu kalt, poe­ti­sche und bio­gra­fi­sche Neu­gier­de neben Sehn­sucht und Trau­er, denn sein 8 Jah­re älte­rer Bru­der, Gro­ver Wol­fe, soll­te 1904 an einer Lun­gen­ent­zün­dung ster­ben. Und die ande­ren Kin­der wer­den zeit­le­bens die Wut und die Trau­er der Mut­ter in ihren Ohren hal­ten, dass Gro­ver das bes­te und auch klügs­te Kind der Fami­lie gewe­sen sei: Eine Chif­fre in blin­den Laby­rin­then, so lan­ge her, der Ursprung, der Freund und Bru­der. Der ver­lo­re­ne Kna­be war für immer fort und wür­de nicht wiederkehren.

Miss Dodd,… I have had no time for slee­ping, and sin­ce day­light now comes at three o’clock in the mor­ning any­way in Ber­lin and Miss Dodd,… your brot­her and I have sat up most of the night tal­king I have almost for­got­ten how to sleep. 

Ja, Miss Dodd fasst ihn am Ell­bo­gen, weist ihn in Rich­tung Stra­ßen­bahn. Die Cafés sind natür­lich geöff­net und man­cher Gast wagt sich schon an einen der Tische auf dem Bür­ger­steig. Der Kaf­fee ist heiß. Doch hier erkennt ihn nie­mand, denn Schrei­ber müs­sen ohne Gesich­ter sein. Wol­fe sucht die Distanz zu bestim­men, die das Erleb­te vom Beschrie­be­nen trennt, wird aber beschul­digt, ein Kopist, ein auto­bio­gra­fi­scher Autor zu sein. Look Home­ward, Angel als ein­zi­ge tat­säch­lich abge­schlos­se­ne Roman­fas­sung, Of Time and the River vom Erwar­tungs­druck sei­tens Ver­lag und Kri­tik früh­zei­tig aus sei­nen Hän­den gezerrt und gezo­gen. The Web and the Rock und You can’t go Home again wer­den post­hum zusam­men­ge­stellt, aber soweit ist es jetzt ja noch nicht.

Aus­ufern­de Län­ge, schein­ba­re Form­lo­sig­keit, sprach­li­che Über­spannt­heit: die Lis­te der Vor­wür­fe sei­tens der dama­li­gen Lite­ra­tur­kri­tik ist kurz und auch schmerz­haft. Man loka­li­siert den für einen Autoren lebens­wich­ti­gen Aus­gleich bei sei­nem Lek­to­ren Max­well Per­kins, was den gereiz­ten, emp­find­li­chen Wol­fe dazu bewe­gen wird, sich 1937 von Per­kins und auch dem ame­ri­ka­ni­schen Scrib­ner-Ver­lag zu tren­nen. Aber soweit ist es jetzt noch nicht. Alles war noch unver­än­dert, es schien, als hät­te es sich seit damals nie ver­än­dert, nur dass alles gefun­den und erwischt und für immer ein­ge­fan­gen wor­den war. Und indem er alles fand wuss­te er, dass es ver­lo­ren war.

Sie sit­zen aber jetzt im Son­nen­schein, Miss Dodd streicht von der hel­le­ren Schlä­fe ihr Haar zurück und sie rau­chen ame­ri­ka­ni­sche Ziga­ret­ten. Ber­lin ist groß, doch New York ist grö­ßer. Da sich in sei­nem Hei­mat­ort Ashe­ville zu vie­le in sei­nem gro­ßen Buch zu genau geschil­dert wie­der­fin­den, sucht er sei­nen zwei­ten Mythos auf, sei­nen Fel­sen und manch­mal auch das väter­li­che Ele­ment. Die gol­de­ne Stadt, die an ihren Rea­li­tä­ten zer­schellt, sei­nem Vater nicht unähn­lich. Die luf­ti­gen Appar­te­ments der Rei­chen auf hoh­lem Boden gebaut, das Don­nern der küh­len Unter­grund­bahn. Die 19 Jah­re älte­re Büh­nen­bild­ne­rin Ali­ne Bern­stein, die er 1925 ken­nen­lern­te und sie­ben Jah­re zu ver­ste­hen such­te, die aner­kann­te und auch ver­hei­ra­te­te Künst­le­rin. Etwas zu reich, auch etwas zu klein, unend­lich groß­zü­gig und auch ver­schwen­de­risch, Wol­fe erleb­te einen erneu­ten Hei­mat­ver­lust. Wo bist Du, denn da woll­te ich doch nie hin. Sei­ne heim­li­che, ver­schwen­de­risch gelieb­te Hei­mat Deutsch­land, sie wird auch ver­lie­ren in einer geord­ne­ten Eksta­se der Auf­mär­sche, in der kal­ten Macht­de­mons­tra­ti­on der Olym­pi­schen Spie­le. In dem Grau­en, das kom­men wird. Auf­wa­chen, eine in der Jugend­zeit nie ernst­haft aus­ku­rier­te Tuber­ku­lo­se wird im Som­mer durch eine Lun­gen­ent­zün­dung erneut zum Aus­bruch gebracht. Doch zuvor hat man ihm in Mün­chen auf dem Okto­ber­fest noch den Schä­del ein­ge­schla­gen. Er sprach zu viel, lach­te und trank, er saß an einem Holz­tisch auf einer Bank, und auf ein­mal ver­stand er sein eige­nes Wort nicht mehr, sein Deutsch ver­ließ ihn. Die Män­ner um ihn her­um dräng­ten sich nun bedroh­lich an ihn her­an, den rie­si­gen Ame­ri­ka­ner mit den lan­gen Armen. Als die Frau­en sich beschämt umdrehten.

War­um dreht sich alles? Kannst du es her­aus­fin­den, Euge­ne? Ist das leben denn wirk­lich so, oder treibt jemand einen wüs­ten Scherz mit uns? Viel­leicht träu­men wir das alles, glaubst du das? – Ich glau­be, dass wir es träu­men. Aber ich wünsch­te, wir wür­den aufgeweckt.

Aber noch ist es nicht soweit. Bei­de haben sie doch gera­de erst das Café ver­las­sen, und Wol­fe, mit der rech­ten Hand sich fest­hal­tend, steigt nun in die Stra­ßen­bahn, spürt einen Blick, gleich dem Kind, das träumt im Dickicht des Men­schen­ge­den­kens, ja, aus dem ver­zau­ber­ten Wald her­aus, das dunk­le Auge und das beru­hig­te Gesicht ein wenig nur her­vor­ge­streckt. Und der Blick birgt Angst.

Dank an The Tho­mas Wol­fe Coll­ec­tion /​North Caro­li­na Library.