Three Men of Wisconsin: We Can’t Go Home Again von Nicholas Ray

Eine regel­rech­te Bil­der­flut als avant­gar­dis­ti­scher Aus­ras­ter, den Nicho­las Ray hier nicht immer groß­ar­tig, aber doch ehr­lich in sei­ner Hilf­lo­sig­keit auf die Lein­wand wirft, ist We Can’t Go Home Again defi­ni­tiv eine der bizarrs­ten Erfah­run­gen, die man mit einem Fil­me­ma­cher je gemacht hat. Im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um habe ich sel­ten so vie­le Wal­kouts erlebt. Ein Mann, der aus Hol­ly­wood­ki­no Explo­sio­nen her­vor­ge­zau­bert hat, gibt sei­ne Kar­rie­re prak­tisch völ­lig auf, um einen äußerst kon­se­quen­ten und nicht immer ange­neh­men Avant­gar­de-Film zu machen. Der Film hat – wie man ihm ansieht – eine schwie­ri­ge und erstaun­li­che Pro­duk­ti­ons­ge­schich­te, die man unter ande­rem bei Gabe Klin­ger bes­ser nach­voll­zie­hen kann. Ein­fach und unschul­dig for­mu­liert, ist We Can’t Go Home Again ein Pro­jekt, das Nicho­las Ray zusam­men mit einer Grup­pe von Stu­den­ten rea­li­siert hat.

Zunächst soll­te man viel­leicht das Bild beschrei­ben, das sich da vor einem in der Zeit aus­brei­tet. Es ist sel­ten ein Bild, es sind meist meh­re­re Bil­der, die sich aus völ­lig unter­schied­li­chen For­ma­ten zusam­men­set­zen. Im Hin­ter­grund ist ein Stand­bild bezie­hungs­wei­se eine Foto­gra­fie erkenn­bar, deren farb­li­che Inten­si­tät unge­fähr zur Zeit der Film­pro­duk­ti­on in den 1970er Jah­ren passt. Dar­über fin­det sich ein klei­ne­res, schwar­zes Qua­drat, indem ver­schie­de­ne klei­ne Bild­aus­schnit­te neben­ein­an­der und über­ein­an­der ablau­fen. An eini­gen Stel­len ver­schwin­det die­ses Qua­drat und die Grö­ße der Bild­aus­schnit­te ver­än­dert sich. Meist sind es Fet­zen, die einem hin­ge­wor­fen wer­den, wil­de Ver­mi­schun­gen aus poli­tisch auf­ge­la­de­nen Bil­dern, dem Stu­den­ten­all­tag (Ray hat­te sich mit einer klei­nen Grup­pe von Ver­schwo­re­nen in eine abge­le­ge­ne Hüt­te ver­zo­gen), gestell­ten Sze­nen und abs­trak­tem Film- und Video­rau­schen. Visu­el­le Fin­ten wer­den mit dem stän­di­gen Ein­druck von frag­men­ta­ri­schen Sprach­fet­zen (die Sound­ku­lis­se erin­nert an War­hol-Fil­me), real wir­ken­den Erzäh­lun­gen, Sexua­li­tät und einer Bewe­gung durch so etwas wie eine ame­ri­ka­ni­sche See­le kom­bi­niert. Es ist ein rebel­li­scher Akt und viel­leicht eines der größ­ten Fuck-Its der Film­ge­schich­te. Ray, den wir bis­lang auch bei der Wis­con­sin Schau als einen zuge­ge­ben eigen­wil­li­gen Fil­me­ma­cher ken­nen­ge­lernt haben, aber als einen sys­tem­treu­en Künst­ler, ver­ab­schie­det sich hier völ­lig aus sei­nem gewohn­ten Habi­tat. Dar­auf vor­be­rei­ten konn­te einen nur Wim Wen­ders Light­ning Over Water, der lei­der – so muss ich nun sagen – bereits eini­ge Zeit vor We Can’t Go Home Again gezeigt wur­de. Die See­le von Ray wur­de uns schon durch sei­ne Augen prä­sen­tiert und so konn­te ich den Schock die­ser Offen­ba­rung des Fil­me­ma­chers kaum mehr folgen.

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Es bil­den sich nar­ra­ti­ve Lini­en in die­sem Cha­os, das eigent­lich kei­nen Platz für sie hat. Aber die wil­den Zwi­schen­schnit­te auf Zuhö­rer, die offen­bar gar nicht im glei­chen Raum sind, die Mani­pu­la­tio­nen des Mate­ri­als, das Figu­ren immer wie­der in Flam­men (es han­delt sich dabei um einen Video Syn­the­si­zer) auf­ge­hen las­sen oder die Spu­ren von Spra­che und Per­sön­lich­keit, von Humor und Dra­ma, ver­ei­ni­gen sich zu einem nicht immer sinn­li­chen, aber doch fas­zi­nie­ren­den Mosa­ik von Erfah­run­gen, die es gegen Ende des Films tat­säch­lich ver­mö­gen zu einem schein­ba­ren Kern­pro­blem des Fil­me­ma­chers zu kom­men: Wie gebe ich Erfah­rung wei­ter? Was kann ich euch bei­brin­gen? Gleich­zei­tig betrach­tet man hier die Lebens­li­ni­en der Stu­den­ten, die sich immer zwi­schen einer Fik­tio­na­li­tät und einer Dring­lich­keit bewegt, die mit den tat­säch­li­chen Lebens­läu­fen der Figu­ren har­mo­niert. Dabei geht es dann tat­säch­lich, wie so oft bei Ray, um einen Gene­ra­tio­nen­kon­flikt und die Ver­un­si­che­rung gegen­über einem nächs­ten Schritt, wohin die­ser auch immer füh­ren soll. Einer der ein­neh­mends­ten Figu­ren ist dabei Tom Far­rell, der auch in Light­ning Over Water eine wich­ti­ge Rol­le spielt und spä­ter in eini­gen Fil­men von Wim Wen­ders mit­wir­ken soll­te. Nicht nur sei­ne Blind­heit auf einem Auge, die ihn zu einem merk­wür­di­gen Spie­gel für den älte­ren Ray macht, son­dern auch sei­ne inne­ren Kon­flik­te, die in der viel­leicht stärks­ten Sze­ne des Films kul­mi­nie­ren, einer Rasur, die sich zwi­schen fast fried­li­chen Bil­dern einer gewalt­vol­len politischen/​sozialen Umge­bung voll­zieht und damit von einer inne­ren Flucht erzählt, die Nar­ben hin­ter­lässt, las­sen ihn zu die­ser zen­tra­len Figur im Film werden.

Fast alle Erzäh­lun­gen, denen man im Film fol­gen kann, han­deln von einer Flucht vor der eige­nen Iden­ti­tät. Ray selbst macht die­sen Film mit Stu­den­ten, wirft alles über den Hau­fen und flir­tet im Film gleich­zei­tig hef­tig mit Selbst­mord­ge­dan­ken, ein ande­rer Stu­dent erzählt von einer extre­mem Diät, eine Stu­den­tin pro­sti­tu­iert sich. Film ent­steht hier vor unse­ren Augen als Mani­fes­ta­ti­on einer Flüch­tig­keit. Es geht um eine Unsi­cher­heit gegen­über dem Selbst. Eine Sex­sze­ne, in der die die Frau Panik bekommt, weil ihr Part­ner eine Mas­ke trägt, ist Sinn­bild für die­se Ängs­te. We Can’t Go Home Again ist ein Film, der bereits im Titel von den Kon­se­quen­zen die­ser Flucht vor dem Ich und Flüch­tig­keit der Iden­ti­tä­ten erzählt, es ist ein Pro­jekt, das in der inne­ren Höl­le ein Para­dies sucht statt – wie so oft im kom­mer­zi­el­len Kino – eine Höl­le im Para­dies zu fin­den. Das bedeu­tet, dass Ray hier wagt, in sich selbst zu bli­cken, um sein Leben meta­pho­risch zu been­den. So ganz fängt Ray das Gefühl die­ser Flucht aber nicht ein, denn zu stark ist der Impe­tus des „Wir“ als abge­grenz­te Grup­pe eini­ger Freaks. Es ist kein Film der Iden­ti­fi­ka­ti­on und kein Film der puren Atmo­sphä­ren, den­noch gelingt es ihm Bil­der einer Stu­di­en­erfah­rung zu zeich­nen, also ein Bild des­sen, was sich dort zuge­tra­gen hat. Es ist nur so, dass auch die­se Bil­der flüch­tig sind und man sie des­halb weder auf­sau­gen kann noch dar­in schwel­gen will (obwohl dies bei man­cher musi­ka­li­scher Ein­la­ge gelin­gen mag), son­dern sie anschau­en muss.

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Trotz all die­ser Qua­li­tä­ten wirkt der Film manch­mal wie ein ner­vi­ges Kunst­stu­den­ten­pro­jekt vol­ler Ideen, die ihre eige­ne Exis­tenz mehr lie­ben, als so etwas wie den Film. Ohne Ray wür­de die­ser Film gar nicht funk­tio­nie­ren, man wür­de ihn wahr­schein­lich nicht anschau­en. Als wil­de­re Ver­si­on von Andy War­hols Chel­sea Girls oder Jean-Luc Godards Numé­ro deux fehlt hier – außer in den letz­ten Bil­dern des Films – jene Kapa­zi­tät eines drit­ten Bilds, das zwi­schen den Split­screen-Medi­ta­tio­nen der bei­den genann­ten Fil­me­ma­cher zum Vor­schein kommt. Es wirkt oft­mals sehr will­kür­lich und so bleibt letzt­lich die Rot­zig­keit des Unter­fan­gens deut­lich prä­sen­ter, als die Poe­sie oder das Hand­werk. Doch einer Sache kann sich der Fil­me­ma­cher Nicho­las Ray bezüg­lich der Poe­sie dann doch nicht ent­zie­hen. Es ist die Far­be Rot, die er selbst so oft trägt, die­ses pul­sie­ren­de Rot, auf das er schein­bar ein Patent hat. Es tropft durch den Film, lässt man­che Bil­der erschei­nen wie das Cover eine White Stripes-Albums und frisst sich schließ­lich in eine Erin­ne­rung, die jener Flüch­tig­keit ent­ge­gen­wirkt, die der Film so sehr in einem hervorruft.