Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Tsai Ming-liang Retro: Liebesbrief an Lee Kang-sheng (und Chen Shiang-chyi)

Lie­ber Lee Kang-sheng (und Chen Shiang-chyi),

ich habe dich gese­hen, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob du mich auch gese­hen hast. Um ehr­lich zu sein, habe ich dich schon als Jugend­li­chen gese­hen. Du warst ein wenig wie ich und hast ande­re Men­schen beob­ach­tet, ohne dass sie dich beob­ach­tet hät­ten. Du warst ein rebel­li­scher Scoo­ter­boy und ich woll­te mit dir und dei­ner Son­nen­bril­le durch Tai­peh fah­ren. Wenn du etwas anschaust, dann scheinst du direkt hin­durch zu bli­cken, immer an dich selbst den­kend, an dir selbst lei­dend. Du hast ein der­art kla­res Gesicht, das schein­bar kein Alter kennt, son­dern immer nur ein Spie­gel für mich ist. Ich habe gese­hen wie du dich unter der Matrat­ze ver­steckt hast, ich habe gese­hen wie du auf einer Matrat­ze gepflegt wur­dest. Dei­ne Ein­sam­keit und dei­ne Unfä­hig­keit dich Mit­zu­tei­len grei­fen mein Herz an. Du bist oft an frem­den Orten, du lebst dort sogar. Ich weiß nicht, wo ich dich fin­den könn­te, sag mir wo ich dich fin­den könn­te. Du bewegst dich manch­mal sehr lang­sam, viel­leicht bist du ein wie­der­ge­bo­re­ner Prinz? Ich fra­ge mich, wie du die Trep­pen in Mar­seil­le wie­der nach oben gekom­men bist. Bist du reli­gi­ös? Zwar waren vor mir die Kino­bil­der, aber was ich wirk­lich sehen woll­te, warst du als Film­vor­füh­rer. Ich hat­te an die­sem Tag im Kino das Gefühl, dass du ein wenig wie Tony Leung aus­siehst, aber ich mag Tony Leung. Ich bin zu dir in den Pro­jek­ti­ons­raum geklet­tert und habe dir etwas zu Essen gebracht. Ich bin mir nicht sicher, ob du es gese­hen hast. Du warst nicht dort. Wahr­schein­lich hast du geraucht. Du rauchst schö­ner als ande­re Men­schen. Man hat mir gesagt, dass du sogar im Kino lebst, viel­leicht sogar ein Geist bist. Es macht mir Angst dar­an zu den­ken, dass du nicht echt sein könntest.

Vive l'amour

Wir haben auch eine gemein­sa­me Fas­zi­na­ti­on: Truf­f­aut. Zwar weiß ich nicht, ob du dir „Les 400 Coups“ nur wegen Paris ange­se­hen hast, aber wenn man dich ansieht, fühlt man sich als wür­de man sich ganz schnell im Kreis dre­hen. Der Boden unter den Füßen ver­schwin­det. Und plötz­lich warst du dann selbst in Paris und du hast einen Film gedreht. Erst habe ich mir Sor­gen gemacht, weil du bei dei­nem letz­ten Film­dreh furcht­ba­re Nacken­schmer­zen bekom­men hast, aber dann habe ich dich zusam­men mit all die­sen schö­nen Men­schen gese­hen und wuss­te, dass es dir gut geht. Du hast „Anto­nio­ni“ gesagt. Was hast du mit dem Hirsch gemacht? Du musst dich nicht bewe­gen, um alles in mir aus­zu­lö­sen, um mich zu bewe­gen. Wenn du ganz starr blickst, spie­len sich hun­der­te Emo­tio­nen allein durch dei­ne Hal­tung ab. Ich habe sel­ten einen Men­schen öfter beim Essen und auf der Toi­let­te gese­hen als dich. Ich will die Zeit zurück­dre­hen und alles noch­mal mit dir erle­ben. Von den Spiel­hal­len, zu dei­nem Fuß, der von mei­ner Decke hängt bis zu dei­ner Por­no­kar­rie­re, die in die Obdach­lo­sig­keit führt. Wenn du ein­schläfst, sehe ich weiß. Ich ken­ne dei­ne dunk­len Geheim­nis­se und die dei­ner Fami­lie. Ich ver­mag nicht über dei­ne Fami­lie zu schrei­ben. Das ist dei­ne Sache. Dei­ne Eltern haben mich mit­ge­nom­men als wäre es mei­ne eige­ne Fami­lie. Du hast ein Tai­wan Fever in mir aus­ge­löst, ich will eine Gas­mas­ke tra­gen und dich damit küs­sen, bis ich weiß, ob du ein Geist bist. Du kannst auch für mich sin­gen, wenn du magst. Ich habe dich oft dabei gesehen.

The Wayward Cloud

Aber es gibt auch die­se Frau. Ich bin mir nicht sicher, ob du sie gese­hen hast. Ihr Name ist Chen Shiang-chyi. Sie ist eigent­lich genau­so ver­lo­ren wie du. Du kennst sie, du bist in ihrem Mund gekom­men. Du hast die Zeit für sie ver­än­dert, aber nicht dich selbst. Sie hat eine Uhr bei dir gekauft, also bin ich ihr gefolgt und habe mich auch in sie ver­liebt. Als sie aus Paris zurück­kam, woll­te ich sie an der Hand durch die Stadt füh­ren. Sie wirkt immer ver­lo­ren und über­strahlt doch alles, ein ver­irr­ter Engel viel­leicht, auch ein Geist? Sie hat dir auch etwas zu Essen gebracht an die­sem Tag im Kino. Du hast auch mal mit ihr gekocht. Ein­mal muss­te ich ihren wider­li­chen Melo­nen­saft trin­ken, ich habe ihn heim­lich weg­ge­schüt­tet. Erst spä­ter habe ich ver­stan­den, was es für sie bedeu­tet, wenn sie mir einen Melo­nen­saft gibt. Sie bewegt sich immer flie­gend, selbst wenn sie schläft. Ihr Blick ist neu­gie­rig, ver­lan­gend und offen. Ein tie­fer Schmerz lau­ert dahin­ter. Ich habe euch gese­hen wie ihr ein Bild betrach­tet habt. Ich wür­de euch so in mein Zim­mer stel­len, damit ich euch immer anse­hen kann wie ihr etwas anseht. Ich schrei­be euch daher die­sen Brief zusam­men, weil ich am liebs­ten auf einer im Was­ser trei­ben­den Matrat­ze mit euch bei­den schla­fen wür­de. Wenn das nicht geht, weil ihr Geis­ter seid, ver­sprecht mir wenigs­tens, dass ihr euch das nächs­te Mal erkennt, wenn ihr euch begeg­net und berührt, wenn ihr euch berüh­ren wollt.

The Wayward Cloud What time is it there

Ich muss jetzt auf­hö­ren, weil es von der Decke tropft.

I don't want to sleep alone