Zum Abschluss mei­ner Tsai Ming-liang Bespre­chun­gen, die im Rah­men der Retro­spek­ti­ve im Wie­ner Stadt­ki­no ent­stan­den sind, möch­te ich mich mit „Visa­ge“ aus­ein­an­der­set­zen, der vor 5 Jah­ren in Can­nes urauf­ge­führt wur­de. Das vom Lou­vre mit­fi­nan­zier­te Pro­jekt hat den Neo­rea­lis­mus, der sonst in den Arbei­ten des Regis­seurs anklingt end­gül­tig in ein L’art pour L’art ver­wan­delt, ein selbst­re­fle­xi­ves Kreis­lau­fen, eine Ode an das fran­zö­si­sche Kino (vor allem an eine roman­ti­sche Vor­stel­lung von Fran­çois Truf­f­aut) mit völ­lig absur­den Sze­nen. Dabei wird trotz­dem auch die Geschich­te von Hsiao-kang wei­ter­erzählt, des­sen Mut­ter stirbt wäh­rend er einen Film mit Antoine Doi­n­el/­Jean-Pierre Léaud in Paris dreht.

Visage

Im Film sind vie­le Grö­ßen des fran­zö­si­schen Kinos zu sehen. Fan­ny Ardant gibt die Pro­du­zen­tin, dabei spielt sie immer Fan­ny Ardant, die in jun­gen Jah­ren für den spä­ten Truf­f­aut spiel­te. Es gibt Sze­nen hier, die bestä­ti­gen jeden, der das fran­zö­si­sche Kino hasst. Sze­nen vol­ler Selbst­ver­liebt­heit und kino­frem­den Klas­si­zis­mus, die dann von Léaud, für alle, die das Kino lie­ben, geret­tet wer­den, mit Leben­dig­keit, Stran­gen­ess, Schön­heit und einem guten Schuss Durch­ge­knallt­heit. Uner­reicht eine Sze­ne, in der Léaud mit Lee Kang-sheng vor einem Moni­tor am Film­set sitzt und mit ihm über die gro­ßen Regis­seu­re der Film­ge­schich­te spricht, indem bei­de Namen sagen. Ansons­ten ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on schwer und man erin­nert sich an „Domic­i­le Con­ju­gal“, in dem Léaud ähn­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schwie­rig­kei­ten mit einer japa­ni­schen Frau hat, wegen der er sei­ne Frau ver­lässt. In einer Sze­ne tref­fen sich Fan­ny Ardant, Natha­lie Baye und Jean­ne Moreau an einem Tisch, weil das schon genü­gen muss. Mathieu Amal­ric schaut für einen Blo­wjob am Film­set vor­bei, zusam­men mit Lee Kang-sheng in einem Gebüsch, war­um nicht? Lae­ti­tia Cas­ta spielt so etwas wie die Haupt­rol­le im Film von Hsiao-kang. Sie klebt alle Fens­ter mit schwar­zem Kle­be­band zu, schleppt sich mit ihrem Kos­tüm durch die Unter­welt, raucht in einem Framing à la Raoul Cou­t­ard. Künst­lich­keit und Kunst wer­den hier zum The­ma. Da gibt es einen Schnee­fall im Son­nen­schein, den Traum einer trans­pa­ren­ten Haut im Ästhe­zis­mus der Gefühle.

Visage2

Es ist ein Traum­zu­stand, der die Moti­vik des Regis­seurs zu einem Muse­ums­ob­jekt macht. Am Ende kriecht Léaud dann auch aus einem Lüf­tungs­schacht im Lou­vre. Das Set befin­det sich dahin­ter, die Kunst ist woan­ders. Ansons­ten lau­fen Hir­sche an einem Film­set vol­ler Spie­gel von einem dump­fen Ton beglei­tet gegen die Spie­gel, es wird gesun­gen und getanzt, man reist nach Tai­peh zur Beer­di­gung, man sucht den ent­lau­fe­nen Hirsch. Dahin­ter ver­ber­gen sich die­sel­be Iso­la­ti­on, das­sel­be Begeh­ren und die­sel­be Zärt­lich­keit wie in allen Fil­men von Tsai Ming-liang. Aus der toten Zeit gewinnt der Regis­seur hier ein manch­mal absur­des, manch­mal tran­szen­den­ta­les Gefühl. Als wür­de sei­ne eige­ne Fil­mo­gra­phie den epi­schen Sinn in die Bil­der des kla­ren Nichts hau­chen. Am Ende kehrt er zum Brun­nen aus „What time is it the­re?“ zurück, dort ist der Hirsch, dort war der Vater, dort war die Lie­be, dort bleibt die Ein­sam­keit. So könn­te ein Selbst­por­trait nicht der eige­nen Per­son, aber des eige­nen Schaf­fen aus­se­hen. Zum Abschluss der Retro­spek­ti­ve war die­ser Film genau rich­tig für mich. Als Ein­stieg wäre er fatal.