Viennale 2014: Dialog: Die Einsamkeit der Inspiration

Nach­dem wir uns end­lich in den glei­chen Fil­men wie­der­fan­den, haben Rai­ner und ich unse­re Tra­di­ti­on von der dies­jäh­ri­gen Dia­go­na­le fort­ge­führt und einen kur­zen (dies­mal wirk­lich) Dia­log über die Fil­me des Tages geführt. Mit dabei: Sob­re la mar­xa von Jor­di Mora­tó, Natio­nal Gal­lery von Fre­de­rick Wise­man und ein 16mm-Programm.

Sobre la marxa Viennale 2014
Sob­re la mar­xa von Jor­di Morató

Patrick: Also wir haben ja gera­de Sob­re la Mar­xa gese­hen. Ein Film über einen sehr beein­dru­cken­den Mann. Für mich ein Film, der es mir erlaubt hat völ­lig naiv den unglaub­li­chen Bau­ten und Aktio­nen die­ses Dschun­gel­manns zu fol­gen. Eine Inspi­ra­ti­on einfach…war das für dich ähnlich?

Rai­ner: Inspi­ra­ti­on ist ein star­kes Wort. Ich habe den Film sehr genos­sen, er hat den Fes­ti­val­all­tag ent­schleu­nigt und es hat Spaß gemacht die­sem Mann zuzu­se­hen. Auf der ande­ren Sei­te ist Sob­re la Mar­xa wohl kaum ein Film ohne den die Mensch­heit nicht wei­ter­be­stehen kann.

Patrick: Inspi­ra­ti­on mei­ne ich tat­säch­lich im Hin­blick auf die Figur des Man­nes und nicht auf den Film selbst. Ein Spa­ni­er, der 45 Jah­re lang sei­ne eige­ne ung­alub­li­che Stadt aus Holz und Stei­nen in einem Wald bau­te und drei­mal alles wie­der abrei­ßen muss nur um es wie­der auf­zu­bau­en. Für mich lag dar­in eine der­ar­ti­ge Roman­tik und Tra­gik, eine sol­che Lei­den­schaft, die ich ein­fach nur als berüh­rend emp­fand und sei­ne Bau­ten waren zudem wun­der­voll. Ich fin­de es wich­tig, dass man sowas auf Film fest­hält. Ent­schleu­nigt klingt inter­es­sant? Sind wir nicht kurz davor aus einem kon­tem­pla­ti­ven 16mm (Die Gegen­wart des 16mm-Films) Pro­gramm gekommen?

Rai­ner: Ja, in Bezug auf den Mann (Gar­rell) gebe ich dir mit Sicher­heit recht, auch wenn ich weder Ambi­tio­nen noch Hoff­nung habe jemals eine eige­ne Stadt zu bau­en. Ich fin­de es noch immer inter­es­sant, dass du die­ses Pro­gramm als kon­tem­pla­tiv wahr­ge­nom­men hast – gut die Hälf­te der Fil­me war der­ma­ßen schnell, dass sie knapp an der Gren­ze zum Fli­cker­film ange­sie­delt waren und nach Runa Islams This Much is Uncer­tain taten mir regel­recht die Augen weh. Alles in allem konn­te ich die­sem Pro­gramm lei­der nicht so viel abge­win­nen wie du. Da war sehr vie­les dabei, dass ich so, oder so ähn­lich, bereits in bes­se­rer Aus­füh­rung gese­hen habe.

Patrick: Es geht auch gar nicht dar­um, dass man eine Stadt bau­en muss. Es ist ein Lebens­mo­dell und es atmet eine Frei­heit, die glau­be ich für alle inspi­rie­rend sein kann. Und so ganz ohne war der Film dann in sei­nen Reflek­tio­nen über Fik­tio­na­li­tät und Rea­li­tät, Feu­er und Was­ser und mit einem bren­nen­den Ted­dy­bä­ren auch nicht. Ich habe die­ses Pro­gramm davor tat­säch­lich als Pro­gramm genos­sen und auch so wahr­ge­nom­men. Und in die­sem Sinn war es für mich sehr kon­tem­pla­tiv vom Son­nen­un­ter­gang über den Nebel bei Ben Rivers bis zu abs­trak­ten Hub­schrau­bern. Ich fin­de, dass die Fil­me da inein­an­der geflos­sen sind und This Much is Uncer­tain habe ich tat­säch­lich ganz anders wahr­ge­nom­men was auch für den Film spricht. Ein Pro­gramm vol­ler Ein­sam­keit. Ich hat­te da immer das Gefühl, dass die Bil­der in ein­sa­men Momen­ten auf­ge­nom­men wur­den. Das bringt mich wie­der zurück zu unse­rem Hel­den Gar­rell aus Sob­re la Mar­xa. Ist das für dich ein ein­sa­mer Mann?

The Coming Race Ben Rivers
The Coming Race von Ben Rivers

Rai­ner: Die­se Fra­ge ist für mich eigent­lich nicht beant­wort­bar, denn wir sehen ja qua­si nichts von ihm, außer sei­ner Film­chen und sei­ne Arbeit im Wald. Aber selbst wenn das wirk­lich sein gesam­tes Leben ist, also er ohne Fami­lie und Freun­de ein Ere­mi­ten­da­sein fris­tet ist es zumin­dest ein erfüll­tes Leben – da fällt dann die Ein­sam­keit auch nicht mehr so stark ins Gewicht. Aber das ist alles Spe­ku­la­ti­on. «Ein Pro­gramm vol­ler Ein­sam­keit» – ein span­nen­der Ansatz, für mich war es eher ein Pro­gramm des Tona­len – das begann mit der Stil­le in Taci­ta Deans The Green Ray und ende­te im visua­li­sier­ten Heli­ko­pter­ge­räusch bei Rouard. Da fehlt mir der mythisch-roman­ti­sche Zugang, wie du ihn wählst, ein biss­chen in mei­nem Wesen – da bin ich zu sehr Kopf­mensch. Denkst du ist Fre­de­rick Wise­man auch ein Kopfmensch?

Patrick: Ich den­ke, dass Wise­man-und das zeigt auch sein Natio­nal Gal­lery-vor allem ein gedul­di­ger Mensch ist, ein Beob­ach­ter und Arbei­ter. Aber da ist ja etwas, das Sob­re la Mar­xa und Natio­nal Gal­lery ver­bin­det. Man sieht nie­man­den zuhau­se. Die Men­schen in ihrer Arbeit, Kunst und Lei­den­schaft. Für mich ist es immer ein­sam, wenn mög­li­che Nähe­ver­hält­nis­se eine Sache des hors champs sind. Und das spie­gelt wie­der­um die Fes­ti­val­er­fah­rung an sich, denn man ist ja zumeist außer Haus, allei­ne mit sich und der Kunst. Da kann man noch so viel drü­ber sprechen.

Rai­ner: Das klingt ja ziem­lich sui­zi­dal… Ich fin­de Fes­ti­vals ganz und gar nicht ein­sam. Da ist man doch stän­dig unter Leu­ten und in Gesell­schaft tol­ler Fil­me. Was wäre wohl aus Sob­re la Mar­xa gewor­den, wenn Wise­man den gedreht hät­te? Wäre er dann durch Gar­rells Kon­struk­tio­nen gewan­dert und hät­te jeden Win­kel erforscht? Oder eben­falls wie Jor­di Mora­tó auf das Mate­ri­al aus frü­he­ren Jah­ren zurückgegriffen?

Patrick: Ich glau­be, dass mir im Kino die Ein­sam­keit fehlt. Ich ver­mis­se die Anony­mi­tät, die Unsicht­bar­keit, da ich inzwi­schen zu vie­le Gesich­ter hier ken­ne. Aber ja, viel­leicht hat das auch was Schö­nes. Mit der Ein­sam­keit eines Fes­ti­vals mei­ne ich aber dann doch die kur­zen Begeg­nun­gen, die nie mit den Stun­den, die man im Kino erleb­te mit­hal­ten kön­nen und mir daher sehr ober­fläch­lich erschei­nen. So oder so kommt es mir ein­sam vor. Wise­man hät­te die­sen Film nicht gedreht. Aber fan­dest du die Found Foo­ta­ge Sache schlecht bei Morató?

Rai­ner: Zwi­schen­zeit­lich hat­te das schon sei­ne Län­gen… Also zum Bei­spiel die­se Tar­zan-Aus­schnit­te in die­ser Aus­führ­lich­keit zu zei­gen, noch dazu mit wenig Erklä­rung vor­ne weg, war schon etwas gewöh­nungs­be­dürf­tig. Ich fin­de das waren die schwächs­ten Momen­te des Films, da man die Ana­lo­gie zwi­schen sei­ner Tar­zan-Per­sön­lich­keit auf der Flucht vor der Zivi­li­sa­ti­on und sei­nem Kampf gegen die Van­da­len, die sei­ne Bau­ten beschä­di­gen auch in kür­ze­rer Zeit auf­bau­en hät­te kön­nen. Da braucht es kei­ne end­lo­sen, pri­mi­ti­ven Video­auf­nah­men, wo er in Len­den­schurz auf Bäu­men klettert.

Patrick: Das war wohl der absur­de Trash­fak­tor. Sehe das ähn­lich, aber für mich hat sich retro­spek­tiv dadurch ein schö­ner Wan­del in mei­ner Wahr­neh­mung von Gar­rell erge­ben, weil er mir zunächst wie ein Nerd vor­kam und am Ende wie ein Genie.