The Lost Patrol Viennale 2014

Viennale 2014: Dialog: The Taste of Ford

Zwi­schen zwei Fil­men haben Rai­ner und Patrick kurz Zeit gefun­den, über ihre Ein­drü­cke vom Fes­ti­val zu disk­tu­tie­ren. Dabei geht es um Ent­täu­schun­gen, John Ford und ja John Ford.

Rai­ner: Nach­dem wir uns zwi­schen­zeit­lich wenig gese­hen haben, gibt es nun doch wie­der eini­ges zu bespre­chen. Wie wäre es wenn wir mit den größ­ten Rein­fäl­len der letz­ten Tage begin­nen? Da gehö­ren für mich auf jeden Fall Deux Jours, une Nuit von den Darden­nes und 20,000 Days on Earth dazu.

Patrick: Also auf die Darden­nes habe ich ja hier ver­zich­tet, weil ich ein wenig Angst habe. Zu 20,000 Days on Earth kann ich ich nur sagen, dass ich den nicht ganz so ent­täu­schend fand. Also aus fil­mi­scher Sicht scheint mir das sehr unin­ter­es­sant, da hast du Recht, aber als Auf­zei­gen einer Fik­tio­na­li­sie­rung des eige­nen Images, also jenes von Nick Cave und damit irgend­wie gleich­zei­tig als Mytho­lo­gi­sie­rung und De-Mytho­lo­gi­sie­rung fand ich das schon interessant.

Rai­ner: Das ver­ste­he ich nicht ganz. Wo fin­det denn da eine Mytho­lo­gi­sie­rung und De-Mytho­lo­gi­sie­rung statt? Die Misch­form aus Spiel- und Doku­men­tar­film wäre zwar durch­aus geeig­net gewe­sen genau das zu errei­chen, aber ich fühl­te mich Cave weder nahe, noch ver­stärk­te der Film den Mythos um die Per­son. So hat der Film den Men­schen höchs­tens ein wenig ent­zau­bert ohne ihn mir näher zu brin­gen – und das muss man ihm fast vorwerfen.

Patrick: Ich fand, dass er ziem­lich deut­lich mach­te, dass man sich nie sicher sein konn­te, ob die Infor­ma­tio­nen zum Bei­spiel über sein Fami­li­en­le­ben nun stimm­ten oder ob sie erfun­den waren. An einer Stel­le sagt er ja mal dem Sinn nach: Print the Legend. Damit passt er ja auch zu John Ford.

Nick Cave am Steuer in 20,000 Days on Earth
20,000 Days on Earth

Rai­ner: Eine Über­lei­tung, die mich gleich viel posi­ti­ver stimmt. Umso mehr ich von die­sem Mann sehe, des­to mehr bin ich ers­tens, davon über­zeugt, dass er ein Genie ist, und zurecht einen Platz an der Son­ne des Film­pan­the­ons hat, und zwei­tens, dass er viel mehr als nur ein gro­ßer Wes­tern­re­gis­seur ist. Vor allem die komi­sche Bril­lanz in Fil­men wie My Dar­ling Cle­men­ti­ne, The Sun Shi­nes Bright oder Two Rode Tog­e­ther haben mir gezeigt, dass Ford nicht nur ein aus­ge­zeich­ne­tes Händ­chen für Licht­set­zung und Kame­ra­ar­beit ins­ge­samt hat, son­dern weiß wie man einen Gag inszeniert.

Patrick: Und sei­ne Wes­tern sind ja auch vol­ler Humor. Wobei der Humor immer etwas bit­te­res hat, etwas verbittertes.

Rai­ner: Ich habe ges­tern nach dem Scree­ning von Two Rode Tog­e­ther noch gesagt, dass ich nun über­zeugt bin, dass alle Fil­me von Ford außer viel­leicht Gra­pes of Wrath eigent­lich Komö­di­en sind. Das war natür­lich ein Scherz, nichts­des­to­trotz steckt da ein Fünk­chen Wahr­heit drin.

Patrick: Er hat ja selbst gesagt, dass er ein Regis­seur von Komö­di­en ist, der erns­te Fil­me macht. Zum Bei­spiel bei The Lost Pat­rol war dann aller­dings kaum mehr Humor spür­bar. Ich glau­be sogar, dass es bei Ford ein­fach um die­ses Gespür für Sen­ti­men­ta­li­tät geht und Humor kann da eine wich­ti­ge Rol­le spie­len. Sozu­sa­gen um den Kitsch zu umgehen.

Rai­ner: Hat John «Duke» Way­ne das nicht sogar in Direc­ted by John Ford von Peter Bog­d­a­no­vich genau­so gesagt? In Bezug auf die­se eine Sze­ne gegen Ende von She Wore a Yel­low Rib­bon, als der alte Cap­tain vor ver­sam­mel­ter Trup­pe sei­ne Bril­le zur Hand neh­men muss um die Inschrift auf der Uhr zu lesen.

Patrick: Ja so ähn­lich hat er das gesagt. Die­se Sze­ne ist auch ein gutes Bei­spiel. Aber viel bes­ser gefällt mir wie Herr Ford insze­niert, wenn es einen Hel­den­mo­ment gibt. Ich den­ke dar­an wie der Typ in Ken­tu­cky Pri­de stol­pert nach­dem er schein­bar das Pferd umge­bracht hat oder wie John Way­ne in den Saloon tritt in The Man Who Shot Liber­ty Valan­ce.

Rai­ner: Fällt dir auf, dass wir uns schon wie­der ziem­lich lan­ge über John Ford unter­hal­ten? Das passt irgend­wie ganz gut in mein Gesamt­erleb­nis des Fes­ti­vals – dass ich immer mal wie­der in einen Ford-Film gehe und dann dort den Frust über so man­chen Film der Gegen­wart hin­ter mir las­sen kann.

Jimmy Stewart in Two Rode Together
Two Rode Together

Patrick: Ist aber auch ein wenig unfair, weil Ford so gut ist…empfindest du die Film­aus­wahl denn als schwach?

Rai­ner: Nein, ganz und gar nicht, aber wie soll die Film­pro­duk­ti­on eines mick­ri­gen Jah­res mit John Fords Gesamt­werk mithalten?

Patrick: Du hast ja auch ande­re Retros.

Rai­ner: Von denen sehe ich aber nicht annä­hernd so viel (außer von den 16mm-Sachen).

Patrick: Glau­be ich gar nicht. Du warst doch bei Faro­cki, du warst bei Mor­ten­sen, du warst bei Tariq Teguia, du warst bei Godard…

Rai­ner: Ja, mein Kom­men­tar zu Ford war eher in Hin­sicht auf die aktu­el­len Fil­me bezo­gen. Die ande­ren Retros sind im Ver­gleich ja doch eher klein und frag­men­ta­risch und eine Debo­rah Strat­man oder ein Tariq Teguia gehen, so gut mir ihre Fil­me auch gefal­len haben, neben Ford auch unter.

Patrick: Bei mir pas­siert auch etwas ganz ande­res. Und zwar ver­bin­den sich die Fil­me von Ford mit den aktu­el­len Pro­duk­tio­nen. Am offen­sicht­lichs­ten ist dies bei Jau­ja, den ich bereits in Ham­burg gese­hen habe. Aber auch zum Bei­spiel der rote Him­mel bei Pedro Cos­ta in Cava­lo Din­hei­ro erin­ner­te mich an She Wore a Yel­low Rib­bon oder der Alko­hol in Levia­than oder eini­ge Ein­stel­lun­gen in Mai­dan und so weiter…eigentlich fast immer. Man sucht ja ger­ne nach so Lini­en auf Fes­ti­vals und ich glau­be, dass mei­ne Linie durch die Fil­me John Ford ist.