Viennale 2014: Leviathan von Andrey Zvyagintsev

Grö­ße ist natür­lich nicht nur ein Ges­tus, aber manch­mal ist der Ges­tus mit einer Hal­tung zur Welt ver­bun­den, die eine Grö­ße vor­aus­setzt. Levia­than von Andrey Zvyag­int­s­ev (nicht zu ver­wech­seln mit der inno­va­ti­ven, eth­no­gra­phi­schen Schwin­del-Poe­sie Levia­than von Luci­en Cas­taing-Tay­lor und Véré­na Para­vel ) beginnt mit epi­schen Bil­dern eines bre­chen­den Oze­ans, dazu hört man ein sym­pho­nie­ar­ti­ges Trei­ben aus der Feder von Phil­ip Glass, eine Macht, eine Urge­walt, die vom Oze­an aus­geht, wie von der Här­te und nüch­ter­nen Käl­te Russ­lands und sei­ner Gesich­ter. Levia­than ist eine bibli­sche Para­bel und ein Polit­thril­ler mit sati­ri­schen Ele­men­ten. Im Zen­trum der Hand­lung steht Kolia, der wie Hiob nach und nach aus­ein­an­der­ge­nom­men wird. Nur ist es hier nicht unbe­dingt der Glau­be, der ihn ret­ten kann, son­dern der Glau­be der ihn ver­nich­tet. Und sein Prü­fer ist nicht Gott son­dern ein kor­rup­ter Staat, der in alko­ho­li­schen Macht­an­fäl­len mit einer Angst regiert, die Schön­heit ver­nich­tet. Es trei­ben rie­si­ge Ske­let­te an den ver­trock­ne­ten Ufern, alte zer­stör­te Fisch­kut­ter, die Rui­ne einer Kir­che. Zvyag­int­s­ev ist ein Freund der gött­li­chen Per­spek­ti­ve, sei­ne Kame­ra bewegt sich ele­gisch und völ­lig unbe­rührt über die Kra­ter­land­schaf­ten fast gemal­ter Gesich­ter einer ster­ben­den Hoff­nung. Kolia lebt zusam­men mit einer Frau, die so schön ist, dass man sie töten muss und einem Kind aus sei­ner ers­ten Bezie­hung. Büro­kra­ti­sche Machen­schaf­ten machen ihm durch unüber­sicht­li­che, in unfass­ba­rer Geschwin­dig­keit vor­ge­tra­ge­ne Geset­ze sein Eigen­tum, ein wun­der­vol­les Holz­haus am Ufer einer Geschich­te strei­tig. Da Haus ist nicht das ein­zi­ge was Kolia womög­lich ver­liert. Er ist ein Bau­ern­op­fer die­ser Welt. Dabei for­ciert Zvyag­int­s­ev die The­men von Schuld und Loya­li­tät bis zu ihrer phi­lo­so­phi­schen Rasier­klin­ge, das Blut rinnt schon über den Film und dahin­ter könn­te irgend­wo eine Lie­be ste­cken oder sagen wir eine Sehn­sucht. Bezie­hun­gen sind hier Miss­ver­ständ­nis­se, sie sind wütend, voll kal­ter Lei­den­schaft und doch mit einem bru­ta­len Herz, das sich in Besäuf­nis­sen an sei­ner eige­nen Melan­cho­lie erstickt. Es wird getrun­ken und geschos­sen und betrogen.

Leviathan Film

Auch der Ton ist hier ele­gisch, das Flü­gel­schla­gen von Eis­mö­wen am Hori­zont, der Wind und das Knis­tern von Holz. Immer ver­harrt die Kame­ra noch einen Augen­blick län­ger an den Orten, sie fährt noch eini­ge Meter in den Raum, ver­lässt ihn, betrach­tet ihn gleich­gül­tig. Aber irgend­was pas­siert da, so etwas wie Schick­sal oder poli­ti­sche Unge­rech­tig­keit. In bei­den Fäl­len ist man wehr­los wie die Schwei­ne, die den Dreck essen. Das Fischer­dorf wird in all sei­ner häss­li­chen Schön­heit in Per­fek­ti­on insze­niert, nüch­tern und doch betrun­ken. Immer wie­der kommt es zu sati­ri­schen Sze­nen. So schie­ßen Figu­ren plötz­lich auf Abbil­der von Poli­ti­kern. Dabei fehlt aber manch aktu­el­ler Täter, der anders­wo die Wän­de ziert. Ein Betrun­ke­ner bemerkt: Dafür fehlt noch die his­to­ri­sche Distanz…der Alko­hol lässt einen nur so lan­ge lachen bis es noch schlim­mer wird in Levia­than. Dann ist da jene Frau, Lilya, ein wei­ßer Geist mit kris­tal­le­nen, glän­zen­den Augen. Sie wan­delt zwi­schen tota­ler Schuld und abso­lu­ter Unschuld, aber wenn man ein­mal schul­dig war, dann kann man nicht mehr unschul­dig sein.

Die Macht ist eine Aggres­si­on in Levia­than, kei­ner scheint sich so recht hel­fen zu kön­nen, alle sind wie gesteu­ert von einem fehl­ge­lei­te­ten Selbst­er­hal­tungs­trieb, der im End­ef­fekt nur den Frie­den zer­stört. Deso­la­te Bil­der einer ver­schwun­de­nen Welt. Ein Schim­mer einer unlieb­sa­men Wahr­heit. Es ist der Blick zur Decke in der Kir­che, der als dop­pel­ter Moment im Film auf­taucht und auch ein der­ar­ti­ges Echo kre­iert. Ein­mal ist dies ein nar­ra­ti­ver Moment, als das Kind am Ende zur Decke blickt, zeigt es, dass die Kir­che wie­der steht (welch fata­ler Bru­ta­li­tät!), ande­rer­seits voll­führt die­se Ein­stel­lung sozu­sa­gen das Kunst­stück ein Erin­ne­rungs­bild zu sein, weil man die Rui­ne fast über den Neu­bau legt, also schon das Ende im Anfang mit­sin­gen hört. Die Dicho­to­mie von per­sön­li­cher Frei­heit und der Funk­tio­na­li­tät eines Staa­tes fin­det sich in alle­go­ri­schen Ver­satz­stü­cken auch in der Ehe, der Reli­gi­on, in der Natur und im Wesen des Kinos. Am Ende muss man weg­se­hen oder gehen, aus Angst, aus Lie­be oder weil man gezwun­gen wird.