Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Viennale 2025: Achter Tag

Ein Sturm schleu­dert mir das har­te Laub ins Gesicht. Die Krä­hen ver­sam­meln sich am Him­mel, den sie in Schwär­men noch wei­ter ver­dun­keln. Ich fol­ge ihnen mit den Augen, kann aber nicht erken­nen, wohin sie flüch­ten, als es zu reg­nen beginnt.

Two Sea­sons, Two Stran­gers von Shô Miya­ke berührt mich mehr als ande­re Fil­me. Ich glau­be zu ver­ste­hen, dass das dar­an liegt, dass er etwas erkennt im Stau­nen der Ein­sa­men vor der Schön­heit der Welt. Viel­leicht ist es ein Gefühl, so undeut­lich, dass man es nicht in Wor­ten aus­drü­cken kann, ein Gefühl, das sich erst ein­stellt, wenn man vor den Wor­ten flüch­tet wie die Prot­ago­nis­tin des Films. Man sagt dann nichts mehr und sieht und begreift, dass es gar kei­ne Wor­te gibt son­dern ledig­lich Ereig­nis­se, die kei­ne fest­ge­leg­te Bedeu­tung haben.

Ein Pro­blem von Film­fes­ti­vals: Man ist sel­ten allein nach den Filmen.

Man ist manch­mal da und manch­mal dort und weiß nicht immer, wes­halb man nicht anders­wo gelan­det ist. Auch davon erzählt der Film.

Das Gen­re der sanf­ten Stren­ge oder schrof­fen Zärt­lich­keit wächst wei­ter an. Bei Shô Miya­ke ersetzt Behut­sam­keit das gewis­sen­lo­se Stür­men der Bil­der. Non­cha­lance ver­hin­dert die Süße. Das Rau­schen von Schnee und Meer hält die Gefüh­le im Zaum. Wer sie wahr­nimmt, sucht zwi­schen Räu­men und der Zeit, die in die­se ein­ge­schrie­ben ist.

Wer den Figu­ren ihre Rät­sel belässt, kommt ihnen näher. Sie kön­nen sich selbst auch nicht erklä­ren. Sie sind nur ein Fla­ckern. Sie sind ein Satz, den sie bei­läu­fig sagen. Ein Blick, den sie selbst gar nicht sehen kön­nen. Sie zei­gen sich, wenn sie durch den Schnee stolpern.

Le Lac von Fabri­ce Arag­no ist ein selt­sa­mer Film. In ihm gibt es Sequen­zen von wirk­lich ele­men­ta­rer Wucht. Und es gibt eine ästhe­ti­sche Glät­te und Schau­spiel­ges­ten, die die­se Wucht ver­ra­ten. Es gibt auch einen Schat­ten von Godard, der gefähr­lich wird für den Filmemacher.

Wäre der ers­te Film, den ich in einem Kino gese­hen hät­te, von Joa­chim Trier gewe­sen, wäre ich nie wie­der gegan­gen (ich über­trei­be bestimmt, aber das macht er auch).

Affeks­jons­ver­di ist wie ein Film von Ing­mar Berg­man ohne for­ma­le und emo­tio­na­le Kon­se­quenz. Alles ist psy­cho­lo­gi­siert. Jedes Möbel­stück. Ver­gleicht man die Ein­sam­keit bei Trier mit jener von Miya­ke, sieht man bei letz­te­rem eine fil­mi­sche Ent­spre­chung eines Gefühls und bei ers­te­rem ein emo­tio­na­li­sie­ren­des Theaterstück.

Vive la vie und Artères de France sind sicher­lich die unin­ter­es­san­tes­ten Fil­me in Epsteins Werk. Blut­lee­re Pro­pa­gan­da­fil­me für Frank­reich und die Jugend der Gran­de Nati­on. Ein­zig eine Nacht­fa­ckel­se­quenz auf den schnee­be­deck­ten Ber­gen lässt kurz wie­der die Freu­de am Bild aufscheinen.

Am Abend gibt es ein Kon­zert von Elec­tric Delights, das beglei­tet von den Bil­dern zwei­er Fil­me Jean Epsteins so etwas wie eine Beschwö­rung der in den Auf­nah­men zer­flie­ßen­den Geis­ter­er­schei­nun­gen ein­lei­tet. Ich sehe weni­ger die Fil­me, als das, was als leuch­ten­de Erschei­nung aus dem Mate­ri­al im Raum ver­harrt. Bringt mir die Träu­me der ver­ges­se­nen Bil­der, den­ke ich und beob­ach­te, wie sich selbst der Blut­fa­den auf der Stirn des Toten lang­sam aus­wei­tet, wie eine in die Unend­lich­keit lau­fen­de Sand­uhr, die längst zer­bro­chen ist.

Ich träu­me nie von Fil­men. Sie fin­den kei­nen Ein­gang in mein Unter­be­wusst­sein. Ich weiß nicht, wohin sie verschwinden.