Ein Sturm schleudert mir das harte Laub ins Gesicht. Die Krähen versammeln sich am Himmel, den sie in Schwärmen noch weiter verdunkeln. Ich folge ihnen mit den Augen, kann aber nicht erkennen, wohin sie flüchten, als es zu regnen beginnt.
Two Seasons, Two Strangers von Shô Miyake berührt mich mehr als andere Filme. Ich glaube zu verstehen, dass das daran liegt, dass er etwas erkennt im Staunen der Einsamen vor der Schönheit der Welt. Vielleicht ist es ein Gefühl, so undeutlich, dass man es nicht in Worten ausdrücken kann, ein Gefühl, das sich erst einstellt, wenn man vor den Worten flüchtet wie die Protagonistin des Films. Man sagt dann nichts mehr und sieht und begreift, dass es gar keine Worte gibt sondern lediglich Ereignisse, die keine festgelegte Bedeutung haben.
Ein Problem von Filmfestivals: Man ist selten allein nach den Filmen.
Man ist manchmal da und manchmal dort und weiß nicht immer, weshalb man nicht anderswo gelandet ist. Auch davon erzählt der Film.
Das Genre der sanften Strenge oder schroffen Zärtlichkeit wächst weiter an. Bei Shô Miyake ersetzt Behutsamkeit das gewissenlose Stürmen der Bilder. Nonchalance verhindert die Süße. Das Rauschen von Schnee und Meer hält die Gefühle im Zaum. Wer sie wahrnimmt, sucht zwischen Räumen und der Zeit, die in diese eingeschrieben ist.
Wer den Figuren ihre Rätsel belässt, kommt ihnen näher. Sie können sich selbst auch nicht erklären. Sie sind nur ein Flackern. Sie sind ein Satz, den sie beiläufig sagen. Ein Blick, den sie selbst gar nicht sehen können. Sie zeigen sich, wenn sie durch den Schnee stolpern.
Le Lac von Fabrice Aragno ist ein seltsamer Film. In ihm gibt es Sequenzen von wirklich elementarer Wucht. Und es gibt eine ästhetische Glätte und Schauspielgesten, die diese Wucht verraten. Es gibt auch einen Schatten von Godard, der gefährlich wird für den Filmemacher.
Wäre der erste Film, den ich in einem Kino gesehen hätte, von Joachim Trier gewesen, wäre ich nie wieder gegangen (ich übertreibe bestimmt, aber das macht er auch).
Affeksjonsverdi ist wie ein Film von Ingmar Bergman ohne formale und emotionale Konsequenz. Alles ist psychologisiert. Jedes Möbelstück. Vergleicht man die Einsamkeit bei Trier mit jener von Miyake, sieht man bei letzterem eine filmische Entsprechung eines Gefühls und bei ersterem ein emotionalisierendes Theaterstück.
Vive la vie und Artères de France sind sicherlich die uninteressantesten Filme in Epsteins Werk. Blutleere Propagandafilme für Frankreich und die Jugend der Grande Nation. Einzig eine Nachtfackelsequenz auf den schneebedeckten Bergen lässt kurz wieder die Freude am Bild aufscheinen.
Am Abend gibt es ein Konzert von Electric Delights, das begleitet von den Bildern zweier Filme Jean Epsteins so etwas wie eine Beschwörung der in den Aufnahmen zerfließenden Geistererscheinungen einleitet. Ich sehe weniger die Filme, als das, was als leuchtende Erscheinung aus dem Material im Raum verharrt. Bringt mir die Träume der vergessenen Bilder, denke ich und beobachte, wie sich selbst der Blutfaden auf der Stirn des Toten langsam ausweitet, wie eine in die Unendlichkeit laufende Sanduhr, die längst zerbrochen ist.
Ich träume nie von Filmen. Sie finden keinen Eingang in mein Unterbewusstsein. Ich weiß nicht, wohin sie verschwinden.

