Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Viennale 2025: Zweiter Tag

Beob­ach­te zwei sich strei­ten­de Krä­hen, die sich zunächst kräch­zend auf einem Wie­sen­stück am Ran­de eines Teichs zan­ken (kann nicht erken­nen wes­halb und sie haben es mir auch auf Nach­fra­ge nicht mit­ge­teilt) und dann sogar in der Luft ihren Dis­put aus­tra­gen, indem sie sich dahin­glei­tend mit ihren Schnä­beln in die Flü­gel ram­men. Sonst ist es ein Herbst­tag, wie man ihn sich vor­stellt. Das Laub ist jetzt rot, gelb und grün und der Nebel steht den gan­zen Tag zwi­schen der Welt und den Träumen.

Sehe Tsai Ming-liangs Back Home und kon­sta­tie­re, dass der Fil­me­ma­cher mehr als ein Jahr­zehnt nach sei­nem selbst­er­klär­ten Ende als Fil­me­ma­cher nun in sei­ne Emig­holz-Pha­se ein­ge­tre­ten ist (tat­säch­lich lese ich, dass der Film in New York zusam­men mit Ecce Mole von Emig­holz gezeigt wur­de). Das gan­ze ist deut­lich laxer gedreht als frü­he­re Fil­me von ihm, die ein­zi­ge Sze­ne, die mir wirk­lich bleibt, ist aus der Hand gedreht: Ein Hund befin­det sich in der Mit­te eines Kin­der­ka­rus­sells und traut sich nicht zwi­schen den Wägen hin­durch aus dem Kreis zu springen.

Die Bil­der sind auf Laos gedreht und haben mich an die Vide­os erin­nert, die mir Freun­de von Rei­sen schi­cken. Ich blei­be den Auf­nah­men ganz fern und kann mich in die­ser Fer­ne behag­lich ein­rich­ten. Alles schwimmt in einer lieb­lich-sanf­ten, nichts­sa­gen­den Sound-Design-Sau­ce. Der Film ist unge­fähr­lich und ent­spannt. Ob man ihn sieht oder nicht, spielt kei­ne Rolle.

Manch­mal pro­fi­tiert das Unauf­ge­reg­te vom Auf­ge­reg­ten, das es umgibt. Es wirkt dann, als wür­de es Wider­stand leis­ten, dabei könn­te es auch genau anders­her­um sein.

Die­se Fil­me sind das Pro­dukt der autoren­be­zo­ge­nen Kunst­markt­lo­gik von Fes­ti­vals. Wer sie sieht, könn­te auf den Gedan­ken kom­men, dass die­se Kunst­form fast am ben­ja­min­schen Ziel ange­kom­men ist, dort also, wo sie Kunst sein darf, weil sie unbrauch­bar gewor­den ist. Aller­dings ist es auch in Ord­nung, wenn man nicht wei­ter dar­über nachdenkt.

Manch­mal fra­ge ich mich, wie ich mich ein­mal an die­se Film­fes­ti­vals erin­nern wer­de. Wer­de ich sie als Orte erin­nern oder als Ereig­nis­se (wie Kon­zer­te) oder wer­de ich nur mehr die Fil­me erin­nern, wobei ich ver­mut­lich gar nicht mehr wer­de sagen kön­nen, wo ich die gese­hen habe. Viel­leicht sind es auch die Men­schen. Die­se Gesich­ter, die man nicht zuord­nen kann, die man eigent­lich bereits ver­ges­sen hat, die einem aber immer nur zu die­ser Zeit an die­sen Orten begeg­nen. Man­che nicken mir zu, als wür­den sie das Glei­che denken.

Tsai Ming-liang jeden­falls filmt Men­schen deut­lich inter­es­san­ter als Tie­re. Ein­zig eine ihm vors Objek­tiv spa­zie­ren­de Kat­ze, die ihre magi­sche Welt­ent­rückt­heit zur Schau stellt, erscheint in die­ser eigen­tüm­li­chen Kör­per­lich­keit, die den Fil­me­ma­cher seit jeher so fas­zi­niert, jene also, in der die Zer­brech­lich­keit auf die Unnah­bar­keit trifft, das Fleisch auf die Geister.