Beobachte zwei sich streitende Krähen, die sich zunächst krächzend auf einem Wiesenstück am Rande eines Teichs zanken (kann nicht erkennen weshalb und sie haben es mir auch auf Nachfrage nicht mitgeteilt) und dann sogar in der Luft ihren Disput austragen, indem sie sich dahingleitend mit ihren Schnäbeln in die Flügel rammen. Sonst ist es ein Herbsttag, wie man ihn sich vorstellt. Das Laub ist jetzt rot, gelb und grün und der Nebel steht den ganzen Tag zwischen der Welt und den Träumen.
Sehe Tsai Ming-liangs Back Home und konstatiere, dass der Filmemacher mehr als ein Jahrzehnt nach seinem selbsterklärten Ende als Filmemacher nun in seine Emigholz-Phase eingetreten ist (tatsächlich lese ich, dass der Film in New York zusammen mit Ecce Mole von Emigholz gezeigt wurde). Das ganze ist deutlich laxer gedreht als frühere Filme von ihm, die einzige Szene, die mir wirklich bleibt, ist aus der Hand gedreht: Ein Hund befindet sich in der Mitte eines Kinderkarussells und traut sich nicht zwischen den Wägen hindurch aus dem Kreis zu springen.
Die Bilder sind auf Laos gedreht und haben mich an die Videos erinnert, die mir Freunde von Reisen schicken. Ich bleibe den Aufnahmen ganz fern und kann mich in dieser Ferne behaglich einrichten. Alles schwimmt in einer lieblich-sanften, nichtssagenden Sound-Design-Sauce. Der Film ist ungefährlich und entspannt. Ob man ihn sieht oder nicht, spielt keine Rolle.
Manchmal profitiert das Unaufgeregte vom Aufgeregten, das es umgibt. Es wirkt dann, als würde es Widerstand leisten, dabei könnte es auch genau andersherum sein.
Diese Filme sind das Produkt der autorenbezogenen Kunstmarktlogik von Festivals. Wer sie sieht, könnte auf den Gedanken kommen, dass diese Kunstform fast am benjaminschen Ziel angekommen ist, dort also, wo sie Kunst sein darf, weil sie unbrauchbar geworden ist. Allerdings ist es auch in Ordnung, wenn man nicht weiter darüber nachdenkt.
Manchmal frage ich mich, wie ich mich einmal an diese Filmfestivals erinnern werde. Werde ich sie als Orte erinnern oder als Ereignisse (wie Konzerte) oder werde ich nur mehr die Filme erinnern, wobei ich vermutlich gar nicht mehr werde sagen können, wo ich die gesehen habe. Vielleicht sind es auch die Menschen. Diese Gesichter, die man nicht zuordnen kann, die man eigentlich bereits vergessen hat, die einem aber immer nur zu dieser Zeit an diesen Orten begegnen. Manche nicken mir zu, als würden sie das Gleiche denken.
Tsai Ming-liang jedenfalls filmt Menschen deutlich interessanter als Tiere. Einzig eine ihm vors Objektiv spazierende Katze, die ihre magische Weltentrücktheit zur Schau stellt, erscheint in dieser eigentümlichen Körperlichkeit, die den Filmemacher seit jeher so fasziniert, jene also, in der die Zerbrechlichkeit auf die Unnahbarkeit trifft, das Fleisch auf die Geister.

