Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Viennale 2025: Sechster Tag

Nadav Lapid irrt in sei­nem Ken mit impres­sio­nis­ti­scher Wucht durch ein mora­li­sches Infer­no. Ich habe hier in den ver­gan­ge­nen Tagen immer wie­der über den omni­prä­sen­ten Zeit­be­zug in den Fil­men nach­ge­dacht, anhand die­ser Arbeit gebührt es, einen wei­te­ren Blick dar­auf zu wer­fen: Es gibt näm­lich einen him­mel­wei­ten Unter­schied zwi­schen Fil­men, die Schlag­zei­len wie­der­käu­en und sol­chen, die einen die abs­trak­ten Dis­kur­se kör­per­lich, sinn­lich spür­bar machen und sie somit ver­kom­pli­zie­ren. Das ist bei Lapid der Fall. Er nutzt sämt­li­che ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Regis­ter des Kinos, um einen inner­li­chen Zustand zu beschrei­ben, der von einer äuße­ren Wirk­lich­keit geprägt wird. Er macht dies aus der Posi­ti­on eines mit der eige­nen Moral rin­gen­den Israeli.

Lapid ist ein Mys­ti­ker. Sein Suchen stellt sich all jenen in den Weg, die behaup­ten, gefun­den zu haben.

Die Gol­de­ne Pal­me in Can­nes gewin­nen schlech­te Regis­seu­re für das ers­te Drit­tel von Lapid. Er geht viel, viel wei­ter und zeigt, dass die Mit­tel der Sati­re allein nicht rei­chen, wenn man es ernst meint. Sie sind nur eine Mög­lich­keit, über­haupt etwas zu sagen.

Sein Film lebt von der Dua­li­tät. Ja und Nein. Bei­de Wor­te sind ganz leicht. Bei­de Wor­te sind ganz schwer. Man sagt sie und weiß erst spä­ter, ob sie leicht oder schwer waren. Sein kon­tra­punk­ti­sches Fil­men wird von Musik ermög­licht. Elvis und der Ket­chup-Song. Die sta­ti­sche Elo­quenz der Macht, der wil­de Schwenk der Zerrissenheit.

Wo im Inter­net die Vide­os als Evi­denz­ma­te­ri­al kur­sie­ren, weiß Lapid, dass die münd­li­chen Erzäh­lun­gen weit mehr über die Nar­ben jener erzäh­len, die eben die­se Vide­os sehen.

Hen­drik Höf­gen brüllt sein Gewis­sen in die Wüs­te. Die ant­wor­tet ihm nur mit blu­ti­gem Staub, an dem er fast erstickt. Auf dem Weg nach unten leckt er ein paar Leder­stie­fel. Dann betäubt er sich mit Musik und Son­ne. In der Nacht kotzt er alles raus. Das Meer ist immer da. Tot und leben­dig. Unmög­lich, ein Ende für die­sen Film zu finden.

Mein Nach­bar hat einen alten Hund, des­sen vor­de­res rech­tes Bein ein­ge­bun­den ist. Der Hund hum­pelt und in den ver­gan­ge­nen Näch­ten hat er immer wie­der gebellt. Das ist vor­her nie vor­ge­kom­men. Er sieht aus, als wäre er müde. Er bellt wahr­schein­lich vor Schreck weil er den Tod an der Tür krat­zen hört. Viel­leicht aber ist es auch Freu­de, das kann man bei Hun­den nie genau sagen, wenn man sie nicht lan­ge kennt.

James Ben­ning ist ein Dino­sau­ri­er. Er lebt von sei­ner Legen­de. Sei­ne poli­ti­sche Inter­ven­ti­on in litt­le boy ist die eines Man­nes, dem es eigent­lich egal ist. Er sagt noch­mal, was sich gehört und ver­steckt sich dann hin­ter sei­ner Form und ein paar Anekdoten.

Chris­ti­an Pet­zold erin­nert mich an Phil­ip­pe Gar­rel. Ich kann die Fil­me nicht mehr unter­schei­den, aber brau­che nur zwei Sekun­den, um zu wis­sen, von wem der Film kommt. Ich fin­de die Vor­stel­lung, dass die­se Regis­seu­re in ihren gleich­blei­ben­den Wel­ten hau­sen, zugleich beru­hi­gend wie traurig.

Manch­mal löst Bet­ti­na Böh­ler ein nar­ra­ti­ves Pro­blem mit einem fast frech-lako­ni­schen Schnitt. Figu­ren sprin­gen durchs Bild. Das erin­nert an das, was Thel­ma Scho­on­ma­ker macht, passt aber zu man­cher Dreh­buch­ent­schei­dung von Petzold.

Irgend­wo habe ich gele­sen, dass es in Miro­irs No. 3 um die Luft gehen soll. Also die Luft als Ele­ment. Ich habe davon nicht viel bemerkt im Film.