Nadav Lapid irrt in seinem Ken mit impressionistischer Wucht durch ein moralisches Inferno. Ich habe hier in den vergangenen Tagen immer wieder über den omnipräsenten Zeitbezug in den Filmen nachgedacht, anhand dieser Arbeit gebührt es, einen weiteren Blick darauf zu werfen: Es gibt nämlich einen himmelweiten Unterschied zwischen Filmen, die Schlagzeilen wiederkäuen und solchen, die einen die abstrakten Diskurse körperlich, sinnlich spürbar machen und sie somit verkomplizieren. Das ist bei Lapid der Fall. Er nutzt sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Register des Kinos, um einen innerlichen Zustand zu beschreiben, der von einer äußeren Wirklichkeit geprägt wird. Er macht dies aus der Position eines mit der eigenen Moral ringenden Israeli.
Lapid ist ein Mystiker. Sein Suchen stellt sich all jenen in den Weg, die behaupten, gefunden zu haben.
Die Goldene Palme in Cannes gewinnen schlechte Regisseure für das erste Drittel von Lapid. Er geht viel, viel weiter und zeigt, dass die Mittel der Satire allein nicht reichen, wenn man es ernst meint. Sie sind nur eine Möglichkeit, überhaupt etwas zu sagen.
Sein Film lebt von der Dualität. Ja und Nein. Beide Worte sind ganz leicht. Beide Worte sind ganz schwer. Man sagt sie und weiß erst später, ob sie leicht oder schwer waren. Sein kontrapunktisches Filmen wird von Musik ermöglicht. Elvis und der Ketchup-Song. Die statische Eloquenz der Macht, der wilde Schwenk der Zerrissenheit.
Wo im Internet die Videos als Evidenzmaterial kursieren, weiß Lapid, dass die mündlichen Erzählungen weit mehr über die Narben jener erzählen, die eben diese Videos sehen.
Hendrik Höfgen brüllt sein Gewissen in die Wüste. Die antwortet ihm nur mit blutigem Staub, an dem er fast erstickt. Auf dem Weg nach unten leckt er ein paar Lederstiefel. Dann betäubt er sich mit Musik und Sonne. In der Nacht kotzt er alles raus. Das Meer ist immer da. Tot und lebendig. Unmöglich, ein Ende für diesen Film zu finden.
Mein Nachbar hat einen alten Hund, dessen vorderes rechtes Bein eingebunden ist. Der Hund humpelt und in den vergangenen Nächten hat er immer wieder gebellt. Das ist vorher nie vorgekommen. Er sieht aus, als wäre er müde. Er bellt wahrscheinlich vor Schreck weil er den Tod an der Tür kratzen hört. Vielleicht aber ist es auch Freude, das kann man bei Hunden nie genau sagen, wenn man sie nicht lange kennt.
James Benning ist ein Dinosaurier. Er lebt von seiner Legende. Seine politische Intervention in little boy ist die eines Mannes, dem es eigentlich egal ist. Er sagt nochmal, was sich gehört und versteckt sich dann hinter seiner Form und ein paar Anekdoten.
Christian Petzold erinnert mich an Philippe Garrel. Ich kann die Filme nicht mehr unterscheiden, aber brauche nur zwei Sekunden, um zu wissen, von wem der Film kommt. Ich finde die Vorstellung, dass diese Regisseure in ihren gleichbleibenden Welten hausen, zugleich beruhigend wie traurig.
Manchmal löst Bettina Böhler ein narratives Problem mit einem fast frech-lakonischen Schnitt. Figuren springen durchs Bild. Das erinnert an das, was Thelma Schoonmaker macht, passt aber zu mancher Drehbuchentscheidung von Petzold.
Irgendwo habe ich gelesen, dass es in Miroirs No. 3 um die Luft gehen soll. Also die Luft als Element. Ich habe davon nicht viel bemerkt im Film.

