Wie ich fünfhundert Filme von meinen Festplatten löschte

„Die Wahr­heit ist, dass man ab einem gewis­sen Zeit­punkt im Leben ent­we­der zu vie­le Men­schen (Fil­me­ma­cher) kennt oder dich zu vie­le Men­schen (Fil­me­ma­cher) ken­nen, oder man fest­stellt, dass man in einer Zeit lebt, in der zu vie­le Fil­me gemacht werden.“

(zum Teil abgeändert aus Obras completas y otros cuentos von Augusto Monterroso)

Ich woll­te die Lie­be auf mei­nen Fest­plat­ten spei­chern, aber sie hat­te kei­nen Platz mehr. Ein Freund mein­te, dass das nicht schlimm wäre, er ken­ne eine Sei­te, von der aus man die Lie­be jeder­zeit strea­men könn­te. Man müs­se sich nur anmel­den und schon hät­te man jeder­zeit und von über­all Zugriff auf die Lie­be. Manch­mal wären die Ser­ver über­las­tet, sag­te er, dann wür­de die Lie­be ruckeln und man müs­se gele­gent­lich neu-star­ten, aber alles in allem gäbe es genug für alle. Ich mel­de­te mich an und stream­te die Lie­be für eini­ge Wochen, aber merk­te bald, dass ich sie doch lie­ber auf mei­nen Fest­plat­ten hät­te, da sie ja doch irgend­wie eine pri­va­te Ange­le­gen­heit war und mich vor allem die unter der Lie­be erschei­nen­den Kom­men­ta­re wild­frem­der und gar nicht lie­ben­der Men­schen auf die Ner­ven gin­gen. Ich muss­te, so dach­te ich, ja nur eini­ge Fil­me von mei­nen Fest­plat­ten löschen, so vie­le Giga­bytes wür­de die Lie­be schon nicht haben, sie wäre ja doch, so dach­te ich, mehr oder weni­ger aus Luft und, so dach­te ich, aus nicht all­zu vie­len Daten.

Ich begann also mit dem Löschen von Files, eine, so emp­fand ich, erleich­tern­de Tätig­keit, was vor allem mit dem Lösch­ge­räusch mei­nes Lap­tops zu tun hat­te. So befrie­di­gend hat­te das nicht geklun­gen, erin­ner­te ich mich, als ich ein­mal mei­ne alten DVDs zer­schnitt, um Platz für eine ande­re Lie­be in mei­nem Regal zu machen. Es stell­te sich her­aus, dass die­se Lie­be (ich kann ja nicht für alle Lie­ben spre­chen) exakt 500 Fil­me groß war, was kei­ne sehr genaue Anga­be ist, weil die Files von Fil­men in ihrer Grö­ße sehr vari­ie­ren. Die Aus­wahl der Fil­me, auf die ich ver­zich­ten woll­te, fiel mir nicht so schwer, schließ­lich, so dach­te ich, wäre kein Film eine gan­ze Lie­be wert. Ich begann bei den Fil­men, die ich schon gese­hen hat­te und nicht wie­der sehen woll­te und ende­te mit jenen, die ich schon nicht sehen woll­te, als ich sie auf mei­nen Fest­plat­ten spei­cher­te. Was sei eine Fest­plat­te, so dach­te ich, auch ande­res, als eine Gara­ge, die uns erlau­ben wür­de, unser Auto abzu­stel­len und zu ver­ges­sen? Woll­te ich des­halb die Lie­be auf mei­ner Fest­plat­te spei­chern? Um sie zu ver­ges­sen? Oder war es nur, um mir den Anschein zu gewäh­ren, dass ich sie besit­zen wür­de, sodass ich gedan­ken­ver­lo­ren durch ihre Daten­men­ge wür­de scrol­len kön­nen in ein­sa­men Näch­ten, wie ande­re durch alte Fotos, die man in irgend­wel­chen Files abge­legt und nie rich­tig beschrif­tet hat?

Nie­mand nut­ze noch Fest­plat­ten, sag­te mein Freund, der in mir einen alt­mo­di­schen Roman­ti­ker ver­mu­te­te. Er hat­te ja Recht, aber mir gefiel es eben, wenn ich die Lie­be anste­cken muss­te, immer in der Angst lebend, dass sie auf ein­mal nicht mehr erkannt wur­de, womög­lich nicht mehr abspiel­bar war oder, so wie es mir ein ande­res Mal pas­sier­te, immer an der glei­chen Stel­le aus­setz­te, weil mir die Fest­plat­te in einem unacht­sa­men oder pani­schen Augen­blick auf den Boden gefal­len war. Außer­dem ist es mir bis heu­te etwas zu kit­schig, mit einem Pass­wort die Lie­be aus­zu­lö­sen (wobei der Kitsch sich schnell in Gleich­gül­tig­keit wan­delt, wenn man das Pass­wort gespei­chert hat und der Com­pu­ter aus auto­ma­tisch bei der Anmel­dung gene­riert). Wich­tig war nur, so wuss­te ich, dass man gele­gent­lich Kopien der Lie­be auf ande­ren Fest­plat­ten erstellt, damit man im Fal­le eines Defekts nicht die gan­ze Lie­be ver­lie­ren wür­de (obwohl man um die­se Gefahr weiß, pas­siert sie andauernd).

Aber dass die Fest­plat­ten sich auch nicht merk­ten, wann ich wo und wie auf die Lie­be zugriff und an wel­cher Stel­le ich die Lie­be unter­brach, um mich ande­ren Tätig­kei­ten zu wid­men, war durch­aus ange­nehm. So muss­te ich mich selbst erin­nern, was ich eigent­lich schon als Teil der Lie­be auf­fass­te und wenn mir die Lie­be ein­mal abhan­den kam, gab es da nicht gleich dut­zen­de ande­re Lie­ben, die mir auf­grund mei­ner bis­he­ri­gen Lie­be emp­foh­len wur­de, son­dern ich konn­te end­lich wie­der einen der ver­blie­be­nen Fil­me auf mei­nen Fest­plat­ten anse­hen oder ein­fach alles aus­schal­ten und wirk­lich lieben.