Das deutsche Kettensägenmassaker von Christoph Schlingensief

Woche der Kritik 2019: Schlachtfelder politischer/​parodistischer Wut

Woche der Kri­tik 2019 – Ers­ter Tag – Mitt­woch, der 6. Febru­ar 2019

Um knapp 16:30, als ich den gro­ßen Saal der Volkbsüh­ne errei­che, kom­me ich mir vor wie ein Tou­rist. Ich weiß nicht mal, wor­um es eigent­lich geht, ob ein Film gezeigt wird, oder ob es sich ein­fach um ein Eröff­nungs­ge­spräch han­delt. Bald erscheint die Ant­wort auf der rie­si­gen Lein­wand: Das deut­sche Ket­ten­sä­gen­mas­sa­ker von Chris­toph Schlin­gen­sief wird vor­ge­führt, dann gibt es eine Dis­kus­si­on. Mit Hor­ror­fil­men ken­ne ich mich nicht beson­ders gut aus, auch der Name Schlin­gen­siefs sagt mir wenig. Trotz­dem kein Anlass zur Ent­mu­ti­gung, denn der Tou­rist, der ich bin, freut sich über Frem­des und Neu­ar­ti­ges sehr. Zumal Schlin­gen­sief ja wahr­lich kein Unbe­kann­ter ist. Sein Film erweist sich schnell als rück­sichts­lo­ses Werk ganz im Sinn der B‑, C- oder gar Z‑Film-Ästhe­tik, an die er sich anlehnt.

Deutsch­land, gleich nach der Wen­de. Ehe­ma­li­ge DDR-Bür­ger zie­hen mas­sen­haft in den Wes­ten und die­nen den seit der Ver­ei­ni­gung in den Irr­sinn her­ab­ge­stürz­ten Wes­sis als Frisch­fleisch. Fast die gan­ze Hand­lung beschränkt sich dar­auf, die wil­de Jagd einer vier­köp­fi­gen Grup­pe durch­ge­knall­ter West­deut­schen in öden, unbe­wohn­ten Land­schaf­ten, zu insze­nie­ren. Das Gan­ze bringt eine gewis­se Idio­tie mit sich, gera­de die Grob­heit der Cha­rak­te­re (was ihr Aus­se­hen genau­so wie ihr Ver­hal­ten betrifft) scheint den Schnitt und die Ein­stel­lun­gen zu durch­boh­ren, als käme es Schlin­gen­sief gar nicht dar­auf an, dem Publi­kum einen schö­nen Film zu schen­ken. Obwohl der Fil­me­ma­cher sich nicht vor blu­ti­gen Momen­ten scheut, taucht an meh­re­ren Stel­len die­sel­be Auf­nah­me auf, näm­lich das gewalt­vol­le Fal­len eines Flei­scher­beils auf ein Stück Tier­fleisch; eine Art bil­li­ger Ersatz, der es dem Regis­seur erspart, „in Echt“ zu morden.

Das Publi­kum zu erschre­cken scheint auch nicht das Ziel Schlin­gen­siefs zu sein. Die­se wie­der­keh­ren­de Ein­stel­lung, so unschein­bar sie auch sein mag, ist viel­leicht doch die­je­ni­ge, die am auf­schluß­reichs­ten ist, um das ästhe­ti­sche Ziel die­ser ver­wir­rend unor­dent­li­chen Men­schen­jagd nach­zu­voll­zie­hen. Womög­lich sogar mehr als die paar Fern­seh­auf­nah­men, die im Vor­spann die gro­ße Ver­ei­ni­gungs­fei­er am 3. Okto­ber 1990 auf dem Pots­da­mer Platz in Ber­lin zei­gen. Denn es ist genau hier, nach die­sem unschö­nen, rohen, plötz­li­chen „Cut“, dass Schlin­gen­sief den wirk­sams­ten Aus­druck für das schmerz­haf­te, in man­cher Hin­sicht unvor­stell­ba­re Ver­schwim­men der Gren­zen zwi­schen den „zwei“ Deutsch­lands findet.

Der ers­te Teil des anschli­ße­neden Gesprächs („Vom Spaß, die Moral zu tor­pe­die­ren“) dreh­te sich fast aus­schließ­lich um die Fra­ge wie poli­tisch unkor­rekt das „enga­gier­te Kino“ sein soll­te. Trotz einer fei­nen Aus­wahl an Aus­schnit­ten von Schlin­gen­siefs ande­ren Wer­ken in restau­rier­ten Fas­sun­gen sowie aus TV-Aus­strah­lun­gen, war es zu bedau­ern, dass die Teil­neh­mer sich nicht wirk­lich – bezie­hungs­wei­se nicht rich­tig dazu ein­ge­la­den wur­den – auf die­se zuvor vor­ge­führ­ten „High­lights“ bezo­gen haben. Im End­ef­fekt klang alles etwas zu all­ge­mein, fern­ab von einem genau­en Blick auf die Film­kunst von Schlin­gen­sief, den ich an die­sem Abend für mich ent­de­cken durf­te. Viel­leicht beginnt Kri­tik nicht unbe­dingt dort, wo es schon einen Dis­kurs gibt. Für einen jun­gen Zuse­her wie mich geht es zuerst ein­mal dar­um, bestimm­te Posi­tio­nen des enga­gier­ten Kinos kennenzulernen.