Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Wörter für die Welt da draußen #6 Milchsterne

In einem kur­zen Son­nen­loch, das ein ver­reg­ne­ter Mai zuließ, schlen­der­te ich durch einen unwirk­lich fried­li­chen Schau­gar­ten. Er befand sich im bereits nach sol­cher äuße­rer Schön­heit benann­ten Ziers­dorf und in der natur­be­las­se­nen und doch kon­trol­lier­ten Sym­me­trie der Anla­ge, wähn­te ich mich mit­ten in den ele­gi­schen Gar­ten­be­schrei­bun­gen von Goe­the oder Rous­se­au, ehe mich eini­ge im Tages­licht auf­blit­zen­den Ster­ne in ihren Bann zogen.

Ein leuch­ten­der Nacht­him­mel im Schat­ten eines Ahorn­bau­mes, eigent­lich ent­fern­te, frucht­ba­re Pla­ne­ten, die vor mei­nen Augen aus der Erde klet­ter­ten. Sie blink­ten auf und man­che von ihnen ver­puff­ten zu Staub. Sie zogen einen Schweif nach sich, der sich mit dem unheim­li­chen Geruchs­meer des Gar­tens ver­misch­te, bis selbst die Vögel began­nen, zum Mond zu fliegen.

Die von der Gelas­sen­heit der Jah­res­zei­ten benetz­te Gärt­ne­rin sprach mit zer­brech­li­cher Stim­me, die sich nicht mehr an alle Namen der Bewoh­ner ihres Zier­gar­tens erin­ner­te: Das sind Milch­ster­ne. Sie flo­gen aus der Umlauf­bahn und sind direkt in die­sem Gar­ten gelan­det. Was sie mir ver­schwieg, war, dass die­ses gif­ti­ge Pflänz­chen auch als Gärt­ner­tod bezeich­net wird. Schnell wand­te sie sich von den Ster­nen ab, das nahen­de Unheil in die­ser Schön­heit nicht län­ger ertragend.

Iva­na Miloš, Milch­stern­stra­ße (2021), water­co­lor on paper, 176 x 250 mm