Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Wörter für die Welt da draußen #4 Goldglänzender Rosenkäfer

Im asch­grau­en, vom Win­ter durch­feuch­te­ten Laub, das schwer­nö­tig und ver­drieß­lich auf dem Wald­bo­den ver­faul­te, glit­zer­te mir plötz­lich ein gol­de­nes Licht ent­ge­gen. Ich war auf einem schma­len Pfad ent­lang der Kamp nahe der Rosen­burg unter­wegs und hat­te mich eigent­lich schon an die geruch­lo­se Gleich­för­mig­keit die­ser Jah­res­zeit gewöhnt, als ich das grü­ne Leuch­ten aus dem Unter­holz bemerkte.

Vor­sich­tig schob ich die Blät­ter bei­sei­te, um einen mir wohl­be­kann­ten, aber in die­ser Jah­res­zeit doch unge­wöhn­li­chen Käfer am Boden zu ent­de­cken. Er war ganz erstarrt vor Käl­te oder Schreck. Sein gift­grü­ner Rücken erin­ner­te mich an einen Sma­ragd­stein. Wie gehei­me Zei­chen waren wei­ße Stri­che in die­ses Grün ein­ge­zeich­net. Ich ver­such­te sie zu deu­ten und las immer nur den Namen des bewe­gungs­lo­sen Tier­chens: Gold­glän­zen­der Rosenkäfer.

Ich hat­te ihn in far­ben­be­rausch­ter Eksta­se auf Holun­der oder Gold­gar­be erlebt, aber so ver­lo­ren zwi­schen den mori­bun­den Blät­tern des ver­gan­ge­nen Som­mers erschien er wie ein Trug­bild. Man ver­gisst die mög­li­chen Far­ben der Welt so schnell im Win­ter! Nicht sicher, ob er zu früh aus dem Dun­kel her­vor­kroch oder zu spät Schutz unter dem Laub such­te, bedeck­te ich ihn wie­der sorg­sam mit zer­fal­len­den Blät­tern. Hat­te ich ein Todes­glän­zen gese­hen oder ein Ver­spre­chen des kom­men­den Frühlings?

Iva­na Miloš, Buba zla­ta sni­jeg na vra­ta, 2021, Mono­ty­pie und Gou­ache auf Papier, 25 x 35 cm