peter kam­me­rer /​Paso­li­ni beginnt mit sei­nem Titel, weiß auf schwarz, die Schrift­art ist zweck­mä­ßig und klar. Dann ertönt eine Stim­me, jemand spricht ita­lie­nisch, «Il can­to popola­re», das ist Pier Pao­lo Paso­li­ni. Das Bild bleibt schwarz, Unter­ti­tel gibt es zunächst kei­ne, da ist die Stim­me und nichts wei­ter. Man hört hin, auch wenn man kein ita­lie­nisch spricht, hört den Klang der Stim­me. Das pas­siert nicht oft. Die deut­sche Über­set­zung folgt als Text, schwarz auf weiß, da ist die Stim­me schon ver­klun­gen. Die Stim­me, die Bedeu­tung, eines nach dem ande­ren. Erst die Ohren, dann die Augen.

«Eine Iro­nie des Kinos ist, dass die Fil­me, die im All­tags­dis­kurs als ‚schwie­rig‘ gebrand­markt wer­den, oft die ein­fachs­ten sind», habe ich vor Jah­ren in einer Film­kri­tik gele­sen. Das trä­fe auch auf peter kam­me­rer /​Paso­li­ni zu, wäre das ein Film, der in den zwei­fel­haf­ten Genuss käme, gebrand­markt wer­den zu kön­nen. Dafür müss­ten mehr Fes­ti­vals ihn zei­gen oder er müss­te in nor­ma­len Kinos laufen.

Ein­fach­heit hat nichts mit Unter­kom­ple­xi­tät zu tun. Die Struk­tur von peter kam­me­rer /​Paso­li­ni ist ein­fach, jeder kann sie ver­ste­hen. Auf Text und Stim­me fol­gen zwei Fotos, ein ein­ge­scann­tes Buch. «Alles muss man so machen, dass jeder, der es sieht, aus­ru­fen kann: das kann ich auch», heißt es bei Vla­do Kristl. Nicht viel wird so gemacht, im Kul­tur­be­trieb oder an Kunst­hoch­schu­len lernt man, sich zur Mar­ke zu machen, einen eige­nen Stil zu fin­den, der meist dem der ande­ren ähnelt. Nicht alle Mar­ken sind akti­en­stark. Anto­nia Wei­ßes Film hat kei­nen Stil, son­dern eine Form, es geht dar­um, etwas zu zei­gen: die­sen Text, die­se Fotos. Paso­li­ni und Hei­ner Mül­ler, um den es auch geht, wird kein Denk­mal gebaut, mit ihnen wird wei­ter­ge­dacht, wei­ter­ge­macht im Hier und Jetzt. Ver­bün­de­te fin­den in der Geschich­te, auch für Paso­li­ni war das wichtig.

Text folgt auf Stim­me, Fotos auf Text, dann Text und eine Stim­me, bis der Film Peter Kam­me­rer, der im Titel des Films mit klei­nem p und klei­nem k geschrie­ben wird, steht in einer lan­gen Ein­stel­lung an eine nied­ri­ge Back­stein­mau­er in Urbi­no, einer Gemein­de in den Mar­ken, gelehnt. Hin­ter ihm sind Wohn­häu­ser mit Zie­gel­dä­chern, ein­fa­chen Holz­lä­den und Spros­sen­fens­tern zu sehen, der Palaz­zo Duca­le, eini­ge Bäu­me. Kam­me­rer ist Ende acht­zig, trägt eine bunt gemus­ter­te Strick­wes­te über dem karier­ten Hemd, die Gebäu­de sind noch älter. Nur eine am Haus­dach mon­tier­te Anten­ne lässt dar­auf schlie­ßen, dass Strom bereits fließt. Kam­me­rer spricht vom Epo­chen­bruch der Moder­ne, dem Ver­schwin­den des bäu­er­li­chen Ita­li­ens und Paso­li­nis Uto­pie des Wie­der­ent­de­ckens der Ver­gan­gen­heit, er teilt sich mit und das ist unge­heu­er anste­ckend, weil es ein leben­di­ges, ein ver­kör­per­tes Spre­chen ist, weil es aus ihm her­aus­spru­delnd und gleich­zei­tig geord­net und über­sicht­lich bleibt. Man muss kei­nen Film von Paso­li­ni gese­hen haben, um zu ver­ste­hen, man muss nicht wis­sen, wer Hei­ner Mül­ler ist.

Vie­les des Gesag­ten kann man in Tex­ten Kam­me­rers, der sich seit Jahr­zehn­ten mit Paso­li­ni und der ita­lie­ni­schen Lite­ra­tur beschäf­tigt, nach­le­sen. Von Paso­li­nis Hoff­nung in die «drit­te Welt», sich anders zu ent­wi­ckeln als der bereits in Auf­ga­be begrif­fe­ne Wes­ten, kann man lesen, von Kam­me­rers Zusam­men­tref­fen mit Hei­ner Mül­ler vor einem Wal­ter-Ben­ja­min-Kon­gress im Jah­re 1980, bei dem Mül­ler spre­chen soll und von Kam­me­rer eher zufäl­lig auf ein Paso­li­ni-Gedicht hin­ge­wie­sen wird, das Mül­ler blitz­ar­tig als «ben­ja­mi­nisch» erkennt und zum Kern sei­nes Vor­tra­ges macht, von Paso­li­nis Befund, das Rechts-Links-Sche­ma hel­fe nach dem Epo­chen­bruch genau­so­we­nig wei­ter wie die Vor­stel­lung der Dia­lek­tik. Man kann all das lesen und das soll­te man tun, wenn es einen interessiert. 

Im Film aber kommt etwas ande­res dazu: eine Kat­ze hüpft auf die Mau­er und ver­schwin­det wie­der, Vögel sin­gen im Hin­ter­grund. Kam­me­rer spricht und irgend­wann läu­ten Kir­chen­glo­cken. Der Dreh wird kurz unter­bro­chen, setzt neu an, man ist wie­der da, am glei­chen Tag, Minu­ten spä­ter. Die­sen einen Schnitt gibt es in der Ein­stel­lung, die 25 Minu­ten dau­ert und doch über vie­le inne­re Schnit­te zu ver­fü­gen scheint. Kam­me­rers Asso­zia­tio­nen hüp­fen von den 1950ern bis ins heu­te und zurück, ragen in die Zukunft, all das fällt zusam­men im Bild und im Jetzt des Anse­hens, das doch immer auch eine alte Welt beher­bergt, in der Gegen­wart und in der Ver­gan­gen­heit zugleich schwebt. Die Zie­gel­dä­cher des Films wer­den die glei­chen sein in zwan­zig Jah­ren und doch ande­re, Urbi­no wird sich ver­än­dert haben. In sei­nem Kurz­film Le mura di Sana besucht Paso­li­ni die jeme­ni­ti­sche Haupt­stadt, aus dem Off wird eine Ret­tung vor der pro­gres­si­ven Moder­ni­sie­rung beschwo­ren, Paso­li­ni wen­det sich an die UNESCO. In Wien gäbe es noch viel der alten Welt, hier sei «noch viel zu wenig ver­schwun­den», sagt Peter Kam­me­rer nach dem Scree­ning und lacht ein biss­chen. Es gibt eine klei­ne Fra­ge­run­de, in der die meis­ten Fra­gen an Kam­me­rer gerich­tet sind. Anto­nia Wei­ße wird wenig gefragt. Man beschäf­tigt sich lie­ber mit sei­nem Inhalt als mit dem Film. Das ist über­all so, aber bei peter kam­me­rer /​Paso­li­ni liegt es viel­leicht an einer Klar­heit, die das Schwei­gen ermög­licht. Nach einem guten Kino­be­such spre­che ich nicht gerne.

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Am Sonn­tag­abend nach der Vor­füh­rung sehe ich die Sozio­lo­gin Eva Ill­ouz im Wie­ner Volks­thea­ter, das seit 1889 am Arthur-Schnitz­ler-Platz steht. Vor dem Volks­thea­ter gab es mal ein klei­nes Ron­dell, heu­te sieht der Bau immer etwas ange­spannt aus zwi­schen Haupt­stra­ße und U‑Bahnhof. Anders als ursprüng­lich geplant spricht Ill­ouz nicht über Shake­speare und Schil­ler, sie hat ihr The­ma geän­dert. Nun soll es um die Ver­ant­wor­tung der Intel­lek­tu­el­len gehen. Der Vor­trag beginnt mit einer Art Appell, ehr­gei­zig und beschei­den soll der Intel­lek­tu­el­le sein.

Wer sich ab und zu im Kul­tur­be­trieb oder an Kunst­hoch­schu­len her­um­treibt, weiß, dass Beschei­den­heit in die­sen Milieus eher unter­do­siert zu fin­den ist. Im Jour­na­lis­mus ist das nicht anders und in ande­ren Berei­chen viel­leicht auch nicht. Bei Ill­ouz› For­de­rung den­ke ich an peter kam­me­rer /​Paso­li­ni – und auch, als ich sie ein paar Tage spä­ter in einem Ill­ouz-Essay wie­der­fin­de. Eigent­lich stammt sie nicht von ihr, son­dern von Alain Cail­lé und Fré­dé­ric Van­den­berg­he, steht da, und sie umfasst noch ein drit­tes Attri­but: freudvoll.