Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Drei Filme von Cathy Lee Crane auf den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen 2025

Obwohl die Inter­na­tio­na­len Kurz­film­ta­ge Ober­hau­sen mitt­ler­wei­le schon eini­ge Wochen zurück­lie­gen, haben sich eini­ge Erin­ne­run­gen und Gedan­ken an das dies­jäh­ri­ge Pro­gramm immer noch ganz nicht ver­flüch­tigt. Viel­leicht ist es die iro­ni­sche Wen­dung des Anspruchs eines inter­na­tio­na­len Fes­ti­vals: dass zwar nicht die gan­ze Welt in einer Ruhr­ge­biets­stadt zu Gast sein kann, aber sich immer­hin sei­ne Impul­se dort­hin trotz­dem ver­streu­en kön­nen. Seit sei­ner Grün­dung 1954 lag das Inter­es­se des Fes­ti­vals eher jen­seits der in Geschichts­ver­ges­sen­heit schlum­mern­den Bun­des­re­pu­blik. Vor dem Ende der Inten­danz von Lars Hen­rik Gass war dann sogar die inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit auf ihrem vor­läu­fi­gen Höhe­punkt ange­kom­men. Seit die­sem Jahr lei­ten die Kurz­film­ta­ge nun Made­lei­ne Bernstorff und Susan­nah Poll­heim, die bei­de bereits seit eini­gen Jah­ren mit dem Fes­ti­val ver­bun­den sind. Im Rah­men­pro­gramm waren aller­dings noch ein paar übri­ge Ideen und Pro­jek­te von Gass zu sehen, nicht zuletzt, weil die­se schon vor der Über­ga­be geplant waren. Dahin­ge­hend dürf­te auch ins­ge­samt die Grö­ße des Rah­men­pro­gramms auf­ge­fal­len sein, das, wenn einem danach war, das Wett­be­werbs­pro­gramm fast ver­ges­sen ließ. Wie schon in den Vor­jah­ren han­del­te es sich dabei um eini­ge Retro­spek­ti­ven, die zum Gut­teil mit ana­lo­gen Kopien bespielt wurden.

Woll­te man den Kurz­film als ein beson­ders gegen­warts­be­zo­ge­nes oder sogar kurz­le­bi­ges Medi­um bezeich­nen, fand man in Ober­hau­sen erstaun­lich vie­le Ein­bli­cke in die Geschich­te. Manch­mal auch die eige­ne. Im Rah­men des Dis­tri­bu­tor Pro­gramms des Ber­li­ner Arse­nals waren dabei unter ande­rem drei Fil­me von Cathy Lee Cra­ne zu sehen, deren Arbei­ten von einem beson­de­ren, gera­de­zu som­nam­bu­len Geschichts­bild geprägt sind, die gewis­ser­ma­ßen ein His­to­risch-Unbe­wuss­te spie­geln. Einer ihrer frü­hes­ten Fil­me, white city, stellt ein Drew Lynch gewid­me­tes Lamen­to dar, der 1992 an einer HIV-Infek­ti­on starb. Als fil­mi­sche Insze­nie­rung des Gedichts »O wie alles ist fern« von Rai­ner Maria Ril­ke beschreibt der Film den Zustand einer schwin­den­den Erin­ne­rung. Er beginnt mit einer Hand auf einem Spie­gel, einer ande­ren auf einem Kla­vier, dann ein Blick aus dem Fens­ter einer New Yor­ker Woh­nung, an dem eine Frau steht, Rot­wein trin­kend, und spie­len­de Kin­der auf der Stra­ße beob­ach­tet. Erschüt­tert durch einen alp­traum­haf­ten Akkord stürzt sich die Kame­ra nach drau­ßen, wo sie sich die Haus­fas­sa­de hin­ab schraubt, um kurz vor dem Auf­prall an einem Meer wie­der auf­zu­tau­chen. Die Frau und ein Mann tref­fen schließ­lich in einem dun­kel ver­han­ge­nen Land­haus an einem mit lee­ren Tel­lern und aber­mals Rot­wein gedeck­tem Tisch auf­ein­an­der. Der Film schafft Ver­bin­dungs­stel­len zwi­schen Erin­ne­run­gen, lyri­schen Bil­dern und Wunsch­vor­stel­lun­gen. Wie von einem Schlei­er bedeckt oder einem kräf­ti­gen Schluck Rot­wein beseelt, lässt die asso­zia­ti­ve Kraft des Films die Orts­sprün­ge wir­ken, als wür­den sich unsicht­ba­re Türen öff­nen, durch wel­che die Kame­ra schlüpft.

Fast so, als befän­de man sich noch im sel­ben Film, erzählt A girl from Mar­seil­le aber eine ganz ande­re Geschich­te. Es han­delt sich um eine Wei­ter­erzäh­lung von André Bre­tons Nad­ja, in der erneut ein Abschied im Mit­tel­punkt steht, aber eben­so auch das Wei­ter­le­ben Nad­jas in der Psych­ia­trie, nach­dem sie Bre­ton ver­las­sen hat­te. Die­se ist kein blo­ßes Lie­bes­ob­jekt in den Träu­men des Sur­rea­lis­ten, eher wird sie in Cra­nes Film zu einer eigen­stän­di­gen lite­ra­ri­schen Fik­ti­on, die aus der Rea­li­tät empor­steigt anstatt aus dem Begeh­ren. Für Bre­ton und sei­nen oft belä­chel­ten oder kri­ti­sier­ten Bohè­me­au­to­ri­ta­ris­mus inter­es­siert sich der Film erst gar nicht. Viel­mehr wid­met er sich dem eige­nen Schrei­ben und den Orten, an denen spielt. Jedes Zitat bringt Bil­der her­vor, an denen sich der Film jedoch nicht fest­klam­mert, son­dern lau­fend neue her­vor­bringt. Hier sind es kei­ne Hän­de am Kla­vier, son­dern Hän­de an einer Schreib­ma­schi­ne. Wie­der ein Blick aus dem Fens­ter, der aber schon eher zu sei­ner eige­nen Kari­ka­tur gewor­den ist. Weni­ger im Sin­ne der Melan­cho­lie, eher im Sin­ne der Aus­sicht. Anders als noch in white city mischen sich unter das Mate­ri­al immer wie­der ein­zel­ne Found-Foo­ta­ge-Bild­frag­men­te, die mit den von Cra­ne in Paris selbst auf­ge­nom­me­nen Bil­dern in Kon­takt tre­ten, sich ergän­zen und gegen­sei­tig unter­lau­fen. War es bei ihrer in Ril­kes Ver­sen den­ken­der Arbeit eine nost­al­gi­sche Geräusch­at­mo­sphä­re, erzeu­gen die Paris­bil­der von selbst eine fik­tio­na­le Ebe­ne zwi­schen den Beob­ach­tun­gen der Wirk­lich­keit. An einem Bou­qui­nis­tes­tand, wo die Kran­ken­ge­schich­te jener Nad­ja gefun­den wor­den sei, endet der Film und stellt sogleich ver­schwie­gen die Glaub­wür­dig­keits­fra­ge an das Erzählen.

Wie in die­sen bei­den Arbei­ten, so drückt sich auch im drit­ten Film Adrift vor allem eine ein­dring­li­che Beschäf­ti­gung mit dem Ent­ste­hungs­ort aus, Ein­drü­cke wer­den auf­ge­so­gen und ver­schwim­men inein­an­der. Es han­delt sich um Paso­li­nis Rom und beginnt mit einer in einem Brun­nen ste­hen­den Frau. Cra­ne insze­niert dabei eine kaum nach­voll­zieh­ba­re Erzäh­lung zwi­schen einer älte­ren Frau und einem jun­gen Mäd­chen, die sich auf einem Markt begeg­nen. Vor allem auf Sei­ten der älte­ren Frau scheint jeder Blick auf­ge­la­den von Pro­jek­tio­nen und Sehn­süch­ten. Man meint, das Inne­re der Frau lege sich so über den Film. Schwan­kend, fast schwim­mend bewegt er sich mit ihr durch die Stadt auf der Suche nach Was­ser, das in einer Phio­le gefüllt wer­den soll. Erst am Ufer des Tiber, dann an einem Brun­nen, das Was­ser darf jedoch nicht getrun­ken wer­den. Es ver­schlei­fen sich wei­te­re Asso­zia­tio­nen: Das hit­ze­be­täub­te Umher­wan­deln wird zu einem Tanz. Schließ­lich steht die Prot­ago­nis­tin des Films wie schon zu Beginn iko­nisch, gleich Accat­to­ne, auf einer Brü­cken­brüs­tung, hin­ter ihr die Engels­burg und plötz­lich endet die son­nen­sti­chi­ge Trau­me­le­gie auf einer Decke im Sand, geweckt durch einen Wasserspritzer.

Einer­seits begreift sich die­ser Film als Vor­ar­beit, die wäh­rend der Recher­che zu Cra­nes Pasolini’s Last Words ent­stand, ande­rer­seits machen er und die ande­ren Fil­me erfahr­bar, was es bedeu­tet, sich gera­de im Kino mit der Film­ge­schich­te zu beschäf­ti­gen. Ohne Fra­ge sind dem Kino als phy­si­scher Ort die wirk­li­chen Gege­ben­hei­ten ziem­lich egal; und wie die Fil­me­ma­che­rin weiß, wird eine Kame­ra ohne­hin immer etwas ver­pas­sen. Statt­des­sen kann sich das Kino aber für das Ima­gi­na­ti­ve, einen meta­pho­ri­schen Ort, begeis­tern, was auch nicht weni­ger beim Neo­rea­lis­mus zu fin­den ist, wenn beim Blick hin­ter das Wirk­li­che eine Geschich­te erscheint. Für Cra­nes unbe­fan­ge­nen Umgang mit Bil­dern, Tönen, Lite­ra­tur und Fil­men, den sie eine spe­ku­la­ti­ve Geschichts­schrei­bung nennt, gilt das­sel­be, womit sich weni­ger das Motiv des wach­sa­men Obser­vie­rens, als eher das des schwan­ken­den Beob­ach­tens oder sprung­haf­ten Ver­lei­tens zu erken­nen gibt. Ein ste­ti­ges Wech­sel­bad zwi­schen war­ten­dem Däm­mer­zu­stand und auf­ge­reg­ter Fas­zi­na­ti­on. Eine Ver­fas­sung, in der man sich nicht sel­ten in his­to­ri­schen Pro­gram­men auf Film­fes­ti­vals wie­der­fin­det. Fern­ab von Retro­ma­nie oder film­be­glei­te­ter Geschichts­kun­de wird dort alles, was Kino sein kann, aus­ge­schöpft, wo his­to­rio­gra­fi­scher Eigen­sinn zum Schil­lern kommt und gleich­zei­tig Geschichts­be­wusst­sein zuguns­ten sei­nes Unbe­wuss­ten in den Hin­ter­grund rückt. Dass sich ein­mal his­to­ri­sche Pro­gram­me und Wett­be­wer­be auf­he­ben, mag Illu­si­on sein, der man aber in Ober­hau­sen zeit­wei­se wie bei den Fil­men von Cathy Lee Cra­ne nach­ge­hen konnte.