33 Jahre später: Berlin 1090 und Dear Doc von Robert Kramer

»My father sat the­re in the browns and bei­ges and the tele­vi­si­on was one of his few plea­su­res.«1

Ich sit­ze in der Kine­ma­thek und schaue auf den Pots­da­mer Platz. Es ist nur ein klei­ner Fuß­weg zu den Orten, an denen Robert Kra­mer gefilmt hat, um sei­nen Film, die Plan-séquence Ber­lin 1090, zu rea­li­sie­ren: der Gro­pi­us­bau, die Topo­gra­phie des Ter­rors, das Bran­den­bur­ger Tor. Der gut ein­stün­di­ge Bei­trag für den fran­zö­si­schen Fern­seh­sen­der La Sept endet mit einer Ges­te, bei der die Hand Kra­mers Was­ser aus der Bade­wan­ne schöpft. Man hört, wie er sich wäscht, viel­leicht das Gesicht. Eine Ges­te des Aufwachens.

Ber­lin 25 Octobre 1990 15h15-16h15 Plan-séquence

Ber­lin 1090 durch­schrei­tet einen Tran­ce­zu­stand, einen Traum. Über eine Stun­de ent­fal­tet sich ein Gefühl, das sich lang­sam mit Kra­mers gedämpf­tem Mono­log ein­schleicht. Die­ses Gefühl haf­tet an den Wor­ten, aber die Wor­te sind nicht in der Lage, es zu benen­nen. Es ist nicht sicher, ob die per­sön­li­chen Details – die Geschich­ten über sei­nen Vater und sei­ne Mut­ter, die Lini­en, die er durch sei­ne Erin­ne­run­gen zieht, die Beschrei­bun­gen, die er mit sei­ner Ges­tik unter­malt – tat­säch­li­che Erin­ne­run­gen sind oder vage Ver­bin­dun­gen zwi­schen ein­zel­nen Frag­men­ten. Etwas Nebe­li­ges umgibt sei­ne Schilderungen.

Ber­lin, 1930. Kra­mers Vater lebt in Ber­lin. Ber­lin Alex­an­der­platz. Drei Jah­re spä­ter kehrt er nach New York zurück. Sei­ne Mut­ter flieht eben­falls nach New York. Sie war Stu­den­tin am Bau­haus. Sie heiraten.

Das sind die Fak­ten, die wir haben. Robert Kra­mer weiß auch nicht mehr. Es ist, als ob er sich eines Ber­lins erin­nern möch­te – ein Ber­lin, das durch die Erin­ne­run­gen sei­nes Vaters durch­schim­mert. Erin­ne­run­gen, die er nie erzählt bekom­men hat. Als ob man durch Nebel blick. Das Opa­ke des Nebels erlaubt Sche­men zu erken­nen, deren Umris­se Kra­mer mit eige­nen Wün­schen füllt. Bil­der von Ber­lin, wie sein Vater es wohl durch­schritt, durch­wo­ben von Geschich­te, nach dem Fall der Mau­er. Wie in Trance ver­mi­schen sich Bil­der von Erin­ne­rung und Gegen­wart. Es tropft der Wasserhahn.

»J’em­bras­se les fan­tô­mes même sur la bou­che. Je nage dedans. Ma maniè­re d’a­van­cer est le zoom. Le zoom avant. Je voya­ge dans la matiè­re, dans un détail, vers un fond d’am­bi­guï­té soli­de com­me mes mains.«2

Der Zoom ist die Ges­te einer Fort­be­we­gung. Die spär­li­chen Spu­ren, wrecka­ge, kaum hand­fes­te Ori­en­tie­rungs­punk­te der Erin­ne­rung, machen die extre­me Kon­zen­tra­ti­on not­wen­dig, die der Zoom gewährt. Eine Bewe­gung, um im Nebel mehr zu sehen als Sche­men. Das Gefühl der Klaus­tro­pho­bie und gleich­zei­ti­gen Ver­lo­ren­heit, das sich in die­ser Ver­dich­tung mani­fes­tiert, ist bil­der- und wör­ter­los, es ist so eph­emer wie die Geis­ter, die Phan­to­me, die Kra­mer ver­sucht zu berüh­ren. Die Ein­schuss­lö­cher, die er in Ber­lin filmt, auf die er zoomt, an den Fas­sa­den der Gebäu­de – sind es die unsicht­ba­ren Ein­schuss­lö­cher in Kra­mers Kör­per? Wund­ka­nal: eine Schuss­ver­let­zung, wenn die Kugel durch den Kör­per einen Durch­gang hin­ter­lässt. Eine Wun­de, ein wun­der Punkt, ein Kanal, ein Fern­seh­ka­nal, ein Medi­um, ein Durch­gang, durch dem mach sich der Wun­de gewahr wird, der sel­ber eine Wun­de ist, durch den man zur Ver­let­zung gelangt.

»The­re is a kind of sad­ness. It has to do with sub­dued light, thick, expen­si­ve tex­tures, fabrics in shades of browns and beige, dra­pes for the win­dows and rugs cove­ring out to the walls. Ever­y­thing tur­ned inward, away from the harsh world out­side, a secret space. […] The­re was some­thing suf­fo­ca­ting, some­thing unsaid, some­thing almost mur­de­rous, and the­re was com­fort­ing, the­re was this … cou­ple.«3

Der Zoom ist ein Medi­um. Der Zoom macht sicht­bar, wie Kra­mer sich den Erin­ne­run­gen nähert, durch die Distanz hin­weg, er ist Durch­gang und Mit­tel zugleich. Bil­der im Fern­seh­bild­schirm, der auf den Flie­sen steht. Es ist ein Gerät, das den Vater her­auf­be­schwört. Die Figur des Vaters, der vor dem Fern­se­her sitzt, so wie Kra­mer vor sei­nem Fern­se­her »almost ›chan­nell­ing‹ his father«4. Die suchen­de Bewe­gung der Kame­ra. Sie bewegt sich stets, ent­zieht sich schnell dem Gezeig­ten. Flüch­ti­ge Bil­der, die man im Fern­se­her sieht, und flüch­ti­ge Bil­der, die den Fern­se­her zei­gen. Die Rast­lo­sig­keit ist Schutz, der Nebel auch Bar­rie­re, der Fern­se­her eine Distanzierung.

»That I lik­ed the­se acro­ba­tics, the­se adjus­t­ments of distance, and try­ing to find the right way to see it, the right distance, the right ang­le, was very hel­pful, for in the next peri­od we were going to be drag­ged out of the fami­li­ar waters and taken to places were the­re were no charts to navi­ga­te with. You were going to have to find your own way.«5

Der Weg, die lan­ge Rei­se. Von Euro­pa nach Ame­ri­ka, von Ame­ri­ka zurück nach Euro­pa. Es gibt kei­ne ein­deu­ti­ge Rich­tung mehr, in die man geht, in die man blickt. »I thought I would use this as sort of a locus, a focus, a cen­ter, ano­ther cross­roads like Ber­lin for my plan-séquence.«6 Kra­mer beschreibt sein Vor­ge­hen. Er nimmt die Bil­der, die man im Fern­se­her sieht, als Angel­punkt, als Aus­gangs­punkt, als einen Ort, den er nutzt, um in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen zu bli­cken. Die Bil­der im Fern­se­her glei­chen einem »memo­ry tape«, es zeigt die Bil­der, wie Kra­mer sie sieht – zufäl­lig, asso­zia­tiv, fragmentiert.


Sei­ne Sub­jek­ti­vi­tät ist das Uner­kenn­ba­re beim Bli­cken, die Lin­se, durch die er auf die Din­ge blickt. Sein Kör­per, sei­ne Erin­ne­run­gen, sei­ne Wor­te – er selbst ist bereits Medi­um, und zugleich blickt er auf ein Medi­um: auf die Über­la­ge­rung der ver­schie­de­nen Bild­ebe­nen, die Ver­schie­bung der Erin­ne­run­gen, das Sicht­bar­wer­den des Fil­mens. Kra­mer setzt sich vor die Flie­sen in sei­nem Bade­zim­mer. Auf engs­tem Raum, mit dem Rücken zur Wand, wird hier an die­sem Ort in einer Stun­de kon­zen­triert, kana­li­siert, ver­dich­tet, her­an gezoomt, wodurch die Über­la­ge­run­gen sei­ner Per­spek­ti­ven sicht­bar wer­den. Zusam­men­ge­drück­te Augen­li­der, um durch den Nebel hin­durch zu erken­nen. Und zugleich drängt Kra­mers Bedürf­nis nach Distanz zur Ver­gan­gen­heit gegen das Erin­nern. Ich spü­re eben­falls mei­nen Wider­stand gegen die Bil­der. Es ist mir unan­ge­nehm den Aus­schnitt sei­ner Frau Eri­ca zu sehen, in den er rein­zoomt. Es ist mir unan­ge­nehm, sei­nen mono­to­nen, asso­zia­ti­ven Mono­lo­gen zu lau­schen, in denen er sich ver­liert. Einem Alb­traum gleich, dem ich mich ver­weh­ren möch­te. Das Trop­fen geht weiter.

Dear Doc – ein Post-Scrip­tum oder eine Doku­men­ta­ti­on der Post-Produktion?

Dear Doc hat im Fran­zö­si­schen den Titel Lett­re à Paul. Ist es ein Brief für Paul oder Doc? Wer ist Doc? Kra­mer ist sich nicht sicher. Doc ist eine Figur – wie­der eine Kreu­zung: »Doc is a syn­the­sis, one expres­si­on of our gene­ra­ti­on and of the crea­ti­ve ten­si­on bet­ween two very dif­fe­rent peo­p­le.«7 Doc ist die Figur, die mit Kra­mer in sei­nen Fil­men auf Rei­sen geht, eine Figur, die von Paul McI­saac ver­kör­pert wird. In Lett­re à Paul ist ein Time­code sicht­bar im Bild, eine stän­di­ge Erin­ne­rung, dass wir auf einen Bild­schirm bli­cken. Die Unmög­lich­keit einer genau­en Zuord­nung, das ist das The­ma die­ses Films. Zu Beginn zoomt die Kame­ra – ein Fern­seh­bild, da für das Fern­se­hen pro­du­ziert – in das Bild des Fern­se­hers im Ton­stu­dio. Was ist Fern­seh­bild ers­ter Ord­nung? Was ist Fern­seh­bild zwei­ter Ord­nung? Robert und Paul, ich kann sie nicht aus­ein­an­der­hal­ten. Ihre wet­ter­ge­gerb­ten und der Zeit gestan­de­nen Gesich­ter, ihre wei­chen, tie­fen und an die Ost­küs­te erin­nern­den Stim­men. Im Trei­ben der Musik und der Bil­der ver­lie­ren sich die Grenzen.

»It is dif­fi­cult to distin­gu­ish bet­ween the way one is for­med by the life around one, and the form one gives to things just by thin­king about them with the spe­ci­fic means one has at ones dis­po­sal.«8

Fern­se­her, Paul und Doc, sie gewäh­ren Distanz, um zu sehen: »Always loo­king. Some­ti­mes just loo­king away.«9 Wie Per­seus den Spie­gel nimmt, um das Unan­schau­ba­re zu betrach­ten, so bewe­gen sich Kra­mers Bil­der zwi­schen Schau­en und Weg­schau­en. Er filmt nicht direkt, er befin­det sich in stän­di­ger Bewe­gung, in end­lo­sem Suchen der rich­ti­gen Per­spek­ti­ve. Viel­leicht ist es Angst, die ihn, wie auch die mytho­lo­gi­sche Figur, davon abhält ins Direk­te zu schau­en. Viel­leicht ist die­se Form des Schau­ens die Mani­fes­ta­ti­on der Unmög­lich­keit einer direk­ten Kon­fron­ta­ti­on, die Per­so­ni­fi­ka­ti­on der Unmög­lich­keit anhand von Doc. Die Rast­lo­sig­keit, die Kra­mer beschreibt, ist die Bewe­gung des Weg­schau­ens. Das Exil, die Rei­se: »He has some dise­a­se… a virus, alco­hol, iso­la­ti­on?«10 Es gibt vie­le Grün­de für die Distanz, vie­le Mit­tel, um sie her­zu­stel­len. Sie beschrei­ben die Schwie­rig­keit, die Unmög­lich­keit des Blei­bens, des direk­ten Schauens.

Kra­mer mei­det das Wort film­ing, loo­king muss als Ersatz her­hal­ten.11 Doc ist die Mög­lich­keit, Paul die Ver­kör­pe­rung. »Movies are the means by which one packs one’s bag and walks away from ever­y­thing that the room and habit and socie­ty and fami­ly repre­sent.«12 Es über­la­gern sich Paul, Kra­mer und Doc, Bil­der und Bild­schir­me mit wei­te­ren Bil­dern von Bild­schir­men auf mei­nem Bildschirm.

»Making movies is about moving towards and moving away, about arri­ving and depar­ting. Or about the very distance neces­sa­ry to make them.«13 Das Fil­me­ma­chen ist für Kra­mer eine Form des Rück­zugs, oder es bedarf der Distanz einer Beob­ach­ter­po­si­ti­on, wie Kra­mer sie ein­nimmt – auch in Wund­ka­nal und Not­re Nazi.14 Kra­mer zeigt uns auch die Rück­sei­te des Fern­se­hers. Das Making of, das Post­scrip­tum, die Hin­ter­grün­de, die sicht­bar gemacht wer­den kön­nen aus die­ser Per­spek­ti­ve. Die Vor­der­sei­te ist der Bild­schirm, auf dem die Bil­der sind. Und doch umkreist die Kame­ra den Fern­se­her, ent­zieht sich den Bil­dern, die er zeigt. Der Fern­se­her und sei­ne Umkrei­sung, die Annä­he­rung über die Rück­sei­te ist eben­falls die Annä­he­rung durch das Spiegelbild.

Traum­haft sind die Bil­der, die Kra­mer kre­iert. Durch sie wird eine Bar­rie­re erkenn­bar, die er fühlt und denkt, er fin­det kei­nen Zugang zu ihnen und so ist das Fil­me­ma­chen ein Her­aus­tre­ten aus der eige­nen Posi­ti­on und die Hoff­nung eines Zugangs, eines Kanals in das Wesent­li­che. In Dear Doc will Doc einen kur­zen Nap hal­ten, es fol­gen Bil­der aus einem Kre­ma­to­ri­um. Flam­men und ein Sarg. Ich will mich mit mei­nen Wor­ten nicht dem Alb­traum wei­ter nähern, auf den Kra­mer mit die­sen Bil­dern ver­weist, ohne ihn anzu­spre­chen. Ich spü­re wie­der die Beklem­mung, den Widerstand.

Zwi­schen die Auf­nah­men von Rou­te One sind Ein­stel­lun­gen aus dem Stu­dio geschnit­ten, Bil­der der Ver­to­nung von Rou­te One. Dort steht ein Fern­se­her auf einem Podest. Alle sehen ihn und impro­vi­sie­ren die Musik zu den Bil­dern. Der Fern­se­her führt Fami­li­en zusam­men, und hier im Stu­dio ist sie eine, die nicht, wie Kra­mer sagt, durch den Zufall zusam­men­ge­führt wur­de. Das Fil­me­ma­chen stif­tet Fami­lie, sie sam­melt sich vor dem Bild­schirm. Im Gespräch mit Paul, oder dem Doc, sagt Kra­mer, es gehe ihm nicht dar­um, dass er eine Fami­lie habe. Es gehe ihm um die Ver­bin­dung. Viel­leicht auch des­halb endet Dear Doc mit Bil­dern von sei­ner Toch­ter Keja und Eri­ca, so wie er begon­nen hat: Der Editing Room ist ein Zuhau­se. Man glaubt bei­na­he, im Stu­dio sit­ze der Vater sche­men­haft in sei­nem Ses­sel stumm vor dem Fern­se­her. Die Fami­lie ver­sam­melt sich, ord­net, ver­tont und betrach­tet die Bil­der, die man dar­in sieht. Der Fern­se­her als fixer Punkt, ein Objekt, ein Lokus, zu dem man sich in stän­di­ger Bewe­gung, in kon­stan­ter Aus­hand­lung befin­det. Zu dem, was gezeigt wird, zu jenen, die er ver­sam­melt, zu den Bil­dern, die über­la­gert wer­den, denen man sich ver­wei­gert, die man im Fern­se­her sieht.

sca­va­ge

Die Frag­men­te und Res­te, die ich auf­he­be und betrach­te. Die Bewe­gung der Distan­zie­rung und das Zusam­men­set­zen der Trüm­mer, der Erin­ne­run­gen, die einem wort­los hin­ter­las­sen wer­den, in den 1950ern und 1960ern in Ame­ri­ka, in Kra­mers Kind­heit und Jugend. Eine Flucht­be­we­gung, die eigent­lich kei­ne Flucht ist, son­dern eine Ableh­nungs­hal­tung, eine Abstands­ges­tus, die aber immer wie­der zurück­führt in die Erin­ne­run­gen der Kind­heit und der Trau­er des Ver­gan­ge­nen, die nicht wie­der her­stell­bar sind. Man muss wei­ter­zie­hen, ver­su­chen mit den Res­ten, Sinn zu stiften.

1975 in Can­nes spricht Kra­mer in einem Inter­view von »recla­im«, vom reclai­ming der eige­nen Geschich­te und jener Ame­ri­kas. Das, wovon er sich in sei­ner poli­ti­schen Arbeit distan­ziert hat­te, der per­sön­li­chen Geschich­te, einer Fami­li­en­ge­schich­te, einer Geschich­te der Migra­ti­on. Kra­mer spricht in dem Inter­view von einer Frau, einer Immi­gran­tin, deren Geschich­te im Film erzählt wird und die weder fik­tiv noch doku­men­ta­risch sei. Bil­der aus ihrem Leben pas­sen nicht zu den Anek­do­ten und ihrer Per­son. Es ist ein Pro­zess des sca­va­ging, reclai­ming. Im Inter­view spricht Kra­mer von einem Ord­ner, der abtrün­ni­ge, neben­säch­li­che und spon­ta­ne Ideen ver­sam­melt, um dar­aus einen Film zu machen. Die­se Ideen sind noch klei­ner, noch frag­men­ta­ri­scher, noch dis­pa­ra­ter als Iden­ti­tä­ten.15 Die Bil­der im Fern­se­her sind nicht einer Per­son oder Per­spek­ti­ve zuge­schrie­ben, die Bil­der for­men die Mög­lich­keit einer Perspektive.

»It’s like one of the cha­rac­te­ristics of how we end up defi­ning film­ma­king for our­sel­ves, which is that the scope of the film is the scope of our con­cerns. It’s not like a pro­duct. We mine what we’re living through.«16

1990 – das Ende der Hoff­nung für Kra­mer auf eine Zukunft, eine Mög­lich­keit, für die er sich ein­ge­setzt hat­te. Es ist das Jahr, in dem die bei­den Fil­me Ber­lin 1090 und Dear Doc ent­ste­hen. Noch eine Kreu­zung. Viel­leicht ein Zeit­punkt, an dem die bei­den Fil­me in Erin­ne­run­gen eine Mög­lich­keit suchen, einen Moment der Retro­spek­ti­ve bilden.

Es ist nicht ein­fach nach­zu­voll­zie­hen, was Kra­mer in Ber­lin 1090 und Dear Doc macht. Sei­ne Fil­me sind in stän­di­ger Bewe­gung, die Stim­men in ihnen schwer von­ein­an­der zu tren­nen, die Bil­der in mehr­fa­cher Über­la­ge­rung, die Ideen und Gegen­stän­de in höchs­ter Kon­zen­tra­ti­on, und doch so ver­schwom­men, uner­kennt­lich und ent­fernt. Die­se extre­men Mit­tel – die Frag­men­tie­rung, das asso­zia­ti­ve Spre­chen, die Über­la­ge­rung der Bil­der – sie ermög­li­chen ihm das Fin­den neu­er Per­spek­ti­ven, aber es sind auch genau die­se Mit­tel, die es so schwer machen, die­sen Spu­ren zu fol­gen und die mich wie­der in das Wei­te sto­ßen. Ich bli­cke auf den Pots­da­mer Platz, in die Lee­re einer end­lo­sen Bau­stel­le. Kra­mers Fil­me glei­chen nicht der Kon­kre­ti­on der neu­en Gebäu­de, die dort heu­te ste­hen. Die­se Bewe­gung des Suchens, des Sca­va­gings, des Reclai­mings, der Wie­der­an­ordung funk­tio­nie­ren in Ber­lin 1090 und Dear Doc rein auf der zwei­ten Ebe­ne. Er filmt das Fil­men, den Ort zwei­ter Ord­nung, das Schau­en zwei­ter Ord­nung, das Fern­seh­bild als Per­spek­ti­ve unend­li­cher Mög­lich­kei­ten oder Asso­zia­tio­nen. Der Fern­se­her ist der Ort, das Objekt, an dem all das zusam­men­kom­men kann und durch den es erleb­bar wird.

Die Frag­men­te der Erin­ne­run­gen sind nicht not­wen­di­ger­wei­se Kra­mers, viel­leicht sind sie erdacht, erträumt, wie das Ber­lin der 1930er, viel­leicht sind sie Kom­pi­la­tio­nen, Über­la­ge­run­gen ver­schie­de­ner Per­so­nen, viel­leicht sind sie in Annä­he­rung, von hin­ten, über die Schul­ter erschli­chen. Das Fil­men schafft eine Viel­zahl an mög­li­chen Erzäh­lun­gen, Sicht­wei­sen, Gemeinschaften.

Paul McI­saac schreibt vor Kra­mers Tod von einer mög­li­chen Fort­füh­rung, einer Wie­der­be­le­bung der Figur Docs: »How would we do that? We’d walk and talk. Robert would wri­te, we’d talk some more, he’d rewri­te. We’d share books, films and audio tapes and tales and secrets from the past. We open to each other’s para­noia and dreams. We’d drink, get high, share long meals. Doc and his rela­ti­onship to cer­tain ide­as and places would begin to emer­ge. The pro­cess of dis­co­ve­ring could begin again.«17

Die­se Form und Metho­de der Arbeit, der end­lo­sen Mög­lich­kei­ten neu­er Per­spek­ti­vie­run­gen, gewäh­ren eine immer fort­wäh­ren­de Suche nach Frag­men­ten, nach Mit­teln und nach der rich­ti­gen Ver­or­tung, für die Kra­mer und McI­saac offen­blei­ben. Sie fin­den eine Art der Arbeit, die sich immer wie­der aktua­li­sie­ren las­sen und wei­ter­ge­führt wer­den kann. Es stellt sich mir aber auch die Fra­ge, ob eine Fort­füh­rung, ein Anhang nach Anhang nach Anhang, von­nö­ten wäre. Es gibt sicher­lich vie­le die­ser Figu­ren in Fil­men: Män­ner, die nach dem Sinn des Lebens suchen, rast­los, gequält, mit denen sich ande­re iden­ti­fi­zie­ren dür­fen. Genau so wie die Fami­li­en, die Gemein­schaf­ten, die sich um den Fern­se­her ver­sam­meln, nicht frei von hier­ar­chi­schen und patri­ar­cha­len Struk­tu­ren sind, so suchen, fin­den und repro­du­zie­ren Kra­mer und McI­saac vor allem Per­spek­ti­ven, die den bei­den Män­nern am nächs­ten sind. Der Fern­se­her und der Vater sind der Lokus, der Aus­gangs­punkt, aber die sich wie­der­ho­len­de Rück­kehr und Rück­be­sin­nung auf die fami­liä­re Ord­nung der Gemein­schaft eröff­net nicht neue Sicht­wei­sen, son­dern scheint allein Fas­zi­na­ti­on zu blei­ben. Das Uto­pi­sche in die­ser Arbeits­form begeis­tert mich, aber mit der Zeit wächst ein Unbe­ha­gen, mich die­sen Wor­ten und Ein­stel­lun­gen aus­zu­set­zen, und ich möch­te nun auf­hö­ren und wie­der aufwachen.

1 Robert Kra­mer: »Snap Shots«, in: Vin­cent Vat­ri­can und Céd­ric Venail (Hg.): tra­jets à tra­vers le ciné­ma de Robert Kra­mer. Aix-en-Pro­vence 2001, S. 7–23.

2 Robert Kra­mer.: »Pro­lo­gue d’une guer­re«, in: id., Cyril Beghin und Céci­le Wajs­brot (Hg.): Notes de la fort­er­es­se (1967−1999). Paris 2019, S. 253–255, hier S. 253. Über­set­zung: »Ich küs­se die Geis­ter sogar auf den Mund. Ich schwim­me in ihnen. Mei­ne Art, mich fort­zu­be­we­gen, ist der Zoom. Der Zoom-in. Ich rei­se in die Mate­rie, in ein Detail, zu einem Grund der Zwei­deu­tig­keit, der so fest ist wie mei­ne Hände.« 

3 Kra­mer: »Snap Shots«.

4 Hiro­no­bu Baba: »Robert Kra­mer and the Jewish- Ger­man Ques­ti­on«, in: rouge 9 (2006).

5 Kra­mer: »Snap Shots«.

6 Ber­lin 1090 (Robert Kra­mer, FR 1991), 63 min.

7 Paul McI­saac: »Crea­ting Doc«, in: http://​www​.wind​walk​.net/​w​r​i​t​i​n​g​/​r​k​_​m​c​i​.​htm 1998.

8 Kra­mer: »Snap Shots«.

9 Dear Doc (Robert Kra­mer, FR/​US 1990), 35 min.

10 McI­saac: »Crea­ting Doc«.

11 Dear Doc.

12 Kra­mer: »Snap Shots«.

13 Dear Doc.

14 Der Film Not­re Nazi (BRD/​FR 1984) von Robert Kra­mer wur­de par­al­lel zu von Wund­ka­nal (BRD/​FR 1984) von Tho­mas Har­lan gedreht und beleuch­tet die Dreh­ar­bei­ten und Harlans Arbeit wäh­rend des Drehs.

15 Robert Kra­mer und John Dou­glas: »Reclai­ming our past, reclai­ming our begin­ning«, in: Jump Cut 10–11 (1976), S. 6–8.

16 Kra­mer und Dou­glas: »Reclai­ming our past, reclai­ming our begin­ning«, S. 6.

17 McI­saac: »Crea­ting Doc«.