Gleich zwei­mal wur­de ich scho­ckiert, bevor ich über­haupt in Locar­no ange­kom­men bin. Ers­tens, die Schwei­zer sind gar nicht so unsym­pa­thisch, wie ich es von ihnen gewohnt bin. Zwei­tens, die für ihre Pünkt­lich­keit berühm­te Schwei­zer Bahn kommt mit Ver­spä­tung an. Locar­no selbst, ähnelt mei­nes Erach­tens eher einem beschau­li­chen ita­lie­ni­schen Küs­ten­dorf, als dem, was ich mit „Schweiz“ ver­bin­de. Die Leu­te sind hier auch sehr ita­lie­nisch kommt mir vor – erkennt man auch dar­an, dass sie Fremd­spra­chen nur rudi­men­tär beherrschen.

Aber genug der Tri­via­li­tä­ten (wenn Gott und mei­ne Kame­ra so will, dann gibt es mor­gen sogar exklu­si­ve Fotos). Es geht hier schließ­lich um Film und hin­ter mir lie­gen nun nach dem ers­ten Tag auch zwei Fil­me. Einer­seits, der Eröff­nungs­film Lucy von Luc Bes­son und ande­rer­seits, Lav Diaz‘ Fünf­ein­halb­stün­der Mula sa kung ano ang noon (From What Is Befo­re). In Anbe­tracht der kom­men­den Stra­pa­zen habe ich mir den letz­te­ren Film (stra­te­gisch bril­lant) gleich in den ers­ten Tag mei­nes per­sön­li­chen Fes­ti­val­pro­gramms gepackt. Um der (hoff­nungs­voll über­füll­ten) Eröff­nungs­ze­re­mo­nie aus­zu­wei­chen, kam aber zuerst Lucy in der nach­mit­täg­li­chen Pres­se­vor­stel­lung zum Zug.

Scarlett Johansson in "Lucy"
Lucy

Zu dem ist bloß zu sagen: Was für ein Blöd­sinn! Was wis­sen­schaft­lich beginnt, wird schon bald pseu­do-phi­lo­so­phisch und endet schließ­lich eso­te­risch. Luc Bes­son kann dabei natür­lich nicht auf eine Viel­zahl an Schie­ße­rei­en ver­zich­ten, was lei­der nicht ganz mit den Malick-arti­gen kon­tem­pla­ti­ven Pas­sa­gen har­mo­niert. Indie­wire nann­te den Film „the dum­best smart movie or the smar­test dumb movie“ des Som­mers, dem „smart“-Teil kann ich lei­der nicht zustim­men. Bes­son woll­te gleich­zei­tig ein Action-Feu­er­werk zün­den und „anspruchs­vol­les“ Publi­kum anspre­chen. Das Ergeb­nis ist ein Griff ins Klo. Nicht ein­mal Mor­gan Free­mans wei­ser Duk­tus ver­mag es die hoh­len pseu­do-wis­sen­schaft­li­chen Phra­sen als fun­diert zu ver­kau­fen und wes­halb Scar­lett Johans­son sich nun nach Under the Skin zum zwei­ten Mal als „Wel­ten­ver­schlin­ge­rin“ beset­zen ließ, bleibt offen.

Der ers­te gro­ße Knal­ler des Fes­ti­vals folg­te der ers­ten Ent­täu­schung auf den Fuß. Wenn man den Ver­ant­wort­li­chen des Fes­ti­vals eines las­sen muss, dann, dass sie Eier haben. Der fünf­ein­halb­stün­di­ge Mula sa kung ano ang noon wur­de ohne Pau­se gezeigt – dafür wur­de beim Ein­gang Mine­ral­was­ser ver­teilt. Ich habe als einer der weni­gen im Saal bis zum Ende mei­nem Harn­drang wider­ste­hen kön­nen und bin ein biss­chen stolz auf mich.

Lav Diaz himself

Grau in Grau, bei­na­he mono­chrom prä­sen­tiert sich eine namen­lo­se phil­ip­pi­ni­sche Ort­schaft in den 70er Jah­ren. Fast kon­tur­los fügen sich die Men­schen in die Natur­ku­lis­se ein. Mensch und Natur ver­eint – gera­de­zu para­die­sisch muten die Ver­hält­nis­se an. Aber die­ses Para­dies ist kein rein christ­li­cher Gar­ten Eden. Die Unschuld in die­sem mythi­schen Para­dies wird exem­pli­fi­ziert durch ein Kind, den Jun­gen Hakob, und eine När­rin, Jose­li­na, rund um die sich die ellip­ti­schen Epi­so­den des Film ran­ken. Als sie schließ­lich bei­de das Land ver­las­sen, ver­schwin­det auch die Magie, der Mythos stirbt sozu­sa­gen aus. Das Kriegs­recht wird ver­hängt und das eins­ti­ge Para­dies endet in Cha­os und Tod. Eine recht freie Inter­pre­ta­ti­on, aber zum Den­ken bleibt in die­sen fünf­ein­halb Stun­den genug Zeit. Gro­ßes Kino der kon­tem­pla­ti­ven Momente!

PS: Jugend ohne Film sucht noch immer nach einem Film­fes­ti­val, des­sen Kinos wei­ter von­ein­an­der ent­fernt sind als die der Gra­zer Diagonale.