"L'Ultimo Gattopardo"

Locarno-Tagebuch: Tag 4: Mein Leben als Strichcode

Tag 4 und es schüt­tet. Das passt so gar nicht, habe ich doch in den letz­ten Tagen fest­ge­stellt, dass wir uns hier in Ita­li­en befin­den und mit Ita­li­en ver­bin­de ich in ers­ter Linie Schön­wet­ter. Aber was soll’s, das Wet­ter kann man nicht ändern, und so neh­me ich das ers­te Mal den Bus um von mei­ner Unter­kunft in die Stadt zu gelan­gen. Dort erwar­tet mich das mor­gend­li­che Scree­ning eines wei­te­ren Wett­be­werbs­films. Fide­lio, l’odyssée d’Alice, das Lang­film­de­but der Fran­zö­sin Lucie Bor­le­teau steht auf dem Plan und aber­mals ver­mis­se ich Kühn­heit und Kon­se­quenz. Fil­me wie Fide­lio oder Vent­os de Agos­to sind nicht schlecht – bes­ser als gän­gi­ger Kino-Ein­heits­brei alle­mal, aber zu oft fehlt mir die Visi­on, zu oft füh­len sich die Fil­me gezwun­gen an. Ewig scha­de, dass Fide­lio sein gro­ßes Poten­zi­al so sträf­lich ver­geu­det. Das Sze­na­rio klingt näm­lich außer­or­dent­lich span­nend: Ali­ce, als Mecha­ni­kern und ein­zi­ge Frau in der Crew auf hoher See, ihr Freund, ein Comic­zeich­ner, zu Hau­se. Der Kapi­tän des Schiffs, ein Ex-Lieb­ha­ber, sexu­el­le Span­nung liegt in der Luft. Nun soll­te man mei­nen, dass sich die­se sexu­el­le Span­nung durch die Enge des Schiffsin­nen­raums und die Wei­te des Oze­ans noch prä­zi­ser her­aus­ar­bei­ten lässt. Dar­auf war­tet man aber ver­geb­lich, statt­des­sen insze­niert Bor­le­teau den Film als schnö­des Bezie­hungs­dra­ma. Auch die Ent­la­dun­gen der sexu­el­len Span­nung las­sen zu wün­schen übrig. Man wünscht sich mehr Kör­per­lich­keit, mehr ani­ma­li­sche Pas­si­on, sexu­el­le Erup­tio­nen, statt blo­ßer Andeutungen.

Ariane Labed als Alice "Fidelio, l'odyssée d'Alice"
Fide­lio, l’o­dys­sée d’Alice

Als Gut­ma­chung für feh­len­de Kühn­heit gab’s als Zwi­schen­gang Agnès Var­das zwei Epi­so­den von Agnès de ci de là Var­da, einer Rei­he von Kurz­do­ku­men­ta­tio­nen, die vor weni­gen Jah­ren für das fran­zö­si­sche Fern­se­hen ent­stan­den sind. Var­da, damals 83 Jah­re alt, hat mehr Chuz­pe und Esprit als vie­le ihrer jun­gen Kol­le­gen, deren Fil­me mir hier im Wett­be­werb prä­sen­tiert wer­den. Mit ihrem Spät­werk, reiht sie sich in die Rei­he der ganz gro­ßen Essay­fil­mer ein. Sie ist eine Chro­nis­tin des All­tags mit einem unglaub­li­chen, und uner­reich­ten Auge für die Poe­sie von Abfall, Aus­ge­sto­ße­nen und Vergangenem.

Schließ­lich war die­ser Sams­tag auch der Tag, an dem ich mein ers­tes Scree­ning ver­passt habe. Hold Your Breath Like a Lover wur­de das Opfer mei­nes straf­fen Plans, da Giu­sep­pe Tor­na­to­res Doku­men­ta­ti­on L’Ultimo Gat­to­par­do, über den legen­dä­ren Tita­nus-Direk­tor Goff­re­do Lom­bar­do, durch eine (zu) aus­führ­li­che Ein­füh­rung ver­spä­tet wur­de. Scha­de dar­um, denn L’Ultimo Gat­to­par­do ist abge­se­hen von einer Men­ge inter­es­san­ter Hard­facts, lus­ti­ger Anek­do­ten und einer beein­dru­cken­den Zahl an Inter­view­part­nern (dar­un­ter Bud Spen­cer, Ennio Mor­rico­ne, Mario Monicel­li, Alain Delon, Sophia Loren und Fran­ces­co Rosi) eine eher zähe Ange­le­gen­heit und erin­nert an Doku­men­tar­fil­me über die gro­ßen ame­ri­ka­ni­schen Stu­dio­bos­se – kri­ti­sche Stim­men kom­men nicht zu Wort und außer Tal­king Heads und ein paar Film­aus­schnit­te und Archiv­ma­te­ria­li­en bekommt man nichts zu sehen.

Piazza-Bestuhlung beim Filmfestival Locarno

Durch die Ver­schie­bun­gen in mei­nem Zeit­plan konn­te ich jedoch einen guten Sitz­platz auf der Piaz­za erlan­gen, wo ich (erst­mals) eine der gro­ßen Gala­vor­füh­run­gen besuch­te. Der gute Sitz­platz war aller­dings nicht all­zu viel wert, denn der gezeig­te Film, Hin und Weg, vom Deut­schen Chris­ti­an Zübert war ein Rein­fall. Die Prä­mis­se des Films zeigt eigent­lich schon, dass es sich dabei um ein unver­meid­ba­res Dis­as­ter han­delt: Han­nes lei­det seit zwei Jah­ren an einer unheil­ba­ren Krank­heit und sein Zustand ver­schlech­tert sich seit eini­gen Mona­ten rapi­de. Sei­nen Freun­den, mit denen er nun sei­nen all­jähr­li­chen Rad­trip unter­nimmt, hat er davon noch nichts erzählt. Die­ses Jahr geht es nach Bel­gi­en – Han­nes hat die­ses Ziel aus­ge­wählt, um dort Ster­be­hil­fe in Anspruch zu neh­men. Klingt maka­ber? Ist es auch. Hin und Weg ist nicht der ers­te Film, der mit erschre­ckend wenig Fin­ger­spit­zen­ge­fühl über Krank­heit und Tod erzählt, wohl aber ein beson­ders unan­ge­neh­mer sei­ner Zunft – unan­ge­nehm weil der Film für die The­ma­tik zu sexy und zu blöd ist. Ich bin mir aller­dings nicht sicher, ob die­ser Film ange­sichts die­ser Prä­mis­se über­haupt zu ret­ten gewe­sen wäre, selbst wenn er bes­ser und inter­es­san­ter gemacht wäre – die rund 8.000 Besu­cher beklat­schen den Film aber brav, ich höre auch eini­ge Schluch­zer. Auf der Piaz­za wer­den (ver­ständ­li­cher­wei­se) publi­kums­wirk­sa­me Fil­me gespielt – was das bedeu­tet, brau­che ich glau­be ich nicht wei­ter ausführen.

Ein fröhlich makabrer Fahrradausflug: "Hin und Weg"
Hin und Weg

PS: Ich habe noch gar nicht über Akkre­di­tie­run­gen gespro­chen. Das will ich hier­mit nach­ho­len. Zu Beginn des Fes­ti­vals hat man mir einen Pass mit Strich­code über­reicht, beim Ein­tritt in den Saal wird man gescannt. Das funk­tio­niert ganz gut, gibt einem aber ein wenig das Gefühl Super­markt­wa­re zu sein, vor allem am Piaz­za Gran­de, wo man beim Hin­aus­ge­hen eben­falls gescannt wird (wohl um die Besu­cher­zahl eru­ie­ren zu können).

Die größte Leinwand Europas