Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Locarno-Tagebuch: Tag 4: Mein Leben als Strichcode

Tag 4 und es schüttet. Das passt so gar nicht, habe ich doch in den letzten Tagen festgestellt, dass wir uns hier in Italien befinden und mit Italien verbinde ich in erster Linie Schönwetter. Aber was soll’s, das Wetter kann man nicht ändern, und so nehme ich das erste Mal den Bus um von meiner Unterkunft in die Stadt zu gelangen. Dort erwartet mich das morgendliche Screening eines weiteren Wettbewerbsfilms. Fidelio, l’odyssée d’Alice, das Langfilmdebut der Französin Lucie Borleteau steht auf dem Plan und abermals vermisse ich Kühnheit und Konsequenz. Filme wie Fidelio oder Ventos de Agosto sind nicht schlecht – besser als gängiger Kino-Einheitsbrei allemal, aber zu oft fehlt mir die Vision, zu oft fühlen sich die Filme gezwungen an. Ewig schade, dass Fidelio sein großes Potenzial so sträflich vergeudet. Das Szenario klingt nämlich außerordentlich spannend: Alice, als Mechanikern und einzige Frau in der Crew auf hoher See, ihr Freund, ein Comiczeichner, zu Hause. Der Kapitän des Schiffs, ein Ex-Liebhaber, sexuelle Spannung liegt in der Luft. Nun sollte man meinen, dass sich diese sexuelle Spannung durch die Enge des Schiffsinnenraums und die Weite des Ozeans noch präziser herausarbeiten lässt. Darauf wartet man aber vergeblich, stattdessen inszeniert Borleteau den Film als schnödes Beziehungsdrama. Auch die Entladungen der sexuellen Spannung lassen zu wünschen übrig. Man wünscht sich mehr Körperlichkeit, mehr animalische Passion, sexuelle Eruptionen, statt bloßer Andeutungen.

Ariane Labed als Alice
Fidelio, l’odyssée d’Alice

Als Gutmachung für fehlende Kühnheit gab’s als Zwischengang Agnès Vardas zwei Episoden von Agnès de ci de là Varda, einer Reihe von Kurzdokumentationen, die vor wenigen Jahren für das französische Fernsehen entstanden sind. Varda, damals 83 Jahre alt, hat mehr Chuzpe und Esprit als viele ihrer jungen Kollegen, deren Filme mir hier im Wettbewerb präsentiert werden. Mit ihrem Spätwerk, reiht sie sich in die Reihe der ganz großen Essayfilmer ein. Sie ist eine Chronistin des Alltags mit einem unglaublichen, und unerreichten Auge für die Poesie von Abfall, Ausgestoßenen und Vergangenem.

Schließlich war dieser Samstag auch der Tag, an dem ich mein erstes Screening verpasst habe. Hold Your Breath Like a Lover wurde das Opfer meines straffen Plans, da Giuseppe Tornatores Dokumentation L’Ultimo Gattopardo, über den legendären Titanus-Direktor Goffredo Lombardo, durch eine (zu) ausführliche Einführung verspätet wurde. Schade darum, denn L’Ultimo Gattopardo ist abgesehen von einer Menge interessanter Hardfacts, lustiger Anekdoten und einer beeindruckenden Zahl an Interviewpartnern (darunter Bud Spencer, Ennio Morricone, Mario Monicelli, Alain Delon, Sophia Loren und Francesco Rosi) eine eher zähe Angelegenheit und erinnert an Dokumentarfilme über die großen amerikanischen Studiobosse – kritische Stimmen kommen nicht zu Wort und außer Talking Heads und ein paar Filmausschnitte und Archivmaterialien bekommt man nichts zu sehen.

Piazza-Bestuhlung beim Filmfestival Locarno

Durch die Verschiebungen in meinem Zeitplan konnte ich jedoch einen guten Sitzplatz auf der Piazza erlangen, wo ich (erstmals) eine der großen Galavorführungen besuchte. Der gute Sitzplatz war allerdings nicht allzu viel wert, denn der gezeigte Film, Hin und Weg, vom Deutschen Christian Zübert war ein Reinfall. Die Prämisse des Films zeigt eigentlich schon, dass es sich dabei um ein unvermeidbares Disaster handelt: Hannes leidet seit zwei Jahren an einer unheilbaren Krankheit und sein Zustand verschlechtert sich seit einigen Monaten rapide. Seinen Freunden, mit denen er nun seinen alljährlichen Radtrip unternimmt, hat er davon noch nichts erzählt. Dieses Jahr geht es nach Belgien – Hannes hat dieses Ziel ausgewählt, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Klingt makaber? Ist es auch. Hin und Weg ist nicht der erste Film, der mit erschreckend wenig Fingerspitzengefühl über Krankheit und Tod erzählt, wohl aber ein besonders unangenehmer seiner Zunft – unangenehm weil der Film für die Thematik zu sexy und zu blöd ist. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dieser Film angesichts dieser Prämisse überhaupt zu retten gewesen wäre, selbst wenn er besser und interessanter gemacht wäre – die rund 8.000 Besucher beklatschen den Film aber brav, ich höre auch einige Schluchzer. Auf der Piazza werden (verständlicherweise) publikumswirksame Filme gespielt – was das bedeutet, brauche ich glaube ich nicht weiter ausführen.

Ein fröhlich makabrer Fahrradausflug:
Hin und Weg

PS: Ich habe noch gar nicht über Akkreditierungen gesprochen. Das will ich hiermit nachholen. Zu Beginn des Festivals hat man mir einen Pass mit Strichcode überreicht, beim Eintritt in den Saal wird man gescannt. Das funktioniert ganz gut, gibt einem aber ein wenig das Gefühl Supermarktware zu sein, vor allem am Piazza Grande, wo man beim Hinausgehen ebenfalls gescannt wird (wohl um die Besucherzahl eruieren zu können).

Die größte Leinwand Europas

"L'Ultimo Gattopardo"